- Technik
Technologie-Trends und digitale Diabetes-Therapie
5 Minuten
Seit sechs Jahren liefert der Digitalisierungs- und Technologiereport Diabetes (kurz: dt-report) wichtige Erkenntnisse zum Status der Digitalisierung und Nutzung von Diabetes-Technologie in Deutschland. Dieses Jahr wurden neben den Diabetes-Profis wieder Menschen mit Diabetes befragt, über 2700 von ihnen nahmen teil. Die Ergebnisse sind entscheidend, um die Einstellungen, Wünsche, Bedürfnisse und Barrieren von Menschen mit Diabetes zu erfassen und anzugehen.
Technologie hat die Diabetes-Therapie verändert: Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) und zur automatisierten Insulin-Dosierung (AID) sind aus der Therapie des Typ-1-Diabetes nicht mehr wegzudenken. Aber auch andere Technologien wie Smart-Pens (Insulinpens, die Daten zur Insulinabgabe speichern und nutzbar machen können), Diabetes-Apps zur Unterstützung des Selbst-Managements oder die Online-Video-Schulung sind Beispiele für Digitalisierung beim Diabetes-Management. Wie sehen Menschen mit Diabetes diese Möglichkeiten, was erwarten sie und welche Bedenken bestehen? Dem widmet sich der dt-report.
Dieses Jahr haben 2747 Menschen mit Diabetes an der Befragung teilgenommen, 72 Prozent haben Typ-1-Diabetes, 18 Prozent Typ-2-Diabetes, 8 Prozent waren Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes (2 Prozent haben “Sonstiges” angegeben). Deutlich wird, dass CGM zum Standard der Glukosemessung geworden ist (Abb. 1). 96 Prozent der Menschen mit Typ-1-Diabets und 97 Prozent der Kinder mit Typ-1-Diabetes nutzen ein CGM-System, immerhin auch 56 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Abbildung 1: Nutzung von Diabetes-Technologie der teilnehmenden Befragten aus Deutschland.
Die AID-Therapie ist zwar erst seit wenigen Jahren in Deutschland verfügbar, doch schon fast jeder zweite Teilnehmende mit Typ-1-Diabetes nutzt AID, bei Kindern liegt der Anteil sogar bei 61 Prozent. Die Zahlen werden in den nächsten Jahren wahrscheinlich weiter steigen. Daten der dt-reports zeigen einen Anstieg der AID-Therapie seit 2019 um 1300 Prozent – eine Verdreizehnfachung innerhalb von fünf Jahren. Wenig genutzt werden aktuell Smart-Pens. Hier die liegt die Nutzung bei 10 bis 15 Prozent.
Die wichtigsten Themenfelder
Nach ihrer Einschätzung der wichtigsten Themenfelder in der Diabetologie gefragt (Abb. 2), zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes sowie Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes sind AID-Systeme das Top-Thema, gefolgt von Kompatibilität der Systeme und Software zur Analyse von Glukosedaten. Menschen mit Typ-1-Diabetes wünschen sich bessere Kompatibilität von CGM-Systemen, Insulinpumpen, AID-Algorithmen und anderen Systemen, um noch flexibler bei der Therapie zu sein.
Abbildung 2: Wichtige Themenfelder der Diabetologie aus Sicht der Menschen mit Diabetes.
Auch künstliche Intelligenz (KI) ist ein Zukunftsthema, zur Diagnostik von Folgekomplikationen oder zur Therapie-Unterstützung. Top-Thema bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ist Software zur Analyse der Glukosedaten. CGM ist im Bereich des Typ-2-Diabetes angekommen, und Menschen mit Typ-2-Diabetes erwarten Unterstützung von Software zur Interpretation von CGM-Daten. An zweiter Stelle bei Menschen mit Typ-2-Diabetes stehen Diabetes-Apps – ein Thema, das bei Menschen mit Typ-1-Diabetes eher auf den hinteren Rängen zu finden ist.
Auswirkungen der AID-Therapie
Das Bild möglicher Auswirkungen von AID auf die Versorgungssituation ist nach Einschätzung der Menschen mit Diabetes durchweg positiv (Abb. 3). AID-Therapie wird als Mittel zu mehr Eigenständigkeit und Selbstständigkeit gesehen. Diese Selbstständigkeit geht aber nicht zulasten des Kontakts mit Diabetes-Teams. Dieses bleibt ein wichtiger Bestandteil der Therapie, da auch erhöhter Schulungsbedarf durch AID-Systeme entsteht. Nur eine Minderheit der Teilnehmenden sieht ein Risiko der AID-Therapie durch die Eigenständigkeit bei der Therapie.
Abbildung 3: Auswirkungen der AID-Therapie.
Schulung: Konkrete Wünsche von Menschen mit Diabetes
Strukturierte Schulung ist seit mehr als 100 Jahren fester Bestandteil der Diabetes-Therapie. Die Ergebnisse oben zeigen, dass Schulung durch AID-Therapie eher an Bedeutung gewinnt. Während der Corona-Pandemie wurde der Grundstein für Online-Video-Schulung gelegt. Die aktuelle Umfrage zeigt jedoch, dass fast zwei Drittel der Befragten eine Schulung im Präsenz-Format bevorzugen (Typ-1-Diabetes: 65 Prozent, Typ-2-Diabetes: 64 Prozent, Eltern: 55 Prozent). Doch auch für das eine Drittel müssen Strukturen für Online-Video-Schulungen geschaffen werden.
Abbildung 4: Bevorzugte Schulungsmaterialien.
Bei den Schulungsmaterialien gibt es keine klare Präferenz (Abb. 4): Gedruckte Materialien und Material eingebunden in Schulungs-Apps liegen gleichauf. Diese Ergebnisse zeigen, dass es unterschiedliche Präferenzen für die Schulung gibt. Daher ist es wichtig, nicht nur auf eine Lösung zu setzen, sondern verschiedene Lösungen anzubieten, um möglichst allen Menschen mit Diabetes das anbieten zu können, was sie bevorzugen. Hier ist auch die Politik gefragt, die Voraussetzungen zu liefern, damit Online-Video-Schulungen und digitale Materialien angeboten und abgerechnet werden können.
Diabetes-Apps
Bereits jetzt ist die Nutzung von Diabetes-Apps allgemein hoch. Der überwiegende Teil der Menschen mit Diabetes nutzte sie zum Zeitpunkt der Befragung. Dieser Anteil wird in den nächsten fünf Jahren stark wachsen (Abb. 5). Seit drei Jahren besteht die Möglichkeit, bestimmte Diabetes-Apps verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Dafür müssen die Apps als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet sein. Eine aktuelle Liste der DiGAs gibt es unter diga.bfarm.de/de/verzeichnis.
Abbildung 5: Nutzung von Diabetes-Apps jetzt und erwartete Nutzung in fünf Jahren.
Bedeutsamkeit und Entwicklungspotenzial
Aktuell am bedeutsamsten sind für die befragten Menschen mit Diabetes CGM, Insulinpumpen (CSII) und AID-Systeme (Abb. 6). Das größte Entwicklungspotenzial sehen die Befragten in der Bedeutsamkeit von Online-Video-Sprechstunden, Online-Video-Schulung und Diabetes-Apps. Hier gilt es herauszufinden, was die Erwartungen der Menschen mit Diabetes an diese Formate sind.
Abbildung 6: Aktuelle Bedeutsamkeit und erwartete Bedeutsamkeit in fünf Jahren.
Weniger bedeutsam (29 Prozent) sehen die Befragten “Abnehm-Spritzen”. Ein Grund hierfür könnte eventuell in den diskutierten Nebenwirkungen dieser Medikamente liegen. Man muss beachten, dass überwiegend Menschen mit Typ-1-Diabetes an der Umfrage teilnahmen. Doch auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes liegt die Bedeutsamkeit aktuell lediglich bei 51 Prozent und knapp über 60 Prozent in fünf Jahren. In den nächsten Jahren wird es spannend sein, wie die Bedeutsamkeit und die Nutzung dieser Medikamente sich verändern.
Schlussfolgerung und Ausblick
Der dt-report 2024 ermöglicht einen Überblick über wichtige Themen der Diabetologie. So sehen Menschen mit Diabetes die Interoperabilität, also die Kompatibilität und damit Austauschbarkeit der verschiedenen Systeme, als wichtiges Thema. Hier gibt es sicherlich noch eher großen Verbesserungsbedarf. Für viele Systeme und Lösungen braucht man fast immer eine eigene Software. Die verschiedenen Systeme (z. B. CGM und Insulinpumpe oder CGM und Analyse-Software) sind eben nicht beliebig miteinander kombinierbar.
Großes Potenzial wird in den nächsten Jahren sicherlich noch in den AID-Systemen liegen, die bereits jetzt eine hohe Bedeutsamkeit haben. Hier kann gerade KI noch einiges zur Personalisierung der AID-Algorithmen beitragen. Das größte Potenzial sehen die Menschen mit Diabetes bei Online-Angeboten zur Sprechstunde und Schulung. Sie wünschen sich zudem spezifische Schulungs-Apps. Die Ergebnisse der Befragung liefern wichtige Anhaltspunkte zur Verbesserung der Versorgung und Identifikation von Themen, die Menschen mit Diabetes wichtig sind. Alle Ergebnisse: www.dut-report.de.
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2024; 72 (4) Seite 32-35
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moira postete ein Update vor 19 Stunden, 56 Minuten
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 5 Tagen, 18 Stunden
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
