- Behandlung
Steckt Diabetes in den Knochen?
2 Minuten
Als wäre der Diabetes allein nicht schon Belastung genug: Diabetiker erkranken häufiger an Osteoporose als Menschen ohne Diabetes. Glukosestoffwechsel auf der einen Seite und Knochenstoffwechsel auf der anderen Seite – lange Zeit stand ein Zusammenhang beider Erkrankungen nicht im Fokus. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben die Sichtweise verändert.
Damit Knochen nicht brechen, stabil und gesund bleiben, müssen sie stark sein. Knochenstärke ist abhängig von zwei wichtigen Faktoren: der Knochenmasse und der Knochenqualität. Ein stetiger Auf- und Abbau der Knochen durch Osteoblasten (“Knochenaufbauer”) und Osteoklasten (“Knochenabbauer”) trägt zur Stabilität bei.
Die Regulierung des Knochenstoffwechsels wird beeinflusst durch Hormone, durch Botenstoffe, mechanische Belastung und nicht zuletzt auch durch genetische Veranlagung. Liegt gleichzeitig ein Diabetes mellitus vor, ergeben sich vielfältige Wechselwirkungen zwischen Glukose- und Knochenstoffwechsel, die gegenwärtig nur unvollständig verstanden werden.
Forschungen der letzten Jahre zeigen aber, dass nicht – wie lange bekannt – nur Menschen mit Typ-1-Diabetes ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche haben, sondern auch Patienten mit Typ-2-Diabetes. Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes ist das Risiko für Knochenbrüche im Vergleich zu Menschen ohne Diabetes etwa 6-fach erhöht, mit Typ-2-Diabetes ist das Risiko immerhin noch etwa doppelt so hoch. Interessant:
Diabetestypen: wichtige Unterschiede!
Bei Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes finden sich unterschiedliche Veränderungen der Knochenstruktur: Typ-1-Diabetiker haben bereits als junge Erwachsene eine verminderte Knochendichte im Vergleich zu Stoffwechselgesunden; Typ-2-Diabetiker haben oftmals eine normale oder sogar leicht erhöhte Knochendichte, jedoch eine verminderte Stabilität des Knochens. Sprich: Typ-2-Diabetiker haben trotz unauffälliger Knochendichtemessung ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche.
Erklärt die verminderte Stabilität des Knochens das erhöhte Knochenbruchrisiko bei Typ-2-Diabetikern ausreichend? Sicher nicht: Viele Untersuchungen zeigen, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes vermehrt stürzen. Das Risiko steigt mit dem Alter und der Diabetesdauer.
Folgeerkrankungen an den Augen und Nerven können zu einer Gangunsicherheit führen, Blutdruck- und natürlich auch Blutzuckerschwankungen erhöhen das Sturzrisiko (s. Tab. 1). Auch wenn die wissenschaftliche Datenlage in dieser Frage nicht ganz eindeutig ist, spricht vieles dafür, dass erhöhte Zuckerwerte die Knochen schädigen. Unterzuckerungen sind beim Erreichen einer normnahen Stoffwechseleinstellung aber unbedingt zu vermeiden.
Tab.1: Risikofaktoren für osteoporotische Knochenbrüche bei Diabetes:
- fortgeschrittenes Alter
- lange Diabetesdauer
- schlechte Stoffwechseleinstellung
- Blutzuckerschwankungen
- erhöhtes Unterzuckerungsrisiko
- diabetische Nervenerkrankung
- diabetische Nierenerkrankung
- diabetische Augenerkrankung
- diabetischer Fuß
- Funktionseinschränkungen der großen Gelenke
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Diabetesmedikation (s. Tab. 2)
- Begleitmedikation (s. Tab. 3)
- Insulintherapie
Obwohl Insulin als anabole (“aufbauende”) Substanz die Knochenneubildung stimuliert, hat man in einigen Studien ein erhöhtes Knochenbruchrisiko bei insulinbehandelten Patienten festgestellt. Als Grund hierfür nimmt man Stürze im Rahmen von Unterzuckerungen unter der Insulintherapie an.
Einfluss anderer blutzuckersenkender Medikamente auf die Knochen?
Metformin weist einen neutralen, in einigen Untersuchungen sogar positiven Effekt auf den Knochenstoffwechsel und das Knochenbruchrisiko auf. Da zudem kein relevantes Unterzuckerungsrisiko besteht, ist Metformin unter Beachtung der Gegenanzeigen sicherlich für viele Typ-2-Diabetiker mit gleichzeitiger Osteoporose eine sinnvolle Therapieoption.
Ähnlich verhält es sich für die Substanzgruppe der DPP-4-Hemmer (Medikamente wie Januvia, Xelevia, Onglyza). Auch hier konnte eine Reduktion des Knochenbruchrisikos nachgewiesen werden.
| Substanzklasse | Knochenbruchrisiko (Details siehe Text) |
| Biguanide/Metformin | neutral bis erniedrigt |
| Sulfonylharnstoffe | erniedrigt |
| Glitazone | erhöht |
| DPP-4-Hemmer | neutral bis erniedrigt |
| GLP-1-Agonisten | unterschiedliche Daten, erniedrigt und erhöht |
| SGLT-2-Hemmer | erhöht |
Kritischer ist der Einsatz der Sulfonylharnstoffe (u. a. Glibenclamid, Glimepirid): Studien zeigen zwar ein vermindertes Knochenbruchrisiko unter der Therapie – das Unterzuckerungsrisiko im Alltag mit einhergehender Sturzgefahr gerade älterer Menschen begrenzt den Einsatz der Substanzen jedoch sehr. Unter der Behandlung mit Glitazonen (Actos) findet sich nachweislich ein erhöhtes Frakturrisiko.
Die Daten zur Knochengesundheit der GLP-1-Agonisten (Medikamente wie Bydureon, Byetta, Victoza, Trulicity) sind nicht einheitlich. In Abhängigkeit von den untersuchten Substanzen sind sowohl eindrucksvolle Verringerungen wie auch Anstiege der Knochenbruchraten erhoben worden. Für eine endgültige Einschätzung bedarf es noch weiterer Studien.
SGLT-2-Hemmer (Jardiance, Forxiga, Invokana) sind am kürzesten auf dem Markt. Unter Behandlung mit Jardiance und Invokana (gibt es in Deutschland nicht mehr) konnte eine deutliche Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgewiesen werden, es kam aber zu mehr Knochenbrüchen. Der genaue Mechanismus ist noch nicht geklärt; auch Jardiance und Forxiga wird man also bei Patienten mit Osteoporose nur nach kritischer Risiko-Nutzen-Abwägung einsetzen (s. Tab. 2).
Auch Begleiterkrankungsmedikamente haben Einfluss auf Knochen
Der Diabetes kommt selten allein: Meist bestehen Begleiterkrankungen, die oft eine medikamentöse Therapie erforderlich machen; einige der Medikamente schwächen den Knochen oder erhöhen das Risiko für Knochenbrüche (s. Tab. 2). Wechselwirkungen der Medikamente untereinander können zudem die Nebenwirkungen verstärken.
Tab. 3: Sonstige Medikamente, die den Knochen schwächen oder das Knochenbruchrisiko erhöhen
- Glukokortikoide (zur Entzündungshemmung)
- Antidepressiva (bei Depressionen)
- Heparine (zur Thrombosevorbeugung)
- Antiepileptika (bei Anfallsleiden)
- Protonenpumpenhemmer (bei Magenschmerzen)
- Opiate (bei Schmerzen)
- Sedativa (zur Beruhigung)
- Schleifendiuretika (zur Entwässerung)
Für einige Blutdruckmedikamente (Thiaziddiuretika, ACE-Hemmer, Betablocker) ist eine positive Beeinflussung des Knochenstoffwechsels beschrieben. Natürlich gilt es, gemeinsam mit dem Arzt die Begleitmedikation im Auge zu behalten. Aber: Nur jeder fünfte Osteoporose-Patient in Deutschland erhält die bei Osteoporose erforderlichen Arzneimittel.
Das Fazit
Auch wenn bereits viele Medikamente, eingenommen werden, ist bei klarer Indikation eine zusätzliche Behandlung mit entsprechenden Medikamenten zur besseren Knochengesundheit nötig. Vorbeugung, Diagnostik und Therapie der Osteoporose richten sich auch bei Diabetikern nach den allgemeinen Empfehlungen. Diabetes mellitus und Osteoporose sind nicht isoliert zu betrachten. Diabetesfolgen an Augen und Nerven, begleitende Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Medikation tragen zum erhöhten Sturzrisiko bei.
Das Knochenbruchrisiko ist bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes erhöht. Typischerweise macht sich die Osteoporose oft erst durch Knochenbrüche bemerkbar. Wichtig ist also, frühzeitig weitere Risiken zu erfassen und sie konsequent zu behandeln.
- Osteoporose – eine unterschätzte Erkrankung
- Osteoporose: Wie kann ich selbst aktiv vorbeugen?
- Steckt Diabetes in den Knochen?
von Dr. med. Meinolf Behrens
Arzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG, Sport- und Ernährungsmedizin
Diabeteszentrum Minden
E-Mail: mb@diabetes-minden.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (2) Seite 27-29
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schubidu postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Tag, 22 Stunden
Hallo zusammen,
ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus! -
stephanie-haack postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 3 Wochen, 2 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.
@calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!
@uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
Liebe Grüße