Vor den Erfolg setzen die Götter den Schweiß

4 Minuten

Vor den Erfolg setzen die Götter den Schweiß

Im letzten Artikel des Titelthemas geht es um die Therapie der Hyperhidrosis. Hier gilt für Patient und Arzt im übertragenen Sinn: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Der Arzt muss wissen, welche Hyperhidrosis-Form vorliegt – und der Behandelte braucht Geduld, Vertrauen und auch Mut.

Für Patienten mit einer vermehrten Schweißneigung gelten ganz generell einige allgemeine und hygienische Maßnahmen:

  • Genussgifte meiden oder reduzieren: Kaffee, Tee, Alkohol, Cola, Nikotin, ebenso scharfe Gewürze
  • heiße Speisen und Getränke meiden
  • die Kleidung sollte keine schweißhemmenden Kunstfasern enthalten, sondern vorwiegend aus Baumwolle, Leinen, Viskose und Wolle bestehen
  • bei den Schuhen sollten Gummi-, Kunststoff- oder Holzsohlen vermieden werden; Priorität haben Schuhe, die im Oberleder und auch bei der Sohle Leder verwenden
  • die Socken sollten aus kochbarer Baumwolle bestehen und täglich gewechselt werden
  • die gesamte Hautsollte täglich mit Syndet oder Deoseife gewaschen und es sollten die Axillar- und Genitalhaare regelmäßig entfernt werden
  • großzügiger Gebrauch von Deodorants; Deodorants enthalten als wesentliche Bestandteile Parfümöle, antiseptische Zusätze und Geruchs-Absorber und überdecken damit den Schweißgeruch
  • zur Ökonomisierung der Schweißsekretion: regelmäßiger Ausdauersport und Saunabesuche

Entspannung und Psychotherapie …

Bei Patienten mit einer emotionalen Hyperhidrosis sind Entspannungsverfahren und psychotherapeutische Methoden Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie. Psychopharmaka zur Beruhigung und Entspannung sind dagegen nicht angezeigt. Ob Antidepressiva bei einer schweren emotionalen Hyperhidrosis zur Anwendung kommen sollten, ist umstritten und kann nur die Ausnahme bleiben.

… eventuell Gewicht reduzieren, Sauna

Bei der temperaturregulierenden Hyperhidrosisgilt es, möglicherweise vorhandenes Übergewicht zu reduzieren, um die Wärmedämmung durch das dickere subkutane Fettgewebe zu verringern. Menschen mit diesem Problem profitieren vor allem von regelmäßigem Ausdauersport und Saunabesuchen (einmal pro Woche).

Bei der Lokaltherapie kommen Gerbstoffe, Metalle und auch Formaldehyd zur Anwendung. Alle diese Präparate haben die Gemeinsamkeit, dass sie stark schweißhemmend wirken, indem sie die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen durch Eiweißgerinnung verschließen.

Rezeptur 1
Wässrige Aluminiumchlorid-Hexahydrat- Lösung 10 %Aluminiumchlorid-Hexahydrat10,0 ggereinigtes Wasser/Aqua purificata auffüllen bis100 g

Rezeptur 2
Aluminiumchlorid-Hexahydrat-Gel 10 %Aluminium-Hexahydrat10,0 gHydroxyethylzellulose 4005,0 ggereinigtes Wasser/Aqua purifcat auffüllen bis100 gBei Hyperhidrosis axillaris abends vor dem Schlafengehen aufpinseln, nach Besserung der Hyperhidrosis bei Bedarf.

Wer sehr stark unter den Achseln schwitzt, sollte die schweißhemmenden Substanzen (Antitranspiranzien) zur Nacht auftragen, da die Schweißsekretion bei der emotionalen Hyperhidrosis in der Tiefschlafphase aufgehoben ist. Zwei von uns verwendete Rezepturen finden Sie rechts.

Auch wir wissen, dass die Aluminiumpräparate in letzter Zeit wegen ihrer Nähe zu Brustkrebs und Alzheimer-Krankheit in die Kritik gekommen sind; aber da wir bei der axillären Hyperhidrosis eine schlagartige Besserung durch Einsatz obiger Aluminiumrezeptur beobachten und in der Regel schnell auf die 1-mal wöchentliche Anwendung umsteigen können (eine dauerhafte tägliche Anwendung entfällt also), halten wir obige Risiken für kalkulierbar.

Wirkungsvolle Präparate … mit Nebenwirkungen

Bei der im gesamten Körper ansetzenden Therapie werden pflanzliche Präparate (Sweatosan) und Präparate wie Sormodren und Vagantin verordnet. Das Salbeipräparat Sweatosan wird nur bei einer milden Hyperhidrosis empfohlen, da es bei stärkerem Schwitzen Patienten in seiner Wirkung eher enttäuscht. Sormodren und Vagantin sind Anticholinergika: Sie hemmen die Wirkung des Transmitters Acetylcholin – die Schweißdrüsen werden also weniger von den Nerven angeregt. Sie sind deshalb bei jeder schweren Form der Hyperhidrosis sehr wirksam.

Die Präparate beeinflussen aber auch die Speichel- und Tränensekretion und gehen gelegentlich mit Anpassungsstörungen der Pupillen und mit vielen anderen, teils sehr unangenehmen Nebenwirkungen einher. Sie müssen einschleichend gegeben werden. Damit kann die Verträglichkeit deutlich gesteigert werden. Bei Störungen der Blasentätigkeit, Herzrhythmusstörungen und einem Glaukom darf man diese Präparate nicht nehmen.

Gegen schwitzende Hände und Füße

Die Domäne in der Therapie der Hyperhidrosis der Hände und der Füße ist die Leitungswasser-Iontophorese (großes Foto Seite 27). Hände und Füße werden auf flache, mit lauwarmem Wasser benetzte Elektroden in zwei Wannen gelegt. Über diese Elektroden fließt bei der Behandlung ein schwacher Gleichstrom (Hände ca. 10 – 15 mA und Füße 20 – 25 mA). Der Patient empfindet bei ordnungsgemäßer Anwendung meist nur ein Kribbeln/Prickeln an den Händen oder Füßen.

Eine Besserung der Beschwerden kann unter dieser Therapie bei mehr als zwei Drittel der Patienten erwartet werden. Auch die Behandlung von Kindern (aber nicht unter 6 Jahren) ist möglich. Wer eine Spirale (Empfängnisverhütung), Fremdmaterial nach Knochenbrüchen oder einen Herzschrittmacher in sich trägt, darf die Therapie nicht machen.

Star in der Behandlung: Botulinumtoxin A

Star in der Behandlung des örtlich starken Schwitzens in Achselhöhlen, an Füßen, Händen und Stirn ist die Injektion von Botulinumtoxin A: Dadurch wird die Ausschüttung von Acetylcholin verhindert – und somit die durch Nerven übertragene Stimulation der Schweißdrüsen unterbrochen. Die Wirkung des Botulinumtoxins setzt um den 3. Tag nach Zuführung ein. An den Schweißdrüsen der aufgeführten Körperregionen hält der Effekt 6 bis 12 Monate an. Bei Schwitzen durch bestimmte Nahrungsmittel wirkt Botulinumtoxin länger. Nach Abklingen des Effektes sind weitere Injektionen notwendig.

Die Nebenwirkungsrate dieser Injektionstherapie ist bei sachgerechter Anwendung gering. Eine vorübergehende Muskelschwäche ist möglich, wenn das Präparat in Muskelnähe zugeführt wird. Sind z. B. kleine Handmuskeln betroffen, so ergeben sich Probleme bei der Feinmotorik. Einzelheiten der Therapieform müssen im Vorfeld mit dem erfahrenen behandelnden Arzt besprochen werden.

Operative Therapie der Hyperhidrosis

Auf die operative Therapie der Hyperhidrosis kann nur am Rande eingegangen werden: Sie ist für die schwersten Formen der Hyperhidrosis reserviert, die sich anderen Therapieoptionen verschlossen haben und bei denen ein sehr hoher Leidensdruck der Patienten besteht.

Zu nennen sind die subkutane Schweißdrüsenentfernung durch Fettabsaugung (Liposuktion) und Abschabung der Schweißdrüsen (Schweißdrüsenkurettage), das Herausoperieren der Schweißdrüsen (Schweißdrüsenexzision) und die Ausschaltung der Nervenversorgung der Schweißdrüsen durch Blockade von Nervenknoten entlang der Wirbelsäule.

Und zum Schluss berichten wir Ihnen noch, wie die Geschichten unseres Musikers, der Lehrerin und des Kochs ausgingen:

Der Musiker

Die emotionale Hyperhidrosis des Musikers haben wir mit einer Leitungswasser-Iontophorese der Hände und psychotherapeutisch behandelt. Nachdem er erkannt hatte, dass bei ihm eine “Angststörung der Hände” vorlag, ergab sich der dauerhafte Erfolg durch ein klärendes Gespräch mit seinem neuen Chefdirigenten.


Die Ex-Lehrerin

Die kompensatorische Hyperhidrosis der Lehrerin haben wir erstaunlicherweise mit einem Salbeipräparat bessern können. Eine niedrigdosierte Behandlung mit den im Text beschriebenen Anticholinergika hat sie nicht vertragen, sie bekam Nebenwirkungen. Darüber hinaus konnten wir sie zu einem altersgerechten Ausdauersport überreden. Und regelmäßige Saunagänge im unteren Temperaturniveau haben sie mit den Besonderheiten ihrer Schweißsekretion vertraut gemacht und versöhnt.


Der Koch

Den Koch haben wir bewegen können, sein Gewicht zu reduzieren und mit einem Ausdauertraining zu beginnen. Damit konnten wir den temperaturregulierenden Anteil seiner Hyperhidrosis bessern. Eine Behandlung mit einem Anticholinergikum entfiel, da bei ihm eine Vergrößerung der Prostata bekannt war. Den konditionierten Anteil seines gustatorischen Schwitzens wollten wir durch eine Verhaltenstherapie beeinflussen; leider war er nicht zu dieser Therapie bereit.

Wir veranlassten deshalb eine Behandlung mit Botulinumtoxin A im Stirnbereich. Danach besserte sich sein vermehrtes Schwitzen auf der Stirn über mehrere Monate deutlich. Er wollte sich jedoch nicht dauerhaft Wiederholungsinjektionen mit Botulinumtoxin A unterziehen, so dass er letztlich seinen Beruf aufgab. Inzwischen hat er eine Umschulung durchlaufen und ist Lkw-Fahrer bei einer großen Spedition.

Schwerpunkt: Tabuthema Schwitzen

von Prof. Dr. med. Reinhard Zick
Medicover Osnabrück
Möserstrasse. 4a
49074 Osnabrück
der.chef@mac.com

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (1) Seite 27-29

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Rezept für Gratinierte Sommer-Früchte
Sommer auf dem Grill: Aprikosen und Nektarinen werden mit Zitronensaft und Rosmarin aromatisiert, mit Camembert überbacken und in nur 20 Minuten servierfertig. Mit Nährwerten pro Portion eignet sich das Dessert auch für die diabetesbewusste Küche.
Rezept für Gratinierte Sommer-Früchte | Foto: MedTriX / Bernhard und Gabi Kölsch

2 Minuten

Kinderbuch-Autorin Samira Firoziboyaghchi: Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg
Samira Firoziboyaghchi wuchs im Iran auf und bekam als junge Frau Typ-1-Diabetes. Inzwischen lebt sie in Deutschland. Ihr Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg. Auch deshalb hat sie das Kinderbuch „Mira und der blaue Drache“ geschrieben, dass Kindern mit Diabetes Mut machen und Stärke geben soll.
Kinderbuch-Autorin Samira Firoziboyaghchi: Diabetes stärkte sie auf ihrem Lebensweg | Foto: privat

8 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

Verbände