- Behandlung
Früh erkennen: Psyche oder Diabetes?
3 Minuten
Durst und vermehrtes Wasserlassen sind oft typische Symptome einer Diabeteserkrankung. Bei älteren und alten Menschen kann eine Erkrankung aber mit ganz anderen Symptomen einhergehen – wie bei der 76-jährigen Erna S., deren Geschichte hier geschildert wird und die das Glück hatte, in einer „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“ aufgenommen worden zu sein.
Die 76-jährige Erna S. kam in Begleitung ihrer Enkelin zur stationären psychiatrischen Aufnahme. Seit Wochen fühlte sie sich zunehmend müde und erschöpft, konnte zuletzt kaum mehr das Haus verlassen. Das Essen schmeckte ihr nicht mehr, ca. 7 Kilogramm hatte sie im letzten halben Jahr abgenommen. Seit dem Tod ihres Ehemannes und dem Suizid ihres Sohnes waren immer wieder Depressionen aufgetreten, diesmal hatten Antidepressiva keinerlei Besserung gebracht. „Schwere depressive Episode“ – so lautete die Einweisungsdiagnose.
Zu den standardisierten Abläufen in einer „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“ gehört die Blutzuckerkontrolle am Aufnahmetag. Bei Erna S. lag der Blutzucker bei 271 mg/dl (15 mmol/l), der Urinzucker war dreifach positiv, der HbA1c-Wert bei 11,8 Prozent. Ein spät einsetzender Typ-1-Diabetes (LADA) konnte ausgeschlossen werden; Erna S. hatte also Typ-2-Diabetes. Es bestand ein deutlich beschleunigter Herzschlag (Herzfrequenz 130 Schläge pro Minute), vermutlich als Nebenwirkung der Antidepressiva.
Unter einer intensivierten Insulintherapie ging es der anfangs bettlägerigen Frau von Tag zu Tag besser. Problemlos erlernte sie die Insulininjektion sowie die Blutzuckerselbstmessung. Zu den wichtigsten Diabetesthemen führten die Ärzte eine individuelle Basisschulung durch. Nachdem Erna S. körperlich wieder stabil war, konnte die depressive Episode erfolgreich mit Psychotherapie behandelt werden, die Antidepressiva wurden bereits am Aufnahmetag abgesetzt.
Nach vier Wochen ging Erna S. psychisch und körperlich gut stabilisiert nach Hause – eine strukturierte Diabetesschulung in einem heimatnahen Diabeteszentrum und eine weitere ambulante Psychotherapie wurden vereinbart.
Depressionen nach dem 65. Lebensjahr werden als Depression im Alter oder Altersdepression bezeichnet. Neuere Studien zeigen eine Häufigkeit von 8 Prozent um das 65. Lebensjahr mit Anstieg auf 15 Prozent um das 85. Lebensjahr. Für Bewohner von Heimen wurde sogar eine Depressionsrate zwischen 15 und 25 Prozent ermittelt. Mit zunehmendem Alter steigt auch das Selbstmordrisiko kontinuierlich an. Etwa 30 Prozent aller Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt.
Depression im Alter: Manchmal ist die Abgrenzung schwierig
Diagnostik und Therapie der Altersdepression sind eine besondere Herausforderung. So leiden ältere Menschen häufiger an begleitenden körperlichen Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden wie eine Depression verursachen können wie allgemeine Schwäche oder Schlafstörungen. Auch können Medikamente, die zur Therapie körperlicher Erkrankungen eingesetzt werden, depressive Symptome hervorrufen, z. B. Medikamente gegen Bluthochdruck (Clonidin, Betablocker), Interferone, bestimmte Antibiotika, L-Dopa oder Kortison.
Stehen bei einer Altersdepression körperliche Symptome im Vordergrund, werden diese oft fälschlich als Zeichen normaler Alterungsprozesse gewertet. In solchen Fällen liefern besonders typische Symptome wie Bedrücktsein, Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Sorgen und unbegründete Ängste wichtige Hinweise darauf, dass auch eine Depression vorliegt.
Grundlage der Diagnose ist eine gründliche internistische und neurologische Untersuchung sowie die Bestimmung von Laborwerten (Blutbild, Blutzucker, Blutsalze, Schilddrüsenwerte, Vitamin-B12- und Folsäurespiegel, Leber- und Nierenwerte).
Auf den letzten Seiten des Gesundheitspasses Diabetes finden Sie einen kurzen Test der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum aktuellen Wohlbefinden. Machen Sie ein Kreuz bei der Antwort, die am ehesten auf Sie zutrifft. Zählen Sie anschließend die fünf Zahlen zusammen, die sich aus Ihren Antworten ergeben. Maximal können Sie 25 Punkte erreichen, minimal 0 Punkte. Je höher die Punktzahl ist, desto besser ist Ihr aktuelles Wohlbefinden:
- Ein Punktwert unter 13 ist ein deutlicher Hinweis auf ein momentan eher schlechtes Wohlbefinden.
- Ab einem Punktwert unter 10 sollten Sie auf jeden Fall von sich aus Ihren Arzt ansprechen, der mit Ihnen besprechen sollte, was die Ursache für Ihr momentan eher eingeschränktes Wohlbefinden ist.
Am Beginn der Behandlung eines Menschen mit einer depressiven Störung steht das Aufklärungsgespräch, in dem schon eine realistische Hoffnung auf Besserung vermittelt werden kann. Die Psychotherapie ist bei der Depression im Alter ein wirksames Therapieverfahren; eine große Studie fand keinerlei Unterschied in der Wirksamkeit bei älteren im Vergleich zu jüngeren Menschen.
Dennoch sind Ältere, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, in psychotherapeutischen Behandlungen deutlich unterrepräsentiert. Antidepressiva sind die wichtigste Medikamentengruppe bei der Behandlung der Depression, müssen allerdings bei älteren Menschen sehr sorgfältig ausgewählt werden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.
Diabetes – aber mit allen Anzeichen der Depression
Ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrisch-psychosomatischen Klinik dauert in der Regel mehrere Wochen. Über diesen Zeitraum ist es für die Betroffenen von großer Bedeutung, dass nicht nur die seelische Erkrankung in den Blick kommt, sondern dass der Mensch ganzheitlich „an Leib und Seele“ behandelt wird.
Der konkrete Fall zeigt, dass ein entgleister Diabetes mit allen Anzeichen einer schweren depressiven Episode einhergehen kann: depressive Stimmung mit sozialem Rückzug, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Konzentrationsprobleme, negative Zukunftsgedanken, verminderter Appetit und Schlafstörungen. Typische Diabetessymptome wie Durst und vermehrtes Wasserlassen fehlen im Alter oft.
von Dr. med. Johannes Bauer
Dr. Bauer arbeitete bis November 2018 als Diabetologe und Psychotherapeut im Sigma-Zentrum für Akutmedizin Bad Säckingen, seit 2014 mit DDG-Zertifikat „Klinik für Diabetespatienten geeignet“. Seit Dezember 2018 ist er als leitender Arzt Psychosomatik in der Rhein-Jura Klinik Bad Säckingen tätig. Kontakt über die Redaktion.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (2) Seite 32-33
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wolfgang65 postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 6 Stunden, 47 Minuten
Liebe Leute, ich habe zwei neue Erfahrungen mach dürfen, die Ursächliche nicht so schön, woraus die 2. Erfahrung (notwendig gut) resultiert!
Ich bin kein Liebhaber von Zahnärzten und meine dort geführte Gesundheitsakte ist mit einem riesigen “A” für Angspatient gezeichnet. Ende letzten Jahres ist mir beim letzten verbleibenden Weisheitszahn (nie Schmerzen gemacht) größeres Teil abgebrochen, ZA meint, da geht er nicht bei, weil Zahn quer liegt, allso OP, und danach könnte man sich über Zahnersatz unterhalten … ich natürlich in Schockstarre gefallen, – gleich am selben Tag bei OP-Zahnarzt Termin gemacht, vor Weihnachten nix mehr möglich, gleich Anfang Januar Termin bekommen, Röntgenbild lag dem Chirugen bereits vor. Vieles wurde besprochen, auch der Zahnersatz, wobei der Chirug gleich meinte, dass ausser WZ wohl 3 weitere Zähne raus müssten. Schock nr. 2! Ich wollte mir aber noch 2Meinung einholen und fand Dank guten Rat von Bekannten, einen anderen Zahnarzt, dem ich mein Leid und Angst ausführlich schildern konnte und der auch zum erstenmal die Diabetes in Spiel brachte … kurz um ein bisher bestes aufklärendes Gespräch, wie weit Diabetes auch auf die Zahne und Zahnfleisch gehen kann. Bei mir Fazit Paradontites. (die 1. unschöne Erfahrung). Der Weisheits- und daneben liegende Zahn sind inzwischen raus, – war super gute und schmerzfreie OP, danach keinerlei Schmerzen, durfte allerdings auch Antibiotika nehmen. Die 2. Erfahrung: ich konnte meine Insulindosies halbieren, – bei 10 Tg. Antbiotika, und nun 15 ohne Medizin noch anhaltend niedrige Insulinmenge, mit steigender festen Nahrungsaufnahme.
Heute bei Diabetologen bestätigt, das Diabetiker besonders auf Ihre Zähne und Zahlfleich achten sollten. Da frage ich mich warum der Zahnarzt da nicht im Vorsorgekatalog von DMP aufgenommen ist.
LG Wolfgang
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laila postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 1 Tag, 1 Stunde
Hallo ihr Lieben….Mein Name ist Laila…Ich bin neu hier…Ich wurde seit 2017 mit Diabetes 2 diagnostiziert.Da bekam ich den Diabetes durch laufen ohne Medies in den Griff.Das ging so bis Januar 2025.Ich weiss heute nochicht warum…aber ich hatte 2024 den Diabetes total ignoriert und fröhlich darauf losgegessen.Mitte 2025 ging ich Sport machen und gehen nach dem Essen.Und nahm immer megr ab.Htte einen Hb1C Wert von 8…Da ich abnahm, dachte ich, das der Wert besser ist…Bis Januar 2025…Da hatte ich einen HbA1C Wert von 14,8…Also Krankenhaus und Humalog 100 zu den Malzeiten spritzen…Und Toujeo 6 EI am Morgen…Irgendwann merkte ich, das mich kein Krankenhaus einstellen konnte.Die Insulineinheiten wurden immer weniger.Konnte kein Korrekturspritzen megr vornehmen.Zum Schluss gin ich nach 5 Mon. mit 2 Insulineinheiten in den Hypo…Lange Rede …kurzer Sinn.Ich ging dann auf Metformin…Also Siofor 500…Ich war bei vielen Diabethologen….Die haben mich als Typ 1 behandelt.Mit Metformin ging es mir besser.Meine letzte Diaethologin möchte, das ich wieder spritze.Ich komme mit ihr garnicht zurecht.Mein HbA1C liegt jetztbei 6,5…Mein Problem ist mein Gewicht.Ich wiege ungefähr 48 Kilo bei 160 m…Ich bräuchte dringend Austausch…Habe so viele Fragen…Bin auch psychisch total am Ende. Achso…Ja ich habe seit 1991 eine chronisch kalfizierende Pankreatitis…Und eine exokrine Pankreasinsuffizienz…Also daurch den Diabetes 3c.Wer möchte sich gerne mit mir austauschen?An Michael Bender:” Ich habe Deine Geschichte gelesen . Würde mich auch gerne mit Dir austauschen, da Du ja auch eine längere Zeit Metformin eingenommen hast.” Ich bin für jeden, mit dem ich mich hier austauschen kann, sehr dankbar. dankbar..Bitte meldet Euch…!!!
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Hallo Leila, ich bin Suzana und auch in dieser Gruppe. Meine Geschichte kannst du etwas weiter unten lesen.
Es ist sicher schwer aus der Ferne Ratschläge zugeben, dennoch: ich habe mich lange gegen Insulinspritzen gewehrt aber dann eingesehen, dass es besser ist. Wenn die Pankreas nicht mehr genug produziert ist es mit Medikamenten nicht zu machen. Als ich nach langer Zeit Metformin abgesetzt habe, habe ich erst gemerkt, welche Nebenwirkungen ich damit hatte.
Ja auch ich muss aufpassen nicht in den unterzucker zu kommen bei Sport und Bewegung aber damit habe ich mich inzwischen arrangiert. Traubensaft ist mein bester Freund.
Ganz wichtig ist aber ein DiabetologIn wo du dich gut aufgehoben fühlst und die Fragen zwischendurch beantwortet.
Weiterhin viel Kraft und gute Wegbegleiter! -
laila antwortete vor 21 Stunden, 25 Minuten
@suzana: Ich danke Dir für die Nachricht.Könnten wir uns weiterhin austauschen?Es wäre so wichtig für mich.Vielleicht auch privat? Gebe mir bitte Bescheid…Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus…Wäre echt super…😊
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wolfgang65 antwortete vor 7 Stunden, 13 Minuten
Hallo Leila, auch von mir ein herzliches willkommen. Auch meine Geschichte liest du im weiteren Verlauf.
Zur “chronisch kalfizierende Pankreatitis” kann ich nix sagen, da ist immer das Gespräch mit dem Arzt/Diabetologen vorzuziehen, wie in allen Gesundheitsfragen. Was sagen Ärzte dazu, auch wg. der NICHTzunahme an Gewicht. Wenn ich mit einem Arzt nicht kann, oder dieser mir nicht ausreichende Infos gibt, schaue ich mich nach einem anderen Arzt/Diabetologen um, das ist Dein Recht, es geht um Deine Gesundheit!
Sollte mit der Nichtzunahme noch mehr dahinter Stecken, vielleicht
auch mal einen Psychologen in Deine Überlegung ziehen. Oder eine auf dich zugeschnittene Diabetes Schulung o.Ä., auch hier sollte Dich ein guter Diabetologe aufklären können.Soweit was mir im Moment einfällt. Lass es Dir gut gehen.
Gruss Wolfgang
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michatype3 antwortete vor 6 Stunden, 49 Minuten
Hey Laila, du kannst mir gerne hier im Typ 3c Bereich oder via PN schreiben. Ich bin gerade zwar etwas gesundheitlich angeschlagen, versuche aber, so gut es geht zu antworten.
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vio1978 postete ein Update vor 2 Tagen, 12 Stunden
Habe wieder Freestyle Libre Sensor, weil ich damit besser zurecht kam als mit dem Dexcom G 6. ist es abzusehen, ob und wann Libre mit d. Omnipod-Pumpe kompatibel ist?🍀
