Vorteile und Probleme: Wochen-Insulin bei älteren Menschen

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Vorteile und Probleme: Wochen-Insulin bei älteren Menschen | Foto: Halfpoint – stock.adobe.com
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Vorteile und Probleme: Wochen-Insulin bei älteren Menschen

Es gibt jetzt neue Insuline, die eine ganze Woche lang wirken. Das könnte gerade bei älteren Menschen mit Diabetes von Vorteil sein, da es die Therapie vereinfacht. Es gibt aber auch mögliche Probleme, die durch den Einsatz von Wochen-Insulin bei dieser Patientengruppe entstehen können, wie PD Dr. Anke Bahrmann berichtet.

Es klingt für manchen älteren Menschen mit Diabetes verlockend, nur einmal in der Woche eine Insulinspritze zu benötigen. Behandlungen mit wöchentlichem Insulin sind ein neues Konzept in der Behandlung von Diabetes, insbesondere bei älteren Menschen. Bereits in Deutschland verfügbar ist Insulin icodec des Unternehmens Novo Nordisk. In der Pipeline des Unternehmens Lilly befindet sich Insulin efsitora alfa.

Die ONWARDS-6-Studie mit 65-jährigen und älteren Menschen mit Diabetes konnte zeigen, dass wöchentliches Insulin icodec vergleichbar die HbA1c-Werte senkte wie täglich gespritztes lang wirksames Insulin – und dies bei ähnlicher Sicherheit. Für Insulin efsitora alfa liegen noch keine Studien speziell für alte Menschen vor.

Auf einen Blick: Wochen-Insulin bei Älteren

  1. Alte Menschen mit Einschränkungen der Beweglichkeit, vor allem in den Fingern, können von einem Wocheninsulin profitieren.
  2. Treten Unterzuckerungen auf, können diese wegen der längeren Wirkdauer des Insulins ebenfalls länger dauern. Schnelle Dosisanpassungen sind nicht möglich.
  3. Bei Vergesslichkeit sind Wocheninsuline nicht geeignet, da häufig Mahlzeiten ausgelassen werden.

Vorteile bei eingeschränkter Beweglichkeit

Die Therapie mit einem wöchentlich zu spritzenden Insulin kann Vorteile bieten. Dies kann unter anderem bei feinmotorischen Schwierigkeiten älterer Menschen, z.B. durch Arthrose der Fingergelenke, oder bei Pflegebedürftigkeit hilfreich sein.

Möglicherweise kann bei Vergesslichkeit eine höhere Therapietreue erreicht werden, da das Insulin nur einmal in der Woche gespritzt werden muss. Das Vereinfachen der Behandlung ist in Pflege-Einrichtungen oder bei häuslicher Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst attraktiv. Weniger Injektionen können eine höhere Lebensqualität bedeuten.

Pflegedienst kommt seltener

Allerdings ist für manche sehr alte Menschen der tägliche Kontakt mit dem ambulanten Pflegedienst der einzige menschliche Kontakt, besonders, wenn keine An- oder Zugehörigen existieren. Soziale Isolation bzw. Vereinsamung ist ein großes Problem der alternden Gesellschaft, sodass hier auch individuell bedacht werden sollte, was das persönliche Behandlungsziel der Betroffenen ist.

Mehr zum Thema auf dem Diabetes-Anker

Insulintherapie bei älteren und alten Menschen

Unterzuckerungen sind seltener, dauern aber länger an

Das Risiko für Unterzuckerungen (Hypoglykämien) ist mit Insulin icodec bei Menschen mit Typ-2-Diabetes in Studien vergleichbar mit täglich gespritztem lang wirksamem Insulin. Im Fall einer Überdosierung kann aber aufgrund der längeren Wirkdauer die Hypoglykämie länger anhalten.

Dies ist besonders bei alten Menschen mit unregelmäßiger Nahrungsaufnahme gefährlich. Der Appetit im Alter lässt nach und Mahlzeiten werden oft nicht aufgegessen. Tritt zunehmend Vergesslichkeit auf, wird eine Mahlzeit ganz ausgelassen und, wenn überhaupt, zu unterschiedlichen Zeiten gegessen.

Im Alltag sehen Fachärztinnen und -ärzte für Altersmedizin (Geriatrie) lang dauernde Hypoglykämien auch als schwerwiegenden Aufnahmegrund im Krankenhaus und warnen vor einem Einsatz eines Wocheninsulins bei älteren Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen (Multimorbidität). Der Vorteil, dass das Insulin weniger vergessen wird, ergibt sich also nur bei Patienten, die regelmäßige Mahlzeiten einhalten und nicht vergessen zu essen.

Aufgrund der Wirkweise ist das Wocheninsulin bei Menschen mit Demenz deshalb keine Option. Besonders bei multimorbiden Patienten über 80 Jahren sind die Studiendaten allerdings bisher sehr begrenzt.

Schnelles Anpassen der Dosis schwieriger und tendenziell höhere Kosten

Ein Anpassen der Insulindosis ist bei wöchentlicher Gabe schwieriger und erlaubt keine schnellen Reaktionen auf Veränderungen des Blutzuckers. Ein schnelles Anpassen der Insulindosis kann z.B. notwendig sein, wenn fieberhafte Infekte mit dadurch höherem Insulinbedarf oder Durchfall-Erkrankungen mit niedrigerem oder keinem Insulinbedarf (Letzteres ausschließlich bei Typ-2-Diabetes) auftreten.

Auch bei Gabe von Kortison-Präparaten, die bei der Therapie von Rheuma, Asthma, chronisch-obstruktiver Lungen-Erkrankung (COPD, „Raucherhusten“) oder einem Schub einer multiplen Sklerose eingesetzt werden, ist oft ein kurzfristiges Anpassen der Insulintherapie notwendig. Gleiches gilt für geplante Operationen, vor denen nichts gegessen werden darf. Eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung sollte erfolgen, ob bei diesen Menschen der Einsatz von wöchentlichem Insulin sinnvoll ist.

Neue Präparate sind tendenziell teurer als etablierte lang wirksame Insuline. Dies hat Bedeutung für die Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen und den Praxisalltag.

Fazit

Wocheninsuline können bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes Vorteile in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit und Therapietreue bieten, wenn eine regelmäßige Nahrungsaufnahme erfolgt. Sicherheit und Wirksamkeit erscheinen vergleichbar mit der Gabe von täglich gespritztem lang wirksamem Insulin.

Bei sehr alten Patienten mit vielen Begleiterkrankungen und mit unregelmäßiger Nahrungsaufnahme, Demenz oder instabilen Blutzucker-Verläufen ist der Einsatz von Wocheninsulinen nicht zu empfehlen, da lang dauernde Hypoglykämien auftreten könnten und ein kurzfristiges Anpassen der Insulindosis nicht möglich ist.

Schwerpunkt: „Die neuen Wocheninsuline – je länger, desto besser?“


von PD Dr. Anke Bahrmann

Avatar von anke-bahrmann

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 74 (11) Seite 14-15

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  • bloodychaos postete ein Update vor 4 Tagen, 6 Stunden

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

  • sayuri postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
    Liebe Grüße
    Sayuri

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