Das Pferd als Spiegelbild der Seele

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Das Pferd als Spiegelbild der Seele

Diabetes und Pubertät – keine einfache Kombination. Wie kann man Jugendlichen helfen, besser mit dieser Zeit, dieser Situtation umzugehen?, fragte sich Karl Florian Schettler. Es entstand die Idee zum “Diabetes Riding Camp”.

Anfang April 2013 startete das Projekt “Diabetes Riding Camp” zum ersten Mal – im Bayerischen Wald. Der Diabetologe Karl Florian Schettler vom Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut ist selbst ein begeisterter Reiter. Er wollte die Erfahrungen aus seinem Hobby nutzen und versuchen, den positiven Einfluss von Pferden auch seinen Patienten zugutekommen zu lassen. Mit Erfolg, wie die Rückmeldungen der Teilnehmer zeigen. “Im Camp haben die Jugendlichen gelernt, besser mit ihrem Diabetes zu leben”, sagt er im Rückblick. Hier sein Bericht.


Wenn das innere Gleichgewicht schwankt …

Der Bezug zum eigenen Spiegelbild ist manchmal schwierig. Besonders in der Pubertät, wenn die ganze Welt aus den Fugen zu geraten scheint und das innere Gleichgewicht bedrohlich schwankt. Wenn der Körper, der sich auf einmal so drastisch verändert, dann auch noch krank ist, verlieren viele Heranwachsende die Balance.

Warum muss ausgerechnet ich anders sein als die anderen? Viele Jugendliche mit Diabetes stellen sich genau diese Frage – und müssen erst lernen, ihren inneren Frieden mit der Diagnose zu schließen. Doch wie kann man diesen Jugendlichen helfen, besser damit umzugehen?

Pferde: sensible Interaktion mit dem Menschen

Ein Gedanke drängte sich mir bei dieser Überlegung sofort auf: Das Pferd könnte eine Lösung sein. Es gibt kaum ein anderes Tier, das so sensibel mit dem Menschen interagiert.

Gesagt, getan: Im April 2013 verbrachten dann neun Jugendliche, die im Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut behandelt werden, zusammen mit ihren drei Betreuern – Kinderkrankenschwester Sabine Stautner, Diabetesberaterin Cornelia Oberhauser – und mir fünf Tage auf einem Reiterhof im Bayerischen Wald.

Idyllischen Atmosphäre

In der idyllischen Atmosphäre sollten die Kinder unter Anleitung lernen und vertiefen, wie sie ihren Blutzucker richtig messen, was sie im Hinblick auf die Ernährung beachten müssen und wie sie ihren Blutzuckerspiegel im Alltag entspannt im Blick behalten können. Ein wichtiger Aspekt war dabei auch, dass sich die Jugendlichen viel bewegen, um ihnen zu zeigen, dass man Sport mit Diabetes gut vereinbaren kann.

In den im Tagesprogramm integrierten Diabetesschulungen lernten die Teenager dann unter anderem, Brot- und Kohlenhydrateinheiten von Lebensmitteln zu berechnen, korrektes Insulinspritzen bzw. Pumpenkatheteranlegen und wie sie bei regelmäßig erhöhten Blutzuckerwerten das eigene Insulin selbst anpassen können.

Die Arbeit mit den Pferden

Durch die Arbeit mit den Pferden sollten die Jugendlichen ein Gefühl für ihren Körper entwickeln und lernen, auf seine Signale zu achten. Pferde spüren die Herzfrequenz eines Reiters. Sie merken, wie er atmet und wie sein Gemütszustand ist. Strahlt ein Reiter zum Beispiel Unsicherheit aus, wird ein Pferd ihm unter Umständen nicht folgen. Als Fluchttiere sind sie extrem sensibel. Neben diesen körperlichen und mentalen Aspekten sollten die Teenager lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Jedem Kind wurde ein Pferd zur Pflege an die Seite gestellt. Die mitgereisten Jungs und Mädchen striegelten und fütterten die Tiere, führten sie auf die Koppel, misteten den Stall aus, und täglich gab es Reitstunden. Reiterfahrung war keine Voraussetzung, denn es wurde auch grundlegendes Wissen über Pferde vermittelt. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Pferde keinen Schmerzlaut besitzen. Das erfordert im Umgang mit ihnen große Verantwortung.

Kummer von der Seele reden

Oft saßen wir spontan zusammen und haben dabei auch ganz locker über Diabetes gesprochen. Gerade dieses Beisammensitzen in gemütlicher Runde mit anderen Betroffenen hat dazu geführt, dass viele sich ganz offen ihren Kummer von der Seele geredet haben. Was muss ich beachten, wenn ich auf eine Party gehe? Wie sage ich anderen, dass ich Diabetes habe – zum Beispiel der ersten Liebe? Das waren Themen, die den Jugendlichen ganz besonders unter den Nägeln brannten.

Sehr am Herzen lag es uns, ihnen zu zeigen, dass sie mit Diabetes ihr Leben so leben können, wie alle anderen auch. Durch den Austausch haben jedoch nicht nur die Jungs und Mädchen etwas dazugelernt, sondern auch wir, die Betreuer. Das war eine kostbare Erfahrung für die tägliche Arbeit in der Klinik.

medizinische Erfolge

Ist etwas von diesen Gesprächen geblieben? Hat das Camp den Teilnehmern wirklich etwas gebracht? Die Antwort darauf lautet ganz eindeutig: Ja! Das bestätigen die Jugendlichen gegegenüber uns und den Eltern sowie in nach dem Camp ausgefüllten Fragebögen. Doch nicht nur mental hat die Zeit auf dem Reiterhof die Teenager vorangebracht. Auch gesundheitliche Verbesserungen wurden konkret überprüft:

So haben wir vor und nach dem Camp den Langzeitblutzucker der Jugendlichen gemessen und verglichen. Bei einigen unserer vorherigen Problemfälle zeigte sich bereits eine Besserung. Massive Auswirkungen zeigte die körperliche Betätigung auf dem Reiterhof: Manche Teilnehmer hatten durch den Sport ihren Insulinbedarf halbiert.

Wie geht es weiter?

Überzeugt von dem Projekt möchten wir das Camp nun gerne regelmäßig durchführen, und es laufen bereits die Planungen für 2014. Überlegt wird, noch Kinder- und Jugendpsychologen sowie einen Spezialisten für therapeutisches Reiten mit ins Boot zu holen und evtl. für diesen Zweck einen gemeinnützigen Verein zu gründen. DiabetesDE Deutsche Diabetes-Hilfe unterstützt die Idee bereits ideell. Es gab auch Gespräche mit einer Krankenkasse, die Interesse gezeigt hat.

Weitere Infos
Wer mehr über das Camp wissen möchte, kann sich direkt an Herrn Schettler wenden: Karl-Florian.Schettler@St-Marien-La.de
.

von Karl Florian Schettler
Diabetologe, Kinderkrankenhaus St. Marien, Landshut

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2013; 6 (4) Seite 16-17

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  • Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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