Strukturen, Einfluss und Reformbedarf: Der G-BA – Macht ohne Mandat?

3 Minuten

Strukturen, Einfluss und Reformbedarf: Der G-BA – Macht ohne Mandat? | Foto: G-BA
Foto: G-BA
Strukturen, Einfluss und Reformbedarf: Der G-BA – Macht ohne Mandat?

G-BA: Entscheidungen ohne Stimme der Betroffenen? Das mächtige Gremium bestimmt, welche Therapien Kassen zahlen – oft auf Basis alter Daten, in intransparenten Prozessen und ohne Patientenstimme im Plenum. Braucht es Reformbedarf mit Tempo, Transparenz und für echte Mitbestimmung?

Wer in Deutschland gesetzlich krankenversichert ist, lebt mit den Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) – meist, ohne es zu wissen. Dieses Gremium legt fest, welche Therapien, Medikamente und Hilfsmittel die Krankenkassen bezahlen. Damit entscheidet es unmittelbar über die Versorgung und Lebensqualität von Millionen Menschen – und über Milliarden-Beträge aus Beitragsgeldern. Doch wer sitzt eigentlich am Tisch, wenn über die Versorgung entschieden wird?

Machtzentrum ohne Patienten-Stimme

Der G-BA ist kein Ministerium, sondern das oberste Organ der „gemeinsamen Selbstverwaltung“. Hier sitzen Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und des Spitzenverbands der Krankenkassen (GKV-SV) sowie drei unparteiische Mitglieder.

Patienten-Vertreter nehmen an allen Sitzungen teil, dürfen Anträge stellen und mitberaten – doch im entscheidenden Plenum haben sie kein Stimmrecht. Bereits 2015 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass der G-BA zwar formal gesetzlich legitimiert sei, seine Entscheidungen aber „nur bedingt demokratisch kontrollierbar“ seien. Auch die Stiftung Münch, eine unabhängige Denkfabrik für Gesundheitsforschung, kam 2016 in einer eigenen Analyse zu dem Schluss, der G-BA sei „intransparent, strukturkonservativ und reformresistent“.

Die Macht, die vor der Abstimmung entscheidet

Doch das fehlende Stimmrecht ist nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Macht entsteht vor der Abstimmung – in der Frage, wer festlegt, was als wissenschaftliche Evidenz gilt.

Hier zeigt sich ein strukturelles Ungleichgewicht: Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen dürfen eigene Expertinnen und Experten benennen, Professoren, Leitlinien-Autoren oder Gutachter, die ihre Position wissenschaftlich absichern.

Die Patienten-Vertretung hingegen darf keine eigenen Sachverständigen offiziell beauftragen, sondern nur Vorschläge einreichen – ohne Anspruch auf gleichwertige wissenschaftliche oder finanzielle Unterstützung. Während die Organisationen der Selbstverwaltung ihre Expertinnen und Experten aus eigenen Mitteln finanzieren, verfügt die Patienten-Vertretung über kein entsprechendes Budget.

Selbst mit Stimmrecht bliebe ihr Einfluss somit begrenzt. Denn die Entscheidungsgrundlage wird vorher durch andere bestimmt – wer die Evidenz definiert, entscheidet damit maßgeblich über das Ergebnis.

Wenn alte Daten über heutige Kinder entscheiden

Wie real diese Schieflage ist, zeigt das neue Disease-Management-Programm (DMP) Adipositas (extremes Übergewicht) für Kinder und Jugendliche. Das Programm beruht auf Leitlinien, deren Primärquellen aus den 1980er- bis 2010er-Jahren stammen. Die betroffenen Kinder leben jedoch längst in einer digitalen, zuckerreichen Welt, in der sich Lebensstil und Umwelt stark verändert haben. Trotzdem werden auf Basis jahrzehntealter Daten Therapie-Empfehlungen abgeleitet.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bewertet für den G-BA wissenschaftliche Studien nach strengen Methoden. Bei DMPs stützt es sich dabei meist auf vorhandene, systematisch erstellte Leitlinien, die oft auf älteren Studien basieren. Neue Einzelstudien, die nach Veröffentlichung einer Leitlinie erscheinen, werden meist erst mit deutlicher Verzögerung berücksichtigt – selbst wenn sie hochwertige Evidenz liefern. Das ist methodisch korrekt – doch in der Praxis führt dies oft dazu, dass neue Erkenntnisse erst Jahre später in die Versorgung gelangen. Wissenschaftlich sauber, aber praxisfern.

Auch kritisieren Fachzeitschriften wie das „Journal of the American College of Cardiology“, dass evidenzbasierte Medizin (EbM) oft nur das misst, was sich messen lässt, – während Lebensqualität, Alltagstauglichkeit oder psychische Belastung unsichtbar bleiben. Ein Beispiel ist die späte Anerkennung von Systemen zum kontinuierlichen Glukose-Messen (CGM). Sie erleichtern Menschen mit Diabetes seit Jahren den Alltag, wurden aber erst 2016 als Regelleistung anerkannt – obwohl ihr Nutzen längst belegt war.

Tempo, Transparenz und Teilhabe

Ein weiteres Problem ist die Geschwindigkeit der Entscheidungs-Prozesse. Zwar gibt es Fristen für bestimmte Verfahren, doch manche Themen brauchen bis zu acht Jahre, bis ein Beschluss steht. Selbst G-BA-Chef Prof. Josef Hecken räumte mehrfach ein, dass die Verfahren zu langsam seien. FDP-Gesundheitspolitiker Prof. Dr. Andrew Ullmann fordert seit 2018 mehr Beweglichkeit: „Der G-BA ist träge, unflexibel und nicht patientenorientiert.“

Was sich ändern muss: Evidenz braucht Menschlichkeit

Der G-BA ist zu wichtig, um als geschlossener Zirkel zu handeln. Wenn Entscheidungen darüber, welche Versorgung Menschen erhalten, auf alten Daten und unausgewogenen Strukturen beruhen, sind Reformen längst überfällig.

Evidenzbasierte Medizin ist unverzichtbar – darf aber kein Selbstzweck sein. Solange der G-BA über das Leben von Millionen Menschen entscheidet, ohne dass Betroffene auf Augenhöhe vertreten sind, bleibt moderne Medizin eine Einbahnstraße. Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung braucht Evidenz mit Empathie: wissenschaftlich fundiert, aber nah an der Realität der Menschen, die damit leben.

Die Selbsthilfe fordert:

  • Gleiches Stimmrecht für Patienten-Vertretungen im G-BA – echte Mitbestimmung statt bloßer Anhörung.
  • Gleichwertige Expertenrechte für Patienten-Vertretungen – eigene Sachverständige und Zugang zu wissenschaftlicher Expertise.
  • Mehr Transparenz – öffentliche Begründungen, wie und warum Evidenz gewichtet und Entscheidungen getroffen werden.
  • Schnellere Verfahren – klare Fristen und schnellere Prozesse zur Bewertung und Umsetzung neuer Leitlinien und Studien-Ergebnisse, damit aktuelle Erkenntnisse zeitnah in die Versorgung einfließen.
  • Lebensqualität als Kriterium – Patient-Reported Outcomes, also Therapie-Erfolge aus der Perspektive der Patienten, müssen gleichberechtigt neben HbA1c, Mortalität (Sterblichkeit) und Kosten-Nutzen-Analysen stehen.

Gemeinsame Positionen der organisierten Selbsthilfe und Patientenvertretung im Diabetes-Anker

Logos Verbaende Diabetes Anker jpg

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2025; 74 (12) Seite 58-59

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
An der Krankenhausreform wird schon eine Weile gewerkelt. Seit Ende März hat diese Dauerbaustelle zur Neuordnung der Kliniklandschaft und -finanzierung nun alle parlamentarischen Hürden genommen. Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik?
Dauerbaustelle Krankenhausreform: Was tut sich für die Diabetes-Versorgung in der Klinik? | Foto: bluedesign – stock.adobe.com

3 Minuten

Die Zuckersteuer kommt: Regierung beschließt Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke ab 2028
In den Polit-Talks der zurückliegenden Wochen war sie in aller Munde: die Zuckersteuer. Anfang Mai – und nachdem sie von der Union zwei Monate zuvor abgelehnt worden war – folgte nun die (zucker-)süße Überraschung: Die Koalition hat die Einführung einer Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke beschlossen.
Die Zuckersteuer kommt: Regierung beschließt Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke ab 2028 | Foto: nevodka.com – stock.adobe.com

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%