In die große weite Welt – Experten-Tipps für Ihren Urlaub

6 Minuten

© 3d brained - Fotolia
In die große weite Welt – Experten-Tipps für Ihren Urlaub

Die Deutschen, so sagt man, sind Reiseweltmeister. Vom Diabetes lässt sich kaum jemand davon abhalten, seine Traumreise anzutreten – und das ist gut so! „Meiner Ansicht nach kann der Diabetes mellitus aber so gemanagt werden, dass eine Person mit dieser Erkrankung die gleichen Reiseziele ansteuern kann wie ein Mensch ohne Diabetes“, sagt denn auch der Diabetologe Dr. Martin Lederle. Im Interview mit ihm zeigt sich, worauf Menschen mit Diabetes vor und während einer Reise achten sollten.

DJ: Gibt es Regionen auf der Welt, die Diabetiker grundsätzlich meiden sollten?

Dr. Martin Lederle: Der Diabetes mellitus ist eine chronische Erkrankung und somit ein Handicap für den betroffenen Menschen, das seine Lebensführung beeinflusst. Meiner Ansicht nach kann der Diabetes mellitus aber so gemanagt werden, dass eine Person mit dieser Erkrankung die gleichen Reiseziele ansteuern kann wie ein Mensch ohne Diabetes. Entscheidend wichtig für mich ist eine sorgfältige und gründliche Vorbereitung.

DJ: In welchen Fällen (exotisches Reiseziel, besondere Aktivität) ist eine spezielle Beratung durch einen Reisemediziner sinnvoll?

Lederle: Ich denke, dass eine spezielle Beratung durch einen Reisemediziner sinnvoll ist, wenn Ziele in den Blick genommen werden, an denen der Reisende auf ungewöhnliche klimatische Bedingungen treffen wird wie Hitze, Kälte, Höhenlage – oder ungewöhnliche medizinische bzw. hygienische Bedingungen. Dann ist eine gute Vorbereitung unerlässlich, und dafür sollte man das Wissen und die Erfahrung eines Experten in Anspruch nehmen. Das dafür erforderliche Honorar ist meiner Ansicht nach gut angelegt.

DJ: Wie erfahre ich, an wen ich mich im Reiseland in Sachen Diabetes wenden kann?

Lederle: Eine Möglichkeit wäre, sich vor der Reise bei der Botschaft des entsprechenden Landes zu erkundigen, ob es eine regionale Selbsthilfeorganisation gibt, an die man sich bei Bedarf wenden kann. Informationen finden sich auch auf der Internetseite der International Diabetes Federation. Überhaupt wird man im Internet verschiedene Blogs oder Erfahrungsberichte finden; z. B. auf der Seite der Blood Sugar Lounge gibt es eine Rubrik “Unterwegs”, die man sich ansehen kann.

DJ: Wer sagt mir, ob die Medikamente, das Insulin und die Diabetes-Utensilien, die ich benötige, im Reiseland erhältlich sind?

Dr. Lederle: Da würde ich mich vorab bei der Botschaft des Reiselandes erkundigen. Nachfragen kann man sicherlich auch bei seiner Krankenversicherung, die wohl nützliche Informationen hat.

DJ: Gibt es einen Diabetes-Notfallausweis, der auch in anderen Sprachen schnell über das Wichtigste informiert?

Lederle: Ja, solche Ausweise sind verfügbar. In der Regel haben Diabeteseinrichtungen in Deutschland solche Formulare vorrätig. Natürlich findet sich ein solcher Ausweis in verschiedenen Sprachen auch im Internet. Informieren kann man sich auch bei
diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe
oder auf www.kirchheim-shop.de.

Im Kirchheim-Shop:

Internationaler Notfall-Ausweis Diabetes

Egal ob in China, Norwegen, Ungarn oder irgendwo sonst in der Welt: Mit diesem Notfall-Ausweis in 25 Sprachen kann Ihnen auch im Ausland therapiegerecht geholfen werden.
zum Kirchheim-Shop

DJ: Welche Menge an Diabetes-Utensilien sollte mitgeführt werden, um sicherzugehen, dass sie für die Dauer der Reise ausreichen?

Lederle: Dies muss gut geplant werden. Der Bedarf der Utensilien sollte für die Dauer der Reise berechnet werden. Von den unbedingt notwendigen Dingen wie Insulin, anderen Diabetesmedikamenten und Blutglukoseteststreifen sollten dann etwa 50 bis 100 Prozent mehr mitgenommen werden, um wirklich auf der sicheren Seite zu sein.

DJ: Was tun, wenn bei der Einreise trotz eines Attestes die mitgeführten Utensilien beanstandet werden?

Lederle: Wir betreuen in der Diabetespraxis Ahaus viele Patienten, die schon zu sehr ungewöhnlichen Reisezielen unterwegs waren. Wenn die Personen eine entsprechende Bescheinigung in den gängigen Sprachen mitgeführt haben, dann hat es meines Wissens noch nie Probleme gegeben. Vielleicht hat ein Leser des Diabetes-Journals eine entsprechende negative Erfahrung gemacht und kann darüber berichten, wie er/sie diese Situation gemeistert hat?

DJ: Müssen Diabetiker bei Reiseimpfungen aufgrund des Diabetes etwas beachten?

Lederle: Vorausgesetzt, es besteht eine ausgeglichene Stoffwechsellage und es liegt keine andere akute Erkrankung vor, dann können Menschen mit Diabetes genauso behandelt werden wie andere Menschen.

DJ: Wenn mehrere Impfungen anstehen: Muss dann wegen des Diabetes etwas beachtet werden? Sollten dann zum Beispiel die Impfungen über einen längeren Zeitraum verabreicht werden als normal vorgesehen?

Lederle: Wenn eine Impfung durchgeführt wird, dann sollte in dieser Phase der Stoffwechsel noch engmaschiger kontrolliert werden. Falls keine stärkeren Blutglukoseschwankungen auftreten, können die Impfungen im üblichen Zeitfenster durchgeführt werden.

DJ: Stichwort Malariaschutz: Beeinflusst ein Mückenschutzmittel an den Händen das Ergebnis einer Blutzuckermessung?

Lederle: Das ist eine gute Frage. Ich denke, wenn die Fingerspitzen mit sauberem Wasser (möglicherweise muss dafür auch Trinkwasser verwendet werden) gesäubert werden, dann dürfte es bei der Blutglukosemessung keine Probleme geben. (Hat jemand andere Erfahrungen? Dann schreiben Sie mir!)

DJ: Was ist zu tun, wenn ich an Malaria erkranke? Ist dann wegen des Diabetes etwas Besonderes zu beachten?

Lederle: Ich bin kein Tropenmediziner und kenne mich daher mit der Behandlung von Malaria wenig aus. Wenn Fieber auftritt, dann wird in der Regel der Insulinbedarf ansteigen. Das bedeutet, dass bei jeder Erkrankung, die mit Fieber einhergeht, sehr engmaschige Blutglukosekontrollen durchgeführt werden müssen, um eine Stoffwechselentgleisung vermeiden zu können.

DJ: Bei einer Magen-Darm-Erkrankung im Urlaub: Wie sollten sich Diabetiker verhalten?

Lederle: Dies kann zu einer akuten Stoffwechselentgleisung führen; insbesondere bei Menschen mit einem Typ-1-Diabetes kann dies innerhalb von Stunden auftreten. Somit müssen die Blutglukosekontrollen engmaschig und konsequent durchgeführt werden. Auch ohne ausreichende Nahrungszufuhr kann in einer solchen Situation der Blutglukosewert ansteigen. Wichtig ist dann vor allem eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Wenn Flüssigkeit selbst nicht mehr zugeführt werden kann, zum Beipiel durch ständiges Erbrechen, dann muss sich der Betroffene unbedingt in ärztliche Behandlung begeben; denn dann muss die lebensnotwendige Flüssigkeit als Infusion zugeführt werden.

Magen-Darm-Erkrankung im Urlaub?
Dies kann zur akuten Stoffwechselentgleisung führen, vor allem bei Typ-1-Diabetikern: engmaschig den Blutzucker kontrollieren – viel trinken. Wenn dies (durch Erbrechen) nicht möglich ist: sofort zum Arzt.

DJ: Was muss beachtet werden, wenn die Reise in eine andere Zeitzone geht?

Lederle: Die zeitliche Durchführung der Therapie muss dann auf die Zeitzone am Reiseort umgestellt werden. Eine Insulintherapie muss dann auf die geänderten Zeiten der Nahrungszufuhr angepasst werden. Dafür müssen in der Regel bei der Anreise bzw. bei der Heimreise Insulingaben zusätzlich gegeben oder weggelassen werden. Dies macht eine sorgfältige Planung erforderlich.

DJ: Wie sollten Insulin oder auch Medikamente gelagert werden, damit sie nicht geschädigt werden (Temperaturen)?

Dr. Lederle: Insulin ist ein biologisch aktives Eiweiß, das nicht gefrieren und auch nicht zu heiß (über 40 °C) werden darf. Falls dies passieren sollte, wird das Insulin seine Wirksamkeit teilweise oder sogar vollständig verlieren.

DJ: Hitze, Kälte, Feuchtigkeit: Hat auch das Klima einen Einfluss darauf, wie Insulin, wie Medikamente wirken?

Lederle: Klimatische Bedingungen können Stressfaktoren sein, die sich somit auf den Blutglukosestoffwechsel auswirken können. Wenn Insulin in ein Hautareal gespritzt wird, das relativ kühl ist, dann wird das Insulin langsamer ins Blut übergehen. Somit wird die Insulinwirkung verspätet einsetzen.

DJ: Was sollten Pumpenträger beachten?

Lederle: Es muss eingeplant werden, dass der worst case auftreten könnte: Die Insulinpumpe gibt ihren Geist auf – warum auch immer. Dann muss natürlich die Insulintherapie weitergeführt werden. Insulin kann immer mit einer Einmalspritze zugeführt werden. Das Pumpeninsulin kann verwendet werden, um den Insulinbedarf zu den Mahlzeiten abzudecken. Schwieriger wird natürlich, bei Ausfall der Pumpe den Insulingrundbedarf abzudecken.

Dies würde im schlimmsten Fall auch mit dem Pumpeninsulin gehen, es müsste dann auch nachts alle 3 bis 4 Stunden (kurzwirksames Insulinanalogon) bzw. alle 4 bis 5 Stunden (Normalinsulin) gespritzt werden. Dies wäre ziemlich lästig. Dafür ist es sinnvoll, wenn für diesen größten anzunehmenden Unfall zur Sicherheit ein Verzögerungsinsulin im Einmalpen mitgenommen wird.

Es kann natürlich auch sein, dass das Messgerät aus irgendeinem Grund nicht mehr funktionieren will. Für eine solche Situation gibt es Teststreifen, die durch eine Farbveränderung den Glukosewert anzeigen (z. B. Betachek) und mit etwas Übung auch zur sicheren Blutglukosebestimmung genutzt werden können. Damit können dann auch im australischen Outback die notwendigen Stoffwechselkontrollen durchgeführt werden.

Im Kirchheim-Shop:

Notfall-Armbänder

Aus hochwertigem Silikon, beschriftbar mit Ihrem Wunschtext, z. B. die Tel.-Nr. eines Angehörigen.
verschiedene Größen, Farben und Designs; 14,95 €
zum Kirchheim-Shop
Hauptsache unterwegs!
  • Mit dem Rucksack durch Irland, ein Auslandssemester in Moskau – junge Leute mit Diabetes lassen sich nicht stoppen und berichten von ihren Reisen und anderen Aktivitäten in der Blood-Sugar-Lounge.
  • Seine Eltern waren skeptisch, aber Teenager Max Besgen wollte unbedingt zum Schüleraustausch in die USA. Alles ist gut gegangen und er hatte eine tolle Zeit – hier sein Bericht.
  • Werner Beck, Abenteurer und Buch-Autor, ist seit 33 Jahren Diabetiker und Pumpenträger. Mit seiner Frau hat er etwa 100 Länder bereist – in diesem Beitrag berichtet er von ihrer Tour durch Afrika.


Die Fragen hat Nicole Finkenauer-Ganz gestellt.

Das Interview ist erschienen in: Diabetes-Journal, 2015; 64 (3) Seite 28-31

Redaktion Diabetes
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-online.de

Dr. Martin Lederle ist Arzt für Innere Medizin, Diabetologie, und führt eine Diabetespraxis in Ahaus, Wüllener Straße 101, 48683 Ahaus, E-Mail: lederle@mvz-ahaus-vreden.de

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Extreme Hitze und Kälte: Wie der Klimawandel den Diabetes beeinflussen kann
Der Klimawandel betrifft auch Menschen mit Diabetes. Extreme Hitze und Kälte sowie Veränderungen in unserer Umwelt können den Alltag mit der Krankheit erschweren. Wie lässt sich damit umgehen und was können Betroffene tun, um sich zu schützen?
Extreme Hitze und Kälte: Der Klimawandel beeinflusst den Diabetes | Foto: Breezze – stock.adobe.com

4 Minuten

Erhöhtes Risiko bei Diabetes: Vor Infektionen durch Viren und Bakterien schützen
Infektionen sind eine Begleiterscheinung des Lebens. Wieso aber ist das Risiko für Ansteckung durch Viren und Bakterien bei Diabetes höher? Und wie kann man es vermindern? Zum Beispiel nützen Impfungen, mit denen dem Auftreten bestimmter Erkrankungen vorgebeugt werden kann.
Erhöhtes Risiko bei Diabetes: Vor Infektionen durch Viren und Bakterien schützen | Foto: drubig-photo – stock.adobe.com

5 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 20 Stunden, 37 Minuten

    Am Montag findet unser nächstes Community-Meetup statt. Kommt gerne vorbei 🙂
    https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-mai-2026/

    Wer ist dabei?

    ( 0 von 0 )
    ( 0 von 0 )
    ( 0 von 0 )
  • tako111 postete ein Update vor 4 Tagen, 21 Stunden

    Mein Abo?

  • hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

    • @ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.

    • @schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….

Verbände