Sicher Sport treiben mit Typ-1-Diabetes: Das „Insulin on Board“ muss stimmen

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Sicher Sport treiben mit Typ-1-Diabetes: Das „Insulin on Board“ muss stimmen | Foto: deagreez - stock.adobe.com
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Sicher Sport treiben mit Typ-1-Diabetes: Das „Insulin on Board“ muss stimmen

Knapp 100 Jahre ist es her, dass der britische Wissenschaftler Dr. R. D. Lawrence in der Fachzeitschrift „The British Medical Journal“ erstmals den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Insulinwirkung beschrieben hat. Entscheidend für einen sicheren Sport mit Typ-1-Diabetes ist damals wie heute, dass das „Insulin on Board“ stimmt.

Die Regulation der Glukosewerte erfolgt in erster Linie über die Hormone Insulin und seinen Gegenspieler Glukagon. Zudem können Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol die Glukoseproduktion ankurbeln und so dem Insulin entgegenwirken. Ferner sorgt Bewegung, bei der Muskeln sich zusammenziehen (Muskelkontraktionen), dafür, dass Glukose auch über einen von Insulin unabhängigen Signalweg in die Muskelzellen aufgenommen werden kann.

Mehr als 40 Faktoren nehmen Einfluss auf die Stoffwechsel-Regulation beim Sport. Ohne ein entsprechendes Anpassen der Insulindosen oder zusätzliche Zufuhr von Kohlenhydraten steigt das Risiko für Unterzuckerungen. Liegt ein Mangel an Insulin vor, z. B. durch Weglassen von Insulin-Injektionen, steigt die Gefahr, dass die Glukosewerte stark ansteigen und der Körper übersäuert, also sich eine Ketoazidose entwickelt.

Insulin bei Sport

  1. Zahlreiche Einflussfaktoren bestimmen den Glukosestoffwechsel beim Sport.
  2. Das Insulin on Board (IOB) ist ein entscheidender Faktor für die Glukoseverläufe beim Sport.
  3. Das aktive Insulin (IOB) sollte in der Regel so gering wie möglich gehalten werden.

Wichtig ist das noch aktive Insulin im Körper

Die komplexen Stoffwechsel-Prozesse lassen unschwer erkennen, wie hoch die Herausforderungen für ein bedarfsgerechtes Anpassen der Insulingabe und Nahrungszufuhr für Sportlerinnen und Sportler mit Typ-1-Diabetes sind.

Das weiß auch Ivo Rettig. Der 35-jährige sportbegeisterte Diabetes-Coach (dialectics.com) lebt seit seinem 13. Lebensjahr mit Typ-1-Diabetes. Ob Fun-, Extrem-, Breiten- oder Leistungssport – Ivo Rettig hat Freude an einer Vielzahl von Sportarten und ist praktisch immer in Bewegung. Aktuell hilft ihm dabei sein System zur automatisierten Insulin-Dosierung (AID-System), eine Kombination von kontinuierlichem Glukose-Messen (CGM) und Insulinpumpe.

„Egal ob Spritzen- oder Pumpentherapie, die Menge an aktivem Insulin im Körper – soweit ich das beeinflussen kann – ist je nach geplanter Sportart entscheidend“, berichtet Ivo. Das restliche wirkende Insulin – auf Englisch das Insulin on Board (IOB) – ist unbestritten ein entscheidender Faktor für die Stoffwechsel-Kontrolle beim Sport.

Insulin on Board richtig erfassen

Schnell wirkendes Insulin beginnt in der Regel innerhalb von etwa 15 Minuten zu wirken, braucht eine bis zwei Stunden, um seinen Wirk-Höhepunkt zu erreichen, und wirkt dann zwei bis vier Stunden lang. Unterschiedliche Diabetes-Apps mit integrierten Bolusrechnern können dabei unterstützen, das Insulin on Board zu ermitteln.

Insulinpumpen verfügen in der Regel automatisch über eine IOB-Funktion, mit der die Pumpe das im Körper verbleibende Insulin aus kürzlich verabreichten Insulingaben (Boli) berechnen kann. Gleiches gilt für die unterschiedlichen AID-Systeme. Die Berechnung und Anzeige des IOB hängt jedoch vom verwendeten AID-System und verschiedenen Benutzer-Einstellungen ab.

Wie hoch soll das Insulin on Board beim Sport sein?

Angesichts großer individueller Unterschiede im Insulinbedarf und der zahlreichen Einflussfaktoren auf den Insulinbedarf (siehe folgenden Kasten) lassen sich keine allgemeingültigen Zielwerte für das aktive Insulin angeben. Als Grundregel gilt, das aktive Insulin (IOB) in der Regel so gering wie möglich zu halten. Dies gilt insbesondere für Ausdauer-Sportarten wie Nordic Walking, Joggen, Radfahren oder Schwimmen, denn bei diesen Sportarten ist während der Aktivität mit einem Abfall der Glukosewerte zu rechnen.

Einflussfaktoren auf die Glukoseverläufe beim Sport

  • Insulin on Board (IOB)
  • Sportart, Dauer und Intensität der Belastung
  • Diabetesdauer
  • Insulinresistenz
  • Trainings-Status
  • Diabetestherapie
  • letzte Nahrungsaufnahme
  • Körperstatus
  • Geschlecht
  • Menstruationszyklus
  • Tageszeitpunkt
  • Umwelt-Bedingungen
  • emotionale Situation

Spritzentherapie, Insulinpumpentherapie oder die Nutzung eines AID-Systems machen ganz unterschiedliche Strategien erforderlich, das aktive Insulin beim Ausdauersport optimal zu kontrollieren (siehe Tabelle 1).

Tab. 1: Strategien, das aktive Insulin beim Ausdauersport gering zu halten

Insulintherapie
Nüchternsport
Sportbeginn innerhalb von 2 – 3 Stunden nach der Mahlzeit
Sportbeginn mehr als 3 Stunden nach der Mahlzeit
intensivierte Insulintherapie (ICT) mit Spritze/Insulinpen Reduktion des Basalinsulins um etwa 20 Prozent* Reduktion des Bolusinsulins um 25 – 75 Prozent Durchführung der üblichen Basal- und Bolus-Insulingaben, Verzehr zusätzlicher Kohlenhydrate je nach Glukosewert und individuellem Ansprechen
Insulinpumpen-Therapie Reduktion der Basalrate um 50 – 80 Prozent bereits 90 – 120 Minuten vor dem Sport Reduktion des Bolusinsulins um 25 – 75 Prozent Reduktion der Basalrate um 50 – 80 Prozent bereits 90 – 120 Minuten vor dem Sport oder Unterbrechung der Insulin-Abgabe bei Sportbeginn
automatisierte Insulin-Dosierung (AID-System) Bewegungs-/Sportmodus bereits 90 – 120 Minuten vor dem Sport einschalten Reduktion des Bolusinsulins um 25 – 75 Prozent und körperliche Aktivität bereits mit der Mahlzeit ankündigen Bewegungs-/Sportmodus bereits 90 – 120 Minuten vor dem Sport einschalten

*Empfehlungen gelten nur begrenzt für lang und ultralang wirksame Insulinanaloga

130 Kilometer, 7000 Meter hoch und 7400 Meter runter mit vollgepacktem Rucksack: Ivo Rettig hat bei seiner Überquerung der Alpen in sechs Tagen im Sommer 2023 den Einfluss von Ausdauer-Belastungen auf den Glukose-Stoffwechsel zu spüren bekommen. Obwohl er darauf geachtet hatte, das aktive Insulin (IOB) niedrig zu halten, schmolzen seine Glukose-Vorräte rasch dahin.

Ganz anders verhält es sich zum Beispiel bei hochintensivem Intervalltraining (HIIT). HIIT ist ein Trainingsansatz, bei dem sich hochintensive Phasen mit kurzen Ruhephasen abwechseln. Weil bei dieser Art des Trainings die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol ausgeschüttet werden, die alle Gegenspieler des Insulins sind, kommt es hierbei nicht selten zu einem Anstieg der Glukosewerte. Hier darf das IOB nicht maximal gesenkt werden. Daher ist sinnvoll, anders als vor geplanten Ausdauer-Aktivitäten, vor dem HIIT die Insulingaben nicht oder nur wenig zu reduzieren.

Eine allgemeine Orientierung bietet folgende Abbildung:

Abb. 1: Glukosetrends bei unterschiedlichen Belastungen (nach Michael C. Riddell, 2022)

Sicher Sport treiben mit Typ-1-Diabetes: Das „Insulin on Board“ muss stimmen | Abb. 1: Glukosetrends bei unterschiedlichen Belastungen (nach Michael C. Riddell, 2022)

Je nach Art der körperlichen Aktivität können die Glukosewerte eher fallen oder eher steigen. Bei manchen Sportarten kann beides, auch phasenweise, geschehen.

„Beim Beachvolleyball ist wieder alles anders“, schmunzelt Ivo. Bei Mannschafts-Sportarten findet man häufig steigende wie auch fallende Glukosewerte. Auch hier hält Ivo sein IOB bedarfsgerecht eher nicht so niedrig wie beim Ausdauersport.

Fazit

Das Insulin on Board (IOB) ist einer der wichtigsten Faktoren in der Therapie des Typ-1-Diabetes. Dies gilt insbesondere bei der Planung körperlicher Aktivitäten mit ganz unterschiedlich zu erwartenden Glukose-Verläufen. Das optimale IOB zu finden, ist nicht immer leicht. Mit guten Diabetes-Kenntnissen, einer immer besser werdenden Diabetes-Technologie, viel Körpergefühl und manchmal auch etwas Fantasie gelingt es aber, Sport mit Typ-1-Diabetes unbeschwert genießen zu können.

Schwerpunkt: „Sport mit Typ-1-Diabetes – eine 180-Grad-Wende zum Positiven“


von Dr. Meinolf Behrens

Avatar von meinolf-behrens

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 73 (5)  Seite 13-15

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  • tako111 postete ein Update vor 3 Tagen, 15 Stunden

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

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