- Leben mit Diabetes
Mit Typ-1-Diabetes: Auf in die Schule nach Spanien!
8 Minuten

Von ihrem Typ-1-Diabetes ließ sich Juliana Heidenreich nicht von ihrem Traum abhalten, ein halbes Jahr in Spanien zur Schule zu gehen. Gut vorbereitet zusammen mit ihrer Familie konnte sie die Zeit bei ihrer Gastfamilie genießen.
Wenn Kinder allmählich flügge und immer selbstständiger werden, wünscht sich die eine oder der andere Jugendliche, für eine längere Zeit im Ausland in die Schule zu gehen. Es geht um das Lernen einer fremden Sprache, das Kennenlernen einer anderen Kultur, das Weiten des eigenen Blicks – und eben um die immer größer werdende Unabhängigkeit von den Eltern. Dieser „Ausbruch“ aus dem elterlichen Schutz ist für gesunde Jugendliche und ihre Eltern schon aufregend. Wie aber ist es, wenn ein Typ-1-Diabetes der tägliche Begleiter ist?
Kindheitstraum erfüllt
Juliana Heidenreich aus Augsburg geht in die zwölfte Klasse eines Gymnasiums. Im letzten Jahr war sie für sechs Monate in Valencia in Spanien. Gern hätte sie diese Zeit auch in einem Land außerhalb Europas verbracht, aber für ihren Typ-1-Diabetes wäre die Versorgung mit dem notwendigen Insulin und Material schwieriger gewesen. „Da habe ich mich für Spanien entschieden, da ich auch in der Schule Spanisch habe. Und deswegen war das auch ein kleiner Kindheitstraum, den ich mir da erfüllt habe“, erzählt sie.
Eins ihrer Ziele: selbstständiger werden
Ihre Ziele waren genau die, die auch andere Jugendliche eben haben: „Definitiv natürlich die Sprache zu verbessern und die Kultur kennenzulernen, aber auch, um generelle Kontakte im Ausland zu knüpfen, ein bisschen selbstständiger zu werden und einfach das Leben in einem anderen Land kennenzulernen.“ Für sie war es das erste Mal, dass sie so lange unterwegs war. Nur an einem zehntägigen Schüleraustausch hatte sie zwei Jahre vorher teilgenommen.
Mit Spanisch durch die Zeit
In Valencia wohnte sie bei einer Familie mit drei Kindern, teilweise jünger, teilweise älter als Juliana Heidenreich. Außerdem lebte eine italienische Gastschülerin dort – und eine Katze. „Wir waren ein bunter und großer Haufen“, berichtet sie lachend. Spanische Wörter umschwirrten sie also den ganzen Tag. In der Klasse, in die sie und ihre italienische Gastschwester gingen, waren sie die einzigen Gastschüler.
Auch dort ging es also nur mit Spanisch weiter. „Ich habe schon fast alles verstanden, bis auf Kleinigkeiten. Das Verständigen war sehr schwer und das war das Entscheidende, das ich üben musste – das Hauptsätzliche war tatsächlich das Reden.“ Nach dem halben Jahr war das kaum mehr ein Problem: „Das Vokabular hat man vielleicht nicht komplett, aber man traut sich auf jeden Fall, überall was zu sagen und zu beschreiben, wenn man keine Wörter findet. Man hat eigentlich immer irgendwie die Möglichkeit, sich zu verständigen.“
Diagnose Typ-1-Diabetes ohne massive Entgleisung
Welche Rolle spielte aber nun der Diabetes? Im Jahr 2017 war er in Juliana Heidenreichs Leben getreten, da war sie neun Jahre alt. „Ich hatte extrem abgenommen. Das ging tatsächlich so weit, dass andere Leute meine Eltern darauf angesprochen haben, ob ich eine Essstörung hätte, weil ich so abgemagert war. Und ich trank extrem viel.“ Mit einem Blutzucker über 700 mg/dl (38,9 mmol/l) schickte der Kinderarzt sie mit ihren Eltern direkt ins Krankenhaus. Eine komplette Entgleisung mit einer starken Übersäuerung des Körpers, eine Ketoazidose, war ihr aber erspart geblieben.
Infusionen bekam sie dennoch für knapp zwei Tage, durfte zuerst nichts essen oder trinken. In den zwei Wochen im Uniklinikum Augsburg lernte sie dann schnell viel über Diabetes, wie sie es als Neunjährige verstehen konnte. Ihren Eltern wurde noch einiges mehr erklärt und beigebracht. „Ich habe das Krankenhaus in guter Erinnerung. Die haben mich da wirklich gut aufgenommen und sich gut gekümmert“, erinnert sie sich. Gegen Ende ihres Aufenthalts zog ein Junge mit in ihr Zimmer – ihr erster Kontakt mit einem anderen Menschen mit Typ-1-Diabetes.
Zuerst kein CGM gewollt
Juliana Heidenreichs Therapie startete klassisch mit einer intensivierten Insulintherapie mit Insulinpens und einem Blutzucker-Messgerät. Gespritzt hat sie sich von Anfang an selbst: „Ich habe das tatsächlich noch nie meine Eltern machen lassen.“ Einen Sensor zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM) wollte sie anfangs nicht, „weil ich nichts an mir tragen wollte, nichts Dauerhaftes“. Ungefähr ein Jahr später entschied sie sich um.
Seitdem trägt sie ein CGM-System. Ungefähr zeitgleich tauschte sie ihre Insulinpens gegen eine Insulinpumpe. Seit September letzten Jahres nutzt sie ein System zur automatisierten Insulin-Dosierung, kurz AID-System. Vor ihrem Spanien-Aufenthalt ging das noch nicht, „weil das eine Zeit lang mit Apple-Geräten, also mit iOS nicht kompatibel war. Und diese Möglichkeit kam, während ich in Spanien war. Sobald ich zurück war, habe ich das System bekommen.“
Mit Bescheinigungen keine Probleme
Vor dem Abflug nach Spanien galt bezüglich ihres Diabetes-Managements ihre größte Sorge den benötigten Mengen an Pumpen-Zubehör und Insulin. Verschrieben worden war ihr alles in ausreichender Menge. Insulin reichte dann, aber anderes Material wurde ihr von ihren Eltern noch ergänzend geschickt.
Für die Kontrollen im Flughafen und auch für mögliche Koffer-Kontrollen hatte sie sich von ihrer Diabetologin Bescheinigungen ausstellen lassen, dass sie auf die großen Mengen der medizinischen Artikel angewiesen war. Für das gesamte Insulin im Handgepäck, das die zulässige Höchstmenge an Flüssigkeit überschritt, hatte sie eine weitere Bescheinigung. Damit klappte alles – der Spanien-Aufenthalt startete diesbezüglich ohne Probleme.
Traubenzucker im ganzen Haus verteilt
Eine Sorge gilt oft auch akuten Notfällen wie Unterzuckerungen, wenn man auf sich allein gestellt ist. Juliana Heidenreich war da eher gelassen: „Ich glaube, ich bin relativ gut eingespielt. In Spanien hatte ich auch nie einen Moment, dass ich Hilfe gebraucht habe von meiner Familie oder so. Klar, ich bin mal unterzuckert. Aber ich hatte noch nie krasse Unterzuckerungen. Deswegen hatte ich da vorher auch nicht so Angst.“
Trotzdem hatte sie vorgebeugt und die spanische Familie gut informiert: „Ich habe ihnen das geschildert und auch das Notfall-Spray erklärt, wie das gehen würde und wo ich meine Sachen hatte. Und ich habe im ganzen Haus Traubenzucker verteilt.“ Davon hatte sie eine Menge mit, „weil ich nicht wusste, inwiefern es das in Spanien gibt und wie lange ich brauche, um eine Alternative zu finden“. Die Sorge erwies sich aber auch als unbegründet – sie fand den Traubenzucker in spanischen Geschäften schnell.
Niveau-Mix in der Schule
Die Schule in Spanien forderte Juliana Heidenreich stark: „Ich hatte fast jede zweite Woche einen Test.“ Das Niveau des Lernstoffs variierte ziemlich im Vergleich zu ihrer Schule in Augsburg. „Ich hatte Fächer, da habe ich Inhalte gemacht, die ich schon in der achten Klasse hatte, und die haben das erst in der Oberstufe gemacht. Dann hatte ich Fächer, wie Mathe, da haben wir Sachen gemacht, von denen mein Papa meinte, die machen wir in Deutschland erst an der Uni. Das war ein komplett bunter Mix.“
Typ-1-Diabetes war übrigens für ihre Schule dort nichts Unbekanntes, auch wenn es nicht ihre Jahrgangsstufe betraf: „Meine Schule hat mir gesagt, sie haben noch zwei weitere Schüler, die Diabetes haben.“
Tolle Familie, neue Kontakte
Das Umfeld in Spanien empfand die Schülerin als sehr positiv: „Meine Familie war toll, mit denen habe ich auch immer noch sehr viel Kontakt. Ich besuche sie auch im Sommer und meine spanische Gastschwester besucht mich auch. Ich habe auch tolle Freunde gefunden, spanische und auch deutsche.“
Das Leben dort bestand natürlich nicht nur aus Schule. Mit anderen Austauschschülerinnen und -schülern unternahm sie einiges, aber natürlich auch mit ihrer Gastfamilie: „Das war schon toll und wir haben sehr viele Ausflüge gemacht, zum Beispiel an verschiedene Strände.“ So lernte sie auch das Land besser kennen. Manchmal schlich sich allerdings ein leichtes Unwohlsein ein: „Man hatte natürlich auch immer mal wieder Heimweh und hat sich dann überlegt, ob es wirklich die richtige Idee war, so lange wegzugehen. Aber das hat sich nach ein paar Tagen wieder gerichtet.“
Internet-Blogs als Informations-Quelle
Vor der konkreten Planung des Aufenthalts in Spanien hatten sich Juliana Heidenreich und ihre Familie schlaugemacht, was man alles wissen sollte für einen längeren Aufenthalt im Ausland mit Typ-1-Diabetes. Reise und Unterkunft waren über einen Anbieter organisiert worden. Der Diabetes war aber die Aufgabe der Familie selbst. „Wir haben viel nach Blogs gesucht im Internet. Es gibt ein paar Reise-Blogs von Leuten mit Diabetes oder auch von welchen, die im Ausland leben. Dort haben wir uns informiert.“ Kontakte mit den Blog-Betreiberinnen und -Betreibern hatte sie nicht aufgenommen, ihr reichte die schriftliche Information.
Bis heute ist sie in Bezug auf persönliche Kontakte zu anderen Jugendlichen mit Diabetes zurückhaltend, sie entstehen eher zufällig. „Ich habe in meiner Stufe in der Schule hier in Augsburg auch eine mit Diabetes und auch im Bekanntenkreis ein paar Leute.“ Auch ihr Hobby, das Ballett, brachte sie mit einer anderen Jugendlichen mit Diabetes zusammen: „Ich habe eine Zeit lang mit einer Tänzerin aus Amerika Kontakt aufgenommen, die ungefähr so alt war wie ich.“
Diabetes war kein Hinderungsgrund
Ihre Eltern standen bei der ganzen Unternehmung immer voll hinter ihr: „Meine Eltern haben mich voll und ganz bei der Entscheidung, dass ich ins Ausland will, unterstützt. Sie haben auch gesagt, dass sie das eigentlich immer erwartet haben, dass ich das mal machen möchte, weil ich immer davon geredet habe. Deswegen war nie ein Moment, wo sie mich davon abbringen wollten.“
Und wie war es für ihre Eltern, sie für sechs Monate ziehen zu lassen? „Diabetes war eigentlich kein Hinderungsgrund, warum sie jetzt irgendwelche Bedenken hatten, weil sie wussten, dass ich gut eingestellt bin und ich das auch gut handhabe. Ich mache eigentlich mittlerweile alles allein und lasse mir sehr wenig helfen.“ Das Problem bestand eher darin, wie wahrscheinlich für alle anderen Eltern auch, sie so lange nicht zu sehen.
Aber im Zeitalter von Smartphones und Computern lassen sich solche Distanzen relativ leicht überbrücken, auch zu ihren beiden kleineren Geschwistern: „Mit meiner kleinen Schwester, die ein Jahr jünger ist als ich, habe ich fast jeden Tag telefoniert. Sie hat mich überall mit hinbegleitet. Ich habe auch mit meiner Mama sehr viel telefoniert. Gegen Ende war es wahrscheinlich so, als ob ich gar nicht weg bin, weil ich so viel telefoniert habe.“
Nicht „krass eingeschränkt“ durch Diabetes
Für Juliana Heidenreich waren die sechs Monate sehr schön und gewinnbringend. Anderen Jugendlichen, die einen Auslands-Aufenthalt planen, empfiehlt sie deshalb: „Nicht verunsichern lassen! Man sollte auf jeden Fall alles ausprobieren und sich nicht vom Diabetes irgendwie abhalten lassen. Das ist keine Krankheit, die dich so krass einschränkt, dass du kein normales Leben führen kannst.“
„Deswegen auf jeden Fall alles ausprobieren, was geht, und auch ein bisschen über deine Grenzen hinauswachsen, auch in Bezug auf den Diabetes. Aber man sollte nichts machen, wo man weiß, dass es gefährlich wäre“, rät sie. Etwas schränkt sie aber ein: „Zu Hause lässt man es vielleicht mal ein bisschen laufen, aber im Ausland ist man halt auf sich allein gestellt. Da sollte man dann schon auf jeden Fall auf sich schauen, ob es einem gut geht.“
Tipp für Eltern: Nicht zu viel nachdenken!
Und ihr Tipp für Eltern: „Man sollte sich nicht verkopfen. Ich würde sagen, dass man auch Fehler akzeptieren muss. Man hat immer seine Ups und Downs. Wenn mal was schiefläuft, ist das kein Drama. Man muss halt wissen, wie man das handhabt und da rauskommt. Aber man kann ja auch aus seinen Fehlern lernen.“ Juliana Heidenreich würde alles wieder genau so machen, wie es war.
Dr. med. Katrin Kraatz ist Ärztin, Medizin-Redakteurin und lebt seit ihrer Kindheit mit Typ-1-Diabetes. Sie arbeitet seit über 20 Jahren mit am Diabetes-Anker (vormals Diabetes-Journal) und ist seit 2021 zusammen mit Prof. Haak Chefredakteurin der Zeitschrift. Darüber hinaus schreibt Dr. Kraatz auch für weitere Diabetes-Medien aus dem Hause MedTriX.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (7) Seite 52-57
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thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 1 Woche
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 2 Tagen
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]












