Runter vom Sofa – aber wie?

5 Minuten

© Geber86 - iStockphoto.com
Runter vom Sofa – aber wie?

Bewegung ist gesund und macht auch Spaß – und dennoch fällt es vielen so schwer, sie regelmäßig in den Alltag einzubauen. Dr. Gerhard-W. Schmeisl hat sich auf die Suche nach guten Gründen gemacht – manche davon sind medizinischer, andere eher psychischer Natur.

Typ-1- und Typ-2-Diabetiker haben beim Sport unterschiedliche Ausgangsbedingungen, sagte Ulrike Thurm (Diabetesberaterin und „Sport-Guru“) bisher oft in Interviews. Das trifft aber nicht mehr uneingeschränkt zu: Wer Typ-1-Diabetes hat, muss nicht nur gut mit Insulin umgehen können, die Dosis beim Sport anpassen und auch lernen, die Kohlenhydrataufnahme abzuschätzen, um sicher Sport treiben zu können.

Manche Typ-1-Diabetiker sind auch übergewichtig und sollten sich auch deswegen regelmäßig bewegen. Ganz so, wie es auch übergewichtigen Typ-2-Diabetikern empfohlen wird …

Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit: Viele Menschen, ob sie nun Diabetes haben oder nicht, sind abends nach der Arbeit oft müde, kaputt, haben keine Lust mehr auf Bewegung – und wollen trotzdem etwas Leckeres essen. Genau wie Typ-2-Diabetiker mit Übergewicht sollten aber auch übergewichtige Typ-1-Diabetiker nicht zu viele Kalorien zu sich nehmen!

Also, egal ob Typ-1- oder Typ-2-Diabetiker: Wie bekommt man erwachsene Menschen dazu, sich wieder mehr zu bewegen, und wie können sie dazu motiviert werden (oder sich selbst dazu motivieren), sich auch regelmäßig zu bewegen und dies beizubehalten?

Bewegung macht Freude. Warum? Das muss jeder selbst herausfinden

Es ist wichtig, für sich selbst herauszufinden, warum es einem längerfristig Freude bereiten könnte, ausdauernder, besser belastbar und somit auch alltagstauglicher zu sein – und das bei zunehmendem Spaß an der Bewegung selbst. Denn nur, was uns Freude macht, lässt uns auch Anstrengendes längerfristig durchhalten – eine Binsenweisheit, aber wahr!

Mögliche Motive für eine ausdauernde und regelmäßige körperliche Tätigkeit

  1. Wer sich regelmäßig bewegt, hat eine bessere Fitness, damit auch eine bessere Gesundheit und somit Aussicht auf ein weniger beschwertes Leben.
  2. Wer fit ist, sieht besser aus, hat einen schlankeren Körper mit mehr sichtbaren Muskeln und weniger Fettpolstern. Das steigert Selbstwertgefühl und Wohlbefinden.
  3. Ein Motiv kann der Wunsch nach einem längeren Leben sein: Die Statistik sagt eindeutig, dass Menschen, die mäßig, aber regelmäßig trainieren, seltener und wenn, dann später Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall) bekommen und dass das Risiko für eine Alzheimer-Demenz sich oft halbiert.
  4. Wer abnimmt – z. B. durch regelmäßige Bewegung – bessert damit viele langfristig negative Parameter:
    • Eine Fettleber geht zurück, was auch die Diabetes-Einstellung verbessert.
    • Das LDL-Cholesterin (verantwortlich für Gefäßschäden) sinkt und das gute HDL-Cholesterin erhöht sich etwas.
    • Der Blutdruck sinkt.
    • Die Insulinresistenz (Insulinunempfindlichkeit) reduziert sich – dadurch wirkt das Insulin besser und die Betazellen, die das Insulin produzieren, werden geschont; Zucker, Fette und Eiweiß werden besser verstoffwechselt, der Blutzucker sinkt.
    • Durch langsamen Muskelaufbau und Fettabbau wird man fitter, das Herz wird entlastet und die Herzfrequenz (und damit auch der Sauerstoffverbrauch!) sinkt. Die Durchblutung der Blutgefäße steigt, die Gefäße reagieren wieder adäquat und können bei Bedarf wieder mehr Blut (also mehr Sauerstoff) befördern (z. B. in die Herzkranzgefäße, Beinarterien).
    • Das Risiko durch Übergewicht für bestimmte Krebsarten und auch chronische Lebererkrankungen (z. B. nicht-alkoholische Fettleber-Entzündung) nimmt stetig ab.
  5. Wer sich durch mehr Bewegung woh­ler fühlt, geht mit dem Gefühl durchs Leben: „Die Zukunft gehört mir!“, statt: „Es geht langsam, aber stetig, abwärts.“

All diese möglichen Gründe, die einen erwachsenen Menschen (z. B. mit Diabetes und Übergewicht) wieder zu mehr Bewegung bringen könnten, sind Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten, an denen wir von der Klinik Saale in Bad Kissingen zum Teil mitgewirkt haben.

Mehr Bewegung bringt handfeste Vorteile

Wer nach sechs bis zehn Stunden im Büro, einer längeren Autofahrt und einem raschen Einkauf mit dem Auto nach Hause zurückkehrt, darf es anschließend nicht beim klassischen Fernsehabend belassen! Mit 400 bis 500 Schritten am Tag – auf mehr kommen die meisten Deutschen nicht – kann man auf Dauer nicht muskulär gesund bleiben. Wünschenswert wären über 2 000 Schritte am Tag.

Schon wer eine Woche krank im Bett liegt, baut etwa 15 Prozent seiner Muskelmasse ab! Genau diese gilt es aber durch Ausdauer- und mäßiges Schnellkraft-Training bis ins hohe Alter zu erhalten. Dadurch werden ganz nebenbei auch Osteoporose (Knochenabbau), Wirbelsäulenschäden, Gelenkprobleme etc. reduziert.

Gartenarbeit und Hausputz sind wichtig – aber sie sind kein Ersatz für ein Herz-Kreislauf- oder Muskeltraining. Nach aktuellen Erkenntnissen sollten wir alle dreimal pro Woche über mindestens 30 bis 50 Minuten so trainieren, dass wir ins Schwitzen kommen. Je besser man trainiert ist, umso weniger schwitzt man später auch schon bei geringer Anstrengung!

Ergänzt werden sollte nach diesen sportmedizinischen Empfehlungen das Ausdauertraining durch ein leichtes Schnellkraft-Training, das mit zunehmendem Alter die Alltagstauglichkeit fördert, weil man z. B. mehr Kraft beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen hat, durch einen eigentlich harmlosen Sturz weniger gefährdet ist und Alltagsgewichte (z. B. Getränkekästen) leichter tragen kann.

Wie sollte ein Trainingsprogramm für Typ-2-Diabetiker aufgebaut sein?

Täglich 20 bis 30 Minuten lang zu trainieren, ist besser, als dreimal pro Woche jeweils eine bis zwei Stunden. Für ein effektives Herz-Kreislauf-Training und damit auch eine entsprechende Verbesserung des Stoffwechsels ist es quasi unerlässlich, die Herzfrequenz zu kontrollieren. Ein Fitness-Armband hilft dabei und fördert die Motivation!

Durch ein Belastungs-EKG kann beim Hausarzt, Sportmediziner oder Kardiologen nach einer einfachen Formel die Trainingsherzfrequenz ermittelt werden. Für Menschen mit Diabetes hat sich die Karvonen-Formel zum Abschätzen einer optimalen Herzfrequenz bewährt.

Für alle untrainierten Menschen gilt, dass sie sich über mehrere Wochen langsam z. B. durch Spaziergänge oder Nordic Walking an ihr persönliches Limit herantasten sollten, um eine Überlastung nicht nur des Herzens, sondern auch von Bändern, Sehnen (z. B. der Achillessehne an der Ferse) und Muskeln zu vermeiden. Insbesondere bei extrem übergewichtigen Personen hat sich – statt Laufen oder Walken – das Fahrradfahren z. B. auf einem Cross-Trainer oder Ellipsen-Trainer bewährt.

Ein Lauftraining kann in begrenztem Umfang durch ein mildes Krafttraining (z. B. mit Ein- bis Zwei-Kilo-Hanteln) ergänzt werden und so zusätzlich zu einem Zuwachs an Muskeln führen. Studien zeigen auch, dass sogar bessere Blutwerte zu erreichen sind, wenn man dreimal täglich 10 Minuten auf dem Ergometer strampelt als einmal 30 Minuten am Stück. Fitness und Kondition bessern sich aber in beiden Fällen.

Ernährung und Sport: Was ist ideal?

Wenn man durch Sport abnehmen möchte, gilt eine andere Ernährungsstrategie als unter dem Aspekt der Leistungssteigerung (Leistungssport). Die richtige Wahl der Lebensmittel und auch der Zeitpunkt des Verzehrs spielen eine große Rolle: Kohlenhydrate (Brot, Nudeln, Reis etc.) führen unmittelbar zum Ausschütten von Insulin. Dadurch kommt es zur Aufnahme von Zucker in die Zellen (vor allem Muskelzellen), gleichzeitig sinkt der Blutzucker ab.

Allerdings hemmt Insulin auch den Fett­abbau aus dem Speicherfett, also den Fettdepots (z. B. Eingeweidefett), es behindert also die Gewichtsabnahme. Um den Fett­abbau zu fördern, werden auch bei moderatem Ausdauertraining eher Kohlenhydrate mit einem niedrigen glyk­ämischen Index (GI) (siehe Tabelle oben) empfohlen, also Nahrungsmittel, die den Blutzucker eher langsam ansteigen lassen.

Wichtig: Nach dem Sport ist der Stoffwechsel noch für einige Stunden gesteigert. Isst man also erst ca. zwei Stunden nach dem Sport etwas, kann man die Fettverbrennung längere Zeit hochhalten und weiter Fett abbauen. Eine Unterzuckerung sollte allerdings vermieden werden!

Fit aus gutem und eigenem Grund

„Bewegung ist die beste Medizin“ – mit dieser einprägsamen Wahrheit können wir uns regelmäßig daran erinnern, dass wir im Alltag allzu schnell wieder in einen nicht sehr bewegungsfreudigen Trott verfallen. Um das zu vermeiden, bedarf es schon einiger Anstrengung.

Den meisten Menschen leuchtet ein, dass regelmäßiges körperliches Training das Wohlbefinden fördert und dazu zahlreiche Risikofaktoren für ein Herz-Kreislauf-Ereignis (Herzinfarkt, Schlaganfall) reduziert, bei Typ-1-Diabetikern auch das Risiko für Schäden an den kleinen Blutgefäßen (Mikroangiopathie) durch eine optimale und gleichmäßigere Blutzuckereinstellung.

Die Schwierigkeit liegt darin, einen Kick zu bekommen, es wieder mit mehr Bewegung zu versuchen. Diese auf jeden Einzelnen zugeschnittene Motivation ist ausschlaggebend. Jeder hat andere Wünsche für sein und Vorstellungen von seinem Leben – aber zum Leben gehört schon immer Bewegung, und körperlich Aktive erkranken seltener und leben auch länger! Wenn man es geschafft hat, (wieder) ein bewegtes Leben zu führen, bemerkt man oft erst, wie gut es einem tut.

Moderne Programme (z. B. DiSkO) oder auch eine Tanzgymnastik wie Zumba helfen Ihnen eventuell dabei. Suchen Sie Ihren eigenen Motivationsgrund für mehr Bewegung – es lohnt sich!


von Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist/Angiologe/Diabetologe/Sozialmedizin, Chefarzt Deegenbergklinik
sowie Chefarzt Diabetologie Klinik Saale (DRV-Bund)

Deegenbergklinik, Burgstraße 21,
97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 21-0, E-Mail: schmeisl@deegenberg.de

Klinik Saale, Pfaffstraße 10,
97688 Bad Kissingen, Tel.: 09 71/8 5-01

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (10) Seite 30-33

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Fachverbände vermissen in geplantem Digital-Gesetz für den Gesundheitsbereich Regelungen fürs digitale DMP
Medizinische Fachkraft in Schutzkleidung hält ein Tablet; darüber sind digitale Darstellungen von Organen, Blut- und DNA-Tests sowie weiteren Gesundheitsdaten eingeblendet.

2 Minuten

Forschungsprojekt untersucht Dipeptide bei Diabetes: Bieten Eiweißbausteine Schutz vor Gefäß- und Nierenschäden?
Die beiden Forschenden Professorin Dr. Verena Peters und Professor Dr. Claus P. Schmitt stehen in weißen Laborkitteln vor einem Computer-Bildschirm und betrachten gemeinsam die Darstellung einer mikroskopischen Zellaufnahme; Prof. Schmidt zeigt auf den Monitor, während Prof. Peters die Maus bedient.

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 4 Wochen

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße