Sozialrecht: Hoffnung auf Unterstützung für Kinder mit Diabetes in Kita und Schule

3 Minuten

Sozialrecht: Hoffnung auf Hilfe für Kinder mit Diabetes in Kita und Schule | Foto: Corri Seizinger – stock.adobe.com
Foto: Corri Seizinger – stock.adobe.com
Sozialrecht: Hoffnung auf Unterstützung für Kinder mit Diabetes in Kita und Schule

Kinder mit Diabetes sollen auch in Kita und Schule ein möglichst normales Leben führen können. Das zu organisieren, ist oft schwer. Zuständigkeiten sind unklar, Kapazitäten für nötige Unterstützung begrenzt. Nun steht eine Reform an. Was diese beinhaltet und was Fachverbände dazu sagen, lesen Sie hier.

Es hatte fast ein bisschen etwas vom Fahren im Windschatten: Wenige Tage, bevor die FinanzKommission Gesundheit ihre Vorschläge für mehr Einnahmen und weniger Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung vorlegte, veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen Gesetz-Entwurf zur Reform der Kinder- und Jugendhilfe. Die Ideen zur Stabilisierung der Krankenkassen-Beiträge wurden viel diskutiert. Und in Rekordzeit wurde daraus ein Gesetz-Entwurf, den das Bundeskabinett mittlerweile verabschiedet hat.

Reformpaket auf dem Weg

Beim am 23. März vorgelegten Referenten-Entwurf zum „Ersten Gesetz zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe“ ist das anders. Der Zeitplan des Familienministeriums sah für den 20. Mai eine Befassung des Bundeskabinetts mit dem Reformpaket vor. Der erste Durchgang im Bundesrat ist für den 10. Juli geplant und die erste Lesung im Bundestag für den 24. September. Verabschiedet werden soll das Gesetzespaket nach derzeitiger Planung mit der zweiten und dritten Lesung im Bundestag am 13. November. Der zweiter Durchgang folgt im Bundesrat am 18. Dezember.

Schon jetzt hat die geplante Reform wie fast alle Gesetze ein handliches Kürzel: 1. KJHSRG. Zentraler Aspekt ist der inklusive Ansatz. Damit ist das Zusammenführen der Zuständigkeiten für Leistungen der Eingliederungshilfe für junge Menschen mit und ohne Behinderung unter dem Dach der Kinder- und Jugendhilfe gemeint.

Für die mehr als 37.000 Kinder mit Typ-1-Diabetes relevant sind andere Punkte, die das zuständige Ministerium ebenfalls unter den wichtigsten Inhalten der Reform nennt. Starke kommunale Infrastrukturen statt teurer Einzelhilfen sollen in den Fokus rücken. Die Rede ist von „infrastrukturellen Gruppenangeboten zur Bildungsassistenz an Kitas und Schulen“.

Großes Echo

Auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) gibt es eine Übersicht der Stellungnahmen von Verbänden zum Entwurf des 1. KJHSRG.

Bildungsassistenzen in Kitas und Schulen

Für Kinder und Jugendliche, die in Kita oder Schule eine Begleitung brauchen, soll künftig ein Angebot der Bildungsassistenz bereitgestellt werden. Geplant wird dieses von Jugendämtern, Kitas und Schulen gemeinsam geplant wird. Es soll sicherstellen, dass alle Kinder und Jugendlichen, die zusätzliche Unterstützung in Kita und Schule brauchen, diese in ihrer Schulklasse erhalten – und zwar gemeinsam. Das Ministerium selbst betont, dass Kindern und Jugendlichen mit individuellem Betreuungsbedarf auch künftig eine Einzelassistenz zur Seite gestellt werden soll.

Organisationen aus der Jugendhilfe zeigen sich etwas skeptischer. Für die Lebenshilfe könnte diese Strukturreform zwar die Weichen für mehr Inklusion und Teilhabe stellen. Gerade weil erstmals eine inklusive Infrastruktur auf den Weg gebracht werden soll. Doch sie drohe nun zum Spar-Instrument zulasten von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zu werden.

„Die Reform der Kinder- und Jugendhilfe muss unbedingt die Bedarfe der Kinder zuvorderst im Blick haben. Sie muss ihre Rechte stärken und bedürftige Familien entlasten und schützen. Sie kann nicht als primäres Ziel Kostendämpfung verfolgen. Wer an Kindern mit Behinderung spart, spart an den Schwächsten der Gesellschaft. Das ist unerträglich!“, kommentierte Ulla Schmidt, Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe und ehemalige Bundesgesundheitsministerin.

Dabei hat die Idee der „infrastrukturellen Bildungsassistenz“ gerade aus der Diabetologie viele Unterstützer, und zwar unter dem Namen Schulgesundheitsfachkräfte. Im Fall einer flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit solchen Schulgesundheitsfachkräften erwarten Befürworter wie die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), dass teure Individualbegleiter, bezahlt von den Krankenkassen nach hohen Stundensätzen, in den allermeisten Fällen überflüssig würden, da der Diabetes medizinisch versorgt und beobachtet wäre. Ein Kind mit Diabetes bedürfe dann in der Regel keiner Hilfe zur Teilnahme am Schulleben in Form von Eingliederungshilfe.

Gesunde Schule

  1. Bereits 1908 wurden in der Stadt Charlottenburg in Berlin „Schulschwestern“ etabliert.
  2. 2015 gab es in Schleswig-Holstein ein Modellprojekt zu Schulgesundheitsfachkräften.
  3. Acht Bundesländer haben bisher Modellprojekte umgesetzt.

Wunsch-Strukturen aufbauen

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe sieht bezogen auf die „infrastrukturelle Bildungsassistenz“ allerdings noch besonders viele Fragen: Es handele sich um neu aufzubauende Unterstützungsstrukturen. Offen sei etwa, wie die strukturelle Planung zum Vorhalten von Assistenzkräften, über welche die Angebots-Landschaft künftig anstelle von bewilligten Individualleistungs-Ansprüchen gestaltet werden soll, stattfinden wird. Auch bleibe offen, wie Berücksichtigung finden kann, dass die Bedarfe der Kinder dabei weit auseinanderliegen können.

Als Beispiel nennt die Arbeitsgemeinschaft konkret die Hilfeleistung bei einer Insulintherapie aufgrund von Diabetes, die strukturgebende Anleitung wegen Konzentrations-Einschränkungen, die Gewährleistung von Sicherheit und Erster Hilfe bei epileptischen Anfällen oder die Kommunikations- und Anpassungs-Unterstützung im Kontext des Autismus-Spektrums. Um Rechtsklarheit für die Bürger, Behörden und Gerichte herzustellen, brauche es auch Hinweise, wodurch die Prüfung eines Individualleistungs-Anspruchs initiiert wird und wie einem Ausweichen mit Hinweis auf eine unter Umständen noch unzureichend ausgestattete Infrastruktur entgegengetreten werden kann.

Das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) regt an, eine finanzielle Beteiligung des Bundes am Aufbau des Angebots von infrastrukturellen Bildungsassistenzen zu prüfen. Die liege zwar im Bereich der Aufgabenzuständigkeit der Länder, als gangbaren Weg sieht das Institut im Grundgesetz vorgesehene Finanzhilfen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der kommunalen Bildungsinfrastruktur.


von Marcus Sefrin

Marcus Sefrin ist Fachjournalist mit Schwerpunkt Medizin und Diabetes. Er war tätig als Chefredakteur der Fachzeitschrift DiabetesNews, produziert Fachtexte, Kongressberichte, Produktmonografien und begleitet Diabetes-Kongresse national und international.

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (6) Seite 52-53

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Projekt „KlaFa“: Kinder mit Typ-1-Diabetes auf der Klassenfahrt betreuen
Mittlerweile im vierten Jahr leitet Kathleen Brockelmann das Projekt „KlaFa“ des Selbshilfeverbands „Deutsche Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes“ (DDH-M). Das spendenfinanzierte Projekt ermöglicht Kindern aus ganz Deutschland die Begleitung auf Klassenfahrten.
Projekt KlaFa - Kinder mit Typ-1-Diabetes auf der Klassenfahrt betreuen | Foto: Kathleen Brockelmann

8 Minuten

Wie ist es um das Wissen über Diabetes und den Umgang mit Betroffenen an Schulen bestellt?
Um herauszufinden, wie viel ­Wissen über Diabetes an Schulen vorliegt und wie betroffene Kinder und Jugendliche in ihrem Schulalltag inkludiert sind und zurechtkommen, haben Schülerinnen und Schüler aus Eisenach dazu eine Umfrage durchgeführt.
Wie ist es um das Wissen über Diabetes und den Umgang mit Betroffenen an Schulen bestellt?

6 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • uho1 postete ein Update vor 6 Tagen, 9 Stunden

    @calvin240
    Ich hätte eine Frage zum
    Bestellablauf und deinen Erfahrungen mit Medtrum. Könnte ich dich auch „privat“ anschreiben? Wenn du vielleicht meine Freundschaftsanfrage annimmst? Gruß Ute

  • 123novesia postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Bin neu hier. Typ2. Meine Werte verschlechtern sich obwohl ich nicht anders esse und mehr Bewegung eingebaut habe. Denke Stress ist hier das Hauptthema. Pflegebedürftige Mutter und Sohn steht im Stastsexsmen. Habe seit Jahren auch Depressionen und Panikattacken. Bin verzweifelt.

    • Liebe @123novesia, willkommen in unserer Community. Es tut mir sehr leid zu lesen, wie viel gerade auf deinen Schultern liegt. Die Sorge um deine Mutter, der Stress rund um das Staats­examen deines Sohnes und dazu Depressionen und Panikattacken. Dass dich das erschöpft und verzweifelt macht, ist sehr verständlich.
      Bitte mach dir keine Vorwürfe: Verschlechterte Werte bedeuten nicht automatisch, dass du etwas falsch machst. Stress und psychische Belastungen können den Blutzucker beeinflussen. Trotzdem wäre es wichtig, die Veränderungen zeitnah mit deiner Diabetespraxis oder deiner Hausärztin/deinem Hausarzt zu besprechen, damit auch andere Ursachen ausgeschlossen und die Behandlung gegebenenfalls angepasst werden kann.
      Du musst das alles nicht allein tragen. Vielleicht gibt es für deine Mutter Unterstützung durch Angehörige, einen Pflegestützpunkt oder einen ambulanten Dienst. Und auch für dich wäre jetzt Unterstützung wichtig – durch deine behandelnde Praxis oder eine psychotherapeutische/psychiatrische Anlaufstelle. Auch hier findest du vielleicht noch Halt und Unterstützung aus unserer Community. Alles Gute und pass auf dich auf. Liebe Grüße Lena

  • jseiffert postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    heute findet unser nächstes Community-MeetUp via Teams statt.
    Alle Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-september-26
    Wir freuen uns auf Euch! 🙂