Grundlegender Wandel durch Medikamente, die „das Spiel verändern“

4 Minuten

© Ray_Shrewsberry | Pixabay
Grundlegender Wandel durch Medikamente, die „das Spiel verändern“

Was ist wichtig in der Behandlung des Diabetes? Jahrzehntelang war der Blutzuckerspiegel das wichtigste Kriterium für einen gute Einstellung, im Fokus stand der Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c-Wert). Durch neue Medikamente für Menschen mit Typ-2-Diabetes aber “ändert sich das Spiel”. Das bedeutet konkret: Diese Medikamente senken nicht nur den Blutzucker, sondern verringern auch das Risiko für Langzeitschäden und Sterblichkeit drastisch. Wie also können Menschen mit Typ-2-Diabetes mit Hilfe der neuen Behandlungsmöglichkeiten ein Leben lang gut mit der Erkrankung leben?

Ärztinnen und Ärzte, die Menschen mit Diabetes behandeln, sind gleichzeitig auch oft Endokrinologen – also Hormon-Fachleute. Kein Wunder: Insulin ist ja auch ein Hormon. Ein wichtiges Thema auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ist deshalb natürlich Diabetes, und Kongresspräsident ist der Diabetologe und Endokrinologe Professor Jochen Seufert. Während der Pressekonferenz kurz vor der Eröffnung des Kongresses sprach er darüber, wie Menschen mit Typ-2-Diabetes durch eine gute Behandlung ein Leben lang gut mit ihrer Erkrankung leben können.

Fazit: Bei der Behandlung von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2, die häufig gleichzeitig an einem metabolischen Syndrom leiden, zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab – also ein grundlegender Wandel: Der therapeutische Fokus liegt nun von Anfang an auch auf der Behandlung der Begleiterkrankungen und nicht nur auf der Einstellung des Blutzuckerspiegels. Langzeitschäden und Sterblichkeit konnten in Studien so drastisch reduziert werden (1-12). Möglich wird dies durch eine mehrgleisige Therapie, die auch den frühen Einsatz von sogenannten SGLT2-Inhibitoren und GLP-1 Rezeptoragonisten beinhaltet. Klinische Studien zeigen hier übereinstimmend die hohe Wirksamkeit des kombinierten Einsatzes beider Substanzgruppen. Dies gilt insbesondere bei hohen kardiovaskulären Risiken und bestehender Herz- und Niereninsuffizienz.

“Das sind Medikamente, die eben nicht nur den Blutzucker senken, sondern auch Begleiterkrankungen positiv beeinflussen”, so Professor Jochen Seufert (Freiburg

Fast jede/r Zehnte in Deutschland leidet an Typ-2-Diabetes – mit steigender Tendenz (13). Oft tritt dieser im Rahmen eines metabolischen Syndroms auf. Dann leiden die Patientinnen und Patienten auch an Adipositas, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Gerinnungsstörung und niederschwelliger Entzündung. „Das ist eine toxische Kombination“, sagt Univ. Professor Dr. med. Jochen Seufert, Leiter der Abteilung Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Freiburg, „denn sie bildet die Grundlage für schwerwiegende Folgeerkrankungen“. Dazu gehören etwa kardiovaskuläre und mikrovaskuläre Komplikationen, wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Durchblutungsstörungen, aber auch Niereninsuffizienz, Erblindung, Nervenschädigungen und das diabetische Fußsyndrom. Aufgrund dieser Komplikationen erhöht sich auch die Sterblichkeit der Betroffenen deutlich. „Das therapeutische Ziel in der Behandlung muss deshalb auf die Verhinderung von Langzeitschäden dieses Syndroms ausgerichtet sein. Und das bedeutet Therapie ein ganzes Leben lang“, so Seufert, Präsident des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Das metabolische Syndrom von Anfang an mitbehandeln

Bei dieser „multifaktoriellen Therapie“ werden Adipositas, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und der Diabetes mellitus Typ 2 gleichzeitig behandelt. „Dies kann heute durch den sinnvollen Einsatz von neuen Medikamenten gelingen“, sagt Seufert. Denn diese neuen Medikamente “senken eben nicht nur den Blutzucker, sondern beeinflussen auch die Begleiterkrankungen positiv”: Für die Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2 habe sich in Studiendaten aus den letzten Jahren gezeigt, dass gerade neuere antidiabetisch wirksame Medikamente wie SGLT2-Inhibitoren und GLP-1 Rezeptoragonisten einen wesentlichen Beitrag nicht nur zur Verbesserung des Stoffwechsels, sondern auch zur Gewichtsreduktion und zur Blutdruckreduktion leisten können. Dazu gehöre auch das Verhindern von Langzeitschäden und Folgekomplikationen sowie die Reduktion der Sterblichkeit.

SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten sind Gamechanger

SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten werden als Gamechanger bezeichnet, damit gemeint ist in diesem Fall, dass sich durch sie die Behandlung radikal verändert.

Die Substanzklasse der SGLT-2-Inhibitoren – mit den Vertretern Dapagliflozin, Empagliflozin, Canagliflozin, Sotagliflozin und Ertugliflozin – sind Antidiabetika in Tablettenform (orale Einnahme). Über die Hemmung eines Natrium/Glukose-Cotransporters an der Niere führen sie zu einer vermehrten Ausscheidung von Glukose, jedoch ohne die Gefahr einer Unterzuckerung. Dadurch wird der Blutzuckerspiegel schonend gesenkt, die Adipositas geht zurück und der Blutdruck fällt. „Die Studienergebnisse haben darüber hinaus auch einen echten Schutz vor Langzeitschäden an Herz und Niere, im Sinne eines Langzeit-Organschutzes, gezeigt“, so der Diabetologe und Endokrinologe (1-3).

Auch für die Medikamentengruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten mit den Vertretern Exenatid, Lixisenatid, Liraglutid, Semaglutid, Dulaglutid, Albiglutid und Efpeglenatid sind in den letzten Jahren überzeugende Studiendaten zur Reduktion von Langzeitschäden bei Diabetes mellitus Typ 2 und des metabolischen Syndroms vorgelegt worden (4-12). Diese Medikamente imitieren die Wirkung des körpereigenen Inkretin- und Darmhormons Glukagon-like Peptide 1 (GLP-1). Sie führen zu einem ausgeprägten Rückgang von Übergewicht und Adipositas, bei gleichzeitiger positiver Wirkung auf Blutzucker und Blutdruck. „Der Blutzucker-senkende Effekt ist hierbei durchaus mit Insulin zu vergleichen. Entsprechend empfehlen die nationalen und internationalen Leitlinien, GLP-1-Rezeptoragonisten vor dem Einsatz von Insulin zu erwägen“, ergänzt Seufert. Studien konnten darüber hinaus belegen, dass die Substanzgruppe das Risiko für
Langzeitschäden durch das metabolische Syndrom reduzieren kann. Besonders der Rückgang von Herzinfarkten und Schlaganfällen war ausgeprägt. GLP-1-Rezeptoragonisten müssen injiziert, also gespritzt, werden.

Langzeittherapie und Einsatz zur Gewichtsabnahme

  • Werden SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-Rezeptoragonisten eher von einem Diabetologen/einer Diabetologin oder vom Hausärzt/von der Hausärztin verschrieben, wurde in der Pressekonferenz gefragt. Seuferts Antwort: Die Therapie mit SGLT-2-Inhibitoren sei einfach und in der Hausarztpraxis gut durchführbar. Auch für die Therapie mit GLP-1-Rezeptoragonisten, die ja gespritzt werden müssen, sei keine spezielle Expertise durch einen Facharzt nötig. Beide Medikamente seien sehr sicher, das Nebenwirkungsprofil überschaubar.
  • In einer weiteren Frage ging es um die LangzeittherapIe: Gibt es schon Studien, z. B. um langfristige Nebenwirkungen aufzudecken. Hier konnte Seufert nicht von Studien, aber von der langen klinischen Erfahrung mit beiden Medikamentengruppen berichten: “Man kann Menschen mit Typ-2-Diabetes beruhigen, dass keine neuen Nebenwirkungen auftreten.”
  • Wenn nun sowohl SGLT-2-Inhibitoren als auch GLP-1-Rezeptoragonisten auch bewirken, dass Nutzerinnen und Nutzer Gewicht verlieren – können sie dann auch nur zu diesem Zweck eingesetzt werden? Das schon, ein GLP-1-Rezeptoragonist ist auch zur Gewichtsregulierung bei Übergewicht zugelassen. Allerdings dieses Medikament dann als Lifestyle-Medikament – und muss selbst bezahlt werden.

HbA1c ist nicht mehr der einzige Zielparameter der Behandlung

„Wir beobachten einen Paradigmenwechsel – statt der vorwiegenden Fokussierung auf den Zielparameter HbA1c, der den langfristigen durchschnittlichen Zuckergehalt im Blut angibt, rückt eine Behandlungsstrategie in den Vordergrund, die auch die Begleiterkrankungen in den Blick nimmt “, fasst DGE-Mediensprecher Professor Dr. med. Stephan Petersenn aus Hamburg zusammen.

Literatur:
(1) Zinman B et al. N Engl J Med 2015;373(22):2117-28
(2) Wanner C et al. N Engl J Med 2016; 375:323-334
(3) Neal B et al. N Engl J Med 2017; 377:644-657
(4) Wiviott S et al. N Engl J Med 2019;380:347-57
(5) Pfeffer M et al. N Engl J Med. 2015; 373(23), 2247-2257
(6) Holman R et al. N Engl J Med 2017; 377:1228-1239
(7) Marso SP et al. N Engl J Med. 2016;375(4):311-22
(8) Mann JFE et al. N Engl J Med. 2017 Aug 31;377(9):839-84
(9) Marso SP er al. N Engl J Med 2017; 376:890-892
(10) Husain M et al. N Engl J Med. 2019; DOI: 10.1056/NEJMoa1901118
(11) Hernandez A et al. Lancet 2018; 392:1519–1529
(12) Gerstein HC et al. Lancet 2019; 394:121-130
(13) https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Diabetes_Surveillance/diab_surv_node.html

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie | Redaktion

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 4/2026
Die neue Magazin-Ausgabe ist ab sofort erhältlich: Dr. Katrin Kraatz aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Anker-Magazins 4/2026 vor. U.a. geht es um die Früherkennung des Typ-1-Diabetes, präventive Maßnahmen, um das erhöhte Krebsrisiko durch Diabetes zu senken sowie Tipps für abwechslungsreiches Kochen im Single-Haushalt.
Druckfrisch: Das sind die Themen im Diabetes-Anker 6/2026 | Foto: Mike Fuchs / Konstantin Yuganov – stock.adobe.com / MedTriX

4 Minuten

Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellemann?
Ist mehr als ein Diabetes-spezifische Antikörper bei einem Bluttest nachweisbar, liegt ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes vor. Wie geht es einer Familie, in der eine der Töchter drei Diabetes-spezifische Antikörper und somit ein hohes Risiko hat, bald einen Diabetes zu entwickeln? Das berichten Katrin, Jule und Angelina Hellmann im Interview.
Frühstadium des Typ-1-Diabetes: Wie ist es, wenn man das Risiko kennt, Familie Hellmann? | Foto: privat

17 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • anseaticids postete ein Update vor 1 Tag

    Wenn eine Diabetesdiagnose in eine Familie kommt, steht oft erst einmal alles Kopf.

    Besonders für Kinder bedeutet sie eine enorme Veränderung und für Eltern die tägliche Sorge: „Wird mein Kind in der Kita oder Schule gut begleitet? Ist es sicher? Kann es trotz Diabetes unbeschwert Kind sein?“

    Genau aus diesen Fragen heraus ist Hanseatic Kids entstanden: ein Herzensprojekt, das Kindern mit Diabetes im Alltag Sicherheit gibt und Familien entlastet.

    Wir möchten dafür sorgen, dass kein Kind aufgrund seines Diabetes auf Ausflüge, Spielzeiten oder Schulaktivitäten verzichten muss. Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind speziell geschult und unterstützen
    individuell: beim Blutzuckermanagement, in Notfallsituationen, im Unterricht oder auf dem Pausenhof.

    So können Kinder lernen, wachsen und
    selbstständig werden und Eltern wissen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist.
    Unsere Mission ist einfach:

    ✔ Kindern Sicherheit geben
    ✔ Familien den Alltag erleichtern
    ✔ Kita- und Schulteams entlasten
    ✔ und vor allem: jedes Kind dabei unterstützen, frei und unbeschwert aufzuwachsen, trotz Diabetes.

    Gerade in den ersten Wochen nach der Diagnose oder wenn Unsicherheiten bestehen, sind wir an der Seite der Familien. Gemeinsam mit Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen und ohne Angst lernen können.

    Dieses Projekt ist für uns mehr als Arbeit, es ist eine Herzensangelegenheit. Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe, Freude und Freiheit. Wir möchten dazu beitragen, dass dies Wirklichkeit wird.

    Wer mehr über unsere Arbeit erfahren oder Unterstützung anfragen möchte, kann sich jederzeit melden:
    📧 moin@hanseatic-kids.de
    📞 040 851 59 747

    Uploaded ImageUploaded Image
  • Passend zu den kommenden Osterferien: Ein Backtipp für die ganze Familie: https://diabetes-anker.de/eltern-und-kind/wenn-diabetes-mit-im-osternest-liegt-gemeinsames-backen-mit-den-kindern/

  • Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes berichten, dass sich ihr Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändert – oft deutlich spürbar, aber bisher kaum systematisch erfasst.

    Genau hier setzt die TIMES-Studie an. Wir möchten besser verstehen, wie sich der Zyklus auf Glukosewerte und Insulinbedarf auswirkt – und wie Betroffene damit im Alltag umgehen.

    👉 Wen suchen wir?
    Personen mit Typ-1-Diabetes (18–40 Jahre), wohnhaft in Deutschland, mit regelmässigem Menstruationszyklus und Nutzung eines automatisierten Insulinabgabesystems.

    👉 Was bedeutet die Teilnahme?
    Dauer: 6 Monate, bequem alles von zu Hause aus
    Erfassung von Insulin-, Zyklus- und Aktivitätsdaten
    Als Dankeschön: Clue-Abo (1 Jahr), Garmin-Uhr (zum Behalten) + Aufwandsentschädigung (siehe Flyer)

    Mit eurer Teilnahme helft ihr, Diabetes-Technologien zukünftig besser an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen 💙

    Mehr Infos im Flyer 👇

    Uploaded Image
Verbände