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SGLT-2-Hemmer: Mit Hilfe der Niere den Blutzucker regulieren
4 Minuten

Viele Menschen, die Diabetes haben, fürchten Folgeerkrankungen, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Neue Therapiekonzepte sind willkommen – eines von Ihnen setzt an der Niere an! Wir beschreiben ein einzigartiges Wirkprinzip der SGLT-2-Hemmer.
Etwa 75 Prozent der ungefähr 8 Mio. diagnostizierten Diabetiker in Deutschland haben ein Risiko, diabetesspezifische Schäden an den großen und kleinen Gefäßen (Mikro- und Makroangiopathie) zu bekommen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigsten Folgen des Diabetes. Demnach sollte man gerade beim Typ-2-Diabetes darauf achten, dass der Diabetes gut eingestellt ist.
Bisher unbefriedigend
Die bisherige medikamentöse Behandlung des Typ-2-Diabetes zeigt nicht immer befriedigende Ergebnisse; neue Therapiekonzepte sind willkommen. Vor allem solche, die die vielen verschiedenen Erkrankungen (Multimorbidität) der immer älteren Patienten berücksichtigen.
Nach den Daten der Studie DIG (Diabetes in Germany) über 4 Jahre hat sich die Blutzuckereinstellung der Patienten mit Diabetes in Deutschland trotz der Behandlungsprogramme für chronisch Kranke (DMPs) nicht wesentlich gebessert. Deshalb sind gerade neue Therapiekonzepte gefragt, die nicht zu einer Gewichtszunahme und nicht zu mehr Unterzuckerungen führen und längerfristig eine Verbesserung der Stoffwechselsituation ermöglichen!
Fokus auf die Niere
In dem Zusammenhang ist der Fokus des Interesses in den letzten Jahren auf die Niere gefallen. Die Nieren tragen nämlich bei Diabetikern wesentlich dazu bei, dass aufgenommene Energie im Körper bleibt – mit der Folge einer Gewichtszunahme. Studien der letzten Jahre zeigen die große Rolle der Nieren bei der Glukoseproduktion und ihrer aktiven Beteiligung am Übergewicht! Die Nieren spielen auch eine wichtige Rolle im Glukosehaushalt und dessen Stabilisierung. Man weiß:
- Die Nieren produzieren selbst Glukose – vor allem in der Nierenrinde (Glukoneogenese, Zuckerneubildung).
- Die Niere verwertet selbst auch Glukose – speziell im Nierenmark.
- Die Niere filtert Glukose über die Nierenglomeruli und rückresorbiert sie in den Nierentubuli, nimmt sie also dort wieder auf.
Die Glukose-Lieferanten
Die Leber ist somit nicht der alleinige Glukoselieferant zur Aufrechterhaltung des Blutzuckers. Die Niere liefert im Nüchternzustand etwa 25 Prozent des Blutzuckers durch echte Neubildung (Glukoneogenese). Leber und Niere haben im Nüchternzustand etwa den gleichen Anteil an der durch Neubildung entstandenen Blutglukose. Nach dem Essen (postprandial) sinkt der Anteil der Leber um 82 Prozent; die Nieren verdoppeln ihren Anteil dann und sind für 60 Prozent der eigenproduzierten Glukose verantwortlich.
Die Niere ist auch verantwortlich für die Aufrechterhaltung einer gleichmäßigen Blutzuckerkonzentration – durch regelmäßige Filtration und Rückresorption von Glukose aus dem Filtrat (glomeruläre Filtration).
Jeder gesunde Mensch produziert im Schnitt etwa 180 bis 200 Liter Primärharn pro 24 Stunden in den Nieren; 1 bis 2 Liter werden pro Tag schließlich über den Urin ausgeschieden. Im Primärharn sind etwa 180 g Glukose (Traubenzucker) enthalten; 90 Prozent davon werden in den Blutkreislauf zurückgewonnen – durch ein Eiweiß: den Natrium-Glukose-Transporter 2 (SGLT-2). Die restlichen 10 Prozent des bereits filtrierten Zuckers werden vom Eiweiß SGLT-1 rückresorbiert (siehe Grafik nächste Seite).
Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes haben chronischen Überzucker. Trotzdem wird interessanterweise und fatalerweise SGLT-2 sogar verstärkt gebildet! Das führt sogar zu einer noch stärkeren Zuckerwiederaufnahme (-rückresorption) und treibt den bereits erhöhten Blutzucker nochmals in die Höhe!
SGLT-2-Hemmer: Zucker wird über Urin ausgeschieden
SGLT-2-Hemmer sind neue Medikamente, die die Rückresorption des bereits in der Niere für die Ausscheidung über den Urin vorgesehenen Zuckers reduzieren, so dass dieser Zucker doch über den Urin ausgeschieden wird. Dadurch sinken Blutzuckerkonzentration und Gewicht.
Die Hemmung der Rückresorption von Zucker in den Nieren ist als Therapieansatz nicht neu: Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Phlorizin eingesetzt – ein Mittel aus der Baumrinde des Apfelbaumes. Behandelt wurden Fieber und Infektionskrankheiten, insbesondere Malaria. Der Forscher Joseph von Mering konnte im Jahr 1886 erstmals zeigen, dass die Substanz auch die Ausscheidung von Zucker im Urin verursacht.
Die Substanz hat in ihrer Urform leider die Unart, dass sie zusätzlich zu Durchfall führt: Denn neben dem SGLT-2 hemmt das Mittel auch den Transporter SGLT-1 in Niere und Darm – wodurch Durchfall ausgelöst wird. SGLT-2 verursacht auch im Dünndarm die Rückresorption von Zucker.
Dapagliflozin, ein spezifischer SGLT-2-Hemmer, wurde aus dem ursprünglichen Phlorizin-Molekül entwickelt, wobei die Hälfte der Substanz bereits nach 17 Stunden wieder aus dem Körper verschwunden ist. Nach Studien wird das HbA1c im Mittel um etwa 0,7 Prozent gesenkt, angeblich sinkt auch der Blutdruck etwas.
Täglicher Energieverlust
Und in einer aktuellen Studie über 3 Monate mit Typ-2-Diabetikern kam es zu einer mäßigen Ausscheidung von Zucker im Urin zwischen 52 und 85 g/Tag, was einem täglichen Energieverlust von etwa 300 kcal entspricht. Die Patienten nahmen in den 3 Monaten der Studie zwischen 1,3 und 2 kg an Gewicht ab.
Test auch mit Insulin
Die neue Substanz wurde auch bei Patienten getestet, die bereits mit Insulin behandelt werden: Auch in dieser Gruppe sank der HbA1c-Wert im Mittel um 0,7 Prozent, die Patienten nahmen deutlich an Gewicht ab. Nach den Studien werden sowohl die Nüchtern- als auch die Blutzuckerwerte nach dem Essen verbessert.
Die SGLT-2-Hemmer beeinflussen nicht die normale eigene Zuckerproduktion (Leber, Niere) – sie entfalten ihren Effekt unabhängig von der Insulinsekretion und -wirkung.
Teils Entzündungen
Sie senken also insulinunabhängig die Blutzuckerkonzentration, haben allerdings in den Studien auch zu einer höheren Rate an Harnwegsinfekten bzw. Scheidenentzündungen geführt, was vor allem bei der Langzeittherapie berücksichtigt werden muss. Infektionen im Genitalbereich kommen unter Dapagliflozin in 4,8 Prozent, unter Placebo (Scheinmedikament) in 0,9 Prozent vor. Harnwegsinfekte treten unter Dapagliflozin bei 4,3 Prozent, unter Placebo bei 3,7 Prozent auf.
Vielversprechend
Die meisten Typ-2-Diabetiker scheiden ohnehin vermehrt Zucker im Urin aus; dies wird durch die Behandlung mit einem SGLT-2-Hemmer noch verstärkt – also muss insbesondere bei der Langzeitbehandlung beobachtet werden, ob es zu gehäuften bakteriellen oder Pilzinfektionen kommt. Langzeitdaten gibt es bisher nicht für SGLT-2-Hemmer. Aufgrund ihres einzigartigen Wirkprinzips haben sie jedoch das Potential, eine vielversprechende Therapie in Tablettenform zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zu werden.
Insbesondere die insulinunabhängige Blutzuckersenkung ist sinnvoll sowie die Möglichkeit einer Kombination mit allen anderen bereits für die Diabetesbehandlung verfügbaren Tabletten und mit Insulin. Und:
Vorteil Gewichtsabnahme
Es kommt eher zu einer Gewichtsabnahme als zur Gewichtszunahme – das ist gerade bei Typ-2-Diabetikern unheimlich wichtig! Ob dieses neue Wirkprinzip irgendwann bei Typ-1-Diabetikern eingesetzt werden wird, z. B. zur Senkung der Blutzuckerspitzen nach dem Essen, bleibt abzuwarten. Studien sind offenbar geplant.
Abschließend bleibt zu vermerken, dass die neuen SGLT-2-Hemmer nicht primär zur Gewichtsreduktion, sondern zur Behandlung eines Diabetes eingesetzt werden. Basismaßnahmen wie regelmäßige Bewegung und “vernünftige Ernährung” bleiben die Eckpfeiler einer Diabetestherapie beim Typ-2-Diabetes!
Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2013; 62 (09) Seite 38-41
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thomas55 postete ein Update vor 1 Monat, 3 Wochen
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomas





