- Soziales und Recht
DIY-Closed-Loop: „Mutig sein, Chancen sehen, Risiken erkennen“
4 Minuten
Der Artikel „Selbstgebasteltes Closed-Loop: die rechtlichen Aspekte“ (Heft 4/2019) sorgte für viele Diskussionen. Autor Oliver Ebert ging es vor allem darum, mögliche juristische Konsequenzen darzustellen. Einige „Looper“ störten sich an „einseitiger Berichterstattung“, an den „fiktiven Fällen“ etc. Hier exemplarisch ein Leserbrief.
Do-it-yourself-Closed-Loop-Systeme aus Sicht von Claudia Sahm, Diabetesberaterin mit 23 Jahren Berufserfahrung
Looper und ihre „selbstgebastelten Systeme“ sind zur Zeit in aller Munde, keine Tagung, kein Kongress, wo nicht darüber gesprochen wird. Teils euphorisch, von Anwendern, hierunter auch Ärzte und DB, Firmenmitarbeiter, aber auch Begleiter der Menschen mit Diabetes (hierzu zähle ich Ärzte, DB, Angehörige etc.), teils aber auch in Sorge oder mit Angst vor rechtlichen Konsequenzen.
Was darf ich sagen? Was darf ich wissen? Die Rechtslage ist sicher nicht ganz klar. Es gibt Stellungnahmen, die mich etwas ruhiger werden lassen, und es gibt Andere wie den o.g. Artikel von Oliver Ebert, der mich unruhig werden lässt. Er nennt es „Bedenkenträger“, und genau so ist der Artikel auch geschrieben. (…)
Ich habe mir in den letzten Monaten viele Gedanken darüber gemacht, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Mir sind mehrere geschichtliche Ereignisse eingefallen:
- 1886 bekam das erste Automobil sein Patent, Bertha Benz fuhr damit im Jahr 1888 eine Strecke von 180 km mit 16 km/h, am Wegesrand standen sehr viele „Bedenkenträger“ und Skeptiker, die eher lachten, als sich freuten. Kaiser Wilhelm II. sagte sogar: „Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“.
- 1903 absolvierten die Brüder Wright den ersten Motorflug. Auch hier standen viele „Bedenkenträger“ mit ihrer Meinung parat.
- 1921 entdeckten Banting und Best das Insulin, was dies für die Menschen mit Diabetes bedeutet, wissen wir alle.
- 1976 gründeten Steve Wozniak, Steve Jobs und Ron Wayne als Garagenfirma Apple. Das erste Handy (Motorola) kam 1983 auf dem Markt, und das erste iPhone 2007. Damals war ich mir recht sicher, dass man es nicht wirklich dringend braucht. Alle die mich kennen, wissen, dass ich da heute deutlich anderer Meinung bin.
All diese Dinge sind wichtig für unseren Alltag geworden, aber dabei geht es im Wesentlichen „nur“ um unsere Lebensqualität. Eine gute und stabile Glukoseeinstellung zu bekommen, hat mehr mit wirklich LEBEN zu tun.
Der Diabetologe Prof. Michael Berger setzte sich für mehr Autonomie der Patienten, Integration, patienteninformierte Entscheidungsprozesse und ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Patienten und Therapeuten ein. Dies ist auch eine Vision meines Beraterlebens. Ich will begleiten, helfen und unterstützen. Pro und Contra mit dem Patienten diskutieren, meine Meinung sagen, aber auch die Meinungen und Entscheidungen meines Gegenübers empathisch respektieren.
Die „Looper“, die ich bisher kennenlernen durfte, sind sehr gewissenhafte, intelligente Menschen, die sich die Entscheidung, sich selbst was zu „basteln“ nicht leicht gemacht haben. Sie haben sich informiert und viele Hürden genommen. Ich denke, dass man diese Entscheidung nicht leichtfertig trifft, nur weil man es gerade im Internet gefunden hat. Die meisten Anwender sind sich der „Gefahren“, auch der Rechtlichen, durchaus bewusst.
Wenn Herr Ebert seinen Diabetes „nicht hinderlich, sondern eher im Gegenteil“ findet, freut mich das sehr, er braucht dann solche „Systeme“ nicht. Und es gibt viele Diabetiker, die sich nicht für das Loopen entscheiden, weil sie es sich nicht zutrauen, Ängste haben oder auch überfordert damit wären – das ist auch völlig in Ordnung, denn wir befinden uns alle wirklich in einer rechtlich schwierigen Situation, da gebe ich den Bedenkenträgern völlig recht.
Hier muss man an die Firmen, Fachgesellschaften und auch an die Politik appellieren: Sprecht miteinander, Fortschritt muss möglich sein! Dass hier noch viel Verbesserungspotential liegt sieht man z. B. daran, dass die Insulinpumpe Medtronic Minimed 670G auf dem deutschen Markt noch immer nicht zu erhalten ist, während unsere Nachbarländer nach und nach damit versorgt werden. Aber man sieht auch, dass viele Menschen mit Diabetes mit den Füßen abstimmen.
Das Abbott Freestyle Libre-System wird von den meisten Krankenkassen als Satzungsleistung bezahlt, aber ist immer noch nicht in der Regelversorgung. CGM-Systeme werden von den Kassen inzwischen relativ großzügig bezahlt, allerdings oft erst nach Prüfung. (…) Die loopenden Ärzte, Diabetesfachkräfte und Anwender versuchen zu informieren und kommunizieren ruhig und sachlich. Dr. med. Katharina Braune aus der Berliner Charité ist eine der Ärztinnen, die mit viel Ruhe die Systeme erklärt, pro und contra aufzeigt, die Selbstverantwortung verdeutlicht und, was noch viel wichtiger ist, jetzt die Ergebnisse einer Studie eingereicht hat, die uns mehr Einblick in die Motivationen und Ergebnisse der Looper geben sollen.
Eine letzte, persönliche Frage habe ich mir auch gestellt: „Würde ich, wenn ich Diabetes hätte, loopen?“ Meine Antwort: „Ja, das würde ich tun, mit viel Respekt vor der Technik und mit Augenmaß. Aber zuerst würde ich intensiv mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben sprechen.“ Die meisten mir bekannten Looper sind genauso vorgegangen.
Ich danke Herrn Ebert für seinen Artikel aus der Perspektive eines Rechtsanwaltes, der einige Wahrheiten benennt und sicher Viele zum Nachdenken bringt. Aber „Leben“ heißt rückwärts buchstabiert „Nebel“, und um da durch zu kommen benötigen wir auch Menschen, die mutiger sind als andere.
Leserin C. Sahm hat in vielen Punkten sicher recht. Allerdings finden wir es nicht angemessen, dass Redaktionsmitglied Oliver Ebert, der sich seit vielen Jahren sehr erfolgreich für Patienten einsetzt, in die Nähe von fortschrittsfeindlichen Bedenkenträgern gerückt wird. Seine Vita und sein Engagement sprechen eine andere Sprache.
Es geht in seinem Beitrag nicht um Pro und Contra „Do it yourself/DIY“. Thema des Artikels sind die nicht unerheblichen juristischen Risiken nicht zugelassener DIY-Systeme, die vielen Betroffenen nicht bewusst sind. Es ist Aufgabe des Diabetes-Journals und im Interesse unserer Leserschaft, die Risiken zu benennen. Wie dann letztlich Entscheidungen getroffen werden, hat jeder selbst zu verantworten (s. dazu auch die aktuelle Blickwinkel-Kolumne).
Leserbrief von Claudia Sahm
Diabetesberaterin DDG
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (5) Seite 14-15
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Aus der Community
3 Minuten
- Begleit-Erkrankungen
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
stephanie-haack postete ein Update vor 3 Tagen, 3 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 3 Tagen, 5 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 3 Tagen, 3 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-
-
moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
