Disease-Management-Programme (DMP): Digitale Perspektiven für die Diabetes-Versorgung

3 Minuten

© Frank Schuppelius
Disease-Management-Programme (DMP): Digitale Perspektiven für die Diabetes-Versorgung

Zwei jetzt als Entwurf vorgelegte Gesetze könnten auch Folgen in der Diabetes-Versorgung haben: Disease-Management-Programme (DMP) sollen um digitale Prozesse erweitert werden. Zudem sollen Krankenkassen ihre Versicherten auch ganz konkret vor einem aus Daten erkannten Diabetes-Risiko warnen dürfen.

Quasi offiziell ist Diabetes jetzt zur Daten-Krankheit ernannt worden. So jedenfalls kann man eine Begründung lesen, die das Bundesgesundheitsministerium in ihrem im Juni vorgelegten Referentenentwurf zum “Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens” nennt. In diesem “Digital-Gesetz” sollen unter anderem digitale Versorgungs-Prozesse in strukturierten Behandlungsprogrammen ermöglicht werden, sprich, es sollen Digital-DMP entwickelt werden.

Als Indikationen dafür wurden Typ-1- und Typ-2-Diabetes ausgewählt. Bei deren Behandlung kämen bereits heute vielfältige Formen digitaler Unterstützung zum Einsatz. Die Therapie sei stark datengetrieben und habe in den vergangenen Jahren eine hochdynamische technologische Entwicklung im Bereich der Hilfsmittel und der digitalen Anwendungen für Patienten gesehen. So steht es in der Begründung des Gesetzes.

“Es sind umfangreiche Reservoirs mit Patienten-Daten und vielfältige neue Möglichkeiten für die Auswertung der Daten und für die personalisierte Therapiesteuerung entstanden, welche an die technischen Systeme der Leistungserbringer bisher nicht angebunden sind und deren Nutzung für die Behandlung in den strukturierten Behandlungsprogrammen für Diabetes bisher wenig bis keinen Niederschlag gefunden haben”, schreiben die Ministerialen im Entwurf des Digital-Gesetzes.

Gemeinsame Bundesausschuss soll Ausgestaltung der DMP regeln

Laut Entwurf soll der für die Entwicklung der Anforderungen an die Disease-Management-Programme zuständige Gemeinsame Bundesausschuss in die entsprechenden Richtlinien innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Gesetzes jeweils ergänzend die Ausgestaltung der DMP mit digitalisierten Versorgungs-Prozessen regeln.

Zur Verbesserung des Behandlungs-Ablaufs und der Qualität der medizinischen Versorgung sei insbesondere zu regeln die Nutzung

  • der elektronischen Patientenakte,
  • des elektronischen Medikationsplans,
  • der sicheren Verfahren zur Übermittlung medizinischer Daten über die Telematik-Infrastruktur,
  • ambulanter telemedizinischer Leistungen,
  • digitaler Gesundheitsanwendungen sowievon Gesundheits-Daten zum Zweck der Personalisierung der Behandlung.

Die derart um digitalisierte Versorgungs-Prozesse erweiterten DMP sollen den Versicherten neben den bestehenden Programmen angeboten werden. Die Teilnahme für die Versicherten bleibt wie schon bei klassischen DMP freiwillig.

Ebenfalls vorgelegt: das Gesundheits­daten­nutzungs­gesetz (GDNG)

Der Referenten-Entwurf des Digital-Gesetzes ist nicht allein gekommen. Zeitgleich hat das Bundesgesundheits­ministerium auch einen Entwurf für ein Gesundheits­daten­nutzungs­gesetz vorgelegt, kurz GDNG. Einen direkten Diabetes-Bezug gibt es hier nicht. Doch das Fehlen einer guten Datengrundlage zur Bewertung und Planung der Versorgung ist ein auch aus der Diabetologie oft kritisiertes Manko.

In der Gesetzes-Begründung des Entwurfs nimmt auch das Ministerium hier kein Blatt vor den Mund. Austausch und Nutzung von Gesundheits-Daten seien zwar Schlüsselfaktoren für eine qualitativ hochwertige Versorgung. “Eine Nutzung scheitert aktuell häufig an unterschiedlichen Regelungen zu Zugang und Datenschutz im Europäischen-, Bundes-, Landesrecht sowie an einer uneinheitlichen Rechtsauslegung durch Datenschutzbeauftragte und Aufsichtsbehörden”, heißt es im Portal netzpolitik.org.

Im GDNG ist als erster Schritt der Aufbau einer nationalen Datenzugangs- und Koordinierungsstelle beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorgesehen. Sie soll eine zentrale Funktion in der nationalen Gesundheitsdaten-Infrastruktur übernehmen und Mittler zwischen datenhaltenden Stellen und Daten-Nutzenden werden. Zudem soll sie koordinierende Aufgaben bei Anträgen auf Daten-Verknüpfung übernehmen.

Weiterhin ist im Gesetzentwurf die Ermöglichung einer Verknüpfung von Daten des Forschungs-Datenzentrums Gesundheit und der klinischen Krebsregister geplant. Zur Stärkung des Gesundheits-Datenschutzes sollen personenbezogene Gesundheits-Daten auch durch die Einführung eines Zeugnisverweigerungsrechts für mit Gesundheits-Daten Forschende und eines Beschlagnahmeverbots für Gesundheits-Daten geschützt werden. Zudem soll ein “Forschungsgeheimnis” ins Strafrecht eingeführt werden.

Auch Kranken- und Pflegekassen sollen Gesundheits-Daten nutzen können

Nicht nur Forschende (auch der Pharmaindustrie) sollen Gesundheits-Daten zum Wohle der Bürger nutzen dürfen. Auch für die Kranken- und Pflegekassen sieht der Gesetzentwurf Nutzungsmöglichkeiten vor. Und diese sind umfangreich: Unter der Überschrift “Automatisierte Verarbeitung zu Zwecken des Gesundheitsschutzes” soll den Krankenkassen eine Daten-gestützte Auswertung zum individuellen Gesundheitsschutz der Versicherten, zur Verbesserung der Versorgung und zur Verbesserung der Patienten-Sicherheit erlaubt werden.

Sie können dafür ihre Versicherten individuell ansprechen. Eine Einwilligung der betroffenen Person ist nicht nötig, wenn diese Verarbeitung im Interesse der Versicherten ist. Der Gesetzentwurf nennt dafür konkrete Beispiele, enthält aber auch eine allgemeinere Rechtfertigung, die interpretierbar ist. Die Versicherten müssen über solche Auswerte-Maßnahmen vor Beginn informiert werden und können ihr aktiv widersprechen. Sofern bei einer Verarbeitung eine konkrete Gesundheits-Gefährdung bei Versicherten identifiziert wird, sind diese umgehend über die bestehende Gefährdung zu unterrichten.

Das Portal netzpolitik.org nennt hierzu ein Beispiel: Wenn eine Krankenkasse durch die Auswertung von Abrechnungs-Daten zu dem Ergebnis kommt, dass bei einem Versicherten mutmaßlich ein hohes Diabetesrisiko besteht, muss sie den Betroffenen dann auch darüber informieren.


von Marcus Sefrin

Marcus Sefrin ist Fachjournalist mit Schwerpunkt Medizin und Diabetes. Er war tätig als Chefredakteur der Fachzeitschrift DiabetesNews, produziert Fachtexte, Kongressberichte, Produktmonografien und begleitet Diabetes-Kongresse national und international.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (8) Seite 48-49

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes und Technik: Bessere Unterstützung, andere Herausforderung
Moderne Medizintechnik ist fester Bestandteil des Krankheits-Managements bei Diabetes. Ihr Einsatz ist aber kein Selbstläufer oder Allheilmittel, mahnt die organisierte Selbsthilfeim Diabetes-Anker. Risiken und unerwünschte Auswirkungen müssen stärker berücksichtigt werden – in der Versorgung wie im gesellschaftlichen Alltag.
Eine Person mit Glukosesensor am Oberarm betrachtet gemeinsam mit einer zweiten Person die Diabetesdaten auf einem Smartphone. Die Anzeige zeigt Blutzuckerwerte, Tagesverlauf und dokumentierte Mahlzeiten.

3 Minuten

Jammern über Diabetes: Das Leben als halbVOLLES Glas sehen
Diabetes kann ganz schön nerven. Er mischt sich zum Beispiel beim Essen ein, meldet sich beim Sport, fährt mit in den Urlaub und kann selbst nachts Aufmerksamkeit verlangen. Aber kann man lernen, häufiger das halbvolle statt das halbleere Glas zu sehen?
Eine Frau vergleicht zwei Gläser mit unterschiedlich hohem Wasserstand und blickt dabei nachdenklich auf das fast volle Glas.

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo, hat hier noch jemand Doppeldiabetes (durch Corona verursacht oder warum auch immer)? Ich würde mich gerne austauschen.

  • olivers postete ein Update vor 5 Tagen, 9 Stunden

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 6 Tagen, 10 Stunden

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂