Nervenerkrankung: Neuropathie der unteren Körperhälfte

4 Minuten

Nervenerkrankung: Neuropathie der unteren Körperhälfte

Wird über die autonome Neuropathie bei Diabetikern gesprochen, meint man üblicherweise die Beteiligung des Magens, des Darmes und des Herzens. In diesem Artikel geht es jedoch um wichtige Gebiete in der unteren Hälfte unseres Körpers.

Diesmal geht es also um autonome Nervenstörungen bei Diabetes und speziell um Störungen in der unteren Körperhälfte. Die diabetische autonome Neuropathie nimmt mit der Dauer des Diabetes zu: Nach 10 bis 15 Jahren sind bis zu 30 Prozent der Diabetiker betroffen, wenn die Blutzuckereinstellung ungenügend war.

Mehrere Beschwerden

Patienten mit diabetischer autonomer Neuropathie haben häufig gleichzeitig schon eine diabetische Nierenerkrankung, eine diabetische Augenerkrankung sowie eine diabetische periphere Neuropathie mit Missempfindungen oder Kribbeln an den Füßen. Meist ist die Lebensqualität der Betroffenen durch die autonome Neuropathie extrem beeinträchtigt: Man denke an Erektionsstörungen beim Mann oder Blaseninkontinenz.

Anatomie: Hintergrund

Die peripheren Nerven beginnen mit den Nervenwurzeln, die seitlich aus der Wirbelsäule austreten – sie teilen sich schließlich auf und versorgen mit feinsten Verästelungen die Muskeln und die Haut; motorische Nerven versorgen die Muskeln, sensorische Nerven leiten Erregungen umgekehrt zum Gehirn. Die autonomen Nerven dagegen versorgen die inneren Organe wie Herz, Magen, Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse; außerdem die Blase, die Sexualorgane und über spezielle Fasern auch die Drüsen (Schweißdrüsen, Talgdrüsen) der Haut z. B. an den Füßen.

Hohe Werte schaden Nerven

Der Diabetes selbst schädigt über hohe Blutzuckerwerte auf vielfältige Weise die Nerven direkt, indem deren Strukturen – besonders im schmerzverarbeitenden System – beeinträchtigt werden. Diese Nervenschädigungen können zu einer fehlenden Wahrnehmung im Gehirn führen: Es kann z. B. zu einem stummen, nicht wahrgenommenen Herzinfarkt kommen. Die autonome Neuropathie kann aber auch Störungen des Mastdarmes oder der Blase verursachen. Blasenentleerungsstörungen, Inkontinenz und erektile Dysfunktion können folgen. Ein anderes Symptom sind Störungen der Haut, sie wird trocken und rissig.

Wer ein geschädigtes autonomes Nervensystem hat, hat das Risiko, früher zu sterben; man erkennt die Erkrankung oft an Erektionsstörungen beim Mann, an trockener Scheide und Libidoverlust bei der Frau – und womöglich auch an Stuhlinkontinenz, Blasenlähmung, nächtlichem Durchfall und Verringerung der oberen Hautschichten (Hautatrophien) besonders bei Frauen. Anders gesagt: Findet man solche Zeichen für eine autonome Neuropathie, müssen Zusatzuntersuchungen (z. B. am Herzen) folgen!

Erektile Dysfunktion

Eine erektile Dysfunktion haben etwa 55 Prozent der über 60-jährigen Männer mit langer Diabetesdauer. Hier kommen meist zusammen: Nervenerkrankungen, Durchblutungsstörungen, Psyche, Medikamente (z. B. Blutdruckmittel, Antidepressiva), Rauchen, Alkohol. In 70 Prozent ist die Erektionsstörung organischer Natur – z. B. Durchblutungsstörungen besonders bei Rauchern. Immerhin bei 30 Prozent spielt die Psyche eine Rolle: Leistungsangst, Versagensangst.

Man behandelt mit dem Wirkstoff Sildenafil (seit Juli gibt es neben Viagra viele weitere Präparate) oder mit den Medikamenten Levitra und Cialis, ebenso mit Vakuumpumpe, Skat (Schwellkörper-Autoinjektions-Technik) oder Hormonen. Auch psychologische Hilfe erzielt gute Ergebnisse.

Schmerzen beim Sex

Die autonome Neuropathie bei Diabetikerinnen äußert sich dagegen oft in Schmerzen beim Geschlechtsverkehr durch eine trockene Scheide sowie durch Verlust der Libido: keine Lust auf sexuellen Kontakt auch wegen der Schmerzen! Manche Frauen haben auch keinen klitoralen Orgasmus mehr als Ausdruck der Nervenschädigung durch den Diabetes. Auch hier müssen zuerst optimale Blutzuckerwerte erreicht werden. Spezielle Vaginalcremes (Gynäkologe aufsuchen!) helfen zumindest bezüglich der Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und sollen die Schleimhaut positiv beeinflussen.

Blasenentleerungsstörung

Eine normale Harnblase kann 300 bis 600 ml Urin aufnehmen, bis der Drang zum Wasserlassen unerträglich wird. Nervenimpulse, die von der Blase ausgehen, machen dem Menschen bewusst, dass die maximale Füllmenge erreicht ist. Über Nervenfasern aus dem Rückenmark zur Blase kommt es zum Wasserlassen (Miktion) und somit zur Blasenentleerung.

Unter der diabetischen Zystopathie versteht man ein “herabgesetztes Blasenfüllungsgefühl”; die Blasenfüllungsmenge nimmt zu, die Blasenmuskelaktivität nimmt ab. Dies führt schließlich zur Überdehnung der glatten Muskulatur in der Blasenwand, die zuführenden Nervenfasern gehen zugrunde – die Blase kann sich nicht mehr so zusammenziehen, wie sie sollte. Wegen gleichzeitig häufiger urologischer und/oder gynäkologischer Begleiterkrankungen (z. B. Senkung der Gebärmutter) sollte bei entsprechenden Beschwerden unbedingt eine fachurologische bzw. gynäkologische Abklärung erfolgen.

Bei Diabetikern häufiger

Nach einer Befragung von über 4 000 Typ-2-Diabetikern im mittleren Alter von 67 Jahren und einer Diabetesdauer von etwa 9 Jahren haben diese doppelt so häufig Beschwerden im Harntrakt wie Menschen gleichen Alters ohne Diabetes. Etwa 65 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen mit Diabetes hatten Beschwerden – am häufigsten nächtliches und häufiges Wasserlassen; 50 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer hatten eine hyperaktive Blase oder Belastungsinkontinenz.

Was kann man tun?

Die Therapie ist abhängig von Begleiterkrankungen, Infektionen etc. und sollte deshalb nach genauer Untersuchung auch durch Urologen oder Gynäkologen erfolgen; viele Medikamente beeinflussen die Blasentätigkeit und haben Nebenwirkungen. Womöglich ist auch Elektrostimulation (Blasenschrittmacher) sinnvoll oder eine Operation erforderlich. Besprechen Sie mit einem Experten weitere Möglichkeiten (wie “Botulinumtoxininjektion”).

Trockene, rissige Haut an den Füßen

Das Risiko für Geschwüre an den Füßen wird erhöht durch eine verminderte Schweißbildung, damit verbunden oft trockene, eher spröde Haut, vermehrte Hornhaut und Schrundenbildung. Das Risiko ist besonders wegen der oft fehlenden Schmerzen als Warnsymptom hoch – so dass jede Infektion der Ausgangspunkt für eine Amputation sein kann. Therapeutisch haben sich wasserrückfettende Salben mit niedrigem Fettanteil als sinnvoll und nützlich erwiesen.

Bei trockener Haut und entzündlichen Veränderungen bei der Hautuntersuchung (im Mikroskop) werden Steroide (z. B. Kortison) verabreicht. Achtung: Steroide sind blutzuckerwirksam. Bei vermehrter Schweißbildung werden Medikamente verabreicht wie Trizyklika, Amitryptilin, auch Botox – sprechen Sie mit Ihrem Arzt!

Die diabetische Osteoarthropathie ist gekennzeichnet durch Schwellung, Rötung und Überwärmung des Fußes: Sie führt oft zu einer Zerstörung der Fußknochen und Fußgelenke, damit zu einer Instabilität der Gelenke und schließlich zu einer ausgeprägten Fußdeformität mit Druckgeschwüren; das Amputationsrisiko steigt. Ursache ist eine autonome Neuropathie, der Anlass für Komplikationen sind oft zu enge Schuhe mit fehlender Weichbettung.

Das Fazit:

Die autonome Neuropathie der unteren Körperhälfte wird zu selten mit einem schlecht eingestellten Diabetes in Verbindung gebracht. Störungen/Erkrankungen der Blase, der Geschlechtsorgane und der Haut der Füße werden nicht erkannt als Diabetes-Folgeerkrankungen. Zum anderen ist die Behandlung der autonomen Neuropathie meist schwierig; eine rechtzeitige Diagnose bzw. Vorbeugung durch gute Blutzuckereinstellung könnte den Verlauf sehr positiv beeinflussen.


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2013; 62 (11) Seite 40-43

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes-Anker-Podcast: Diabetisches Fußsyndrom – wie können Menschen mit Diabetes ihre Füße schützen, Herr Dr. Zink?
Die Fußgesundheit kann bei Diabetes gefährdet sein, daher benötigen die Füße besonderen Schutz und Achtsamkeit. Wie ein Diabetisches Fußsyndrom erkannt und behandelt wird und was bei einer drohenden Amputation zu tun ist, erklärt der Experte Dr. Karl Zink im Diabetes-Anker-Podcast.
Diabetes-Anker-Podcast: Diabetisches Fußsyndrom – wie können Menschen mit Diabetes ihre Füße schützen, Herr Dr. Zink? | Foto: MedTriX / zVg

2 Minuten

Diabetes-Anker-Podcast: Von der Insulin-Entdeckung zu modernen Diabetes-Therapien – mit Prof. Thomas Forst
Von tierischen Extrakten zu Insulin‑Analoga: In dieser Podcast-Folge beschreibt Prof. Dr. Thomas Forst den Weg von der lebensrettenden Insulin-Entdeckung vor einem Jahrhundert hin zu den modernen Insulin-Therapien sowie zu neuen medikamentösen Optionen bei Typ‑2‑Diabetes.
Diabetes-Anker-Podcast: Von der Insulin-Entdeckung zu modernen Diabetes-Therapien – mit Prof. Thomas Forst | Foto: zVg

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂

  • lena-schmidt postete ein Update vor 1 Monat

    Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 2 Monaten

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas