Rechteck – Antworten auf ihre Rechtsfragen: Ist es mit Diabetes möglich, Polizist oder Lokführer zu werden?

2 Minuten

© www.freund-foto.de - stock.adobe.com
Rechteck – Antworten auf ihre Rechtsfragen: Ist es mit Diabetes möglich, Polizist oder Lokführer zu werden?

Diabetes und Berufswahl: Ob Polizist oder Lokführer – für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes stellen sich mitunter einige rechtliche Fragen. Moderne Technologien wie CGM, Insulinpumpe und AID verbessern die Chancen, doch die Rechtslage bleibt je nach Beruf unterschiedlich.

Die Frage

Unsere Tochter möchte Lokführerin oder Polizistin werden. Wir haben uns nun umgehört und erfahren, dass sie aufgrund des Diabetes wohl keine Chance habe, einen dieser Berufe auszuüben. Wir können das nicht nachvollziehen, denn der Diabetes von Julia ist gut eingestellt, sie ist mit einem CGM und Insulinpumpe ausgestattet und hat auch keine Folgeschäden oder sonstigen Erkrankungen. Wie bewerten Sie die Rechtslage: Kann bzw. darf Julia diese Berufe grundsätzlich ausüben?

Petra F.

Die Antwort von Oliver Ebert

Ein insulinpflichtiger Diabetes war bis vor einigen Jahren tatsächlich ein K.-o.-Kriterium für viele Berufe. Zwischenzeitlich hat sich die Situation aber entspannt. Dank neuer Therapiemöglichkeiten wie CGM, Insulinpumpen und AID sowie moderner Insuline lassen sich die mit dem Diabetes verbundenen Risiken in der Regel auf ein akzeptables Maß senken.

Dennoch ist es bei der Polizei leider weiterhin schwer: So hat beispielsweise das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen mit Beschluss vom 21. 12. 2021 (1 B 1152/21) festgestellt, dass mit dem Erfordernis der Polizeidienstfähigkeit sichergestellt werden soll, “dass der betreffende Beamte den körperlichen Anforderungen, die der Polizeivollzugsdienst stellt, gerecht werden kann”.

Wenn nicht gewährleistet ist, dass man in jeder Einsatzsituation in der Lage ist, einer Unterzuckerung zu begegnen, sei von keiner Tauglichkeit für den Polizeivollzugsdienst auszugehen. Denn auch bei guter Blutzuckereinstellung bestehe “die Gefahr von Hypoglykämien, gerade auch bei Diensten mit hohem körperlichem Einsatz”. Es bestünde daher das Risiko, dass der betroffene Polizist in einer Gefahrensituation “nicht mehr im erforderlichen Maß handlungsfähig” ist.

Dies gelte insbesondere auch in Einsatzsituationen wie der Bildung einer Polizeikette oder bei der Anwendung von unmittelbarem Zwang. Dies könne auch Kollegen in Gefahr bringen, die womöglich auf die körperliche Unterstützung des betroffenen Polizisten angewiesen sind. Ähnlich hat zuvor das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz (Urteil vom 25. 10. 2013, 2 A 11330/11.OVG) entschieden.

Aber es gibt Lichtblicke: Unlängst war zu lesen, dass eine Frau mit Diabetes beim Zoll den Dienst an der Waffe antreten durfte. Und es ist meines Erachtens nicht unwahrscheinlich, dass die der Entscheidung von Ende 2021 zugrundeliegende ärztliche Einschätzung bald überholt sein wird, denn die Diabetes-Technologie wird immer besser und zuverlässiger.

Bei der Tätigkeit als Lokführer sieht es etwas positiver aus: Auch hier muss sichergestellt sein, dass es nicht zu plötzlicher Bewusstlosigkeit oder verminderter Aufmerksamkeit bzw. Konzentration kommt. In vielen Fällen können diese Risiken aber durch moderne Hilfsmittel und Therapien so reduziert werden, dass die Bahn-Ärzte keine Bedenken mehr sehen.


von Oliver Ebert

Oliver Ebert ist Fachanwalt für IT-Recht, Datenschutzbeauftragter und -auditor und Hochschullehrbeauftragter für Datenschutz- und Internetrecht. Zudem ist er Geschäftsführer der mediaspects GmbH sowie Fachjournalist für Medizin, Datenschutz & Patientenrechte. Seit vielen Jahren befasst er sich mit dem Thema Diabetes und unterstützt Patienten, Angehörige und Ärzte in juristischen Belangen. Er war langjähriger Vorsitzender des DDG-Ausschusses Soziales und ist Co-Koordinator/Mitautor der europaweit ersten S2e-Leitlinie: „Diabetes & Straßenverkehr“

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2024; 12 (1) Seite 22

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Welttag der sozialen Gerechtigkeit: DDG mahnt faire berufliche Chancen für Menschen mit Diabetes an
Am 20. Februar ist der Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Zu diesem Anlass warnt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) vor anhaltenden Nachteilen für Menschen mit Diabetes im Berufsleben. Trotz moderner Therapien gelten in einigen Bereichen weiterhin pauschale Ausschlüsse und eingeschränkte berufliche Chancen. Die Fachgesellschaft fordert individuelle statt pauschaler Bewertungen.
Welttag der sozialen Gerechtigkeit: DDG mahnt faire berufliche Chancen für Menschen mit Diabetes an | Foto: Good Studio – stock.adobe.com

2 Minuten

Diabetes im Straßenverkehr: Überarbeitete Leitlinie räumt mit Vorurteilen auf
Die aktualisierte DDG‑Leitlinie zeigt: Moderne Therapien und Technik machen das Fahren und Agieren im Straßenverkehr für Menschen mit Diabetes heute sicherer denn je. Zugleich fordern Experten, veraltete Regeln und pauschale Berufsverbote, die teils noch auf Vorurteilen beruhen, endlich zu überarbeiten.
Diabetes im Straßenverkehr: Überarbeitete Leitlinie räumt mit Vorurteilen auf | Foto: Rostislav Sedlacek – stock.adobe.com

3 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%