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Nicht aufgeben! – ein Interview mit Maria Seiter
5 Minuten
Die 86-jährige Münchnerin Maria Seiter ist seit nunmehr 45 Jahren Typ-2-Diabetikerin. Obwohl ihre Mutter sogenannten „Altersdiabetes“ hatte und ihr Enkel mit knapp 14 Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankte, ist Frau Seiter alles andere als eine typische Typ-2-Diabetikerin.
Die Diagnose
Sie war eine 41 Jahre junge, schlanke, zweifache Mutter und als Außendienstlerin im Sozialdienst der Stadt München tätig, als sie plötzlich glaubte, an einer Blasenentzündung zu leiden. „Als mein Urintest dann beim Hausarzt ausgewertet wurde, gab es auf einmal eine helle Aufregung“, erzählt die rüstige Seniorin rückblickend. „Sofort schickte man mich zur Blutabnahme. Für Diabetes-Tests gab es jedoch spezielle Blutabnahmezeiten und das Labor benötigte bis zu zwei Tage, um die Ergebnisse auszuwerten“, erinnert sich Maria Seiter.

„Diabetes-Schulungen gab es damals keine richtigen. Es hieß schlichtweg, ich solle wenig Süßes essen und vor allem kleine Portionen“, so Frau Seiter. Sie erhielt eine Tablette namens „Pro-Diaban“ und hielt sich streng an die neuen Vorgaben.
Der Unterschied
„Es war komplett anders als bei meiner Mutter damals“, erinnert sich Frau Seiter. „Meine Mutter hätte eigentlich keine Diabetes-Medikamente benötigt, wenn sie sich an eine strenge Diät gehalten hätte. Doch die damalige Ärztin war sehr sanft im Umgang mit ihr. Sie hatte Verständnis dafür, dass das Leben meiner Mutter hart war. Am Kriegsende wurden wir als Familie getrennt, mein Vater war in russischer Gefangenschaft, von der er nicht mehr zurückkam. Es gab einfach viele Widrigkeiten, durch die sie mich und meine vier Brüder durchbrachte. Ich empfand deshalb die Empathie der Ärztin als positiv und verübelte es meiner Mutter nicht, dass sie ihren Altersdiabetes nicht so ernst nahm und sich ihren Essensgelüsten hingab“, berichtet Frau Seiter.
Zweifel an der Diagnose Typ-2-Diabetes
Zehn Jahre nach ihrer Diagnose kletterte der Blutzucker von Frau Seiter immer höher. Die Tabletten kamen nicht mehr gegen die Blutzuckerspitzen an, obwohl sich an der Ernährung von Frau Seiter nichts änderte. „War es wirklich Typ 2? Konnten vielleicht Wechseljahre und Hormonschwankungen die Ursache für den irritierten Blutzucker sein?“ Fragen über Fragen, die sich die Ärzte und Frau Seiter lange stellten und denen sie versuchten, mit vielen Bluttests auf den Grund zu gehen.
Die Blutzuckerwerte erreichten weiterhin regelmäßige Spitzen um die 300 mg/dl (16,7 mmol/l). Da es immer noch keine portablen Blutzuckermessgeräte gab, musste Maria Seiter nun alle zwei Wochen zum Messen zum Arzt fahren. „Das war sehr schwer zu vereinbaren mit meiner Außendiensttätigkeit und zwei jungen Kindern“, erzählt Maria Seiter. Die Tabletten-Therapie setzte sich zunächst fort, doch eine Besserung der Werte war noch weit entfernt.
Der erste Facharzt-Besuch
Einige Jahre später – es muss Ende der 1980er Jahre gewesen sein – machte Frau Seiters Tochter schließlich eine Lehre als Krankenschwester und berichtete ihrer Mutter aufgeregt von einer dortigen „Diabetes-Ambulanz“. Der ansässige Professor Dietze hatte zuvor lange mit dem bekannten Diabetologen Professor Mehnert gearbeitet und war somit der erste Diabetes-Experte, mit dem Frau Seiter in Berührung kam.

Nachdem Frau Seiter, die weiterhin Blutzuckerwerte über 300 mg/dl (16,7 mmol/l) aufwies, im Krankenhaus vorstellig wurde, wollte man sie direkt stationär aufnehmen und im Krankenhaus beobachten. „Es war direkt vor den großen Ferien und ich wusste nicht, wie ich das mit den Kindern organisieren sollte. Zudem hätte ich nicht aus dem Krankenstand in den Urlaub gekonnt. Damals wurde noch verlangt, dass man vor Urlaubsantritt mindestens einen Tag zuvor zurück im Dienst gewesen sein musste“, erzählt Frau Seiter leicht verzweifelt. Das Krankenhaus kam ihr mit einer entsprechenden frühzeitigen Entlassung entgegen.
Die Diabetes-Einstellung
Während ihres Krankenhausaufenthalts wurde Frau Seiter auf Insulin eingestellt und nach über 15 Jahren Diabetes-Erkrankung zum ersten Mal ausführlich über Diabetes aufgeklärt und zur Handhabung geschult. Es gab zwar immer noch keine Blutzuckermessgeräte, aber Unterzuckerungen spürte Frau Seiter damals sofort, merkt sie in unserem Gespräch an. Ihr Instinkt und Körpergefühl sei über die vielen Jahre hinweg darauf ausgerichtet, die Nuancen des Unterzuckers zu erkennen: vom Zittern zum Schwitzen bis hin zum Schwindel. „All das kam erst mit dem Insulin“, sagt Frau Seiter.
Wie wahrscheinlich viele Diabetiker, so hat natürlich auch Frau Seiter viele verschiedene, brenzlige Situationen in ihrem Leben durchlebt, die bei ihr vor allem durch den Unterzucker verursacht wurden.
Einmal hatte Frau Seiter sich zu hoch gespritzt und kam dann mit einer schweren Hypoglykämie ins Krankenhaus. Beim Bergwandern erlebte sie ebenfalls häufig kleine Schwächeanfälle und läutete frühzeitig zwischendurch das Picknick ein. Letztlich erlebte sie sogar bei den wichtigsten Familien-Festlichkeiten – wie der Hochzeit ihrer Tochter – Notlagen. Bei der Hochzeit fand sie jedoch glücklicherweise eine unentdeckte „Pralinen-Schatzkammer“ in ihrer Handtasche und plünderte diese wie ein kleiner Hamster während des Trauungs-Gottesdienstes in der ersten Reihe unbemerkt.
Die ersten Folgeschäden
Seit knapp zwei Jahren erfährt Frau Seiter nun die ersten Folgeschäden und Krankheiten. Mittlerweile hat sie zwei leichte Schlaganfälle erlitten und seit einem halben Jahr eine ausgeprägte diabetische Neuropathie, die vor zehn Jahren leicht begann. „Da kann man halt nichts machen, außer schauen, dass der Diabetes gut eingestellt ist“, sagt Frau Seiter tapfer. „In zwei Monaten wird mein Mann 100 Jahre alt.“ Das gemeinsam zu erleben, ist ein sehr großes Geschenk für Frau Seiter, die in diesem Moment dankbar auf ihr gemeinsames Leben zurückblickt und sehr stolz auf ihre Kinder ist, die ihrem Mann und ihr viel Kraft und Fürsorge schenken.
Nicht aufgeben!
Maria Seiters Devise ist, Selbstverantwortung zu übernehmen. „Mein Lebensmotto ist ‚nicht aufgeben‘!“ Folgeschäden können kommen – müssen aber nicht. Ärzte können einen im Leben nur beraten, machen müssen wir es schon selbst. Jeder ist schließlich für sich selbst verantwortlich“, stellt Frau Seiter fest.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Maria Seiter bereits seit über 12 Jahren Diabetes-Sport treibt, immer in Bewegung bleibt und Koordinationstraining übt. Ihr Enkel neckt seine Oma zwar gerne mit saloppen Sprüchen wie: „Was machst Du denn beim Diabetes-Sport, Oma? Wett-Spritzen?“ Darüber können sie dann beide herzlich lachen und auch das ist wichtig, selbst wenn man Diabetes hat und die Höhen und Tiefen dieser Krankheit kennt und respektiert.
Authentizität verleiht Respekt!
„Ich bin immer offen mit meiner Krankheit umgegangen, ob im Berufsleben oder privat. Ich habe kein großes Aufsehen darum gemacht, aber alle wussten es und ich habe mich nicht versteckt“, bemerkt Frau Seiter abschließend.
So wie Frau Seiter glaube auch ich, dass wir – die Diabetiker selbst – es sind, die den Umgang mit uns prägen. Sind wir ängstlich und vorsichtig, verunsichern wir unser Umfeld. Gehen wir hingegen selbstbewusst und offen damit um, tut es unser Umfeld auch.
Hier und heute
„Ich finde es gut, dass man die Ärzte heute alles zum Diabetes fragen kann. Sie wissen viel besser Bescheid und geben notfalls auch mal zu, wenn sie etwas nicht wissen. das war früher anders“, schmunzelt Frau Seiter.
„Damals, als ich krank wurde, waren meine Kinder 8 und 11 Jahre alt und hatten immer Angst, ich würde nie satt werden, weil ich so kleine Portionen aß“, lacht Frau Seiter. Heute können Diabetiker durch bessere Medikamente mehr essen, weil es kontrollierter ist. Kleine „Sünden“ lassen sich auch leichter auffangen. Das findet Frau Seiter prima – vor allem, wenn sie an ihren Enkel denkt.
Wichtig ist, dass man die Möglichkeiten, die man heute als Diabetiker dargeboten bekommt, auch am Schopfe packt und ausnutzt. „Ich bin dankbar, dass ich – aber vor allem mein Enkel – in einer Zeit lebe, wo man mit Diabetes alt werden kann“, schließt Frau Seiter.
In diesem Sinne danke ich Maria Seiter für ihre Gesprächszeit, ihr Vertrauen und ihre robuste Positivität. Sie hat mir aufgezeigt, dass Aufgeben im Leben keine Option ist. Ganz nach dem Motto „Auch, wenn alles schief zu gehen scheint – muss man versuchen, gerade zu gehen.“
Lest auch das vorherige Interview von Sara: Ein Interview mit Artur Gratilow
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bloodychaos postete ein Update vor 2 Tagen, 6 Stunden
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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thomas55 postete ein Update vor 6 Tagen, 18 Stunden
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55 -
sayuri postete ein Update vor 1 Woche
Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
Liebe Grüße
Sayuri
