Fuß entlasten bei akuten Problemen

4 Minuten

Fuß entlasten bei akuten Problemen

Wunden am Fuß stellen bei Menschen mit Diabetes ein großes Risiko dar, vor allem, wenn gleichzeitig eine Nervenstörung vorliegt. Problematisch ist, dass dadurch oft kein Schmerz spürbar ist und so der Fuß mit der Wunde nicht vom Betroffenen selbst automatisch entlastet wird. Deshalb ist ein gezieltes Entlasten mit entsprechenden Hilfsmitteln nötig, damit diese Wunden abheilen können.

Menschen mit Diabetes und einem Geschwür (Ulkus) am Fuß haben typischerweise sehr wenige Schmerzen. Das kommt durch den Untergang feiner Nerven, der mit der Dauer der Diabetes-Erkrankung, der Situation des Glukosestoffwechsels und anderen Dingen zusammenhängt, wie Alkohol-Konsum. Durch die fehlenden Schmerzen wirken Betroffene oft unbeteiligt – als ob der Fuß nicht ein Teil von ihnen wäre, sondern zur Umgebung gehöre.

Sie neigen sogar in Studien dazu, schützende Schuhe auszuziehen und Entfernungen, die sie für harmlos halten, “mal eben” ungeschützt zurückzulegen. Das ist typisch für diese Erkrankung und hat nichts mit fehlendem Verstand zu tun. Im Fachjargon heißt das “Leibesinsel-Schwund”. Menschen, die Schmerzen empfinden, treten wegen des Schmerzes automatisch nicht mit dem Fuß auf, sodass sich bei ihnen aus kleinen Verletzungen normalerweise keine Geschwüre entwickeln. Bei manchen Menschen kommen Durchblutungs-Störungen dazu. Dann fehlen die Nährstoffe, um die Wunde heilen zu lassen.

Nicht mehr bewegen, um die Fußwunde zu schließen?

Die Diabetic Foot Study Group, eine europäische Fachgesellschaft, fordert in ihrer Leitlinie, Füße mit Geschwüren intensiv zu schützen durch ein kniehohes, nicht abnehmbares Hilfsmittel. Dieses soll am Unterschenkel wenig Spiel aufweisen. Die Grenzfläche zwischen Fuß und Sohle soll so optimiert sein, dass kein Druck auf die Wunde kommt.

Da nicht jeder eine so intensive Behandlung braucht und diese manchmal auch Nachteile hat, werden Kompromisse geschlossen und Maßnahmen reduziert. Dies sollte allerdings nicht so weit gehen, dass die Entlastung untauglich wird. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn man Vorfuß-Entlastungsschuhe bekommt und die Empfehlung, nur noch das Nötigste zu gehen. Es braucht oft viele Monate, bis eine Wunde sich schließt. Einer solchen Empfehlung zu folgen, würde die Bewegung stark einschränken und hätte eine schlechtere Fitness von Herz und Kreislauf zur Folge. Es wird vermutet, dass das zu einem früheren Tod führt.

Wo kann ich Hilfe bekommen?

Es ist für alle Beteiligten eine Herausforderung, den Schutz des Fußes und den Schutz der Gesundheit des gesamten Menschen in Einklang zu bringen. Die Ärzte und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe, die daran beteiligt sind, müssen sich gut auskennen und über viele Techniken verfügen, unter denen sie zusammen mit den Betroffenen auswählen können. Das ist in Zeiten der Überforderung des Gesundheitswesens nicht selbstverständlich. Es sollte aber von den Betroffenen und insbesondere von deren Angehörigen intensiv eingefordert werden.

Einrichtungen, die sich besonders gut auskennen, können sich von der Arbeitsgemeinschaft (AG) Diabetischer Fuß der Deutschen Diabetes Gesellschaft zertifizieren lassen. Zu finden sind sie auf der Internetseite www.ddg.info/behandlung/zertifizierte-einrichtungen#filter=stufe&value=3 oder dem Kurzlink bit.ly/3GWaTit. Dort kann man sich auch eine nach Postleitzahlen sortierte pdf-Datei mit den zertifizierten Fußbehandlungseinrichtungen herunterladen.

Wer Zweifel an der aktuellen Betreuung hat oder wem eine Amputation droht, kann sich dort auch eine Zweitmeinung einholen. Dieses Recht auf eine Zweitmeinung ist vom Gesetzgeber wegen der besonderen Mängel in der Versorgung von Menschen mit Diabetischem Fußsyndrom extra festgelegt worden. Dazu stehen die Zentren der AG Diabetischer Fuß bereit und weitere Einrichtungen, die sich bei den Kassenärztlichen Vereinigungen gemeldet haben. Sie sind dort auch findbar unter arztsuche.kbv.de, dann “Erweiterte Suche” und dort bei “Zweitmeinungen” “Amputation diabetischer Fuß” auswählen.

Was sind die idealen Hilfsmittel?

Der Goldstandard in der Entlastung ist ein Vollkontaktgips, auch bezeichnet als “Total Contact Cast” (TCC). Er ist nicht abnehmbar und wird, zumindest in der ursprünglichen Version, zum Verbandwechsel alle zwei Wochen aufgeschnitten und danach entsorgt. Da das unpraktisch ist, hat es sich eingebürgert, dass der TCC Schlitze erhält und ausgezogen werden kann. Das führt aber dazu, dass er auch ausgezogen wird, wenn es nicht sein soll, und so nur wenig hilft. Eine Lösung ist der VW-TCC, an dem eine große Klappe geöffnet und so der Fuß versorgt werden kann. Ausgezogen wird er dafür aber nicht.

Wird das Hilfsmittel länger gebraucht oder ist keine Einrichtung zur Verfügung, die einen TCC anfertigen kann, werden von Orthopädieschuh-Technikern und Prothesen-Herstellern auch ähnliche Konstruktionen aus Carbon angefertigt, die sich Orthesen nennen. Eine Alternative dazu sind Walker. Das sind Stiefel aus Kunststoff, die grundsätzlich ausgezogen werden können, aber mit Kabelbindern und Ähnlichem verplombt werden, um diesen Nachteil zu beheben. Sie sind vorgefertigt und berücksichtigen daher besondere anatomische Gegebenheiten nicht. Daher kann sie nicht jeder tragen.

Diese kniehohen Entlastungshilfen werden benötigt, wenn alle Bewegungen in Fuß- und Sprunggelenken ausgeschaltet werden sollen. Die Fußsohle wird dann immer vollflächig auf den Boden des Hilfsmittels gepresst und auch die Schienbeinkante wird zum Tragen benutzt. Die Betroffenen gewöhnen sich schnell an diese Hilfsmittel und können dann immer besser damit gehen. Dabei hilft auch ein Erhöhen der Sohle auf der Gegenseite, sodass die dicke Sohle des “Walkers” nicht dazu führt, dass die Hüfte schief steht und Schmerzen in Knien, Hüften oder Wirbelsäule auftreten. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit diesen Hilfsmitteln wenig gehen, was für den Fuß optimal ist – aber für die Menschen insgesamt nicht gut.

Und wenn das Sprunggelenk frei bleiben kann?

Weitere Kompromisse kommen bei Geschwüren am Vorfuß zum Tragen, bei denen möglicherweise das Sprunggelenk nicht geschient werden muss und eine Schienung der Fußsohle reicht. Sie schließen Therapieschuhe ein, die alle ausgezogen werden können. Dann sollte wenigstens die Struktur zwischen Fuß und Schuhsohle nicht abnehmbar sein. Das könnten Filz-Auflagen sein, die unter den Fuß geklebt werden und so massiv sind, dass auf die Wunde selbst keine Belastung kommt.

Diese Filz-Entlastungen können mit einem Träger aus Fiberglas verbunden werden. Sie sind dann wiederverwendbar und schienen den Fuß zusätzlich. Sie passen in Verbandschuhe, die besonders geräumig gefertigt werden. Mit etwas Glück können sie auch in Schuhe passen, deren Schnürung man öffnen und wo eine Bettung herausgenommen werden kann. Diese Entwicklungen sind neu und noch nicht flächendeckend verfügbar.

Kann ich mir das nicht ersparen, wenn ich die neue Methode XY anwende?

Immer wieder werden Wundermittel angepriesen, die wie magisch Wunden heilen sollen, und es kommt der Eindruck auf, man könne die unliebsame Entlastung umschiffen. Das hat sich bisher aber noch nie als wahr herausgestellt.

Wird da denn nicht geforscht?

Jein – es gibt in Deutschland kein Universitäts-Institut, das sich intensiv um das Diabetische Fußsyndrom kümmert. International tut sich mehr, aber bei Weitem nicht in der Intensität, wie es diese häufige und schwerwiegende Folgeerkrankung verdient hätte. Aktuell widmet sich eine deutsche Arbeitsgruppe der Entwicklung von Sensortechnik, um das Abheilen von Fußwunden zu unterstützen. Zum Einsatz von Sensortechnik, um Fußgeschwüren vorzubeugen, sind gleich mehrere Arbeitsgruppen tätig. Der Weg dieser sinnvollen Hilfen in den Alltag ist noch lang, auch, weil die Betroffenen selbst bei Gesetzgebern und ausführenden Organen nichts einfordern.

Zusammenfassung

Eine Entlastung verlangt den Betroffenen und ihren betreuenden Einrichtungen viel ab. Sie ist aber unverzichtbar und Eckpfeiler jeder Therapie beim Diabetischen Fußsyndrom. Sie ist machbar und hilfreich. Das Ziel ist das vollständige Entlasten der Wunde.


von Dr. Dirk Hochlenert

Avatar von dirk-hochlenert

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (1) Seite 18-21

 

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Moderne Wundbehandlung beim Diabetischen Fußsyndrom: Schwierige Wunden mit Kaltplasma heilen
Fortschritte in der Medizin kommen häufig durch technische Innovationen zustande. An der richtigen Stelle verwendet, können zuvor schlecht heilbare Erkrankungen plötzlich doch beherrscht werden. Ein typisches Beispiel ist die Verwendung von Kaltplasma zur Behandlung von komplizierten Wunden beim Diabetischen Fußsyndrom.
Moderne Wundbehandlung beim Diabetischen Fußsyndrom: Schwierige Wunden mit Kaltplasma heilen | Foto: DOC RABE Media – stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetisches Fußsyndrom: Geeignete Schuhe zum Vorbeugen und Behandeln
Wer wegen einer Schädigung der Nerven in den Füßen nicht mehr spürt, wenn er sich verletzt oder zum Beispiel durch Reibung eine Wunde entsteht, sollte die Füße schützen. Für ein Diabetisches Fußsyndrom bieten orthopädietechnische Unternehmen daher unterschiedliche Hilfsmittel zum Vorbeugen und Behandeln an. Manchmal reichen auch bereits Schuhe mit besonderen Eigenschaften aus einem Schuhgeschäft.
Diabetisches Fußsyndrom: Geeignete Schuhe zum Vorbeugen und Behandeln | Foto: StudioLaMagica – stock.adobe.com

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%