Hypoglykämien: Zu tiefe Zuckerwerte ernst nehmen!

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Hypoglykämien: Zu tiefe Zuckerwerte ernst nehmen!

Eine Unterzuckerung entsteht, wenn der Körper zu wenig Zucker bildet, zu wenig Zucker aufgenommen wurde oder vermehrt Glukose verbraucht wird. Im Diabetes-Kurs nennen wir die typischen Symptome von Hypoglykämien.

Unter einer Unterzuckerung (Hypoglyk­ämie) versteht man den Abfall des Blutzuckers in einen Bereich, der potenziell gefährlich für den Menschen werden kann. Heute gilt bei Diabetikern ein Wert unter etwa 70 mg/dl (3,9 mmol/l) als Hypoglykämie – auch ohne äußerliche Anzeichen (Symptome).

Das Fallbeispiel

Die Frau von Franz H. ist schon richtig verzweifelt. Mehrfach in den letzten Monaten ist sie von ihrem Mann plötzlich und ohne Ursache als „blöde Kuh“ bezeichnet worden. Zunächst dachte sie immer nur: „Was habe ich denn falsch gemacht?“ und „Wie kommt er plötzlich auf so etwas?! So hat er sich sonst nie verhalten!“

Schweren Herzens vertraute sie sich schließlich doch ihrem Hausarzt an, da sie nicht mehr weiterwusste. Dieser hatte dann auch nach Durchsicht der Krankenakte den richtigen Riecher: Franz H. hatte wegen eines Infektes an der Großzehe mit Fieber und Anstieg des Blutzuckers während ihres letzten Urlaubs von einem ortsansässigen Arzt Glibenclamid 3,5 mg erhalten – wie sich zeigte, hatte er jetzt nach Abklingen der Infektion ständig Unterzuckerungen!

Nach Absetzen dieses Medikamentes hat Franz H. seine Frau nie wieder beschimpft – zumindest nicht ohne erkennbaren Grund.

Denn ab etwa diesem Wert beginnt der Körper mit einer „Gegenregulation“: Die Leber als unser wichtigster Zuckerspeicher schüttet Zucker aus ihrem Vorrat aus, damit der Blutzucker wieder steigt. Dies geschieht bei jedem Menschen automatisch, indem Notfall-Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortison ins Blut abgegeben werden.

Denn es gibt im Alltag nur zwei Situationen, die lebensgefährlich werden können:

  • mehrminütige schwere Unterzuckerung,
  • ein mehrminütiger Sauerstoffmangel (z. B. bei Herzstillstand) im Gehirn.

In letzterer Situation bleibt das Gehirn vor­über­gehend mit Sauerstoff unversorgt, was zu einem Gehirnschaden oder sogar zum Tod führen kann. Andererseits: Wer Medikamente verwendet, mit denen man unterzuckern kann (z. B. Sulfonylharnstoffe, Glinide, Insulin), muss entsprechend vorsichtig sein z. B.

  • bei oder nach körperlicher Belastung (Verbrauch von Zucker!),
  • besonders nach reichlich Alkoholgenuss, denn Alkohol blockiert die Leber, sodass diese während einer Unterzuckerung keinen Zucker ins Blut abgeben kann.

Wegen der Gefahr der Hypoglykämie sollten gerade ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes und z. B. zusätzlich koronarer Herzkrankheit (KHK) eher Medikamente einsetzen, die kein oder nur ein geringes Unterzuckerungsrisiko haben (SGLT-2-Hemmer, Gliptine, Metformin, GLP-1-Rezeptoragonisten etc.).

Wie kommt es zu einer Unterzuckerung?

Eine Unterzuckerung ist stets verursacht durch entweder zu wenig Zuckerbildung des Körpers selbst in Leber und Niere oder mangelnde Zuckeraufnahme im Darm sowie vermehrten Glukoseverbrauch der Gewebe (z. B. der Muskulatur). Das Zuckergleichgewicht bei Menschen wird durch ein komplexes System konstant gehalten: So wird z. B. nach dem Essen und einem Zuckeranstieg im Blut innerhalb weniger Minuten Insulin aus den Betazellen der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet sowie die Zuckerproduktion in der Leber gedrosselt.

Zum anderen werden Zuckerausschüttung und -neubildung innerhalb weniger Minuten gesteigert, wenn der Zuckerwert im arteriellen Blut unter etwa 67 mg/dl (3,7 mmol/l) abfällt; die Produktionssteigerung geschieht durch gegenregulatorische Maßnahmen über Glukagon und Noradrenalin.

Das wichtigste Hormon zu Beginn der Unterzuckerung ist das Glukagon – das Nebennierenhormon Noradrenalin tritt erst in Aktion, wenn die Glukagonreserven in den Alphazellen der Bauchspeicheldrüse erschöpft sind. Glukagon stimuliert primär die Zuckerneubildung in der Leber (Noradrenalin hemmt eher den Zuckerverbrauch).

Weitere aktiv werdende gegenregulatorische Hormone wie Kortisol und Wachstumshormon reagieren 3 bis 4 Stunden verzögert und hemmen den Zuckerverbrauch und stimulieren die Zuckerneubildung in der Leber. Heute wissen wir, dass auch die Nieren zu einer echten Zuckerneubildung in der Lage sind.

Typische Beschwerden zu Beginn einer Hypoglyk­ämie durch gegenregulatorische Hormone

  • Schwitzen
  • Übelkeit
  • Blässe
  • Herzklopfen
  • Herzdruckgefühl, aber manchmal auch Bauchschmerzen
  • Hunger, Angst und Kopfschmerzen

Wie bemerkt man eine „Hypo“?

Als Erstes kommt es zu einer Aktivierung des autonomen, sympathisch-adrenalen Nervensystems (Eingeweide-Nervensystem) mit den typischen Symptomen wie Schweißausbruch, Zittern und schnellem, heftigem Herzschlag. Man nennt diese Symptome auch „autonome“ Symptome.

Typische Zeichen eines Zuckermangels im Gehirn (schwere Hypoglykämie) sind:
  • Krampfanfall
  • Bewusstseinsstörungen
  • isolierte neurologische Ausfälle
  • Gefühlsstörungen
  • Aggressionen
  • Verschwommen- oder Doppeltsehen
  • Zittern
  • vorübergehende Halbseiten­lähmungen (Vorsicht: kann auch ein Schlaganfall sein!)

Die Stärke dieser Symptome wird durch die oft gleichzeitige Abgabe von Kortisol verstärkt. So kommt es bei einem weiteren Abfall der Zuckerwerte im arteriellen Vollblut auf unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l) zu Zeichen des Zuckermangels im Gehirn (neuroglykopenische Symptomatik).

Gibt es Unterzuckerungen ohne Diabetes?

Ja, Unterzuckerungen gibt es auch bei Vorliegen eines Tumors im Bereich der insulinproduzierenden Zellen, dem Insulinom, oder auch bei einer verstärkten Ausscheidung von Zucker im Urin (renale Glukosurie) und einer speziellen Erkrankung der Nebenniere.

Das Insulinom kommt nur mit einer Häufigkeit von 4 Fällen pro etwa 1 Million Einwohner vor und ist damit extrem selten. Unmittelbar nach dem Essen gibt es sogar Unterzuckerungen, die nicht durch Diabetes verursacht sind (siehe folgenden Kasten).

Mögliche Ursachen für Unterzuckerungen direkt nach dem Essen:
  • vermehrte körperliche Arbeit
  • Alkohol
  • Medikamente (z. B. Insulin)
  • Leberzirrhose
  • Mangel an Glukokortikoiden
  • Fehlernährung
  • Blutvergiftung
  • Vorhandensein von Insulinantikörpern

Was versteht man unter „Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung“?

Bei Typ-1-Diabetikern führen häufige Unterzuckerungen zu einer Veränderung der Hypo­glyk­ämie-Wahrnehmung bis hin zu der Situation, dass diese gar nicht mehr wahrgenommen werden. Dies kann im Alltag z. B. beim Autofahren sehr gefährlich werden – deshalb sollte man häufigen Hypoglykämien immer auf den Grund gehen und nach den Ursachen forschen, um sie zu vermeiden.

Zusammenfassung

Unterzuckerungen sind einer der häufigsten Gründe für einen Krankenhausaufenthalt von Menschen mit Typ-2-Diabetes und sowohl für Typ-2-Diabetiker als auch Typ-1-Diabetiker potenziell gefährlich – manchmal sogar lebensgefährlich, besonders im Zusammenhang mit stärkerem Alkoholkonsum!

Bei regelmäßigen Unterzuckerungen sollten Betroffene gemeinsam mit dem Arzt, der den Diabetes behandelt, immer nach den Ursachen suchen. Typ-2-Diabetiker, insbesondere alte Menschen, sollten wegen der besonderen Gefahren (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz) eher Medikamente ohne Unterzuckerungsgefahr bevorzugen!


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (7) Seite 32-34

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  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 5 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂