- Bewegung
Kitesurfen: Wellen brechen mit Typ-1-Diabetes
3 Minuten
Kitesurfen: Was ist das für eine Sportart? Kann ich die auch ausüben? Wie ist das mit meinen Glukose-Werten, wenn ich auf dem Board stehe? Diese und weitere Fragen stellte sich Lena Schuster, als ihr Bruder sie kurzerhand einlud, mit ihm nach Dänemark zu fahren – um diese Sportart kennenzulernen.
2020 – ein Jahr, das das alltägliche Leben für jeden von uns völlig auf den Kopf stellte. Auch ich hatte einige Pläne geschmiedet. Nach Abschluss meines Master-Studiums wollte ich mir einen lang ersehnten Traum erfüllen: einen Teil des Jakobswegs in Portugal an der Küste entlanglaufen, dabei Sonne, Meeres-Rauschen, Bewegung an der frischen Luft und abends in einer Pilger-Unterkunft auf andere Wanderer treffen. Doch 2020 war eben nichts wie sonst. Ich bin ein Mensch, dem Pläne und Ziele Sicherheit geben. Doch in diesem Jahr konnten Urlaubs-Pläne geschmiedet werden – allerdings blieb es bis kurz vorher ein Rätsel, ob dieser Urlaub wirklich stattfinden konnte. In dieser Phase verschob ich auf unbestimmte Zeit den Plan vom Jakobsweg in Portugal.
Kitesurfen? Ich?
Mein Bruder hatte ein paar Jahre zuvor mit Kitesurfen begonnen und fragte mich, ob wir nach dem Master-Studium nicht zusammen nach Dänemark fahren wollten, damit er mir Kitesurfen beibringen könnte. Ehrlicherweise habe ich mich nicht allzu viel damit beschäftigt, was das für eine Sportart ist. Hätte ich mir darüber Gedanken gemacht, hätte ich wahrscheinlich bis heute nicht auf einem Kiteboard gestanden. Ich weiß, dass ich als Diabetikerin andere körperliche Grenzen habe als viele andere Menschen. Mal bin ich unterzuckert und dadurch zittrig, ein anderes Mal bin ich überzuckert und deshalb schneller erschöpft beim Sport.
Ängste hindern am Austesten
Das Bewusstsein, dass ich meine körperlichen Grenzen nicht mit denen anderer vergleichen kann, bietet mir Schutz. Dadurch überfordere ich mich mit meinem Diabetes nicht. Dennoch ist es möglich, dass ich aufgrund von Ängsten nicht meine wahren Grenzen kenne. Ängste hindern mich daran, alles auszutesten. Da ich, ohne groß darüber nachzudenken, mit meinem Bruder nach Dänemark zum Kiten fuhr, hatten meine Ängste nicht wirklich die Chance, mir das auszureden.
Im Café? Nein, auf dem Board!
Ich kann mich noch gut an meine ersten Erfahrungen mit dem Kiteboard erinnern. Es nieselte leicht, Windböen streiften mein Gesicht und ich stand knietief im kühlen Wasser. Das war das typische Nordsee-Wetter, bei dem ich am liebsten in einem gemütlichen kleinen Café sitze, vor mir einen Latte macchiato und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Aber nein, von diesem heimeligen Ort war ich sehr weit entfernt. Zudem war an meinem Bauchgurt der Kite-Drachen befestigt, der mich in irgendeine Richtung zog, ohne dass ich das beeinflussen konnte. Darüber hinaus treibe ich bei solchem Wetter eigentlich keinen Sport. Woher sollte ich dann wissen, wie es mit meinen Glukose-Werten aussieht? Mein Messgerät lag am Strand, aus Sorge, dass es im Wasser verschwinden könnte. Ich konnte also nicht wie sonst im Alltag jede Sekunde meinen Glukose-Verlauf überprüfen, sondern würde 20 Minuten benötigen, um an mein Gerät zu gelangen.
Bruder mit vielen Ideen
Verschiedene Gedanken schossen mir damals durch den Kopf. Der Gedanke, der das Ganze zusammenfasst, war: “Lena, was machst du hier? Was hast du dir bloß dabei gedacht?” Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen, dass diese Sportart mir jemals Freude bereiten könnte. Mein Bruder war im Vorfeld ideenreich gewesen und hatte kleine Plastik-Verpackungen, die eigentlich zum Aufbewahren von Zigaretten gedacht sind, mit Haushalts-Zucker befüllt. Diese hatte ich in abgepackten Tüten an meinem Hüftgurt befestigt – optisch kein Highlight, aber zumindest hatte ich im Ernstfall Zucker zur Hand.
Immer mehr Gefühl der Freiheit
An den ersten Tagen dachte ich immer an die Zeitspanne von 20 Minuten, die beim Diabetes sehr viel ausmachen können. Doch von Tag zu Tag konnte ich meine Ängste in Bezug auf Kitesurfen und Unterzuckerungen immer mehr beiseitelegen und das Gefühl der Plastiktüte um den Bauch reichte mir als Sicherheit. Dadurch lernte ich nochmal, dass ich meinem Körper mehr vertrauen kann. Ich machte mir zunehmend weniger Sorgen, ob ich demnächst schnell meinen Glukose-Wert messen möchte und dann mitten auf dem Wasser bin. Tatsächlich passierte das in den zwei Wochen kein einziges Mal. Das ermöglichte mir, immer mehr im Moment zu verweilen. Ich glitt über das Wasser, spürte den Wind im Rücken und hatte noch nie in meinem Leben das Gefühl, so frei zu sein. Damit einher geht auch das Empfinden, dass auch als Diabetiker vieles möglich ist im Leben.
Ängste haben – und überwinden
Ich bin mir bewusst, dass ich nicht ohne Weiteres alles tun kann, doch seit dem Kite-Urlaub weiß ich, dass ich mehr kann, als ich dachte. So bin ich auch weiterhin ein etwas ängstlicher, vorsichtiger Mensch. Doch wenn meine Ängste zu stark werden oder der Gedanke aufkommt, dass ich gerade meine Grenzen aufgrund von Befürchtungen falsch setze, führe ich mir den Moment des Freiheits-Gefühls wieder vor Augen. Es ist in Ordnung, Ängste zu haben, doch es lohnt sich, diese zu überwinden und dadurch neue Perspektiven zu entdecken. Ich kann allen anderen Diabetikern, die mit dem Gedanken spielen, kiten zu gehen, sagen: Bindet euch eine Plastiktüte um den Bauch und ab aufs Wasser! Genießt eure Freiheit!
Schwerpunkt „Bewegung grenzenlos“
von Lena Schuster
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2022; 71 (7) Seite 22-23
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 2 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
