Diabetes im Alter: Fortschritte in der Versorgung müssen sich auch in der Pflege widerspiegeln

3 Minuten

Diabetes im Alter: Fortschritte in der Versorgung müssen sich auch in der Pflege widerspiegeln
Foto: Diabetiker Niedersachsen
Diabetes im Alter: Fortschritte in der Versorgung müssen sich auch in der Pflege widerspiegeln

Um den Diabetes ist es in der Pflege nicht gut bestellt. Zahlreiche Hilferufe an uns aus Heimen und Krankenhäusern unterstreichen dies. Mit einer Fortbildung im November wollen wir Aufklärung leisten und uns selbst auf den aktuellen Stand bringen.

Der demografische Wandel und der Fortschritt in der Medizin führen dazu, dass auch Menschen mit Diabetes immer häufiger ein hohes oder sehr hohes Alter erreichen. Vermehrt sind sie deshalb aufgrund geistiger Einschränkungen oder einer Demenz irgendwann nicht mehr in der Lage, ohne fremde Hilfe ihren Alltag zu bewältigen. Dies kann schnell zum Problem werden, vor allem für Menschen, die seit Jahrzehnten insulinpflichtig sind und, auch durch moderne Hilfsmittel, normnahe Glukosewerte erreichen.

Erschütternde Missstände

Noch sehr häufig erreichen uns Hilferufe aus Pflege-Einrichtungen und auch Krankenhäusern, in denen das Personal nicht bereit oder in der Lage ist, mit der modernen Technik zu arbeiten. Ein besonders erschütterndes Beispiel erreichte uns kürzlich mit einem Brief der Tochter eines verstorbenen Mitglieds, welches wir in Auszügen und anonym gern dokumentieren wollen:

„Sehr geehrte Damen und Herren,
leider ist mein Vater verstorben (…).
Die Ignoranz und Unwissenheit, die er im Krankenhaus insbesondere auch in Bezug auf seinen Diabetes Typ 1 erleiden musste, macht mich heute noch traurig und fassungslos. Wie kann es sein, dass medizinisches Personal Blutzuckerlesegerät und Sensor nicht kennt und nicht kennen will und Werte nicht ausreichend bestimmt werden, nicht ausreichend beachtet werden, Insulin nicht oder nicht stimmig gegeben wird, Insulinplan des Diabetologen ignoriert wird, Gespräch mit ihm abgelehnt wird und es meinem Vater immer schlechter geht, so dass ich ihn länger nicht mehr einfach dort hinausholen konnte. Mein Vater hatte an seinem Lebensende Demenz, konnte sich nicht selber wehren und meine täglichen Kämpfe für ihn konnten die Behandlung durch gewisses Personal nicht wirklich besser machen. Über 60 Jahre hatte mein Vater Typ 1 Diabetes, durch seine Disziplin immer gut im Griff, am Ende haben meine Mutter und ich uns darum gekümmert, und dann so etwas im Krankenhaus … Kurze Zeit war er in Kurzzeitpflege (traurig, aber leider ging es nicht anders), auch dort war es vom Personal abhängig wechselhaft gut bzw. schlecht. Diabetes ist doch heute nichts unbekanntes und die Geräte begegnen einem doch schon in der Werbung …
Dies als ein Beispiel, wie wichtig Ihre Arbeit ist, bitte klären Sie weiter auf und kämpfen weiter für Diabetiker, bitte gerade auch gegenüber Kliniken und Pflegeheimen. Wie ausgeliefert sind vermutlich viel zu oft Menschen, gerade solche, die sich nicht mehr wehren können und keine Angehörigen haben, die aufklären und für sie kämpfen. Danke! (…)“

„Nationale Diabetesstrategie“ als Papiertiger

Seit über einem halben Jahrzehnt weisen die Diabetiker Niedersachsen nun schon darauf hin, dass es um den Diabetes in der Pflege schlecht bestellt ist. Getan hat sich nicht wirklich etwas. Die einst großspurig angekündigte „Nationale Diabetesstrategie“ ist irgendwo als Papiertiger im Gesetzesdschungel verlustig gegangen und bei den Pflegediensten scheint das Thema Diabetes eher auf dem Rückzug.

Dies ist aber nicht immer die Schuld uninteressierter Pflegender, sondern auch ein Versäumnis einer Tarifpolitik, die Fachkräfte mehr und mehr in die privaten Pflegedienste treibt, die dann allein das machen, was am profitabelsten ist. Die Krankenhäuser leiden deshalb unter Mangel an kompetentem Personal, ebenso die gemeinwohlorientierten Pflege-Einrichtungen. Studien der Hartmann-Gruppe und der Arbeitnehmerkammer Bremen belegen eindrucksvoll, dass dem Personalmangel mit attraktiveren Arbeitsbedingungen effektiv begegnet werden könnte. Der Mangel an Angeboten zu Aus- und Weiterbildungen zum Thema tut sein Übriges.

Das Wohlergehen von Patienten und Gepflegten mit Diabetes wird somit faktisch regelmäßig mit Füßen getreten! Dabei sollten doch bei den letzten Novellen des Wohn- und Betreuungsvertragsgesetzes (WBVG) die Rechte und die Selbstbestimmung von Heimbewohnern gestärkt werden. Auf dem Papier liest es sich gut, in der Praxis herrscht leider weiter Missstand.

Moderne Möglichkeiten aufzeigen

Um dem Missstand etwas entgegenzusetzen, werden wir bei einer Weiterbildung für Interessierte vom 16. bis 17. November in Wolfenbüttel unter dem Titel „Potentiale der Digitalisierung bei Diabetes im Alter“ Pflegeheimleiter mit den modernen Möglichkeiten konfrontieren und aufzeigen, wie sinnvoll Schulungen des Personals in Sachen Diabetes sein können. Vom seniorengerechten Smartphone bis zum sinnvollen Einsatz von Follower-Apps für Geräte für das kontinuierliche Glukose-Monitoring (CGM) in Pflegeheimen und Krankenhäusern werden wir deutlich machen, dass Fortschritte in der Versorgung sich auch in der Pflege widerspiegeln müssen. Ein Beitrag zu den Rechten Gepflegter wird die Weiterbildung abrunden. Die Anmeldung für das Weiterbildungsangebot kann über unsere Website unter dem Link t1p.de/digipflege erfolgen (oder benutzen Sie den QR-Code).

In Deutschland noch Utopie, aber in naher Zukunft aufgrund der demografischen Entwicklung unumgänglich: smarte Roboter in der Pflege.

Weiterbildungen der Diabetiker Niedersachsen bieten stets umfangreiche Inhalte in angenehmer Atmosphäre.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Rotstift im Gesundheitssystem: Wer heute spart, zahlt morgen die Rechnung
Die Bundesregierung will die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) finanziell stabilisieren. Dafür steigen Zuzahlungen, Ausgaben werden gedeckelt und Leistungen stärker gesteuert. Für Menschen mit Diabetes bedeutet die Reform vor allem eins: mehr Belastungen und weniger Spielraum bei der Versorgung.
Rotstift im Gesundheitssystem | generiert mit Adobe Firefly

6 Minuten

Diabetes verstehen – neu gedacht | Teil 3: Der unsichtbare Stoffwechsel – was Glukosewerte nicht zeigen
Im zweiten Teil dieser Serie stand Insulin bildlich an der Kellertür: Je geringer seine Wirkung ist, desto leichter kann der Körper auf seine Fett-Reserven zugreifen. Gewicht können wir messen. Glukosewerte können wir rund um die Uhr verfolgen. Aber was hinter der Kellertür passiert, bleibt weitgehend unsichtbar.
KI-generierte Illustration mit drei Kurvenverläufen für Glukose, Insulin und Ketone an einer Wand, davor ein leerer Teller, ein Glas Wasser und bunte Gummibärchen auf einer Tischplatte.

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!

    Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB

    Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂

  • mr postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?

  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hallo!
    Hat schon jemand die liberal Funktion bei der ypsopump app ausprobiert?
    Ich wüsste gerne wie gut das klappt.