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Diabetes im Straßenverkehr: Wie groß ist das Unfallrisiko wirklich?
4 Minuten
Menschen mit Diabetes sind häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als Personen ohne Diabetes. Um wie viel höher ihr Unfallrisiko im Straßenverkehr ist und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, lässt sich nur schwer ermitteln – internationale Studien ergeben ein sehr uneinheitliches Bild. Dennoch ist die Veröffentlichung der aktualisierten Leitlinien zur Begutachtung der Fahreignung bis Oktober 2023 geplant (wir berichteten).
Diabeteskomplikationen wie unbemerkte Hypoglykämien am Steuer erhöhen die Gefahr von Verkehrsunfällen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2016 ergab ein um 11 Prozent erhöhtes Risiko für Kollisionen bei Menschen mit Diabetes, wobei Unfälle in erster Linie bei insulinbehandelten und bei älteren Personen gehäuft auftraten. Prof. Dr. Reinhard W. Holl, Diabetologe an der Universität Ulm und Koordinator des DPV-Registers, stellte aber auch eine schwedische Untersuchung vor, nach der Diabetes das Unfallrisiko sogar um 28 Prozent erhöht. Insgesamt zeigten internationale Studien ein uneinheitliches Bild, was die Auswirkungen von Diabetes auf das Unfallrisiko betrifft.
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Als medizinische Ursachen für Verkehrsunfälle kommen eine ganze Reihe von Komplikationen des Diabetes infrage, darunter therapieinduzierte (Unterzuckerungen) Hypoglykämien, akute Hyperglykämien, Sehstörungen infolge von Retino- oder Makulapathien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychiatrische Komorbiditäten, Schlaf-Apnoe-Syndrom oder Neuropathie. „Dabei spielt der HbA1c-Wert übrigens keine entscheidende Rolle“, erklärte Prof. Holl. Für das Unfallrisiko sei es unerheblich, ob jemand einen HbA1c-Wert von 7 oder 9 Prozent hat – solange keine unbemerkten Hypoglykämien auftreten.
Zu niedrig? – Eine objektive Bewertung ist schwierig
Allerdings sei eine uneingeschränkte Hypoglykämiewahrnehmung eine schwierige Bedingung, wie der in Wetzlar niedergelassene Diabetologe Friedrich W. Petry anmerkte: „Es gibt leider keine physikalisch objektiven Grenzwerte. Viele Menschen mit Typ-1-Diabetes fühlen sich mit 50 mg/dl [2,8 mmol/mol; Anm. d. Red.] fit und in der Lage, ein Fahrzeug zu führen.“ Nichtdestotrotz schränkten Hypoglykämien kognitive wie exekutive Funktionen signifikant ein. Immerhin lassen sich viele gefährliche Unterzuckerungen mittlerweile durch den sinnvollen Einsatz von Diabetes-Technologie vermeiden (s. Kasten).
Verstärkter Einsatz von Technik – weniger Hypoglykämien
Seit 2017 die derzeit noch gültige Leitlinie erstellt wurde, hat sich auf dem Gebiet der Diabetestechnologie viel getan. Bereits Insulinpumpen verringern nachweislich das Risiko für Hypoglykämien, berichtete der Psychologe Prof. Dr. Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum Mergentheim. CGM-Systeme wiederum können durch Trendpfeile, (Vor-)Alarme sowie Anzeige und Auswertung von hypoglykämischen Ereignissen das Risiko weiter verringern – sofern Alarmgrenzen sinnvoll eingestellt und Alarme beachtet werden. AID-Systeme wiederum können auf vom CGM-System detektierte Ereignisse mit Reduktion der Insulingabe reagieren und so die Sicherheit noch einmal erhöhen. „Es gibt Evidenz dafür, dass Patienten im Alltag umsetzen, was wir ihnen raten“, so Prof. Kulzer. „Aber es gibt exakt 0 Studien zum Zusammenhang zwischen CGM und Unfallhäufigkeit, das ist ein klarer Aufruf an uns und die Industrie!“
Auch Depressionen und kognitive Störungen, die bei Diabetes häufiger als in der Allgemeinbevölkerung auftreten, können sich theoretisch auf die Fahreignung auswirken. Schließlich treten bei Depressionen häufig z.B. Antriebslosigkeit, Energiemangel, Tagesmüdigkeit, verminderte Konzentration, Schlafstörungen und sogar suizidales Verhalten auf. Immerhin: Bei medikamentös behandelten Depressionen, erhöht sich das Unfallrisiko nur moderat, berichtete Eva Küstner, Fachpsychologin Diabetes (DDG) aus Gau-Bischofsheim. „Möglicherweise fahren diese Menschen weniger – oder sie sind sich ihrer Einschränkungen bewusst und fahren vorsichtiger?“ Bei schweren Depressionen mit psychotischem Syndrom sei eine Fahreignung aber nicht mehr gegeben, mahnte sie.
Depression und Demenz aktiv ansprechen
Sie empfahl, Patientinnen und Patienten auf Depressionen und antidepressive Therapie und deren Auswirkungen auf die Fahrtauglichkeit anzusprechen. Gleiches gelte bei einer Demenz, die zumindest im fortgeschrittenen Stadium das Unfallrisiko erhöht. Obwohl demenzbedingte Veränderungen meist erst im fortgeschrittenen Lebensalter auftreten, scheint das Alter allein kein geeigneter Indikator für die Unfallneigung bei Diabetes zu sein, so der in Bosenheim niedergelassene Diabetologe Stephan Maxeiner.
Schließlich seien ältere Menschen mit Diabetes eine sehr inhomogene Gruppe: „Da gibt es Leute, die seit 55 Jahren Typ-1-Diabetes haben ebenso wie Menschen, die seit 15 Jahren mit Typ-2-Diabetes leben und erst seit einem Jahr abends 20 Einheiten Basalinsulin spritzen.“ Die Bewertung internationaler Studien und Metastudien zu diesem Thema gestalte sich ebenfalls schwierig, da in den verschiedenen Ländern z.T. sehr unterschiedliche Regularien in Bezug auf die Fahreignung von Menschen mit Diabetes gelten.
Diabetes im Straßenverkehr: Besteht generell ein erhöhtes Unfallrisiko? Diese Vorstellung ist überholt!
Für Maxeiner ist klar: „Es ist eine überholte Vorstellung zu glauben, dass Diabetes generell ein erhöhtes Risiko im Straßenverkehr darstellt.“ Er plädierte für mehr gegenseitige Rücksicht und eine Betrachtung der individuellen Risiken, auch abseits von Hypoglykämien. Mit Blick auf die neuen deutschen Leitlinien zur Begutachtung der Fahreignung, deren Veröffentlichung im Oktober 2023 geplant ist (die alte Leitlinien findest Du hier), erklärte er: „Es ist unsere Aufgabe, auf eine Anpassung der Regularien hinzuwirken, wenn sie veraltet sind.“
Die Staatsanwaltschaft kennt kein Pardon: Wie befreit man sich vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung?
Wenn juristisch geklärt werden muss, wer den Unfall verursacht hat, können eine fehlerhafte Dokumentation oder falsche Einstellungen im CGM- oder AID-System problematisch werden.

In der öffentlichen Wahrnehmung von Typ-1-Diabetes im Straßenverkehr spielen vor allem Unfälle infolge von Unterzuckerungen eine große Rolle. Bei Verkehrsunfällen mit Personenschäden drohen den Verurteilten hohe Strafen, etwa wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar Tötung, erklärte der auf Diabetesfragen spezialisierte Rechtsanwalt Oliver Ebert, Stuttgart. „Für Menschen mit Diabetes steht in solchen Fällen also einiges auf dem Spiel.“
Auch die Praxis kann strafrechtlich belangt werden
War die Unfallursache eine Hypoglykämie, gelte es zunächst, die Unterzuckerung selbst rechtssicher nachzuweisen. „Das kann unter Umständen schwierig sein, denn wenn der Notarzt den Patienten untersucht, kann der Blutzuckerspiegel längst wieder im Normbereich liegen.“ Ist eine Hypoglykämie unstrittig, muss nachgewiesen werden, dass sie nicht vermeidbar war. „Auch Richter und Opferanwälte sehen im Fernsehen Werbung für CGM-Sensoren, mit denen Hypos vermieden werden können“, warnte Ebert, „dann stellen sie sich durchaus die Frage, wie es sein kann, dass jemand seine Hypo nicht bemerkt und nicht rechts ranfährt, um sie zu behandeln.“
Lassen sich Aufklärungs- und Behandlungsfehler nachweisen, könne auch die Diabetespraxis strafrechtlich belangt werden. Etwa dann, wenn sich im Verfahren herausstellt, dass Menschen mit Diabetes nicht wussten, wie man Alarmgrenzen einstellt. „Jegliche Beweismittel können in rechtlichen Auseinandersetzungen gegen den Patienten verwendet werden“, betonte Ebert. Diabetesteams sollten ihre Patientinnen und Patienten daher zum einen mit den Tücken der Technik vertraut machen. Und sie sollten ihnen raten, bei einem Verkehrsunfall keine Aussagen gegenüber der Polizei zu machen, ihre CGM-Geräte oder andere Beweismittel nicht auszuhändigen und allenfalls um eine Blutzuckermessung aus Vollblut zu bitten.
von Antje Thiel
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lelolali postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 2 Tagen, 19 Stunden
Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂
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jasminj postete ein Update vor 3 Tagen, 2 Stunden
Hi,
Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!-
lelolali antwortete vor 2 Tagen, 19 Stunden
Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂
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jasminj antwortete vor 2 Tagen, 19 Stunden
@lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
Wie hat Dir der Tag gefallen? -
lelolali antwortete vor 2 Tagen, 18 Stunden
@jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂
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jasminj antwortete vor 2 Tagen, 17 Stunden
@lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂
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gregor-hess antwortete vor 1 Tag, 23 Stunden
@jasminj & @lelolali: Leider funktionieren die DM aktuell tatsächlich nicht, sorry! Wir kümmern uns schnellstmöglich darum!
LG Gregor aus der Redaktion -
gregor-hess antwortete vor 1 Tag, 8 Stunden
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jasminj antwortete vor 1 Tag, 7 Stunden
@gregor-hess: vielen lieben Dank! Hab es direkt ausprobiert und es sieht gut aus 🙂
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galu postete ein Update vor 6 Tagen, 23 Stunden
hallo,
ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus-
connyhumboldt antwortete vor 6 Tagen, 21 Stunden
Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!
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Hey, ich bin Lara und 23 Jahre alt. Ich komme zwar nicht aus Berlin, aber bin im Mai wieder dort. Freue mich trotzdem immer über Austausch, auch wenn es digital ist. Liebe Grüße
@laratyp1life: Hallo, über digitalen Austausch freue ich mich natürlich auch 🙂