- Bewegung
Digitale Hilfsmittel helfen, den Lebensstil bei Typ-2-Diabetes umzukrempeln
3 Minuten
Gesünder essen, mehr bewegen, Stress reduzieren – das sind Ratschläge, mit denen Menschen mit Typ-2-Diabetes unmittelbar nach der Diagnose in der Regel aus der Praxis entlassen werden. Doch mit der Umsetzung dieser Lebensstil-Anpassungen werden sie meist ziemlich allein gelassen. Dabei gibt es eine ganze Reihe Apps und andere digitale Hilfsmittel, die dabei helfen können.
Bei rund 8,7 Millionen Menschen in Deutschland wurde ein Typ-2-Diabetes festgestellt. Man geht davon aus, dass weitere 2 Millionen Menschen mit der Stoffwechselerkrankung leben, bislang aber noch nicht diagnostiziert wurden. Hinzu kommen weitere schätzungsweise gut 13 Millionen Menschen, die bereits eine Vorstufe des Typ-2-Diabetes – einen sogenannten Prädiabetes – aufweisen. Rechnet man alle diese Zahlen zusammen, kommt man auf knapp 24 Millionen Menschen, die bereits mit Typ-2-Diabetes leben oder gefährdet sind, einen Diabetes zu entwickeln. Jedem und jeder einzelnen von ihnen würde eine intensive Beratung helfen, den persönlichen Lebensstil umzukrempeln – denn gewachsene Gewohnheiten lassen sich nun einmal nicht im Handumdrehen durch gesündere Ernährung, mehr körperliche Aktivität und Achtsamkeit austauschen.
Menschen mit Typ-2-Diabetes sind im Schnitt 2,6 Jahre weniger im Arbeitsleben aktiv
Bei der diatec-Tagung Ende Januar 2023 in Berlin erklärte der Diabetes-Psychologe Prof. Bernhard Kulzer vom Diabeteszentrum Mergentheim dazu: „Alle diese Menschen bräuchten eigentlich eine strukturierte Lebensstilintervention. Doch das ist angesichts der Zahlen auch ein logistisches Problem, das sich nicht allein mit Schulungen in Präsenz in den Arztpraxen lösen lässt.“ Dabei wäre es nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, damit Menschen nicht wegen Diabetes vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden. „Rund die Hälfte aller Menschen mit Typ-2-Diabetes erkrankt noch während des Erwerbslebens an Diabetes und hat damit ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen“, berichtete Prof. Kulzer. Im Vergleich zu einer Person ohne Typ-2-Diabetes seien Menschen mit Typ-2-Diabetes im Schnitt 2,6 Jahre weniger im Arbeitsleben aktiv: „Das ist ein bedeutsamer Produktivitätsverlust.“
Mit Lebensstil-Anpassungen kann man bei Typ-2-Diabetes das Rad wieder zurückdrehen
Zugleich gebe es immer mehr wissenschaftliche Nachweise dafür, dass man mithilfe von Lebensstil-Änderungen das Rad vom Typ-2-Diabetes zu einem Prädiabetes zurückdrehen kann, betonte der Experte. Denn insbesondere im Frühstadium der Erkrankung sind meist noch ausreichend viele funktionstüchtige Betazellen in der Bauchspeicheldrüse vorhanden. Diese gilt es zu schützen und zu bewahren. Eine deutliche Gewichtsabnahme etwa kann dazu beitragen, dass die Körperzellen wieder empfindlicher auf Insulin reagieren, sodass die Betazelle in der Bauchspeicheldrüse nicht immer mehr und mehr Insulin produzieren müssen. Auf diese Weise kann der Typ-2-Diabetes sich – zumindest für einen begrenzten Zeitraum – zurückbilden (Diabetes-Remission). „Wenn wir das Auftreten eines Typ-2-Diabetes um 5 Jahre verschieben können, ist das zum einen wirtschaftlich sinnvoll – aber auch psychologisch von Vorteil“, erklärte der Psychologe. Denn bei Typ-2-Diabetes treten auch Depressionen häufiger auf als bei Menschen ohne Diabetes.
Digitale Hilfsmittel zur Lebensstil-Änderung bei Typ-2-Diabetes: erfolgreiches Programm in Großbritannien
Doch wie kann man diese Millionen Betroffener erreichen und schulen, wenn es doch in den Diabetespraxen nicht ausreichend viele Schulungskapazitäten gibt? Hier hilft der Blick ins Ausland, wo man bereits sehr gute Erfahrungen mit digitalen Schulungsprogrammen gemacht hat. In Großbritannien etwa hat der National Health Service (NHS) mit dem DPP ein Präventionsprogramm eingeführt. Daran haben zwischen März 2020 und März 2022 über 335.000 Menschen mit Prädiabetes teilgenommen, die sich zwischen einer Videoübertragung der Schulung und einem rein digitalem Programm entscheiden konnten. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmenden im rein digitalen Programm sogar mehr Gewicht verloren als diejenigen, die per Video zur Schulung zugeschaltet waren.
Positive Beispiele für digitale Diabetes-Präventions-Programme auch aus den USA
Ähnlich Positives konnte Prof. Kulzer auch von zwei Präventionsprogrammen in den USA berichten. Dort setzt man allein schon aufgrund der geographischen Ausdehnung eher auf digitale Gesundheitsangebote als in Deutschland: „In den USA, wo man schnell mal viele Meilen fahren muss, bis man ein Präsenzangebot erreicht, ist das attraktiv!“, meinte der Experte. Ganz besonders hob er die Vorzüge des Diabetes-Präventions-Programms Lark Health hervor: „Das ist ein sehr modernes Programm mit in die App integrierten Tools, die man z.B. bei Schlafproblemen etc. nutzen kann“, berichtete er. Zudem gebe es einen Coach, der rund um die Uhr erreichbar sei: „Wann immer eine menschliche Komponente dabei ist, also z. B. so ein Coach, den man kontaktieren kann, erhöht sich der Effekt.“
Digitale Hilfsmittel zur Lebensstil-Anpassung bei Typ-2-Diabetes: Programme in Deutschland? Leider Fehlanzeige!
Mittlerweile wurden 21 Studien zu einzelnen Programmen dieser Art auch in einer großen Metastudie ausgewertet. Darin zeigte sich, dass Menschen, die in solche digitalen Programme eingeschrieben sind, im ersten Jahr durchschnittlich bis zu 9% ihres Körpergewichts verlieren. Wissenschaftler halten digitale Programme deshalb für einen sehr erfolgversprechenden Ansatz, um Typ-2-Diabetes vorzubeugen oder ihn zu behandeln. Dennoch gibt es in Deutschland kein flächendeckendes Angebot für digitale Lebensstil-Programm. „Wir haben hier eine große Versorgungslücke in Deutschland und brauchen dringend flächendeckende Programme“, kritisierte Prof. Kulzer.
von Antje Thiel
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moira postete ein Update vor 3 Tagen, 14 Stunden
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 1 Woche, 1 Tag
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
