Keine Erektion? Sollte Mann klären!

4 Minuten

© Syda Productions - AdobeStock
Keine Erektion? Sollte Mann klären!

Über eine Erektionsstörung (erek­tile Dysfunktion) redet Mann nicht gern. Dabei sind so viele Männer betroffen! Warum ist es – besonders bei Diabetes – so wichtig, Schwierigkeiten mit der Erektion ernst zu nehmen? Das erklärt Dr. Schmeisl im Diabetes-Kurs.

Die Erektion des Penis ist ein „komplexes Phänomen“ – so steht es in einer Leitlinie der europäischen Urologengesellschaft (EAU). Eine Erektionsstörung (erektile Dysfunktion, ED) gehört zu den häufigsten Gesundheitsstörungen von Männern und kommt mit zunehmendem Alter immer häufiger vor.

Bei Männern ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko, eine ED zu entwickeln. Männer über 70 sind zu 67 Prozent betroffen. Dia­be­tes, Bluthochdruck und Rauchen machen eine ED wahrscheinlicher. Mediziner sprechen von einer erektilen Dysfunktion, wenn es einem Mann über einen längeren Zeitraum nicht oder nur selten gelingt, eine Erektion des Penis zu erzielen oder beizubehalten, die für ein befriedigendes Sexualleben ausreicht.

Das Fallbeispiel

Johannes F. hat seit einigen Wochen etwas Luftnot, verbunden mit einem Engegefühl in der Brust, wenn er nach 20 Stufen bei seiner Wohnung im zweiten Stock angelangt ist. Seit etwa einem Jahr leidet er außerdem darunter, dass er beim intimen Zusammensein mit seiner Frau keine ausreichende Erektion mehr bekommt. Er – 58 Jahre, Diabetes seit 15 Jahren – hat sich zwar informiert, seine Frau vermeidet es aber, mit ihm darüber zu sprechen. Beide meiden seit einigen Monaten körperliche Nähe.

Plötzlich hat Johannes stärkste Schmerzen in der Brust; auf halber Strecke in seine Wohnung muss er sich auf die Treppe setzen. Der von seinem Nachbarn gerufene Notarzt erkennt bereits durch ein EKG im Rettungswagen, dass Johannes einen Herzinfarkt erlitten hat.

Häufig ist eine ED der Vorbote für schwerwiegende Erkrankungen: Männer, die Potenzprobleme haben, erleiden in den folgenden fünf Jahren doppelt so häufig einen Herzinfarkt oder Schlaganfall wie gleichaltrige Männer ohne erektile Dysfunktion.

Studien der letzten Jahre (ONTARGET, ­TRANSCEND) zeigten, dass das Sterberisiko bei Männern mit erektiler Dysfunktion etwa doppelt so hoch war wie bei Männern ohne erek­tile Dysfunktion. Ebenso hoch war das Risiko, an einem Gefäßschaden zu sterben, speziell an einem Herzinfarkt. Je ausgeprägter die Erektionsstörung war, desto höher war das Risiko.

Das Risiko für eine Erkrankung an den Herzkranzgefäßen bei Diabetikern wird, wie die Studien zeigen, leider oft unterschätzt. Deshalb ist es so wichtig, dass Ärzte – aber auch die Betroffenen selbst! – dem Auftreten von Erektionsstörungen bei Männern (und auch dem Libidoverlust bei Frauen!) mehr Beachtung schenken.

Wie äußern sich Sexualstörungen beim Mann?

  • Libidostörungen (z. B. Unlust)
  • Erregungsstörungen (Erektionsstörungen; ED: erektile Dysfunktion)
  • Ejakulationsstörungen
  • Orgasmusstörungen

Eine Erektionsstörung ist eine Erkrankung, die Jahre und Jahrzehnte vor einem Herzinfarkt auf das Risiko dafür hinweist! Mediziner sollten also gezielt Männer mit ­Diabetes fragen, ob eine Erektionsstörung vorliegt – und zwar möglichst so, dass der Patient nicht bloßgestellt wird. Denn immer noch ist dieses Thema für viele Menschen tabu.

Gibt es Hinweise auf eine erektile Dysfunktion, könnte der Arzt/die Ärztin auch gezielt nach Symptomen fragen, die eine Herzerkrankung vermuten lassen, z. B.:

  • Luftnot beim Treppensteigen,
  • Enge in der Brust,
  • ausstrahlende Schmerzen in den linken oder auch rechten Arm,
  • Brennen in der Brust („Sodbrennen“),
  • Unterkieferschmerzen.

Sind diese Symptome vorhanden, kann beim Herzspezialisten – dem Kardiologen – eine weiterführende Diagnostik (z. B. Herz-Ultraschall) durchgeführt werden.

Wann kann eine Herzerkrankung als Ursache ausgeschlossen werden?

Dass beim Mann keine Erektion zustande kommt, kann nicht nur Ursache einer Erregungsstörung sein, die meist durch Nervenschäden bedingt ist – auch eine Luststörung kommt als Grund in Frage: Durch die fehlende Lust auf Sex (Libidoverlust) kommt es nicht mehr zu einer ausreichenden Erektion.

Die Unfähigkeit eines Mannes, eine ausreichende Erektion zu erlangen oder aufrechtzuerhalten, um einen für beide Partner befriedigenden Geschlechtsverkehr zu erreichen, ist die häufigste Sexualstörung bei Männern mit Diabetes. Andere Funktionsstörungen wie Orgasmus- und Ejakulationsstörungen spielen eine untergeordnete Rolle. Ob sie tatsächlich in geringerem Maße auftreten, ist dagegen nicht bekannt.

Ejakulationsstörungen können auch in Form eines ständigen Samenflusses, eines vorzeitigen Samenergusses, eines verzögerten Samenergusses und in Form einer retrograden Ejakulation (Rückfluss der Samenflüssigkeit in die Blase) auftreten. Eine spezielle Diagnostik sollte stets in Zusammenarbeit mit einem Facharzt für Urologie, ggf. mit einem Psychologen und natürlich auch mit einem Diabetologen oder weiteren Spezialisten (z. B. Angiologen) durchgeführt werden.

Wie steht es mit Sex nach einem Infarkt?

Hat ein Diabetiker mit erektiler Dysfunktion bereits einen Herzinfarkt hinter sich, sollte er ebenfalls kardiologisch mitbetreut werden. Sex schadet in der Regel dem Herzen nicht – nur bei etwa 2 Prozent der Infarktpatienten war Sex der Anlass dafür. Die körperliche Belastung beim Sex entspricht etwa der Leistung von 75 bis 100 Watt auf dem Fahrradergometer (oder der Leistung des Steigens von etwa 20 Treppenstufen in etwa 10 Sekunden – der Puls geht meist nicht höher als 120 Schläge pro Minute!).

Wenn Sie also noch ohne Probleme Treppensteigen können, besteht auch beim Sex mit dem festen Partner kein erhöhtes Risiko. Aber Vorsicht: Beim Fremdgehen steigt das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich an!

Was bringen „Potenzmittel“ wie Viagra?

Potenzmittel wie Viagra, Cialis oder Levitra sind Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE-5-Hemmer). Sie führen zu einer Weitstellung der Blutgefäße der glatten Muskulatur am Penis. Diese Weitstellung der Blutgefäße kann auch an inneren Organen wie den Herzkranzgefäßen erfolgen, wodurch der Blutdruck absinkt. Dies ist einer der Gründe, warum Medikamente, die bei einer Herzerkrankung oft eingenommen werden und die Gefäße weit stellen, nicht gemeinsam mit PDE-5-Hemmern eingenommen werden dürfen (Gefahr des Kreislaufkollapses).

Das sollten Sie jedoch immer mit Ihrem Arzt besprechen!

Medikamentengabe bei Sexualstörungen

Wirkstoff (Handelsname) Einnahme vor dem Geschlechtsverkehr Wirkdauer Einnahme mit Mahlzeiten
Sildenafil (Viagra)1 Stunde zuvor4 – 5 Stundenverzögerter Wirkeintritt möglich
Vardenafil (Levitra)25 – 60 Minuten zuvor4 – 5 Stundenbei sehr fettreicher Nahrung verzögerter Wirkeintritt möglich
Avanafil (Spedra)ca. 15 – 30 Minuten zuvorkeine Angabeverzögerter Wirkeintritt möglich
Tadalafil (Cialis) 20 mgmindestens 30 Minuten zuvorbis zu 36 Stundenunabhängig von der Nahrungsaufnahme
Tadalafil (Cialis) 20 mgnicht notwendig, wird 1 x täglich genommengleichmäßiger Wirkspiegelunabhängig von der Nahrungsaufnahme
Quelle: Fachinformationen der einzelnen Hersteller, Oktober 2019

Wichtig zu wissen

Erektionsstörungen sind bei Männern insbesondere mit zunehmendem Alter eine häufige Erkrankung. Solche Störungen können nicht selten erste Anzeichen einer koronaren Herz­krankheit (KHK; Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße) sein. Deshalb sollte jeder Arzt Männer bei entsprechenden Beschwerden gezielt nach Erektionsstörungen fragen. ­Besteht z. B. gleichzeitig eine peri­phere arterielle Verschlusskrankheit (Schaufenster­krankheit, pAVK), steigt die Wahrscheinlichkeit für eine KHK nochmals deutlich an.

Eine Erektionsstörung rechtzeitig zu erkennen, kann für das weitere Leben des Betroffenen und auch für seine Ehe/Partnerschaft ausschlaggebend sein. Sprechen Sie deshalb rechtzeitig mit Ihrem Arzt. Die erektile Dysfunktion sollte heute kein Tabuthema mehr sein!


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (12) Seite 32-34

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Online-Test für das Herzinfarkt-Risiko erneuert und erweitert
Die Deutsche Herzstiftung hat ihren Online-Test für das Herzinfarkt-Risiko überarbeitetet und erweitert. Mit dem Online-Tool kann das Herzalter berechnet werden. Es hilft zudem Herzpatienten und Herzgesunden bei der Herzinfarkt-Risikovorsorge – alles innerhalb von nur zwei Minuten.
Online-Test für das Herzinfarkt-Risiko erneuert und erweitert

2 Minuten

Live-Ticker vom t1day 2023 in Berlin
Der t1day, das größte Community-Event zu Technologie für Menschen mit Diabetes, fand am 29.01. in Berlin statt. Wir haben live von dort berichtet - den Newsticker gibt es hier zum Nachlesen.

19 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂