Wohlbefinden von Menschen mit Diabetes: „CGM-Werte erzählen nicht die ganze Geschichte“

3 Minuten

Wohlbefinden von Menschen mit Diabetes: „CGM-Werte erzählen nicht die ganze Geschichte“ | Foto: Cristina Garcia – stock.adobe.com
Foto: Cristina Garcia – stock.adobe.com
Wohlbefinden von Menschen mit Diabetes: „CGM-Werte erzählen nicht die ganze Geschichte“

CGM-Daten gelten als objektive Messgröße im Diabetes-Management. Doch die subjektive Interpretation bzw. Wahrnehmung der Glukose kann losgelöst von den tatsächlichen CGM-Werte sein. Sie wirkt sich ebenfalls auf das Erleben klinischer Symptome aus – und auf das Ausmaß an diabetesbezogener Belastung und somit auf das Wohlbefinden.

Menschen mit Diabetes denken pro Tag im Schnitt 77 Minuten lang an ihren Diabetes, ihre Stoffwechsel-Erkrankung ist also alle etwa 12 Minuten in irgendeiner Form Thema für sie. Das hat eine Studie des Online-Befragungsportals Dialink ergeben.

Diese permanente Präsenz der Erkrankung kann zu Diabetes-Distress führen, erklärte Privatdozent Dr. Dominic Ehrmann vom FIDAM Forschungszentrum Diabetes-Akademie Bad Mergentheim. „Etwa ein Drittel aller Menschen mit Diabetes berichten über Diabetes-Distress – und das ist durchaus ein klinisches Problem, weil Diabetes-Distress ein Risikofaktor für schlechtere Lebensqualität, Depression und suboptimale glykämische Kontrolle ist.“

Sorgen wegen Schwankungen auf Spitzenplatz

Dr. Ehrmann plädierte daher dafür, auch objektivierbare Glukosedaten aus der psychosozialen Perspektive zu betrachten: „Natürlich ist Diabetes-Technologie ein wahnsinnig tolles Tool, um die Diabetes-Belastung zu reduzieren. Gleichzeitig führt sie aber auch zu neuen Belastungen.“ Etwa weil man Glukoseschwankungen mitbekommt, die mit punktuellen Blutzuckermessungen gar nicht sichtbar gewesen wären.

Tatsächlich belegen Sorgen wegen Glukoseschwankungen mit über 20 % einen Spitzenplatz unter den vielen Belastungsquellen von Menschen mit Diabetes – gleich nach den im Tagesverlauf erforderlichen Therapieentscheidungen, die rund 40 % der Überlegungen ausmachen. „Erst viel später kommen Hypoglykämien oder die Angst vor Folgeerkrankungen, von denen wir immer dachten, dass sie die Hauptbelastungsquelle darstellen“, erklärte Dr. Ehrmann. Auffällig sei, dass oft sogar diejenigen sich weniger Glukoseschwankungen wünschen, deren Ambulantes Glukose-Profil (AGP) eine völlig unbedenkliche Glukosevariabilität aufweist.

Um besser vorhersehen zu können, welche Aspekte der Diabetestherapie bei welchen Menschen mit Stress einhergehen, hat man im Rahmen weiterer Beobachtungsstudien Menschen mit Diabetes in einer Tagebuch-App mehrfach täglich Angaben zu ihrem subjektiven Erleben bzw. Diabetes-Distress machen lassen – Ecological Momentary Assessment (EMA) – und diese Daten dann zu den parallel dazu erhobenen CGM-Daten in Relation gesetzt (Studie 1, Studie 2). „Die Paarung von CGM und EMA ist sehr spannend, denn sie zeigt uns die subjektive Glukoseempfindung“, sagte Dr. Ehrmann. Bei manchen der Teilnehmenden schwankte die Glukose, die Stimmung blieb aber stabil. Bei anderen hingegen wies die Stimmungskurve ähnliche Ausschläge auf wie der Glukoseverlauf.

Subjektive Interpretation entscheidend

Personalisierte Stressprognosen, so Dr. Ehrmann, könnten dabei helfen, Menschen mit Diabetes gezielter zu unterstützen. Wenn der Diabetes-Distress durch eine messbar ungünstige Stoffwechsellage getrieben wird, seien Therapieanpassungen sinnvoll. „Wenn er hingegen eher von subjektiven Erwartungen und Interpretationen herrührt, sollte man in Schulungen an dieser Reflexion arbeiten“, meinte der Psychologe.

Diese Sichtweise wird durch Ergebnisse aus der HypoRESOLVE-Studie untermauert: Dort zeigte sich, dass von den Betroffenen berichtete Hypoglykämien einen deutlich stärkeren Einfluss auf Stimmung, Energielevel und kognitive Leistungsfähigkeit haben als Hypoglykämien, die nur im CGM detektiert wurden. Dr. Ehrmanns Fazit: „CGM-Werte erzählen nicht die ganze Geschichte, stattdessen sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen.“ Dessen subjektive Interpretation bzw. Wahrnehmung der Glukosewerte könne nämlich losgelöst von messbaren CGM-Werten sein und sich auf die Entwicklung von Diabetes-Distress auswirken.

Hypo-Symptome hängen nicht nur von Glukosewerten ab

Sein Kollege Professor Dr. Norbert Hermanns, ebenfalls vom Diabetes Zentrum Mergentheim, präsentierte Daten aus einer aktuellen Studie, in der auf der Basis von EMA- und CGM-Daten von knapp 400 Teilnehmenden Subgruppen mit bestimmten Symptomprofilen gebildet worden waren. Zu den abgefragten Symptomen zählten zum Beispiel Konzentrationsprobleme, Durst, Harndrang, Heißhunger, Zittern oder Übelkeit. Das Ziel der Studie war es, individuelle Muster und Cluster zu ermitteln. „Wir konnten zeigen, dass Symptome nicht nur von Glukosewerten, sondern auch von Faktoren wie Alter, Diabetestyp, Geschlecht, BMI, Komorbiditäten oder psychischer Verfassung abhängen“, erklärte Prof. Hermanns.

Als ein zentraler Verstärker habe sich Depressivität herausgestellt: „Sie beeinflusst nahezu alle Symptome signifikant. Menschen mit erhöhter Depressivität nehmen fast alle Beschwerden intensiver wahr“, so Prof. Hermanns.


von Antje Thiel

Avatar von antje-thiel

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Community-Rezept: Vietnamesische Sommerrollen mit Gambas von Chrissi

Community-Rezept: Vietnamesische Sommerrollen mit Gambas von Chrissi | Foto: MedTriX / Bernhard und Gabi Kölsch / Frank Rossbach

3 Minuten

Kolumne „Fernweh“: Planänderung – wie unsere Madagaskar-Reise einem Putsch zum Opfer fiel

Erst Vorfreude auf Madagaskar, dann aber eine abrupte Planänderung: Unsere „Fernweh“-Kolumnistin Susanne und eine Freundin mussten ihre lang vorbereitete Reise auf den afrikanischen Inselstaat wegen Unruhen absagen – auch aus Sorge um die medizinische Versorgung. Zurück bleibt Enttäuschung und der Blick auf die fragile Lage im Land.
Kolumne „Fernweh“: Planänderung – wie unsere Madagaskar-Reise einem Putsch zum Opfer fiel | Foto: honeyflavour – stock.adobe.com

2 Minuten

Community-Beitrag

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 13 Stunden, 36 Minuten

    Ich warte, dass das Community Meeting beginnt, habe ich die Zeit falsch verstanden?

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Tag, 22 Stunden

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

  • thomas55 postete ein Update vor 6 Tagen, 10 Stunden

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände