„Viele Messdaten über Apps und Clouds“

3 Minuten

© DamienK - AdobeStock
„Viele Messdaten über Apps und Clouds“

Videosprechstunden, digitale Schulungen, Apps & Co.: Dr. Karin Schlecht, Diabetologin aus Eisenach, Thüringen, wertet diese digitalen Angebote als große Chance für die Diabetologie. Das erklärte sie uns unlängst – ohne Video- oder Telefonkonferenzschalte – in einem klassischen Telefoninterview.

Diabetes-Journal: Die Diabetologie ist die Steilvorlage für die Telemedizin, sagen Sie. Was macht die Digitalisierung im Diabetesbereich so besonders?
Dr. Karin Schlecht:
Bei der Telemedizin geht es grundsätzlich um 3 Bereiche: die Videosprechstunde, das Telemonitoring und das Telekonsil. Die Videosprechstunde ist Teil der ‚sprechenden Medizin’ – vor allem in der Diabetologie müssen viele Daten und Therapieanpassungen besprochen werden. Und es gibt die Schulung, die ebenfalls vom Gespräch lebt.

Telemonitoring bedeutet, dass viele Daten über Apps und die jeweilige Cloud vermittelt bzw. up- und downgeloadet werden. Beim Telekonsil, bei dem Ärzte miteinander in Interaktion treten – stehen diabetische Folgekomplikationen wie der diabetische Fuß im Fokus. Zu dessen Behandlung gehört immer eine Kooperation von verschiedenen Partnern. Es geht hier besonders um ein Konsil – man zieht als Diabetologe z.B. einen Chirurgen hinzu und überdenkt nochmal den Befund, bevor man eine weitere Entscheidung trifft.

DJ: Zur sprechenden Medizin: Das Arzt-Patienten-Gespräch kommt in unserem Gesundheitssystem bekanntlich viel zu kurz…
Schlecht:
Das ist richtig und das Manko unseres Systems: In vielen Bereichen wird eher die Technik bezahlt als das Gespräch mit dem Patienten. Aber ob Präsenz- oder Videosprechstunde bzw. -konsil: 15 bis 20 Minuten sind jeweils dafür vorgesehen: die Glukose-Daten durchsehen und interpretieren, Muster ableiten, mit dem Patienten darüber diskutieren, Änderungen veranlassen. Das Zeitfenster ist bei beiden Formaten gleich groß.

DJ: Wie sind Ihre Erfahrungen mit digitalen Schulungskonzepten?
Schlecht:
Ich sage immer: Beides – Präsenz- als auch Videoschulungen – sind unbedingt nötig. Videoschulungen haben den Vorteil, dass man Patienten erreichen kann, die nicht in der Lage sind, in die Praxis zu kommen und Termine einzuhalten – aus organisatorischen oder anderen Gründen. Was ich mir gut vorstellen kann: Die Präsenzschulung mit der Videoschulung zu mischen, in dem man Patienten per Video in die Diskussion im Raum zuschaltet. Aber das ist noch Zukunftsmusik. In unserer Praxis machen wir bisher nur Präsenzschulungen. Video-Gruppenschulungen wollen wir bald ausprobieren, dies war uns bislang technisch aber leider noch nicht möglich.

DJ: Woran hakt es hier generell noch?
Schlecht:
Für diese Art von Schulungen gibt es bislang nur die vorhandenen Materialien, wie Schulungsbücher und -folien. Derzeit werden aber von der FIDAM-Arbeitsgruppe, die diese Schulungsprogramme entwickelt – unter Leitung von Prof. Dr. Bernhard Kulzer aus Bad Mergentheim und mit dem Verband der Diabetes Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) – entsprechende Materialien vorbereitet, die die Umsetzung der Videoschulung in der Praxis erleichtern.

Meine große Hoffnung ist, künftig nicht nur mit telemedizinischen Angeboten zu arbeiten – ich sehe die Zukunft vielmehr in der digitalen Transformation. Man sollte also noch einen Schritt weitergehen in der digitalen Chronikerbetreuung – und in der Betreuung zwischen den Arztbesuchen über eine virtuelle Klinik bzw. Ambulanz steuern – für eine bessere individuelle Betreuung. Es gibt hier schon erste Projekte in der Diabetologie, die auf den Weg gebracht sind. Auch die neue elektronische Patientenakte spielt dabei eine Rolle.

DJ: Welche Patienten halten Sie für besonders geeignet, um etwa an digitalen Diabetes-Schulungen teilzunehmen?
Schlecht:
Diabetespatienten, die mit modernen Diabetestechnologien arbeiten, eine digitale Affinität und eine schnelle Internetverbindung haben. Generell sollten alle interessierten Patienten vorab ihre Systemvoraussetzungen checken, um z.B. an einer Videoschulung teilnehmen zu können: Browser, Geräte, Server etc. Jeder Patient sollte zudem den Nutzen digitaler Angebote für sich persönlich abwägen.


Autorin: Angela Monecke
Redaktionsbüro Angela Monecke,
Kopenhagener Str. 74, 10437 Berlin,
E-Mail: angelamonecke@aol.com

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (8) Seite 54-55

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Trügerische Ampel: Lenkungswirkung verfehlt – warum der Nutri-Score so nicht funktioniert
Ein grünes „A“ für Weißmehl-Pasta, obwohl die Insulin-Ausschüttung Achterbahn fährt: Der Nutri-Score verspricht Orientierung, doch sein Algorithmus ignoriert fundamentale Regeln der Ernährungsphysiologie. Warum das Label in seiner jetzigen Form seine Lenkungswirkung verfehlt und sogar den Weg in Richtung Diabetes Typ 2 ebnen kann und warum nur eine Kombination aus Pflichtkennzeichnung und Zuckersteuer echte Abhilfe schafft, legen die Selbsthilfe-Verbände im Diabetes-Anker in einer gemeinsamen Position dar.
Trügerische Ampel: Lenkungswirkung verfehlt – warum der Nutri-Score so nicht funktioniert | Foto: DNI

3 Minuten

Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet
Eine Fotokampagne rückt Menschen in den Blick, die durch eine pAVK ihre Füße oder Teile davon verloren haben. Die Aktion zeigt eindringlich, wie viele Fälle zu den vermeidbaren Amputationen zählen und wirbt für frühzeitige Diagnose sowie bessere Behandlungswege im Gesundheitssystem.
Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet | Foto: Kristian Schuller / Abbott GmbH 2026

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Tag, 20 Stunden

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Tagen, 13 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%