- Diabetes-Grundwissen
Coaching | CGM verstehen: Unterschied bei Blut- und Gewebeglukose – sind CGM-Systeme ungenau?
6 Minuten

Im neusten Beitrag der Coaching-Reihe „Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen“ beleuchtet Dr. Andreas Thomas den Unterschied zwischen den Blut- und den Gewebeglukose-Werten, die viele vermuten lassen, dass CGM-Systeme ungenau sind. Was wirklich dahinter steckt, erklärt er hier.
Coaching-Reihe von Dr. Andreas Thomas:
Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen
Die kontinuierliche Glukosemessung (Englisch: continuous glucose monitoring; kurz CGM) hat das Diabetes-Management in den letzten Jahren revolutioniert. Menschen mit Diabetes haben nun die Möglichkeit, ihre Glukoseverläufe über einen längeren Zeitraum lückenlos auszuwerten und zu analysieren. Die Auswirkungen externer Einflüsse wie Ernährung, Sport und Insulingaben können damit viel besser nachvollzogen und verstanden werden.
In dieser Beitragsreihe gibt der renommierte CGM-Experte Dr. Andreas Thomas einen detaillierten Einblick in diese Technologie und wie sie richtig angewendet wird, um verschiedene Situationen richtig zu interpretieren und darauf angemessen reagieren zu können.
Alle Beiträge der Coaching-Reihe im Überblick:
- Kontinuierliche Glukosemessung im Einsatz bei Menschen mit Diabetes
- Systeme für die kontinuierliche Glukosemessung – ein methodisch-technischer Überblick
- Anwendungsformen für die kontinuierliche Glukosemessung
- Genauigkeit – Ansprüche an die kontinuierliche Glukosemessung
- Unterschied bei Blut- und Gewebeglukose – sind CGM-Systeme ungenau?
- Auswirkung einer hohen Glukose-Dynamik auf die Messung mit einem CGM-System
- Reaktion des Körpers auf Unterzuckerungen und deren Auswirkungen auf den Glukose-Spiegel
Im letzten Beitrag der Coaching-Reihe „Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen“ wurde über die Genauigkeit und die dazugehörigen Anforderungen von CGM-Systemen berichtet. Dort wurde auch darauf hingewiesen, dass es Messwertunterschiede zwischen einem blutig gemessenen Wert und dem Sensorwert geben kann.
Messungen in unterschiedlichen Körperflüssigkeiten
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Blutglukosemessung (SMBG) und dem CGM besteht darin, dass die Messungen in unterschiedlichen Körperflüssigkeiten erfolgen: SMBG im Blut, CGM im Unterhautfettgewebe, also in der zwischenzellulären Flüssigkeit (wenn man sich einmal eine nicht blutende Schürfwunde zuzieht, tritt diese Flüssigkeit aus der Haut aus). Warum kann das nun Auswirkungen auf den angezeigten Glukosewert haben? Unter welchen Umständen stimmen die Glukosewerte überein und unter welchen Umständen nicht?
Abkürzungen
- CGM – Continous Glucose Monitoring (kontinuierliche Glukosemessung)
- SMBG – Self Measurement of Blood Glucose (Selbstmessung der Blutglukose)
- BG – Blutglukose
- GG – Gewebeglukose
- MARD – Mean Absolute Relative Difference (mittlere absolute relative Abweichung)
Die Situation kann man sich in Abb. 1 vergegenwärtigen [1,2]. Die Glukose tritt vom Blut ins Gewebe über und umgekehrt. Ist der Glukosespiegel stabil, d.h. treten nur geringfügige Schwankungen und keine wesentliche Änderung der Glukosekonzentration auf, dann ist der Wert im Blut und im Gewebe gleich. Erhöht sich z.B. nach dem Essen die Blutglukose, dann fließt sie vom Blut als „Glukosestrom“ in die Gewebsflüssigkeit. Das zeigt der rote Pfeil in Abb. 1. Dieser Glukosestrom tritt so lange auf, wie es Unterschiede in der Glukosekonzentration im Blut und im Unterhautfettgewebe gibt.
Wenn der Glukosewert im Blut ansteigt oder abfällt, so fließt ein Glukosestrom in das Gebiet, in welchem die Glukosekonzentration niedriger ist (StromBlut >Gewebe: Glukose fließt vom Blut in die zwischenzelluläre Gewebeflüssigkeit; Strom SGewebe > Blut: Glukose fließt aus der zwischenzellulären Gewebeflüssigkeit in das Blut; Strom SGewebe > Zelle: Glukose fließt aus der zwischenzellulären Gewebeflüssigkeit in die Körperzellen). Das geschieht so lange, bis in beiden Körperflüssigkeiten der gleiche Glukosewert herrscht (stabiler Glukosespiegel).
Welcher Wert ist denn nun richtig?
Also: Der Glukosesensor vom CGM misst einen anderen Glukosewert (nämlich die Gewebsglukose) als der Mensch, der sich die Glukose im Blut gemessen hat. Die Werte sind unterschiedlich, doch beide Werte sind richtig. Sie wurden nur in unterschiedlichen Flüssigkeiten bestimmt. So lange der Glukosestrom anhält, wird der Wert im Gewebe geringer sein als im Blut, weil der ganze Vorgang einige Minuten dauert. Beeinflusst wird der Wert im Gewebe noch dadurch, dass ein Teil des Glukosestromes in die Muskel- oder Fettzellen weiterwandert.
Wenn keine weitere Glukose aus dem Darm in das Blut geliefert wird, so verringert sich der Glukosestrom, bis er ganz versiegt, denn seine Intensität wird bestimmt von dem Unterschied des Glukosewertes im Blut und im Gewebe. Demnach ist bei gleichen Werten in beiden Flüssigkeiten die Situation stabil. Der angezeigte Wert auf dem Blutglukosemessstreifen und dem CGM-System ist in diesem Fall folglich auch gleich. Sinkt nun irgendwann der Glukosewert im Blut, so fließt der Glukosestrom diesmal in Richtung des Blutes, also vom Gewebe in das Blut. Auch in dieser Situation sind die Glukosewerte in beiden Flüssigkeiten so lange unterschiedlich, bis der Glukosestrom aufhört.
Abb. 2 zeigt die Verhältnisse anhand zweier gleichzeitig gemessener Glukosekurven im Blut (rote Kurve) und im Gewebe (blaue Kurve). Sie sind entsprechend zueinander verschoben. Diese Verschiebung zeigt sich als „time-lag“. Das ist die Zeit, die es dauert, bis mit dem CGM-System der gleiche Wert gemessen wird wie vorher mit SMBG. Dieser Zeitunterschied hängt davon ab, wie schnell der Glukosespiegel ansteigt.

Anstieg der Glukosewerte – wie verhält sich das im Blut, wie im Gewebe?
Allerdings ist der „time-lag“ nicht immer gleich. Dieser hängt davon ab, wie schnell sich die Glukose im Körper ändert, und damit von der Art der Nahrung, die gegessen wird.
Werden z.B. Weintrauben gegessen, so steigt die Glukose schnell an, bei Pasta dagegen langsam. Wird der „time-lag“ bei Patienten bestimmt, die eine Standardmahlzeit gegessen haben (55% Kohlenhydrate, 30% Fett, 15% Eiweiß), dann liegt der zeitliche Unterschied beim Anstieg der Glukose bei ca. 13 Minuten und bei fallenden Glukosewerten bei ca. 17 Minuten [3]. Im Gegensatz dazu hängt dieser bei einer alltäglichen Mahlzeit von deren Zusammensetzung ab (Anteil Fett usw.). Und natürlich hängt das vom individuellen Stoffwechsel eines Menschen mit Diabetes selbst ab.
Ein Beispiel ist in Abb. 3 zu sehen [4]. In der horizontalen Achse (x-Achse) sind die Geschwindigkeiten aufgetragen, mit der sich die Glukose ändert. Diese Änderungen wurden durch Mahlzeiten bei Menschen mit Diabetes gezielt vorgenommen. Auf der senkrechten Achse sieht man die mittlere Abweichung, die MARD (beschrieben im Beitrag der BSL vom 4. Juli 2022). Sie charakterisiert hier die Abweichung von der Gewebe- zur Blutglukosekonzentration. Untersucht wurden zwei verschiedene Glukosesensoren.
Die Abweichungen werden umso größer, je schneller sich der Glukosespiegel im Blut ändert (bei Menschen ohne Diabetes liegen die Änderungsgeschwindigkeiten bei ca. 0,6 mg/dl/min, bei Menschen mit Diabetes im Normalfall bis 2 mg/dl/min, bei Mahlzeiten wie Weintrauben oder Instantsuppen liegen sie auch höher).

Für beide verschiedenen Glukosesensoren zeigt sich, dass mit wachsender Glukoseänderungsgeschwindigkeit die Abweichungen der Messwerte zwischen Blut und Gewebe zunehmen [4].
CGM- in Blutglukosewerte umrechnen?
Es ist also zu beachten, dass bei der Messung der Glukose im Blut (SMBG) und im Gewebe (CGM) Unterschiede im Glukosemesswert auftreten, die sich aus der Messung in unterschiedlichen Körperflüssigkeiten ergeben und deshalb normal sind. Es gibt noch keine einheitliche Meinung, ob die CGM-Werte in Blutglukosewerte umgerechnet werden sollen, ist doch das Blut eigentlich nur das Transportmittel u.a. für Glukose, was genutzt wird, weil man diese Körperflüssigkeit relativ leicht gewinnen konnte.
Bei einigen CGM-Systemen findet eine solche Umrechnung statt. In den letzten Jahren hat sich aber zunehmend durchgesetzt, die Glukosewerte des Glukosesensors für die Beurteilung des Glukosespiegels zu nutzen. Dazu trug bei, dass verschiedene CGM-Systeme werkskalibriert sind und auch nicht unbedingt kalibriert werden müssen (z.B. Dexcom G6, Guardian 4). Bei den Systemen von Abbott (FreeStyle Libre 1-3) kann der werkskalibrierte Sensor auch gar nicht kalibriert werden. Dadurch nehmen die Anwender nur selten Blutglukosemessungen zum Vergleich vor, trotzdem managen sie aber auf Grundlage der Messwerte im Gewebe ihre Therapie meist gut.
Bei Betrachtung der Kurven in Abb. 2 wird man feststellen, dass es auch gewisse Abweichungen in der Höhe der maximalen Auslenkung der Kurven gibt. Abweichungen treten auch nach schweren Hypoglykämien oder beim Sport auf. Auf diese Details wird im nächsten Beitrag der Coaching-Reihe „Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) verstehen“ eingegangen.
Literatur
- [1] Rebrin K, Steil GM. Can Interstitial Glucose Assessment Replace Blood Glucose Measurements? Diabetes Technology and Therapeutics 2000; 2 (3): 461-472.
- [2] Thomas A, Kolassa R, von Sengbusch S, Danne T. CGM interpretieren: Grundlagen, Technologie, Charakteristik und Konsequenzen des kontinuierlichen Glukosemonitorings. 2. Überarbeitete Auflage. Kirchheim-Verlag 2019; ISBN 978-3-87409-690-4.
- [3] Kovatchev BP, Shields D, Breton M. Graphical and numerical evaluation of continuous glucose sensing time lag. Diabetes Technol Ther. 2009;11(3):139-43.
- [4] Pleus, S, Schmid, C, Link, M, et al. Performance evaluation of a continuous glucose monitoring system under conditions similar to daily life. J Diabetes Sci Technol. 2013;7:833-841.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 3 Wochen, 2 Tagen
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat, 1 Woche
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
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