„Jaja: Diabetes – und dann Süßigkeiten!“

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© Marco_Piunti - iStockphoto
„Jaja: Diabetes – und dann Süßigkeiten!“

Eine USA-Reise ist für einen Menschen mit Diabetes natürlich genauso möglich wie für einen Stoffwechselgesunden – erfordert allerdings etwas mehr Planung und Logistik. Timo Becker (27, Typ-1-Diabetes) berichtet von den Erfahrungen seiner fast dreiwöchigen USA-Reise im Mai 2019.

Ich heiße Timo Becker, bin 26 Jahre alt und habe seit 11 Jahren einen Typ-1-Diabetes. Derzeit führe ich noch eine intensivierte konven­tio­nelle Insulintherapie (ICT) mit NovoRapid und Toujeo durch. Nun: Vor einer Einreise in die USA müssen Reisende einen „ESTA-Antrag“ (Electronic System for Travel Authorization) stellen, eine Art Sicherheitsüberprüfung: Hierin wird nach vielen Dingen gefragt, auch nach speziellen Erkrankungen und „körperlichen Gebrechen“.

Ich hatte mich dazu entschieden, meinen Diabetes nicht zu erwähnen, weil ich den Diabetes nicht als „körperliches Gebrechen“ ansehe und es nicht für nötig hielt. Der Antrag wurde problemlos genehmigt, letzten Endes hatte nie wieder jemand danach gefragt.

Kurz vor der Reise stand das Kofferpacken an. Neben den üblichen Sachen musste ich mir auch Gedanken darum machen, welche Dinge ich benötige, um drei Wochen meinen Diabetes zu managen. Ich kann nur empfehlen, wirklich genug einzupacken, ganz nach dem Motto „besser haben als brauchen“!

Die Packliste

Meine Packliste: Insuline, Kanülen, Insulinpens und Ersatz, Gewebezuckersensoren, Empfangsgerät für Glukosewerte, Alkoholtücher, Blutzuckermessgerät, Teststreifen, Hypo­glyk­ämie-Notfallkit, Ketonteststreifen, Flugbescheinigung (medizinisches Attest für das Diabeteszubehör), Notfallausweis, schnelle Kohlenhydrate (z. B. Traubenzucker, Weingummi), Kühlmöglichkeiten für das Insulin (dazu später mehr). Die meisten dieser Dinge verstaute ich im Handgepäck, weil sie so wichtig sind und man nicht genau weiß, ob der Koffer wirklich an seinem Ziel ankommt.

Bei der Sicherheitskontrolle vorheriger Flüge interessierte sich nie jemand für den an meinem Körper klebenden Sensor. Diesmal war es anders: Im Ganzkörperscan fiel dem Sicherheitsbeamten mein Dexcom-G6-Sensor auf, welchen ich am Oberschenkel trug. Er tastete zielstrebig danach und rüttelte daran. Ich erklärte ihm, es sei ein Glukosesensor für Diabetiker – aber ich glaube, er konnte nicht viel damit anfangen. Ich musste danach zu einer genaueren Sicherheitskontrolle mit Abstrichen auf Sprengstoff usw.

Bei der Durchsuchung meines Rucksacks fand der Beamte meine „Hypo-Weingummis“, worauf prompt der Spruch kam: „Jaja: Diabetes – und dann Süßigkeiten!“ Ich nahm es mit Humor und war kurz darauf auch entlassen.

Die Zeitverschiebung war kein großes Problem

Ich hatte einen Direktflug von Düsseldorf nach New York. Er dauerte acht Stunden und die Zeitverschiebung beträgt sechs Stunden nach hinten, d. h. wir starteten um 18 Uhr deutscher Ortszeit und kamen an um 20 Uhr.

Die Zeitverschiebung muss man natürlich bei der Gabe des Basalinsulins berücksichtigen. Normalerweise spritze ich das Basalinsulin um 22 Uhr. Ich machte es mir in dem Fall ganz einfach und spritzte das Basalinsulin um 22 Uhr New Yorker Ortszeit. Das ist vielleicht nicht optimal, weil rein theoretisch eine Versorgungslücke entsteht – aber mit den ­extrem langwirkenden Insulinanaloga, welche uns heutzutage zur Verfügung stehen, ist es wirklich unproblematisch.

Außerdem ist ein langer Flug immer eine Sondersituation. Und durch eine gewisse Anspannung und Aufregung sind bei mir sowieso alle Regeln außer Kraft gesetzt, d. h. schwankende Glukosewerte müssen mit kurzwirksamem Insulin ausgeglichen werden. Dank kontinuierlicher Messung in Echtzeit („rtCGM-System“) hatte ich meine Stoffwechsellage immer im Blick und konnte früh genug aktiv werden. Somit war die Zeitverschiebung mein kleinstes Problem.

Problem Frühstück

Größere Schwierigkeiten hatte ich mit dem Frühstück in den USA. Viele Amerikaner frühstücken so: Waffeln mit Sirup, Bagels mit Marmelade, Oatmeal (Haferschleim) mit Obst. Das Brot war größtenteils weißes Brot.

Als ich mein süßes Frühstück vor mir hatte, war mir klar, dass ich eine Menge Insulin dafür brauchen würde – ohne zu wissen, dass wir an dem Tag New York hauptsächlich zu Fuß erkunden würden. So kam es, dass ich mich den ganzen Vormittag von Kiosk zu Kiosk hangelte, um mir Cola und Co. zu kaufen – um meinen Glukosewerte hochzuhalten.

Keine Unterzuckerung auf dem Highway

In Florida herrschte zeitweise tropisches Klima mit Temperaturen bis zu 38 °C. Den Insulinvorrat dabei kühl genug zu halten, war nicht immer einfach. In den Hotels waren zwar immer Kühlschränke, aber bei der Reise von Hotel zu Hotel wurde es zeitweise sehr warm im Auto – wenn wir Zwischenstopps machten und die Klimaanlage nicht lief.

Eine Thermoskanne, die groß genug für meine SoloStar-Pens ist, habe ich nicht – also lagerte ich das komplette Insulin in einer Kühltasche, in die ich zusätzlich mehrere gekühlte Wasserflaschen legte. Unterwegs und am Strand kühlte ich meinen Pen auf die gleiche Art, kombiniert mit einer Frio-Tasche.

Eine Kühltasche, zusätzlich mit gekühlten Wasserflaschen, hilft enorm … gerade bei längeren Stopps ohne Klimaanlage.

An den schönen Stränden Floridas wurde ausgiebig geschwommen, getaucht und Kajak gefahren. Dabei hatte ich immer Sorge, meinen Sensor und vor allem den Transmitter zu verlieren. Trotz des Salzwassers und teils starken Schwitzens klebte der Dexcom G6 aber bombenfest auch ohne Overpatch, also ohne zusätzliche Befestigung!

Froh, die Reise gemacht zu haben

Abschließend kann ich sagen, dass im Großen und Ganzen alles gut gelaufen ist und ich froh bin, diese Reise gemacht zu haben. Natürlich waren meine Werte oftmals nicht im Zielbereich, aber das muss man auf solch einer Reise einfach hinnehmen.

Die bei der Reise gemachten Erfahrungen haben meine Überzeugung bestätigt: Mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten stehen mir – auch mit meinem Diabetes – fast alle Möglichkeiten offen.


von Timo Becker
Diätassistent und Diabetesberater DDG
E-Mail: timo.becker@st-agnes-bocholt.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (6) Seite 36-38

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