- Soziales und Recht
Diabetes im Straßenverkehr: Überarbeitete Leitlinie räumt mit Vorurteilen auf
3 Minuten
Die aktualisierte DDG‑Leitlinie zeigt: Moderne Therapien und Technik machen das Fahren und Agieren im Straßenverkehr für Menschen mit Diabetes heute sicherer denn je. Zugleich fordern Experten, veraltete Regeln und pauschale Berufsverbote, die teils noch auf Vorurteilen beruhen, endlich zu überarbeiten.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat ihre Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“ aktualisiert – und schafft damit ein neues Fundament für mehr Sicherheit, Fairness und Teilhabe im Straßenverkehr und Berufsleben. Moderne Therapien und digitale Hilfsmittel haben die Selbstkontrolle von Menschen mit Diabetes in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Gleichzeitig zeigt die Leitlinie: Viele rechtliche Regelungen basieren noch immer auf überholten Annahmen.
Fortschritt in der Diabetestechnologie senkt Risiken
Seit 2017 haben sich sowohl Therapie als auch Technik deutlich weiterentwickelt. Friedrich W. Petry, u.a. Diabetologe und Verkehrsmedizin aus Wetzlar, betonte, dass viele Menschen mit Typ-2-Diabetes heute entsprechend den geltenden Leitlinien Medikamente erhalten, „die kaum oder fast keine Unterzuckerung mehr auslösen“.
Zudem nutzen immer mehr Betroffene vor allem mit Typ-1-Diabetes kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) oder automatisierte Insulinpumpen (AID-Systeme). Diese Systeme warnen frühzeitig vor kritischen Werten und können Insulin teils automatisch anpassen. Laut Petry, der an der Leitlinie mitgearbeitet hat, treten Unterzuckerungen dadurch „nicht mehr unkontrolliert auf, sondern sind frühzeitig abzufangen“.
Das größte Risiko im Straßenverkehr bleibt die schwere Unterzuckerung. Doch aus Sicht der Leitliniengruppe hat sich das Unfallrisiko durch moderne Therapieformen, Technik und Schulungen „seit der letzten Auflage deutlich reduziert“. Insgesamt sei das Unfallrisiko bei Diabetes moderat und werde „besonders dann überschätzt, wenn spektakuläre Unfälle öffentlich werden“, unterstrich Petry.
Klare Empfehlungen für sicheren Alltag am Steuer
Die Leitlinie formuliert einfache, aber verbindliche Handlungsempfehlungen:
- Vor Fahrtbeginn Glukose prüfen: Der Wert sollte laut Petry „90 mg/dl bzw. 5 mmol/l übersteigen“.
- Bei Warnzeichen anhalten: Bei kritischen Werten unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) „sollte man die Fahrt sofort abbrechen und warten, bis der Glukosewert angestiegen ist“.
- Unterzuckerungen entgegenwirken: Um etwaige zu tiefe Werte wieder zu erhöhen, empfehle es sich, stets schnell resorbierbare kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Traubenzucker, Fruchtsaft oder Limonade griffbereit im Auto zu haben.
- Warnfunktionen aktivieren: Menschen mit CGM sollen Alarme einschalten und Trendpfeile beachten.
- Technik nutzen – aber nicht blind: Petry warnt vor „blindem Vertrauen in die Technik“, da Sensoren auch fehlerhaft messen können.
- Erhöhte Glukosewerte führen nicht automatisch zu einer Einschränkung der Fahreignung: „Nur wenn Konzentration, Reaktionen, Aufmerksamkeit oder Sehen beeinträchtigt sind, dann ist die Fahrsicherheit gefährdet.“
Ungerechtfertigte Berufsverbote: Leitlinie fordert Reformen
Neben der Fahrsicherheit rückt durch die Leitlinie die berufliche Teilhabe in den Fokus. Viele bestehende Vorgaben im Polizei-, Feuerwehr-, Luftfahrt- oder Transportwesen schließen Menschen mit Diabetes pauschal aus – oft allein aufgrund der Diagnose. Diese pauschalen Verbote seien nicht mehr zeitgemäß. Dr. med. Wolfgang Wagener erklärte: „Leider sind viele Vorgaben immer noch nicht an diese Neuerungen und an die Möglichkeiten, die auch Menschen mit Diabetes haben, angepasst.“
Andere Länder sind bereits weiter: „In den USA, im Vereinigten Königreich aber auch in Österreich dürfen Menschen mit Typ 1 Diabetes auch tatsächlich Flugzeuge fliegen“, so der Vorsitzende des DDG-Ausschusses „Soziales“ und Koordinator der Leitlinie. Er fordert deshalb, Menschen nicht nach Diagnosen zu beurteilen, sondern individuell. Es müsse immer eine konkrete Gefährdungsbeurteilung erfolgen. Ziel sei es, einen „diabetologisch zeitgemäßen Stand der Beurteilungen“ zu erreichen.
Alltag eines Betroffenen: Leistungsfähig – mit Verantwortung
Wie moderne Therapie echte Teilhabe ermöglicht, zeigte Jens Wicklein eindrucksvoll. Er lebt seit seinem 14. Lebensjahr mit Typ-1-Diabetes und ist heute Zollbeamter, Feuerwehrmann, Ausbilder und im Rettungsdienst aktiv. „Mit Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und moderner Technik ist das fast alles möglich“, sagt er.
Früher wären viele seiner Tätigkeiten kaum denkbar gewesen: „Das Risiko einer Über oder Unterzuckerung war schon ständig präsent.“ Heute helfen Sensoren und Pumpen, doch Technik allein genügt nicht: „Entscheidend ist die Selbstdisziplin.“ Vorurteile erlebt er dennoch – etwa bei der Bundeswehr, wo er trotz guter Einstellung direkt abgewiesen wurde. Ablehnungen entstünden häufig, „wenn man nicht offen kommuniziert oder wenn das Gegenüber nicht bereit ist zuzuhören“. Sein Appell: „Gebt den Leuten eine Chance, die können das.“
Video der Pressekonferenz zur aktualisierten Leitlinie „Diabetes im Straßenverkehr“
Fazit: Mehr Sicherheit und mehr Fairness
Die neue Leitlinie zeigt klar: Menschen mit Diabetes sind grundsätzlich fahrtauglich – und moderne Technik macht sie im Straßenverkehr heute sicherer als je zuvor. Gleichzeitig fordert die DDG, dass berufliche Einschränkungen überprüft und an die medizinische Realität angepasst werden. Ziel ist es, Diskriminierungen abzubauen und individuelle Fähigkeiten statt Diagnosen in den Mittelpunkt zu stellen.
Oder wie Wicklein es zusammenfasst: „Diabetes ist kein Ausschlusskriterium. Entscheidend ist nicht die Diagnose, sondern der Mensch dahinter.“
von Gregor Hess
mit Materialien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
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moira postete ein Update vor 6 Tagen, 12 Stunden
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 1 Woche, 4 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
