Insulin auf dem Bauch

2 Minuten

Community-Beitrag
Insulin auf dem Bauch

Luca trägt nun eine Patch-Pumpe – und lernt noch, damit umzugehen. Lesen Sie die Kolumne von seinem Vater Michael Denkinger.

Pumpen-Fernbedienung: ein echter Hingucker

“Tolles Handy, Luca, was kann man damit alles machen?” Die Fernbedienung der Insulinpumpe, die der bald Zehnjährige seit einigen Monaten trägt, sorgt bei den Mitschülern für großes Aufsehen. Weil das Gerät zugleich Blutzuckermessgerät ist, liegt der Minicomputer mehrmals täglich auf dem Tisch und ist nicht nur wegen seiner neongrünen Schutzhülle ein echter Hingucker.

Einzig der Klingelton ist gewöhnungsbedürftig: Mit schrillem, nicht enden wollendem Pfeifton signalisiert das Gerät in einem Rhythmus von drei Tagen, dass die Insulin-Patch-Pumpe alsbald gegen eine neue ausgetauscht, also eine neue Injektionsnadel gesetzt werden muss.

Hohe Werte, trotz Interventionen: gelöste Kanüle

Ist die Kanüle verstopft oder nicht mehr ordnungsgemäß mit Lucas Körper verknüpft, empfiehlt es sich, vorzeitig zu wechseln. Überhöhte Werte über mehrere Stunden, die sich auch durch eine zusätzliche Insulingabe per Knopfdruck nicht korrigieren lassen, sind häufig ein Indiz dafür.

So wies das Gerät kürzlich über einen längeren Zeitraum einen Blutzuckerwert von mehr als 300 mg/dl (16,7 mmol/l) aus. Luca regulierte nach Absprache mit meiner Frau und gab per Knopfdruck Insulin ab. Er korrigierte, wie er es in der Schulung gelernt hatte – in kleinen Einheiten, also mit Bedacht. Als das Display trotz mehrmaliger zusätzlicher Insulinzufuhr und Lucas einstündigem Fußballtraining im Garten kurz vor 17.15 Uhr immer noch einen Wert von mehr als 300 mg/dl anzeigte, prüften wir nochmals die Verbindung von Körper und Pumpe.

Wir stellten fest, dass sich die Kanüle gelöst hatte und das Insulin nicht in den Körper, sondern über Lucas Bauch lief, was er erst jetzt bemerkte. Wir wechselten den Pod vor dem Grillabend mit Freunden, um die Insulintherapie für das Abendessen und für die Nacht sicherzustellen. Luca kontrollierte seinen Blutzucker, überlegte sich, was und wie viel er essen möchte, und begann zu rechnen.

Aufgabenstellung durch Pumpentherapie verändert

Die Aufgabenstellung hat sich mit der Pumpentherapie verändert: Luca speist in das Gerät nicht die Anzahl der Broteinheiten (BE) ein, die er zu sich nimmt, sondern die Anzahl der Kohlenhydrate. Dann der Schock: Noch bevor unser Sohn mit dem Essen beginnt, klagt er über weiche Beine, wie er seit jeher das Gefühl einer Unterzuckerung umschreibt. Er misst erneut seinen Blutzucker. Das Display zeigt 27 mg/dl (1,5 mmol/l). Nun ist klar, die Pumpe läuft wieder, das Korrektur-Insulin wirkt, der Sport (nachträglich) ebenfalls.

Die Erkenntnis für uns alle ist eindeutig: Ein Wert von 27 mg/dl muss unbedingt vermieden werden. Wir müssen lernen, technische Schwierigkeiten einzuplanen, um zu verhindern, dass die Pumpe unseren Sohn für alle unbemerkt in den Unterzucker befördert. Bei extrem hohem Blutzucker ist die Kontrolle des Katheters seither obligatorisch.

Luca: „Ich weiß genau, was ich zu tun habe“

Wie selbstständig, geübt und gelassen Luca bereits mit der Situation umgeht, bewies der Viertklässler sowohl bei der Hypo im Garten als auch bei ähnlichen Situationen im Unterricht. Trotz eines niedrigen Blutzuckerwertes von 50 mg/dl (2,8 mmol/l) und eines hohen Wertes von 300 mg/dl wollte er nicht, dass seine Klassenlehrerin meine Frau oder mich verständigt.

Luca: “Das ist nicht nötig, ich weiß genau, was ich zu tun habe.” Da bleibt uns Eltern nur, herauszufinden, wie viel Selbständigkeit Luca gut tut und in welchen Situationen er mit uns sprechen muss…

Diskutieren Sie mit!

Im Kommentarbereich unterhalb der Kolumne können Sie das Gelesene kommentieren, eigene Erfahrungen schildern, mitreden …


von Michael Denkinger
Michael Denkinger (43) lebt mit seiner Familie nahe Memmingen und hat drei Kinder: Luca (10 Jahre), Angelina (13) und Timo (6). Er ist Inhaber der PR-Agentur Denkinger Kommunikation.

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2013; 62 (2) Seite 34

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

„Gesundheit wartet nicht bis Schulschluss“: Expertenbericht fordert gesetzlich verankerte Schulgesundheitspflege
Bereits 2021 hat die DDG in einem Positionspapier eine gesetzlich verankerte Schulgesundheitspflege gefordert, um Kindern mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes eine bessere Teilhabe zu ermöglichen. Ein jüngst vorgelegter Expertenbericht bestätigt die Datenlage – und politisch stehen die Chancen besser denn je, dass der flächendeckende Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften Teil der Regelversorgung wird.
Eine medizinische Fachkraft mit blauen Einmalhandschuhen nutzt an einem Finger eines Mädchens in rosafarbenem Ringelshirt eine Stechhilfe, um Blut für die Glukosemessung zu gewinnen.

4 Minuten

Mit Diabetes Typ 3c auf alpiner Hüttentour
Community-Autor Michael war mit seinen Schülerinnen und Schülern auf alpiner Hüttentour. Er berichtet, wie er mit seinem Diabetes Typ 3c die steilen Anstiege im Schnee, eine Unterzuckerung am Zwieselbachjoch und den Umgang mit Höhe, Aktivität sowie schwankender Insulinsensitivität erlebt hat; und wie seine Erfahrungen waren, eine solche Tour erstmals mit einer Insulinpumpe zu bewältigen.
Mit Diabetes Typ 3c auf alpiner Hüttentour | Foto: Michael Bender

7 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 5 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%