Laubers Kolumne: Messen! Aber mit Maß

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Laubers Kolumne: Messen! Aber mit Maß

Schlafmonitor, Schrittzähler etc.: Skeptisch ist Hans Lauber gegenüber dem permanenten Messen aller Körperfunktionen.

Blutzuckermessung: wichtiges Biofeedback

Messen Essen Laufen – so lautet die Grundlage meiner Methode. Ja, das Messen ist ein unverzichtbarer Bestandteil meines Weges. Dafür bin ich auch kritisiert worden, weil die Leitlinien für den Typ-2-Diabetes die Blutzuckermessung im wesentlichen nur beim Spritzen von Insulin vorsehen.

Aber nur wer misst, weiß, wo er steht – und kann handeln. Für mich ist das Biofeedback des täglichen Messens immer wieder ein Motivator, vor allem, wenn die Werte zu hoch sind. Dann wird anders gegessen – und vor allem wird sich dann bewegt.

Kontinuierliche Blutzuckermessung für eine Woche

Wie segensreich das Messen für das eigene Handeln ist, habe ich erlebt, als ich kürzlich eine Woche lang die kontinuierliche Blutzuckermessung CGM ausprobieren durfte. Da zeigt ein kleines Gerät 24 Stunden und rund sieben Tage lang an, wie sich der Lebensstil auf den Blutzucker auswirken. Da schießt der Blutzucker nach oben, wird zu süß gegessen, sackt er nach unten, wenn Wein getrunken wird.

Wer so einmal mit dem Zucker „spielen“ konnte, entwickelt ein ganz anderes Körperbewusstsein – kann sein Leben langfristig präventiv anlegen. Wobei es reicht, das einmal ein oder zwei Wochen zu machen, dann weiß jeder, wie sein Körper im Prinzip „tickt“.

Messen auf den Blutzucker beschränkt

Bewusst beschränkt habe ich das Messen bei mir auf den Blutzucker – und ab und an auf den Blutdruck. Doch nun greift mit Macht eine wahre Messbewegung um sich, die von der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche ausgeht.

Da geben immer mehr Menschen freiwillig ihre Leistungsdaten in den Rechner ein. Da gibt es schicke „Armbänder“ (etwa die Fitbit-Produktfamilie), die Ernährung, Gewicht und sogar die Schlafqualität überwachen. Da könnte es dann passieren, dass ich ganz ausgeschlafen bin. Aber mein Schlafmonitor attestiert mir trotzdem ein unzureichendes Schlafverhalten – und ich bekomme ein schlechtes Gewissen.

Permanenter Kontrollmodus

Mir ist das Ganze ein wenig unheimlich, weil ich das Gefühl habe, dass mich das in einen permanenten Kontrollmodus versetzen würde, sodass ich vor lauter Messen das Leben vergesse. Ausprobiert habe ich das Ganze nicht, weil ich es mir nicht leisten kann, es mir auch zu umständlich ist. Mir reicht es, wenn ich mir vornehme, heute jogge ich eine halbe Stunde oder gehe schnellen Schrittes eine ganze Stunde.

Mit den neuen Geräten wird den Menschen suggeriert, das Laufen erledige sich quasi von selbst. Nur, auch das stylischte Gerät kann nicht darüber hinwegmogeln, dass es halt oft eine Menge Selbstüberwindung kostet, in die Turnschuhe zu schlüpfen und loszulaufen.

Schrittmesser? Überwachungsstress!

Dass ich mit meiner Einschätzung nicht ganz daneben liege, bestätigt mir der renommierte Diabetologe, Sportmediziner und aktive Sportler Dr. med. Meinolf Behrens aus Minden. Auch er warnt vor einem „Überwachungsstress“, und er glaubt, dass diese Geräte Menschen kurzfristig zur Bewegung motivieren können, aber als erfahrener Arzt befürchtet er auch, dass Ganze „bald wieder abebbt“.

Sein Fazit bezogen auf den Diabetes: „Eine stylische Idee für eine kleine Gruppe von Diabetikern. Denn wichtig sind die Basics – und für die Bewegung heißt das, einfach sich bewegen. Wer das nicht will, wird es auch mit dem ganzen Schnickschnack nicht machen“. Klare Worte, die ich teile. Aber vielleicht täuschen wir uns auch – und vielleicht schaffen die neuen Gimmicks tatsächlich die Bewegungsrevolution. Dann hätten wir uns gerne getäuscht.

Wir erstellen die „Kontobücher Gottes“

Aber bei einem bin und bleibe ich skeptisch: Meine Daten würde ich nie ins Netz stellen – auch Dr. Meinolf Behrens möchte seine da nicht sehen. Zu groß erscheint mir nach den Skandalen der jüngsten Zeit die Gefahr, dass mit meinen Daten Schindluder getrieben wird, dass ich zu „gläsern“ werden könnte. Wohin eine Digitalisierung aller Lebensbereiche führen könnte, hat in einem hellsichtigen Kommentar FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher geschildert.

Seine Warnung: „Der Einzelne weiß oft nicht, dass die digitale Moderne im Begriff ist, eine Buchführung seines gesamten Lebens zu organisieren, die fast schon den ´Kontobüchern Gottes` ähnelt, die sich die Religionen einst ausmalten“.

Die Erfahrung lehrt, dass die Menschen schon immer bei dem Versuch gescheitert sind, sich göttliche Rollen anzumaßen – und das ist gut so.


von Hans Lauber

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  • Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂

  • jasminj postete ein Update vor 16 Stunden, 26 Minuten

    Hi,
    Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!

    • Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂

    • @lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
      Wie hat Dir der Tag gefallen?

    • @jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂

    • @lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂

  • galu postete ein Update vor 4 Tagen, 13 Stunden

    hallo,
    ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
    Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
    Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
    Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
    Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
    Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus

    • Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!

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