3.700 Stufen mit Typ-1-Diabetes: Unser Selbstversuch auf der Europatreppe 4000

3 Minuten

3.700 Stufen mit Typ-1-Diabetes: Unser Selbstversuch auf der Europatreppe 4000 | Foto: Sandys Diabetes-Loop
Foto: Sandys Diabetes-Loop
Community-Beitrag
3.700 Stufen mit Typ-1-Diabetes: Unser Selbstversuch auf der Europatreppe 4000

Wie verhält sich der Blutzucker bei mehreren Stunden intensiver Belastung? Was passiert mit einem AID-System beim Treppensteigen über mehr als 700 Höhenmeter? Und kann man die Europatreppe 4000, eine der anspruchsvollsten Treppenanlagen Europas, auch mit Typ-1-Diabetes sicher bewältigen? Sandy berichtet von seinem Selbstversuch.

Genau das wollten wir herausfinden und haben uns auf den Weg nach Österreich zur berühmten Europatreppe 4000 im Montafon gemacht.

Die Herausforderung

Die Europatreppe gilt als eine der längsten Treppenanlagen Europas. Rund 3.700 Stufen und etwa 714 Höhenmeter führen entlang der Staumauer hinauf. Für trainierte Sportler mag das eine reizvolle Herausforderung sein – für Menschen mit Typ-1-Diabetes kommt jedoch noch eine weitere Frage hinzu: Wie reagiert der Stoffwechsel auf mehrere Stunden körperliche Belastung?

Begleitet wurde ich von meinem Bruder, meinem Sohn und vor allem von Philipp aus Österreich, einem weiteren Typ-1-Diabetiker. Zwei ursprünglich angemeldete Teilnehmerinnen mussten leider kurzfristig absagen, wurden aber während des gesamten Aufstiegs von uns „gedanklich mitgetragen“.

Zwei Menschen, zwei Systeme

Besonders spannend war der Vergleich unserer Diabetes-Technologien. Ich selbst nutze ein AndroidAPS-System und hatte mich bewusst auf die Belastung vorbereitet. Mein Zielwert wurde vor dem Start auf 180 mg/dl angehoben, zusätzlich reduzierte ich mein Profil auf 50 Prozent der üblichen Insulinabgabe. Ziel war es, ausreichend Reserven für den langen Aufstieg zu schaffen.

Philipp setzt auf ein Medtronic-System. Er aktivierte etwa eine Stunde vor dem Start den Sportmodus und nahm zusätzlich Kohlenhydrate zu sich. Damit hatten wir zwei unterschiedliche Strategien und zwei verschiedene Systeme im direkten Praxistest.

Der Start: Hohe Werte als Sicherheitsreserve

Kurz vor Beginn zeigte mein Sensor 226 mg/dl, Philip lag bei 180 mg/dl. Bewusst hohe Werte also – ein Vorgehen, das bei längeren Belastungen durchaus sinnvoll sein kann, um schwere Unterzuckerungen zu vermeiden. Die Wetterbedingungen spielten uns dabei in die Karten. Nach einem verregneten Vortag erwarteten uns angenehme Temperaturen und Sonnenschein.

Die ersten 1.000 Stufen

Schon die ersten 500 Stufen hatten es in sich. Teilweise wirkten sie deutlich höher als gewöhnliche Treppenstufen und verlangten den Oberschenkeln einiges ab.

Nach rund 600 Stufen zeigte sich bereits die typische Wirkung körperlicher Belastung:

  • Sandy: von 226 auf 174 mg/dl
  • Philipp: von 180 auf 150 mg/dl

Am ersten Plateau lagen die Werte bei:

  • Sandy: 164 mg/dl
  • Philipp: 139 mg/dl

Der Blutzucker sank also bei beiden kontinuierlich, blieb aber in einem komfortablen Bereich.

Halbzeit: Jetzt wird es spannend

Mit zunehmender Dauer der Belastung rückten wir langsam in den Bereich, in dem viele Menschen mit Typ-1-Diabetes besonders aufmerksam werden. Kurz vor den letzten 1.700 Stufen zeigte mein Sensor erstmals Werte um 92 mg/dl, während Philip bei etwa 101 mg/dl lag.

Da Sensorwerte der tatsächlichen Glukoseentwicklung oft etwas hinterherlaufen, entschieden wir uns rechtzeitig gegenzusteuern. Unterstützt wurden wir dabei von den Kohlenhydrat-Shots von SugrSugr, die wir speziell für diesen Tag dabei hatten. Diese frühe Reaktion erwies sich als richtige Entscheidung.

Oben angekommen – ohne Unterzuckerung

Nach rund drei Stunden erreichten wir das Ziel. 3.700 Stufen. Über 700 Höhenmeter. Und vor allem: keine schwere Hypoglykämie.

Unsere Werte am Gipfel:

  • Sandy: 87 mg/dl
  • Philipp: 75 mg/dl

Beide Werte lagen zwar im unteren Bereich, aber noch sicher über einer kritischen Unterzuckerung. Insgesamt benötigten wir jeweils lediglich zwei Kohlenhydrat-Shots während des Aufstiegs. Für uns war das der beste Beweis dafür, dass eine gute Vorbereitung und ein angepasstes Diabetes-Management auch bei außergewöhnlichen sportlichen Herausforderungen funktionieren können.

Der Abstieg – oft die größere Herausforderung

Viele Menschen mit Diabetes kennen das Phänomen: Der eigentliche Blutzuckerabfall kommt häufig nicht während der Belastung, sondern danach. Deshalb beobachteten wir unsere Werte auch auf dem Rückweg sehr genau. Während des Abstiegs lagen wir zeitweise beide um die 80 mg/dl. Philipp fiel sogar kurzzeitig auf 67 mg/dl, konnte aber problemlos gegensteuern. Trotz weiterer Belastung blieb die Situation jederzeit kontrollierbar.

Das Ergebnis nach über sechs Stunden

Nach Auf- und Abstieg waren wir insgesamt rund sechseinhalb Stunden unterwegs.

Die Abschlusswerte:

  • Sandy: 119 mg/dl
  • Philipp: 202 mg/dl

Interessant war dabei, dass Philips Wert nach Ende der Belastung deutlich anstieg, während mein Wert stabil blieb. Ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Menschen mit Typ-1-Diabetes selbst unter nahezu identischen Bedingungen reagieren können.

Was wir gelernt haben

Die Europatreppe war nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch ein spannender Praxistest für moderne Diabetes-Technologie.

Unsere wichtigsten Erkenntnisse:

  • Belastungen dieser Größenordnung lassen sich mit Typ-1-Diabetes sicher bewältigen.
  • Eine rechtzeitige Anpassung der Insulinabgabe ist entscheidend.
  • Kohlenhydrate sollten frühzeitig und nicht erst bei einer Unterzuckerung eingesetzt werden.
  • Regelmäßige Pausen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil einer guten Strategie.
  • Jeder Diabetes reagiert anders – selbst bei gleicher Belastung.

Am Ende stand nicht die Zeit im Vordergrund. Während manche Sportler die Treppe in gut 20 Minuten bewältigen, brauchten wir knapp drei Stunden für den Aufstieg. Dafür konnten wir die Strecke genießen, regelmäßig unsere Werte kontrollieren und vor allem sicher ans Ziel kommen.

Und genau darum ging es: zu zeigen, dass Typ-1-Diabetes kein Hindernis sein muss, wenn man seine Therapie versteht und auf den eigenen Körper hört.

Der Selbstversuch im Video

Das komplette Abenteuer mit allen Blutzuckerwerten, Zwischenstopps und Eindrücken gibt es übrigens auch als Video auf meinem YouTube-Kanal „Sandys Diabetes Loop“ zu sehen:


von Sandys Diabetes-Loop

Sandy war Autor in der Blood Sugar Lounge und hat dort aus dem Leben mit Diabetes berichtet. Hier findet ihr alle Beiträge aus dieser Zeit:

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes – Teil 2: Praxisnahe Tipps für Bewegung
Während die Glukosewerte bei längerer, gleichmäßiger Aktivität häufig sinken, können sie bei intensiven Belastungen zunächst sogar ansteigen. Dieses Wissen bildet die Grundlage, um alltagstaugliche Strategien für Sport und Bewegung zu entwickeln. Dazu haben wir hier praxisnahe Tipps zusammengetragen.
Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes – Teil 2: Praxisnahe Tipps für Bewegung | Foto: kieferpix – stock.adobe.com

3 Minuten

Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes – Teil 1: Was passiert bei Sport in unserem Körper?
Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes kennen das: Bei manchen Sport-Arten sinkt der Blutzucker schnell, bei anderen steigt er zunächst sogar an. Nach dem Training treten häufiger niedrige Blutzuckerwerte auf, weil das Insulin oft noch stärker wirkt als sonst. Warum ist das so und was genau geschieht beim Sport im Körper?
Serie „Sportlich leben mit Typ-1-Diabetes“ – Teil 1: Was passiert bei Sport in unserem Körper? | Foto: famveldman – stock.adobe.com

3 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 2 Wochen

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%