Mitte Februar fand online der RIN-Talk statt, wo Faize Berger u.a. über den Zusammenhang von Diabetes und Migration und über transkulturelle Patientenbetreuung referierte. Die Unternehmensberaterin ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Migration der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).
Sie erklärte zuerst die wichtigsten Begriffe im Bezug auf Migration: Migrationsstatus, -hintergrund und -erfahrung. Der Status beinhaltet die persönlichen Merkmale zu Zuzug, Einbürgerung, Geburtsstaat und Staatszugehörigkeit sowie Merkmale der Eltern. Beim Nachweis des Migrationsstatus wird zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund unterschieden. Eine Person hat eigene Migrationserfahrung, wenn sie im Ausland geboren wurde und Zuwanderin bzw. Zuwanderer ist.
Merkmal Einwanderungsgeschichte
Seit 2023 nutzt das Statistische Bundesamt zunehmend das Konzept der „Einwanderungsgeschichte“, welches stärker Ereignis-bezogen ist als der „Migrationshintergrund“. Einwanderungsgeschichte liegt vor, wenn seit 1950 die Person selbst nach Deutschland eingewandert ist oder beide Elternteile. Dazu zählen auch direkte Nachkommen von Eingewanderten, die in Deutschland geboren, aber deren Eltern beide eingewandert sind.
Dagegen zählen Nachkommen mit nur einem eingewanderten Elternteil nicht dazu. Für eine kultursensible Versorgung ist das neue Konzept nützlich, aber nicht hinreichend. Ein wirksames Versorgungs-Management stützt sich hingegen auf mehrdimensionale Merkmale wie Sprache, Gesundheits-Kompetenz, Soziallage, Aufenthaltsdauer usw.
Diabetes und Migration
Nach Faize Bergers Recherchen bekommen Menschen mit Migrationshintergrund (Migranten) in Deutschland im Durchschnitt um fünf Jahre früher Diabetes als in ihren Heimatländern. In der Altersgruppe 55+ zeigt der Vergleich, dass etwa doppelt so viele Migranten gegenüber Menschen ohne Migrationshintergrund von Diabetes betroffen sind.
Viele Migranten wissen nicht, was Diabetes ist, und kennen vielfach den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Typ-2-Diabetes nicht. Zum Zeitpunkt der Diagnose ist der Typ-2-Diabetes meist wesentlich weiter fortgeschritten, wobei Migranten häufig schlechter über Folge- und Begleiterkrankungen informiert sind.
Dazu zeigt eine Präventions- und Management-Studie aus dem Jahr 2025, dass deutlich mehr Migranten aus u. a. Südasien, Afrika und Lateinamerika, die jetzt in Europa, USA, Kanada oder Australien leben, einen Typ-2-Diabetes haben und teils 10 bis 20 Jahre früher erkranken. Die Ursachen werden in einem Zusammenspiel von biologischen Faktoren, Belastungen durch Lebenslauf und Auswanderung, Kultur, Umfeld sowie sozialen Faktoren gesehen.
Die Regelversorgung zeigt auch nur begrenzt Vorsorge-Effekte. Es zeigt sich, dass kulturell sensible, Community-nahe Programme HbA1c, Gewicht und Blutdruck senken können. Diese Programme erfordern geschulte Fachkräfte und politische Unterstützung. Zum Auswählen erfolgreicher Programme sollten Forschung und Politik die Langzeitwirkung in großen Populationen prüfen und ggf. standardisieren.
Tipps für das Fasten
Danach gab Diabetesassistentin Johanna Karapinar Tipps zur Beratung von Patientinnen und Patienten mit Fastenwunsch im Ramadan. Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders, der jedes Jahr in einen anderen Zeitraum fällt. In diesem Monat fasten gläubige Muslimas und Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Nach Sonnenuntergang erfolgt nach dem Fastenbrechen eine Zeit mit erhöhter Essens- und Getränke-Aufnahme, welche mit der letzten Mahlzeit vor dem Beginn der Dämmerung am Morgen endet.
Diese verschobenen Esszeiten können bei Menschen mit Diabetes zu gesundheitlichen Problemen führen. Aufgrund der Erkrankung kann auf das Fasten verzichtet und es können Alternativen gewählt werden, z. B. einer anderen Person in der Zeit das Essen zu finanzieren.
Fasten im Ramadan – 11 Regeln von Diabetesassistentin Johanna Karapinar

- viel Flüssigkeit nach dem langen Fastentag
- Integration eines großen Anteils von proteinreichen Lebensmitteln in jede Mahlzeit
- zur vitaminreichen Versorgung im Fastenmonat ausreichend Gemüse essen
- zwei Handportionen Obst und Vollkorngetreide zu sich nehmen
- Sauermilchprodukte integrieren
- weniger fettreiche Speisen zu sich nehmen, denn sie machen müde und träge
- weniger stark gesüßte Speisen (z. B. mit Zuckersirup) verzehren
- keine Morgenmahlzeit vor der Dämmerung ausfallen lassen
- viele wasserreiche Speisen aufnehmen
- langsam und bewusst essen
- moderater Sport und Bewegung sind wichtig, auch während der Fastentage
Bei vorhandenem Fastenwunsch sollte als Erstes mit der Ärztin bzw. dem Arzt geklärt werden, ob der aktuelle Gesundheitszustand Fasten erlaubt. Das lange Fasten birgt bei Menschen mit Diabetes, die Blutzucker-senkende Medikamente nehmen und/oder Folgeerkrankungen haben, ein hohes Gesundheitsrisiko aufgrund möglicher Extremwerte des Blutzuckers.
Ein sehr hohes Risiko besteht auch, wenn während der letzten drei Monate vor dem Ramadan eine schwere Unterzuckerung oder eine massive Entgleisung wegen Überzuckers aufgetreten war. Fällt trotz der Risiken die Entscheidung für das Fasten, sollte man sich in seiner Praxis beraten lassen, idealerweise etwa sechs bis acht Wochen vor dem Fastenbeginn. Möglicherweise sollten auch die notwendigen Medikamente angepasst werden.
Wichtig sind regelmäßige und häufigere Blutzucker- bzw. Gewebezucker-Kontrollen während des gesamten Tages. Das Fasten sollte auf jeden Fall unterbrochen werden bei Werten unter 70 mg/dl bzw. 3,9 mmol/l und über 300 mg/dl bzw. 16,7 mmol/l.
von Sabine Härter
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (5) Seite 76-77
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