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Interview mit Dr. Annie Mathew: Weiter diabetologischer Blick
12 Minuten

Den Diabetes in unterschiedlichsten Zusammenhängen sehen: Das fasziniert Dr. Annie Mathew. Sie ist Oberärztin und Leiterin des Diabeteszentrums und der Ernährungsmedizin in der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel in Essen. Mit großer Leidenschaft betreut sie ihre Patientinnen und Patienten, wie sie im Interview berichtet.
Im Interview: Dr. Annie Mathew
Diabetologin mit dem Blick in viele angrenzende Gebiete ist Dr. Annie Mathew. Natürlich betreuen sie und ihr Team viele Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, aber: „Wir sind sehr breit aufgestellt, mit einem Fokus auf komplexere Fälle, gerade im Bereich onkologische Erkrankung und Diabetes, aber auch auf transplantationsassoziierten Diabetes und Diabetes bei zystischer Fibrose, also Mukoviszidose.“ Gerade diese Querverbindungen sind es, die die Diabetologin faszinieren.

Interessiert am Blick in andere Regionen
Sie sieht gern über den Tellerrand hinaus – was sie auch zum Medizinstudium brachte: Bei einer Ausstellung erlebte sie, noch als Schülerin, dass mit einem einzigen Euro einem Menschen in Afrika das Augenlicht gerettet werden konnte. „Das hat mich so fasziniert, dass ich dachte, ich muss unbedingt Augenärztin werden.“ Ärztin ist sie geworden, aber eben in der Inneren Medizin. Und als sie eine Zeit lang in Indien arbeitete, sah sie: „Indien gehört auch zu den Ländern mit besonders vielen Menschen mit Diabetes, durch Urbanisierung, veränderte Ernährungsgewohnheiten, weniger Bewegung.“
Menschen im Frühstadium begleiten dürfen
Aktiv ist sie mit ihrem Team auch bei der Früherkennung des Typ-1-Diabetes und der Behandlung mit Teplizumab, einem erst kurz zuvor zugelassenen Medikament zum Verschieben der Manifestation. „Wir mussten die Struktur hier in der Klinik erstmal aufbauen“, berichtet sie. Die Erfahrungen mit der Therapie bei dem behandelten jungen Mann waren positiv – auch wenn er einige Nebenwirkungen erlebte. Aber: „Er hat auch das Gefühl, aktiv in den Krankheitsverlauf eingegriffen zu haben, was ihn unglaublich glücklich macht.“ Und so bleibt auch das Team in Essen um Dr. Annie Mathew am Ball.
Diabetes-Anker (DA): Frau Dr. Mathew, Sie sind Oberärztin und Leiterin des Diabeteszentrums und der Ernährungsmedizin in der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel in Essen. Was sind hier Ihre Aufgaben?
Dr. Annie Mathew: Wie Sie bereits gesagt haben, ist die Leitung der Bereiche Diabetes und Ernährungsmedizin meine Aufgabe. Das beinhaltet zum einen das DDG Exzellenzzentrum, das wir hier betreuen, und auch einen ernährungsmedizinischen Schwerpunkt nach nutriZert. Wir verbinden die stationäre und ambulante Diabetesversorgung. Stationär versorgen wir zum Beispiel akut entgleiste Patienten, Erstdiagnosen, aber auch Entgleisungen im Rahmen von Infekten oder anderen Therapien. Ambulant bieten wir Diabetes-Sprechstunden an, wo wir Patienten mit Diabetes aller Formen sehen.
Außerdem haben wir eine Wundambulanz und eine Adipositasambulanz. Wir sind also sehr breit aufgestellt, mit einem Fokus auf komplexere Fälle, gerade im Bereich onkologische Erkrankung und Diabetes, aber auch auf transplantationsassoziierten Diabetes und Diabetes bei zystischer Fibrose, also Mukoviszidose. Wir haben noch andere Schwerpunkte außerhalb des Diabetes. Aber es besteht eigentlich immer wieder ein Bezug zur Diabetologie. Ich leite zum Beispiel auch das osteologische Schwerpunktzentrum DVO und da sieht man immer wieder, wie vielfältig die Verbindung vom Diabetes in alle Bereiche der inneren Medizin ist.
DA: Das klingt wirklich nach einem sehr breiten Spektrum. Sie haben eben nutriZert erwähnt. Können Sie das kurz erläutern?
Dr. Annie Mathew: nutriZert ist eine Zertifizierung für Kliniken oder Abteilungen, die strukturierte ernährungsmedizinische Angebote etabliert haben. Dabei geht es nicht nur um einzelne Ernährungsempfehlungen, sondern um feste Abläufe: Wer braucht eine ernährungsmedizinische Einschätzung? Wer wird beraten? Wie wird Mangelernährung erkannt und behandelt? Gerade bei Menschen mit Diabetes ist das wichtig, weil Ernährung, Stoffwechselkontrolle und Therapie sehr eng zusammenhängen.
DA: Den Ernährungsschwerpunkt legen Sie bei allen Diabetes-Typen?
Dr. Annie Mathew: Ja, genau. Wir bieten die Ernährungsberatung beziehungsweise -therapie bei der Erstdiagnose an und natürlich auch bei Verlaufsterminen. Immer nach Wunsch und nach Bedarf.
DA: Dann lassen Sie uns von Ihrem heutigen Standpunkt aus mal einen Blick weit in die Vergangenheit werfen. Warum haben Sie Medizin studiert?
Dr. Annie Mathew: Das ist eine gute Frage. Warum Medizin? Ich glaube, ein Auslöser war, dass ich mit der Schule, es dürfte in der 9. Klasse gewesen sein, eine Ausstellung besucht habe. Dort war ein Stand der Christoffel-Blindenmission. Da konnte man einen Euro spenden und damit Operationen in Afrika bezahlen, um Menschen das Augenlicht wiederzugeben. Das hat mich so fasziniert, dass ich dachte, ich muss unbedingt Augenärztin werden. Das war der erste Moment, an den ich mich erinnere, dass ich an ein Medizinstudium gedacht habe. Nach der Schule habe ich mich dann tatsächlich für ein Medizinstudium beworben und Medizin studiert. Da war ich aber noch auf Augenheilkunde fokussiert, gar nicht auf Diabetologie.
„Ich war in einer Physiologie-Vorlesung und fand es einfach faszinierend, wie logisch das Ganze mit den Hormonen ist.“
DA: Heute sind Sie in der Diabetologie. Wie waren Ihre Stationen auf diesem Berufsweg?
Dr. Annie Mathew: Ich habe mich relativ früh im Studium für dieses Fach entschieden. Es war im zweiten Semester. Das weiß ich noch ganz genau. Ich war in einer Physiologie-Vorlesung und fand es einfach faszinierend, wie logisch das Ganze mit den Hormonen ist. Und dass man da so eine enorme Bandbreite hatte von Autoimmunerkrankungen, genetische oder erworbene Stoffwechselstörungen – und das über alle Altersgruppen hinweg. Ich habe dann auch meine Ausbildung ganz bewusst darauf ausgerichtet, in Blockpraktika, Famulaturen und im praktischen Jahr. Ich war auch im Ausland, in Indien, in dem Bereich tätig und habe dann 2017 meine Weiterbildung an der Uniklinik Essen begonnen. Im Jahr 2023 habe ich meinen Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie gemacht, bin 2024 Oberärztin geworden und habe dann die Leitung für diesen Bereich übernommen.
DA: Sodass Ihre Entscheidung, die Augenheilkunde zu verlassen, sehr schnell war?
Dr. Annie Mathew: Das war eigentlich schon wieder fast vergessen im Studium. Ich könnte mir jetzt auch gar nicht vorstellen, Augenärztin zu sein. Ich bin super glücklich, dass ich mich umentschieden habe. Aber eine kleine Verbindung gibt es trotzdem: Auch in der Diabetologie geht es oft darum, das Sehen durch gute Prävention, strukturierte Versorgung und rechtzeitige Therapie zu erhalten.
DA: Haben Sie auch eine Doktorarbeit im Bereich der Diabetologie machen können?
Dr. Annie Mathew: Tatsächlich habe ich meine Doktorarbeit im Bereich der endokrinologischen Krebsforschung geschrieben, und zwar zu Schilddrüsenkarzinomen. Ich habe im Anschluss drei Jahre als Clinician Scientist gearbeitet, praktisch eine Kombination aus Klinik und Forschung im Rahmen einer Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Dabei habe ich mich auch mit neuroendokrinen Tumoren beschäftigt. Das ist spannend, weil durch diesen Fokus viele Projekte entstanden sind, unter anderem zum Metabolismus und zum Zusammenhang zwischen Diabetes, Stoffwechsel und Krebs. Das sind Projekte, die wir immer noch weiterverfolgen.
DA: Da sind Sie aber wahrscheinlich ein ziemliches Unikat, oder? Denn diese Zusammenhänge tauchen selten in der Öffentlichkeit auf.
Dr. Annie Mathew: Das ist total schade, aber es ist tatsächlich unser Alltag. Viele metabolische Veränderungen können Tumorerkrankungen beeinflussen. Umgekehrt können wiederum Tumorerkrankungen und Krebstherapien erhebliche Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel haben. Man sieht das immer mehr in der Klinik, nicht nur durch die Glukokortikoide, daran denkt man ja als erstes. Dazu gehört auch der Immuncheckpoint-induzierte Diabetes. Da gibt es noch viel zu erforschen, das ist superspannend.
DA: Macht die Patientengruppe, bei der es um den Zusammenhang von Krebserkrankungen und Diabetes geht, einen sehr großen Anteil in Ihrer Klinik aus oder ist der Schwerpunkt doch, ich nenne es mal, der „normale“ Typ-1- und Typ-2-Diabetes?
Dr. Annie Mathew: Auch unser größtes Kollektiv sind klassische Verläufe von Typ-1-Diabetes und Typ-2-Diabetes. Allerdings glaube ich, dass wir einen verhältnismäßig großen Anteil von Patienten mit sonstigem Diabetes haben.
„Wie Sie richtig sagen, ist die zystische Fibrose zum Glück keine Kinderkrankheit mehr. Dadurch rücken immer mehr nicht pulmonale Komplikationen stärker in den Vordergrund, insbesondere die endokrinen Komplikationen.“
DA: Sie hatten selbst ja vorhin schon gesagt, sie betreuen auch Menschen mit Mukoviszidose und Diabetes. Das ist ja auch etwas, was selten berücksichtigt wird, weil Menschen mit Mukoviszidose oder zystischer Fibrose, abgekürzt CF, früher nicht so alt wurden. Welchen Diabetestyp haben diese Patientinnen und Patienten und was ist das Besondere in deren Betreuung?
Dr. Annie Mathew: Das ist ein sonstiger Typ des Diabetes, kein Typ 1 und auch kein klassischer Typ 2. Wie Sie richtig sagen, ist die zystische Fibrose zum Glück keine Kinderkrankheit mehr. Dadurch rücken immer mehr nicht pulmonale Komplikationen stärker in den Vordergrund, insbesondere die endokrinen Komplikationen. Der CF-assoziierte Diabetes ist die häufigste endokrine Komplikation. Das ist total vielschichtig, weil er mehrere Elemente vereint: zum einen Insulinmangel, aber auch Aspekte einer gestörten Glukosetoleranz und zeitweise auch Insulinresistenz. Die Glukoseverläufe können stark schwanken, gerade bei Infekten, Steroidtherapien oder nachlassender Lungenfunktion.
Der Diabetes ist prognostisch relevant und mit einer schlechteren Lungenfunktion, niedrigerem Body-Mass-Index, mehr Exazerbationen und auch einer erhöhten Mortalität assoziiert. Deswegen sind auch da frühes Erkennen und gute Therapie entscheidend. Besonders interessant sind auch die CFTR-Modulatoren, die heute bei CF eingesetzt werden. Sie können nicht nur die Grunderkrankung beeinflussen, sondern auch Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel, die Pankreasfunktion und den Gewichtsverlauf haben.
DA: Wie viele Menschen mit Mukoviszidose und Diabetes betreuen Sie geschätzt?
Dr. Annie Mathew: Wie viele das genau sind, kann ich aus dem Stegreif nicht sagen. Aber dadurch, dass die Ruhrlandklinik mit dem Schwerpunkt Pneumologie zum Klinikverbund der Universitätsmedizin Essen gehört, bekommen wir natürlich viele Patienten mit einer hyperglykämen Entgleisung zugewiesen. Die Patienten, die wir sehen, haben zu einem großen Teil einen CF-assoziierten Diabetes oder eine CF-assoziierte Osteopathie, also Knochenerkrankung.
DA: Lassen Sie uns jetzt mal zum klassischen Typ-1-Diabetes springen. Dessen Therapie ist inzwischen weit fortgeschritten und es gibt die “digitale Bauchspeicheldrüse”, wie Sie neulich in einer Pressekonferenz gesagt haben. Was bedeutet diese Entwicklung für Menschen mit Typ-1-Diabetes?
Dr. Annie Mathew: Die digitale oder künstliche Bauchspeicheldrüse ist im Hinblick auf digitale Lösungen in der Versorgung sicher der fortgeschrittenste Teil in der Inneren Medizin. Die Diabetologie entwickelt sich durch den Einsatz digitaler Bauchspeicheldrüsen zu einer modernen technologiegestützten und zunehmend auch vorausschauenden Versorgung. Das heißt, wir haben Systeme, die nicht nur auf einzelne Messwerte reagieren, sondern auch auf Trends – durch Kombination aus kontinuierlicher Glukosemessung und Insulinpumpe, die die Insulinzufuhr entsprechend anpasst. Durch dieses Zusammenspiel – und das ist das Schöne – bemerken die Patienten eine enorme positive Veränderung im Alltag. So werden viele tägliche Entscheidungen reduziert.
Das heißt natürlich nicht, dass diese Therapie vollständig automatisiert ist. Betroffene müssen weiter aktiv mitarbeiten, aber es ist eine deutliche Erleichterung für Patienten. Der Nutzen ist, dass sie stabilere Glukoseverläufe haben, weniger Unterzuckerungen und einfach mehr Sicherheit im Alltag. Wenn ich zurückblicke auf meine Anfänge 2017 in der Diabetes-Ambulanz: Manche Patienten kamen damals mit zerstochenen Fingerkuppen zu uns und mit dem Diabetes-Tagebuch. Jetzt kommen sie zu uns, die Finger sind ganz unversehrt und wir können gemeinsam auf die digitalen Glukosedaten am PC schauen. Das ist eine sehr spannende Zeit, in der Diabetologie zu arbeiten, auch durch diese neuen Technologien.
DA: Dadurch, dass sich die Therapien so entwickelt haben und die Behandlung immer besser wird, sollte man eigentlich meinen, da ist jetzt vieles gut. Trotzdem ist das Thema Früherkennung des Typ-1-Diabetes und auch die Verschiebung des Manifestationszeitpunkts aktuell sehr intensiv im Gespräch. Warum?
Dr. Annie Mathew: Wir wissen, dass der Autoimmunprozess beim Typ-1-Diabetes oft lange vor der klinischen Manifestation beginnt. Und wir können diese frühe Phase erkennen. Wir können bereits vor der klinischen Manifestation, das heißt, bevor die Patienten notfallmäßig über die Notaufnahme mit einer Ketoazidose zu uns kommen, feststellen, dass bereits gestörte Glukosewerte oder diabetesspezifische Antikörper nachweisbar sind. Die Bedeutung der Früherkennung hat sich noch mal verändert, da wir jetzt auch medikamentös eingreifen können.
Das ist besonders relevant bei Risikogruppen. Dazu gehören erstgradig Verwandte von Menschen mit Typ-1-Diabetes oder auch Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen. Auch bei unklaren Diabetesformen mit atypischen Verläufen sollte man immer an eine autoimmune Diabeteskomponente denken. Durch Antikörper-Screenings könnte man dieses Frühstadium erkennen und das würde durch eine engmaschige Betreuung schwere Erstmanifestationen vermeiden. Das wäre das Ziel.
DA: Sie haben jetzt wahrscheinlich sehr bewusst den Konjunktiv benutzt: Man könnte und man würde. Wie gehen Sie mit dem Screening in Ihrer Klinik um? Welche Menschen screenen Sie, welche schleusen Sie in Projekte ein?
Dr. Annie Mathew: Wir screenen im Prinzip alle Patienten, die ein solches polyglanduläres Autoimmunsyndrom haben, die also mindestens zwei Autoimmunerkrankungen haben. Und natürlich empfehlen wir auch Angehörigen von Menschen mit Typ-1-Diabetes, sich screenen zu lassen. Das können wir als Uniklinik relativ entspannt machen. Aber ich weiß, dass es in der Niederlassung zum Beispiel, nicht adäquat vergütet wird. Allerdings gibt es Studien und Projekte, wie die Fr1da-Studie. Noch ist sie nicht bundesweit etabliert, aber wir hoffen natürlich, dass das Screening-Angebot auch bundesweit ausgerollt wird und irgendwann in die Routineversorgung übergeht.
„Wir sehen in der klinischen Realität: Wenn man früh genug screent, hat man wirklich viel Zeit gewonnen bei diesen Patienten.“
DA: Die Fr1da-Studie kommt vom Helmholtz Munich. Sind Sie da auch in enger Kooperation?
Dr. Annie Mathew: Wir empfehlen den jüngeren Angehörigen unserer Patienten die Teilnahme daran.
DA: Sie haben bereits einen Patienten mit einem Frühstadium eines Typ-1-Diabetes behandelt mit Teplizumab, einem Medikament, mit dem sich die Manifestation zeitlich verschieben lässt. Wie lief das ab – vom Screening bis zum heutigen Zeitpunkt?
Dr. Annie Mathew: Das lief relativ schnell bei dem Patienten. Es handelte sich um einen 22-jährigen Patienten mit der Erstdiagnose Stadium 2 des Typ-1-Diabetes bereits vor zwei Jahren. Seinem Hausarzt fiel zufällig im Rahmen einer hausärztlichen Vorsorgeuntersuchung eine erhöhte Nüchternglukose auf. Und das bei einem schlanken, sportlichen, jungen Mann, sodass das schon auffällig war. Der Hausarzt hat ihn deshalb an einen diabetologischen Kollegen hier in Essen überwiesen. Dort wurden dann die Antikörper bestimmt, von denen drei positiv waren. Seitdem war der Patient regelmäßig diabetologisch angebunden.
Und als Teplizumab im Februar 2026 frisch zugelassen wurde, mussten wir die Struktur hier in der Klinik erst einmal aufbauen, weil das nicht ganz unkompliziert ist. Danach haben wir den Patienten einbestellt, untersucht, ausführlich über Ablauf und mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt und die notwendigen Labor- und Infektionskontrollen durchgeführt. Wir haben die Therapie bei ihm ambulant verabreicht, was natürlich toll war für den Patienten, weil er nach der Infusion jeden Tag nach Hause gehen konnte.
DA: Was ich spannend daran finde, ist, dass er vor zwei Jahren bereits erhöhte Nüchternglukosewerte hatte und so lange aber offensichtlich stabil geblieben ist mit den Glukosewerten?
Dr. Annie Mathew: Genau, und das zeigt, wie unterschiedlich die Verläufe im Frühstadium des Typ-1-Diabetes sein können. Die Beta-Zell-Funktion kann über eine gewisse Zeit noch relativ stabil bleiben, bevor sie vor der klinischen Manifestation oft deutlicher abnimmt. Wir sehen in der klinischen Realität: Wenn man früh genug screent, hat man wirklich viel Zeit gewonnen bei diesen Patienten.
DA: Kann da auch mit reingespielt haben, dass er kein kleines Kind mehr war, sondern 22 Jahre bereits?
Dr. Annie Mathew: Ja, durchaus. Und bei dem Patienten ist es auch so, dass er sehr bewusst mit seiner Situation umgegangen ist. Er hat seine Ernährung und Bewegung angepasst und selbst beobachtet, dass sein Glukoseverlauf nach Kohlenhydratzufuhr stärker ausschlug. Das ersetzt natürlich keine krankheitsmodifizierende Therapie, hat ihm aber geholfen, seinen Stoffwechsel sehr aufmerksam zu kontrollieren.
DA: Und deshalb war er wahrscheinlich auch so empfänglich für das Angebot von Teplizumab?
Dr. Annie Mathew: Total!
DA: Wie viele Infusionen über welchen Zeitraum waren das dann?
Dr. Annie Mathew: Das ist eine tägliche Infusion über 14 Tage. Die Infusion selbst läuft mindestens 30 Minuten. Danach muss der Patient noch eine Stunde zur Nachbeobachtung bei uns in der Klinik bleiben und darf dann nach Hause gehen.
DA: Hat er irgendwelche direkten oder auch längerfristigen Nebenwirkungen oder Begleiteffekte gezeigt?
Dr. Annie Mathew: Er hat bereits an Tag 3 einen Abfall der Lymphozyten gezeigt. Er hat auch einen Ausschlag am ganzen Körper entwickelt und an Tag 5 Fieber, klinisch passend zu einem milden Zytokinfreisetzungssyndrom. Darüber hatten wir den Patienten aufgeklärt. Das sieht man im Rahmen dieser immunmodulatorischen Therapien auch in den Studien. Und er hatte auch einen Anstieg seiner Leberwerte, sodass wir die Therapie an Tag 10 pausieren und dann beenden mussten.
Die Leberwerte des Patienten haben sich nachher aber komplett wieder erholt und ihm ging es sehr gut. Er war auch schon mehrfach für die Nachsorge bei uns. Insgesamt ist alles sehr gut gelaufen und das Patienten-Feedback war positiv. Es war für ihn insgesamt alles sehr gut auszuhalten. Er hat auch das Gefühl, aktiv in den Krankheitsverlauf eingegriffen zu haben, was ihn unglaublich glücklich macht.
DA: Jetzt heißt es: abwarten, wie lange der Effekt anhält?
Dr. Annie Mathew: Ganz genau, ja.
„Das war richtig eindrücklich zu sehen und auch zu hören, wie viel das einem Patienten bedeutet, eine Verzögerung von gegebenenfalls im Median zwei Jahren zu erreichen.“
DA: Die rein medizinische Betreuung ist wahrscheinlich nicht alles. Sie müssen diese Patientinnen und Patienten ja auch anderweitig wahrscheinlich noch auffangen?
Dr. Annie Mathew: Ja, genau. Tatsächlich war das Ganze wirklich ein ausgezeichnetes Team-Zusammenspiel. Denn die Therapie läuft ja auch über das Wochenende. Bereits bevor der Patient die Infusionen erhielt, gab es natürlich mehrere Gespräche zur Aufklärung, zu den Hoffnungen, zu den Erwartungen. Das haben wir alles besprochen, bevor wir die Therapie verabreicht haben, um einzuschätzen, wo der Patient gerade steht und was er erwartet. Auch psychisch war es für den Patienten, allein in diesem Stadium 2 zu sein, schon eine unglaubliche Belastung. Das wurde mir so richtig bewusst, als ich zum ersten Mal mit ihm im Gespräch war.
Das war richtig eindrücklich zu sehen und auch zu hören, wie viel das einem Patienten bedeutet, eine Verzögerung von gegebenenfalls im Median zwei Jahren zu erreichen. Das war für das gesamte Team, also auch für unsere Pflege, in der Ambulanz und auf Station, nochmal eine wichtige Erfahrung, dass allen nochmal deutlich wurde, dass es sich hier um eine chronische Erkrankung handelt, die wir dadurch verzögern können. Dementsprechend sind auch alle super mit der Therapie, die ja schon sehr anspruchsvoll ist, umgegangen. Das hat mich auch sehr gefreut, dass das so gut angenommen wurde, sowohl vom Patienten als auch von unserem Team.
DA: Hatten Sie eine psychologische Fachkraft dabei?
Dr. Annie Mathew: Ja, wir haben eine Kooperation für alle Patienten mit Diabetes und auch Adipositas. Wir kooperieren mit unserer psychosomatischen Klinik. Alle Patienten erhalten bei Erstkontakt auch die Möglichkeit für ein Gespräch. Das war jetzt hier nicht gewünscht, aber die Möglichkeit hätte bestanden, wenn der Patient es gewünscht hätte.
DA: Hat er schon eine Diabetes-Schulung bekommen, dass er sich ein bisschen vorbereiten kann auf die Zeit danach?
Dr. Annie Mathew: Ja, das hat er bereits durch die niedergelassenen diabetologischen Kollegen hier in Essen vorher gehabt. Aber wir haben es auch noch mal angeboten. Nach der Behandlung haben wir den Patienten natürlich wieder zurück in die Hände des Diabetologen gegeben. Wir sehen ihn aber trotzdem noch in größeren Abständen, um einfach zu beobachten, wie der Status ist.
DA: Sind schon weitere Patienten für Sie angekündigt, die Sie dann mit Teplizumab behandeln?
Dr. Annie Mathew: Wir haben bereits weitere Anfragen erhalten. Aber wir müssen natürlich ganz klar prüfen, ob die Patienten passen – sowohl im Hinblick auf ihre Laborwerte als auch auf das Verständnis für die Behandlung.
DA: Das heißt, es ist ein Weg, der tatsächlich jetzt beschritten und weitere Kreise ziehen wird?
Dr. Annie Mathew: Ja, genau.
DA: Haben Sie eigentlich einen persönlichen Bezug zum Thema Diabetes?
Dr. Annie Mathew: In der Verwandtschaft habe ich viele Menschen, die von Diabetes betroffen sind. Ich habe meine Wurzeln in Indien. Dort sieht man sehr eindrücklich, wie stark der Diabetes zunimmt. Indien gehört zu den Ländern mit besonders vielen Menschen mit Diabetes, durch Urbanisierung, veränderte Ernährungsgewohnheiten, weniger Bewegung und zunehmender Adipositas. Spannend in der Diabetologie fand ich, als ich in Indien eine Famulatur gemacht habe, dass Menschen südasiatischer Herkunft oft schon bei niedrigerem Body-Mass-Index viele metabolische Risiken entwickeln, also viszerale Adipositas, Insulinresistenz, Fettleber.
Und ich werde immer wieder daran erinnert, dass Diabetes kein Randthema ist, sondern eine globale Herausforderung und deswegen Prävention, Früherkennung und eine gute Versorgung enorm wichtig sind, in Deutschland und international. Was ich auch schon damals sehr interessant fand in der Famulatur, ist, dass in Indien bei Prädiabetes oft medikamentös behandelt wurde. Da habe ich mich immer schon gefragt: Warum machen wir das nicht in Deutschland auch? Ich weiß, dass die Kosten nicht erstattet werden. Aber an sich wäre es sicherlich ein sinnvoller Ansatz, bereits bei Prädiabetes schon einzugreifen und nicht erst zu warten, bis der Diabetes manifest ist und ich ihm dann die Medikamente verschreiben darf.
DA: Wie Sie sagen, die Vergütung ist das Problem. Aber der Blick in die Richtung ist sicher nicht falsch. Da geht es ja auch um das Wohlergehen der Menschen, denn wer nicht krank ist oder vorbeugen kann, dem geht es besser. Wie beugen Sie persönlich für Ihr eigenes Wohlergehen vor? Wie entspannen Sie sich von Ihrer zeitintensiven Arbeit?
Dr. Annie Mathew: Zunächst muss ich sagen: Diese Kombination aus Patientenversorgung, Forschung und Teamarbeit machen mir wirklich Spaß. Das ist unglaublich erfüllend. Aber ich verreise auch sehr gern. Ich spiele gern Badminton. Ich mache Musik und höre auch viel Musik. Das hilft mir immer, mich zu entspannen, und bereitet mir genauso viel Freude.
DA: Sie spielen ein Instrument oder singen Sie?
Dr. Annie Mathew: Ich spiele Klavier und Flöte. Und ich singe zwar Karaoke, aber ich kann nicht gut singen. Ich wünschte, ich hätte eine schöne Stimme.
DA: Das heißt, sie lassen die Instrumente singen. Das ist doch auch gut.
Dr. Annie Mathew: Ja, genau.
DA: Ganz herzlichen Dank, Frau Dr. Mathew!
Dr. med. Katrin Kraatz ist Ärztin, Medizin-Redakteurin und lebt seit ihrer Kindheit mit Typ-1-Diabetes. Sie arbeitet seit über 20 Jahren mit am Diabetes-Anker (vormals Diabetes-Journal) und ist seit 2021 zusammen mit Prof. Haak Chefredakteurin der Zeitschrift. Darüber hinaus schreibt Dr. Kraatz auch für weitere Diabetes-Medien aus dem Hause MedTriX.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (7) Seite 7
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Hallo zusammen,
ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!- calvin240 antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.
- uho1 antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
@calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!
- calvin240 antwortete vor 1 Woche, 5 Tagen
@uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
Liebe Grüße
stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/




