Sich versichern – was man wissen sollte

5 Minuten

© Marco2811 - Fotolia.com
Sich versichern – was man wissen sollte

Welche Versicherungen sind notwendig, welche sind eher “Wohlfühlversicherungen”? Und wie findet man die richtigen Anbieter? Welche Fehler kann man beim Abschluss von Versicherungen machen? Sebastian Kraatz, unabhängiger Makler, gibt Antworten im Interview.

Oliver Ebert: Herr Kraatz, ganz herzlichen Dank, dass Sie uns als Experte zum Thema Versicherungen für ein Interview im Diabetes-Journal zur Verfügung stehen. Sie sind einerseits seit über 17 Jahren als unabhängiger Makler im Versicherungswesen tätig und seit mehr als 49 Jahren Typ-1-Diabetiker. Was denken Sie, welche Versicherungen Diabetiker unbedingt brauchen?

Sebastian Kraatz: Versicherungen sollen Menschen vor großen finanziellen Belastungen durch unvorhersehbare Ereignisse schützen, u. a. bei gesundheitlichen, die die Arbeitskraft einschränken. Das betrifft Menschen mit Diabetes wie alle anderen auch. Deshalb gibt es einige (gesetzlich vorgeschriebene) wie die Kfz-Haftpflichtversicherung, einige berufliche Haftpflichtversicherungen und auch die Pflicht zur Kranken- und Pflegeversicherung. Für die Altersrente sind die Deutsche Rentenversicherung (DRV) bzw. alternativ die Versorgungswerke Pflicht.
Daneben sollte man ausreichend vorgesorgt haben bei privaten Haftpflichtansprüchen, bei Schäden an Hausrat und Wohneigentum, für ergänzende Rentenvorsorge – am besten mit staatlicher Förderung, für einen finanziellen Ersatz bei Ausfall der eigenen Arbeitskraft, für den Todesfall, um Hinterbliebene und Bankschulden abzusichern. Es gilt aber immer: Wer ausreichend Vermögen und laufende Einnahmen neben der Arbeitskraft hat, kann sehr gut auf viele Versicherungen verzichten.

Ebert: Auf welche Schwierigkeiten stößt man gerade als Diabetiker, wenn man sich für den Abschluss einer solchen Versicherung entscheidet?

Kraatz: Gerade Versicherungen für die “biometrischen Risiken” wie Gesundheit, Todesfall, Berufsunfähigkeit (BU), Grundfähigkeiten, Pflegezusatz etc. sind für Menschen mit Diabetes meist nicht oder nur eingeschränkt zu bekommen. Aber hier helfen Sonderkonditionen:

  • Bei Immobilienfinanzierungen gibt es Todesfallschutz (Risikolebensversicherung, RiLV) ohne Gesundheitsprüfung oder man sucht nach einem speziellen Diabetiker-Tarif, der nach Qualität der Diabetes-Einstellung und -Therapie kalkuliert ist.
  • Beiträge zur privaten Rentenvorsorge kann man für den Fall der BU mit Beitragsbefreiung ohne Gesundheitsprüfung absichern.
  • In der Unfallversicherung (inklusive Unfallrente) werden Menschen mit Diabetes nicht pauschal ausgeschlossen und bestehende Vorschädigungen werden nicht mehr leistungsmindernd angerechnet.
  • Bei Ergänzungen zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gibt es die betriebliche Krankenversicherung über den Arbeitgeber – ohne Gesundheitsfragen; das ist für größere Belegschaften möglich.
  • Bei der BU prüfen nur wenige Anbieter die Anfragen von Menschen mit Diabetes, mit genauen Angaben zu Diabetestherapie und -verlauf. Alternativ gibt es ergänzend zur betrieblichen Altersvorsorge auch eine private BU mit gedeckelter Höhe ohne Gesundheitsfragen.
  • Für zusätzliche Pflegekostenabsicherung mit Wartezeiten gibt es den Pflege-Bahr, eine private staatlich unterstützte Pflegezusatzversicherung, oder die Pflegerente.

Ebert: Und auf welche Versicherungen kann man getrost verzichten?

Kraatz: Aus meiner Sicht sind “Wohlfühlpolicen” wie eine Reisegepäckversicherung, eine Brillen- oder Handyversicherung oder auch eine Kreditversicherung in den meisten Fällen verzichtbar und im Verhältnis von Prämie zum versicherten Risiko nicht angemessen. Hier hilft eine ordentliche Finanzplanung mit kontinuierlichem Aufbau von Finanzpolstern eher weiter. Dieses Geld ist nicht zweckgebunden und direkt verfügbar, am besten bis zu drei Monatsgehälter auf dem Tagesgeld.

Ebert: Was sind die häufigsten Fehler beim Abschluss einer Versicherung?

Kraatz: Die Suche nach günstigen Angeboten führt häufig zur “billigen” Lösung: Deckungssummen sind z. B. zu niedrig, Karenzzeiten zu lang oder wichtige Einschlüsse fehlen. Dazu kommt, dass Versicherer mit hoher Präsenz in den Medien ein großes PR-Budget brauchen, das dann beim Service eingespart werden muss. Spürbare Leistungskürzungen im Schadensfall können die Folge sein.

Ebert: Und was ist bei der Absicherung von Leib und Leben besonders zu beachten?

Kraatz: Eine biometrische Absicherung muss sich an veränderte Lebensumstände anpassen lassen. Ganz wichtig ist, dass die Gesundheitsfragen nicht zur Stolperfalle werden: Bekannte Vorerkrankungen führen zu Ausschlüssen oder Ablehnung, andererseits können bewusst falsche Angaben zur Vertragsaufhebung durch den Versicherer führen – eventuell auch nach Eintritt eines Leistungsfalls.Daneben liegt auch für Menschen mit Diabetes – wie für alle Menschen – das größte finanzielle Risiko in einer immer weiter steigenden Lebenserwartung: Durch bessere Versorgung und Therapie sind lange Jahre im Ruhestand Realität. Um für zusätzliche Rentenvorsorge langfristig anzusparen, sollte man schon in jungen Jahren mit kleinen Sparraten anfangen. Über Jahrzehnte nutzt man damit den Kapitalmarkt und man braucht sich in höherem Alter nicht mehr finanziell anzustrengen. Auch in Rentenversicherungen kann man Fonds einbinden, die sich mit Gesundheitsthemen, mit Versorgung von älteren Menschen, mit Pflege etc. befassen. Die großen Medizinhersteller für Diabetesversorgung sind da in den meisten Fällen vertreten.

Ebert: Welche Versicherungen kann man unbesorgt allein (online) abschließen? Beziehungsweise wann ist es sinnvoll, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen?

Kraatz: Beim Online-Abschluss kann dies direkt beim Anbieter geschehen, wie bei Kfz-Versicherung, privater Haftpflichtversicherung (PHV), Reiserücktritt-, Zahnzusatz-, Tier-OP-Versicherung, E-Bike-Kasko etc. Man sollte zuvor die Leistungen geprüft und verglichen haben. Die üblichen Vergleichsportale finanzieren sich über Vertragsabschlüsse von den angebotenen Versicherern und können so bei der Auswahl nicht immer objektiv sein. Es lohnt sich immer, einen unabhängigen Makler zu kontaktieren, hier mache ich gern Werbung: In erster Linie ermittelt man den realen Bedarf der Kundin oder des Kunden und entscheidet sich dann gemeinsam für Kapitalaufbau, Investition oder eben Versicherung. Welche Versicherung bei welchem Anbieter in Frage kommt, prüft der Makler. Bei allen komplexen Fragen wie der anonymen Risikovoranfrage ist der Makler der richtige Begleiter.

Ebert: Menschen mit Diabetes wird oft von einem Wechsel in die private Krankenversicherung (PKV) abgeraten. Wie sehen Sie das?

Kraatz: Es gibt Hürden, um überhaupt die Systeme wechseln zu können: Man muss “versicherungsfrei” sein, um zwischen der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung wählen zu können. Als Angestellter ist dies möglich bei Überschreiten der Jahresarbeitsverdienstgrenze (JAVG). Beamte, Selbstständige oder Freiberufler haben mit ihrem Statuswechsel die freie Wahl. Allerdings kann die PKV nach Prüfung der Vorerkrankungen den Versicherungsschutz ablehnen, dann verbleibt man freiwilliges Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung – so, wie ich es als Selbstständiger und Diabetiker ebenfalls bin. Die PKV ist für Menschen mit Diabetes meist verschlossen, allerdings gibt es für bestimmte Berufsgruppen wie Beamte den “Kontrahierungszwang”: Ab Eintritt des Beamtenstatus müssen die PKV-Anbieter ihre Beihilfetarife für Vorerkrankte öffnen und dürfen dafür einen Prämienzuschlag verlangen 1.

Ebert: Worin liegen denn die wichtigsten Unterschiede in den beiden Systemen?

Kraatz: Die Hauptunterschiede zwischen GKV und PKV liegen in der Art der Finanzierung, dem Leistungsumfang und der langfristigen Kalkulation: Die GKV erhält von allen Mitgliedern einen einkommensabhängigen Beitrag, der bis zur Höhe der jährlich festgelegten “Beitragsbemessungsgrenze” ermittelt wird. Beitragsfrei sind Kinder und Ehepartner und -partnerinnen ohne eigenes Einkommen in der Familienversicherung mitversichert. Die Beitragssummen werden direkt an die zu versorgenden Mitglieder ausgezahlt; Rücklagen können so nur vorübergehend für wenige Monate gebildet werden und es sind massive Steuersubventionen für den Bestand dieses Solidarsystems erforderlich. In der PKV zahlt jede und jeder Versicherte einen eigenen risikogerechten Beitrag, der hohe Rückstellungen zur Ausfinanzierung des teuren letzten Lebensdrittels bildet 2.
Beitragssteigerungen entstehen in beiden Systemen, da für immer längere Lebenszeiten mit immer aufwendigerer medizinischer Versorgung die Kosten gedeckt sein müssen. Ein Diabetes mit guten Glukosewerten und ohne Folgeerkrankungen gehört dabei noch zu den weniger kostenintensiven chronischen Erkrankungen.
Der Leistungskatalog der GKV ist zu über 95 Prozent in allen Krankenkassen gleich, da hier die Regelungen des Sozialgesetzbuchs (SGB V) zugrunde liegen. Jede Reform der letzten Zeit zur Kostendämpfung hatte Kürzungen der Leistung zur Folge. Dagegen ist der Leistungskatalog der PKV in den Bedingungen vertraglich festgelegt. Hier muss über Prämienerhöhungen oder höhere Selbstbehalte das Gleichgewicht zwischen Prämien und Kosten hergestellt werden. Die Entscheidung für oder gegen eins der Systeme hängt von zu vielen Faktoren ab, dafür fehlt hier die Zeit.

Ebert: Immer mehr Krankenkassen bieten spezielle Zusatzversicherungen an – ist das sinnvoll bzw. was gibt es hier zu beachten?

Kraatz: Die meisten Krankenkassen kooperieren mit privaten Anbietern für Zusatztarife, also Krankentagegeld, Zahnzusatz, stationäre Versorgung usw. Problem bei Angeboten ohne Gesundheitsprüfung: Die versicherte Leistung kann immer nur Bruchstücke des vollständigen Versicherungsschutzes bieten. Es gilt wie bei allen Angeboten: vergleichen, vergleichen, vergleichen … oder von Fachmann oder -frau vergleichen lassen.

1 Laut Angaben von statista waren im Jahr 2020 ca. 73,36 Millionen Bundesbürgerinnen und -bürger in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versichert, von denen ca. 57,14 Millionen beitragszahlende Mitglieder und ca. 16,22 Millionen beitragsfreie Versicherte waren. Die privaten Krankenversicherungen (PKV) hatten ca. 8,73 Vollversicherte (ohne private Zusatztarife).

2 Die GKV erhält für erweiterte Leistungen einen Bundeszuschuss zwischen 10 und 15 Milliarden Euro im Jahr; im Jahr 2022 ist dieser auf 28,5 Milliarden Euro gestiegen (Quelle: de.statista.com/statistik/daten/studie/244326/umfrage/zuschuss-des-bundes-zum-gesundheitsfonds/).
Die PKV weist für ihre Versicherten im September 2022 einen Bestand an Rückstellungen in Höhe von über 310 Milliarden Euro aus (Quelle: www.zukunftsuhr.de).


Schwerpunkt “Sinnvoll versichert mit Diabetes”

Autor:
© privat
Dipl.-Ing. Sebastian Kraatz

MLP Finanzberatung SE
Mornewegstraße 32
64293 Darmstadt
Tel.: 0 61 51/1 30 16 15

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (11) Seite 28-30

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Zwischen Kontrolle und Vertrauen: Meine Reise mit Diabetes, Schwangerschaft und Geburt
Eine Schwangerschaft mit Diabetes bedeutet Kontrolle und Vertrauen zugleich. Lesley-Ann hat beides erlebt: intensive Blutzuckerwerte, eine zu frühe Geburt und die Erkenntnis, dass das Beste geben mehr als genug sein kann.
Zwischen Kontrolle und Vertrauen: Meine Reise mit Diabetes, Schwangerschaft und Geburt | Foto: pressmaster – stock.adobe.com

3 Minuten

Community-Beitrag
Diabetes-Anker-Podcast: Was leisten Abnehmspritzen und worauf muss bei der Therapie geachtet werden, Herr Prof. Forst?
Typ-2-Diabetes, Adipositas und Abnehmspritzen: Prof. Dr. Thomas Forst ordnet im Podcast-Gespräch ein, was die neuen Wirkstoffe medizinisch leisten, für wen die Therapie geeignet ist und worauf bei ihrer Anwendung sowie bezüglich Nebenwirkungen geachtet werden muss.
Diabetes-Anker-Podcast: Was leisten Abnehmspritzen und worauf muss bei der Therapie geachtet werden, Herr. Prof. Forst? | Foto: zVg / MedTriX

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 4 Tagen, 10 Stunden

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 2 Wochen

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

Verbände