- Leben mit Diabetes
Den Diabetes im Gepäck
5 Minuten
Mehrere Monate verreisen – das war Karen Dinkhoffs Traum. Auf ihre dreimonatige Südostasien-Rucksackreise mit Diabetes im Gepäck hat sie sich gut vorbereitet. Hier schildert sie ihren Reise-Countdown – und packt viele gute Tipps aus.
Wie alles begann
2010 packte mich das Backpacker-Fieber – seit meiner Reise nach Vietnam kann ich mir keinen Urlaub ohne Rucksack mehr vorstellen. Doch die dreiwöchigen Aufenthalte in fremden Ländern wurden mir von Mal zu Mal zu wenig. Ich hatte Fernweh und wollte für eine längere Zeit die Welt sehen.
Der Traum von einem halben Jahr Freiheit, von fremden Kulturen und Abenteuern wurde immer größer, gleichzeitig aber auch die Bedenken, wie ich für eine so lange Zeit meine Diabetestherapie gestalten sollte: Sollte ich das Insulin, die Teststreifen und die Kanülen für ein halbes Jahr mitnehmen – oder vor Ort beziehen?
Diabeteszubehör: im Rucksack mitschleppen oder vor Ort beziehen?
Beide Lösungen gefielen mir nicht 100-prozentig: Beim Backpacking würde das Diabeteszubehör für ein halbes Jahr zu viel Platz im Rucksack wegnehmen. Fraglich auch, ob das Insulin so lange in den sehr warmen Reisezielen überstehen würde. Bei der zweiten Option, alles vor Ort zu beziehen, hätte ich die Materialien selbst zahlen müssen, da die Auslandskrankenkasse sie nicht erstattet. “Kalkulierbares Risiko – Diabetes ist wie ein brennendes Haus, das würde auch niemand versichern”, hieß es auf meine Anfrage.
Nach langem Überlegen kam ich zu dem Entschluss, dass es erst einmal nur ein Vierteljahr werden würde. So konnte ich meinen Traum ohne große Extrakosten verwirklichen und neben Insulin und Hilfsmitteln auch noch Sommerkleider sowie kurze Hosen im Rucksack verstauen.
220 Tage vor Abreise: den Arbeitgeber überzeugen
Der Plan war also gefasst, nur: Wie würde mein Arbeitgeber auf die Forderung nach einem Sabbatical reagieren? Würde ich weiterhin krankenversichert bleiben oder müsste ich dies selbst zahlen?
In einem persönlichen Gespräch mit meiner Chefin sprach ich meinen Wunsch aus. Gemeinsam überlegten wir, wie wir die Auszeit verwirklichen könnten, und fanden einen Weg: Ich wurde halb freigestellt und musste die andere Hälfte der Zeit mit meinem Jahresurlaub bestreiten. Dadurch blieb ich weiterhin sozial- und krankenversichert. Eine Auslandskrankenversicherung musste ich dennoch abschließen, damit ich bei allen vom Diabetes unabhängigen Erkrankungen ärztliche Hilfe bekommen würde.
190 Tage vor Abreise: Afrika, Australien, Südostasien?
Nachdem auch der Zeitpunkt der Reise mit meinem Arbeitgeber abgestimmt war, überlegte ich mir das Reiseziel und entschied mich für Südostasien. Das Wetter ist dort zwischen November und Februar perfekt. Da ich alleine reisen wollte, war es mir außerdem sehr wichtig, dass die Länder nicht allzu schwer zu erschließen sind und ich als Frau keine Probleme bekommen würde. Neben Thailand und Bali wollte ich auf jeden Fall noch Laos, Kambodscha und die Insel Lombok sehen.
123 Tage vor Abreise: die Flugtickets in der Hand
Im Reisebüro besprach ich meine Vorstellungen sowie die Route und buchte die Flüge. Der Hinflug ging nach Bangkok, der Rückflug ab Singapur. Vor Ort wollte ich mich am liebsten mit Bus und Bahn fortbewegen oder kurzfristig einen Inlandsflug buchen. Da man in allen Ländern an den Grenzübergängen ein zeitweiliges Visum bekommt, fiel weiterer Vorbereitungsaufwand weg, weil ich vorab keine Botschaft besuchen musste.
90 Tage vor Abflug: keine Impfmüdigkeit
Ein weiterer wichtiger Punkt auf meiner Vorbereitungsliste war ein Besuch beim Tropenmediziner, um die nötigen Impfungen zu besprechen. Es lohnt sich, einen Spezialisten aufzusuchen, denn der weiß genau, in welcher Region welche Gefahren lauern, und man bekommt keine unnötigen Impfungen. Da für einige Impfungen drei Spritzen nötig sind, sollte man sich rechtzeitig informieren – mindestens drei Monate vor Abreise.
Durch meine Vietnamreise hatte ich die meisten Krankheiten bereits abgedeckt, so dass ich nur eine Auffrischung der Tollwutimpfung sowie die Impfung gegen japanische Enzephalitis benötigte. Vor einer Impfung sollte man prüfen, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt – falls nicht, lohnt sich ein Wechsel, und man kann bis zu 500 Euro sparen. Achtung, die Kündigungsfrist beträgt zwei Monate zum Monatsende! Glücklicherweise kann keine Krankenkasse einen chronisch Kranken abweisen.
- Besuch beim Tropenmediziner: Welche Impfungen brauche ich, und welchen Zeitraum muss ich für die Impfungen einplanen?
- Lagebesprechung mit dem Diabetologen und der Diabetesberaterin: Welche Therapie will ich während der Reise? Ist CSII (Pumpe) eine Option oder fährt man mit ICT besser?
- Doppelte Menge: Man sollte die doppelte Menge des Diabeteszubehörs (Insulin, Hilfsmittel etc.) mitnehmen und sich eine Bescheinigung für den Flug geben lassen, die belegt, dass man die Medikamente mit sich führen darf bzw. muss.
- Name des Insulins im Ausland: Falls doch mal etwas wegkommen sollte, ist es wichtig, den jeweiligen Namen des Insulins im Ausland zu kennen. Achtung: Nicht jedes Insulin gibt es in allen Ländern.
Nächste Seite: Für drei Monate zurück zur Pentherapie, der finale Check kurz vor der Abreise und ein Diabetes-Packplan.
64 Tage vor Abflug: doppelt hält besser
Neben dem Besuch beim Tropenmediziner stand natürlich auch eine Visite beim Diabetologen und der Diabetesberaterin an.
Für mich war klar, dass ich in den drei Monaten wieder auf den Pen umsteigen würde, da das Insulinpumpenzubehör mit Kathetern und Reservoirs noch mehr Platz im Rucksack wegnehmen würde. Mit meiner Diabetesberaterin berechnete ich anhand meiner Basalrate und meiner täglichen Insulindosis unter der Insulinpumpentherapie die erforderliche Menge an Langzeitinsulin, die ich morgens und abends spritzen würde.
Die Basalrate bei der Pentherapie ist etwa die Hälfte der Tagesgesamtmenge bei Insulinpumpentherapie (meine Tagesgesamtmenge unter CSII: 44 Einheiten; Basalmenge unter ICT also 22 Einheiten, elf morgens und elf abends).
Ebenso planten wir die benötigten Mengen von Bolusinsulin, Blutzuckerteststreifen, Kanülen sowie Lanzetten. Neben meinem normalen Blutzuckermesssystem nahm ich ein weiteres Gerät mit – für den Fall, dass eins kaputtgehen sollte. Die engmaschige Kontrolle des Blutzuckers ist gerade in der Anfangszeit der “neuen” Therapie wichtig. Hinzu kommen die unbekannte Ernährung und Bewegung sowie die Hitze, die den Blutzucker ganz schön aus der Bahn werfen können.
28 Tage vor Abreise: der Final-Check
Jetzt wurde es langsam ernst. Der Abflug rückte immer näher, und ich hatte ständig das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Auf meiner To-do- Liste stand noch der Anruf bei der Kundenhotline, um den ausländischen Namen meines Insulins in Erfahrung zu bringen. So hatte ich einen Plan B, wenn mein Insulin doch abhandenkommen würde – was mit eine meiner größten Befürchtungen war. Außerdem informierte ich mich über die deutschen Botschaften in den Ländern, die ich bereisen wollte.
- Bolusinsulin (doppelte Menge)
- Basalinsulin (doppelte Menge)
- 2 Blutzuckermesssysteme (am besten vom gleichen Hersteller, so dass die gleichen Teststreifen verwendet werden können)
- 4 Pens (jeweils 2 für Basal und Bolus)
- Blutzuckerteststreifen (doppelte Menge)
- Kanülen (doppelte Menge)
- Lanzetten (doppelte Menge)
- Einwegspritzen
- 1 Dose Keton-Teststreifen
- Traubenzucker (für die Anfangszeit, im Ausland bekommt man an jeder Ecke auch Limonade)
- 1 Glukagon-Spritze
Tag 0: Vorfreude vs. Aufregung
Meine Eltern brachten mich abends bepackt mit meinen Rucksäcken zum Flieger, der mich über Dubai nach Bangkok fliegen sollte. Mein Insulin, die Teststreifen und die Blutzuckermesssysteme waren wegen der Temperatur im Gepäckraum des Fliegers in meinem Handgepäck verstaut. Kanülen, Spritzen und Lanzetten hatte ich in meinem großen Backpack, den ich nervös am Schalter abgab. Sollte ich die kleine Weltreise wirklich antreten? Ganz alleine?
Als ich meine Eltern das letzte Mal drückte, hatte ich weiche Knie. Die Vorfreude auf die unbekannten Kulturen, die wunderschöne Natur und das große Abenteuer überwog aber. Und da ich meinen Diabetes auch während meiner anderen Fernreisen gut im Griff hatte, machte ich mir darüber auch keine Sorgen. Ich konnte die große, weite Welt quasi riechen, als ich mich ein letztes Mal zu meinen Eltern umdrehte und die Sicherheitskontrolle passierte. Südostasien, ich komme!
- Medikamente aus der Packung nehmen – das spart Platz im Rucksack. Aber auf jeden Fall den Beipackzettel einstecken.
- Insulin kalthalten: Die praktischen Taschen von Frigo kühlen das Insulin einige Tage und können dann einfach mit Wasser wieder aufgeladen werden.
- E-Mail-Adresse vom behandelnden Diabetologen geben lassen – so kann man auch unterwegs noch Hilfe bei der Therapie bekommen.
Epilog
Mit diesem Bericht möchte ich andere Menschen mit Diabetes ermutigen, ihren Traum zu leben. Denn auch mit dem kleinen Handicap Diabetes kann man, wenn man ein paar Regeln berücksichtigt und sich gut vorbereitet, das erleben, was man möchte. Auch ich musste erfahren, dass es teilweise sehr mühsam und zeitaufwendig ist, eine längere Reise vorzubereiten, denn man muss sich viele Informationen selbst zusammensuchen.
Um anderen die Verwirklichung ihres Reisetraums etwas zu erleichtern, werde ich meine Erlebnisse in den nächsten drei Monaten sammeln und aufschreiben und meine “Leidensgenossen” in einer der nächsten Ausgaben daran teilhaben lassen.
Nach Möglichkeit beantworte ich Fragen während meiner Reise. Schickt sie gern an: zuckermaedchen. auf.reisen@googlemail.com
von Karen Dinkhoff
Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstra0e 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2013; 62 (1) Seite 44-46
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Behandlung
- Unsere Partner
3 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
schubidu postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche, 2 Tagen
Hallo zusammen,
ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus! -
stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 1 Monat
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 1 Monat
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-

Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.
@calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!
@uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
Liebe Grüße