„Preisverhandlungen sind kein Glücksspiel!“

2 Minuten

© © shockfactor - Fotolia.com
„Preisverhandlungen sind kein Glücksspiel!“

“Nicht zocken, sondern verhandeln!” Das fordert der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn (www.spahnblog.de), wenn es um das AMNOG, das Arzneimittelmarktneuordungsgesetz, geht. In einem aktuellen Blog-Beitrag schlägt er harsche Töne gegen die Preisverhandlungen bei der frühen Nutzenbewertung moderner Diabetes-Medikamente an, wie der Gliptine und der Inkretin-Mimetika für Typ-2-Diabetiker. Spahn: “Das AMNOG ist kein Glücksspiel!”

Durch das AMNOG, das 2011 in Kraft trat, sollen sich die Preise neuer Medikamente an ihrem Zusatznutzen orientieren, was Studien nachweisen müssen (wir berichteten mehrfach). Ein Jahr nach Markteinführung werden die Preise hart verhandelt – am Verhandlungstisch sitzen GKV-Spitzenverband (GKV-SV) und Pharmaunternehmen. Oder sollte man besser Spieltisch sagen?

Preisverhandlungen: „Pokerpartien, bei denen gezockt wird“

“Die Preisverhandlungen gleichen teilweise Pokerpartien, bei denen gezockt wird. Wie bei Glücksspielen üblich, verzockt man sich dann auch mal. Dies ist leider meistens der GKV-Spitzenverband als Vertreter der Krankenkassen.” Dessen Verhalten bezeichnet er als “starrköpfig und kurzsichtig”, wodurch den Kassen in einigen Fällen “erhebliche Mehrkosten” entstanden seien. Zudem müssten zigtausende Patienten auf neue Medikamente umgestellt werden.

Bestes Beispiel: das Diabetes-Medikament Vildagliptin von Novartis. Weil der Spitzenverband den Preis unbedingt auf das Niveau billigerer Nachahmer-Produkte (Generika-Basis) drücken wollte, zog das Unternehmen am 1. Juli die Notbremse und nahm das Arzneimittel vom deutschen Markt.

“Das Nachsehen haben am Ende die Patienten”, so der Gesundheitsexperte. Denn über 300.000 Patienten müssen jetzt auf Alternativpräparate umgestellt werden, was die Kassen in den kommenden 3 Jahren voraussichtlich 40 bis 60 Mio. Euro pro Jahr kostet; die entgangenen Einsparungen durch einen niedrigeren Preis noch gar nicht mitgerechnet – die beiden derzeit im Markt befindlichen Gliptine (Sitagliptin, Saxagliptin) sind teurer. Das Angebot des Herstellers sei sogar im europäischen Vergleich “äußerst günstig gewesen”, erklärt er.

DDB befürchtet Umstellung auf umstrittene Sulfonylharnstoffe

Schon im Juli hat der Deutsche Diabetiker Bund (DDB) das Bundesgesundheitsministerium ebenso wie den GKV-Spitzenverband darüber informiert, dass es für Diabetespatienten essenziell wichtig sei, eine Umstellung der getroffenen Medikamentenauswahl, die sich oft erst nach einer langwierigen Testphase entscheide, möglichst zu verhindern.

“Die Patienten unter Vildagliptin-Therapie werden nicht nur auf andere Gliptine umgestellt, sondern es ist insbesondere bei den Hausärzten zu befürchten, dass die Umstellung auf die umstrittene Vergleichstherapie Sulfonylharnstoff mit einem deutlich erhöhten Risiko für Unterzuckerungen erfolgt”, sagt der DDB-Bundsvorsitzende Dieter Möhler. Bei den Sulfonylharnstoffen wird die Insulinausschüttung nahrungsunabhängig angeregt.

Als weiteres Beispiel für das schlechte Verhandlungsgeschick des Spitzenverbands nennt Spahn das Diabetes-Medikament Lyxumia von Sanofi. Es ist ein Inkretin-Mimetikum, das die Freisetzung von Insulin in Abhängigkeit von der aufgenommenen Kohlenhydrat-Menge steigert und die Magenentleerung verzögert. “Der GKV-SV drehte auch hier die Verhandlungsschraube so weit, dass der Hersteller den Vertrieb in Deutschland aussetzt”, erläutert der gesundheitspolitische Sprecher. Die Folge sind wiederum hohe Mehrkosten für die Versichertengemeinschaft von rund 12 Mio. Euro pro Jahr.

Weiterer Vertriebsstopp: Canagliflozin

Ein weiteres, neues Diabetes-Medikament flog im September vom deutschen Markt: Canagliflozin (Invokana von Janssen). Das entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Nach Dapagliflozin (Forxiga, Hersteller: Astra-Zeneca und Bristol-Myers-Squibb) ist es der zweite Wirkstoff aus der Gruppe der SGLT-2-Hemmer (“Gliflozine”), der schlecht bewertet wurde. Diese Arzneimittel senken den Blutzucker, indem sie die Ausscheidung von Zucker über die Nieren fördern.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) kritisiert die Entscheidung scharf. Damit werde die Einführung einer neuen Gruppe von “effektiven und sicheren Wirkstoffen”, die für die Versorgung von Menschen mit Typ-2-Diabetes benötigt werden, verhindert, erklärt DDG-Präsident Privatdozent Dr. Erhard Siegel.


von Angela Monecke
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0,
Fax: (0 61 31) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-online.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2014; 63 (11) Seite 58-59

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Künstliche Intelligenz in der Diabetes-Behandlung: Was Algorithmen heute schon leisten
Ob Früherkennung von Netzhautschäden, Unterstützung bei der Insulindosierung oder Vorhersage von Unterzuckerungen: Künstliche Intelligenz spielt in der Diabetes-Behandlung eine zunehmend wichtige Rolle.
Künstliche Intelligenz in der Diabetes-Behandlung: Was Algorithmen heute schon leisten | Foto: sirichai – stock.adobe.com

2 Minuten

Fachverbände vermissen in geplantem Digital-Gesetz für den Gesundheitsbereich Regelungen fürs digitale DMP
Ein neues Digital-Gesetz soll für den Gesundheitsbereich ein datengestütztes Ökosystem ermöglichen. DDG und BVND begrüßen die angestrebte digitale Transformation. Sie vermissen allerdings Regelungen für das digitale Disease-Management-Programm (DMP) und wünschen sich Nachbesserungen.
Medizinische Fachkraft in Schutzkleidung hält ein Tablet; darüber sind digitale Darstellungen von Organen, Blut- und DNA-Tests sowie weiteren Gesundheitsdaten eingeblendet.

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Am Mittwoch um 19 Uhr findet das nächste Community-MeetUp via Teams statt. Alle sind herzlich eingeladen! Alle Infos findet ihr hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-august-2026/

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 1 Monat

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße