Neuer Leitfaden für Patientenschulung: WHO nimmt politische Entscheidungsträger in die Pflicht

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Neuer Leitfaden für Patientenschulung WHO nimmt politische Entscheidungsträger in die Pflicht
© Josef Moser
Neuer Leitfaden für Patientenschulung: WHO nimmt politische Entscheidungsträger in die Pflicht

Nichtübertragbare bzw. chronische Erkrankungen sind in Europa mittlerweile für 90 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Dennoch sind die meisten Gesundheitssysteme weiterhin auf die Behandlung von Menschen mit akuten Erkrankungen ausgerichtet. Ein neuer Leitfaden der WHO soll nun den Fokus auf die Stärkung des Selbstmanagements mithilfe von Programmen für die Patientenschulung lenken.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen neuen Leitfaden zur therapeutischen Patientenschulung veröffentlicht, die Menschen mit chronischen Erkrankungen befähigen und unterstützen soll, ihre Gesundheit selbst zu managen und dabei auf eigene Ressourcen zurückzugreifen. Denn schließlich verbringen Menschen mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Atemwegserkrankungen nur wenig Zeit mit ihren Behandlungsteams und müssen ihren Alltag eigenständig bewältigen.

WHO-Leitfaden: deutsche Vertreter steuern viele Erfahrungen bezüglich der Patientenschulung bei

Für Gesundheitsfachkräfte, die hierzulande in der Diabetologie tätig sind, ist das Konzept per se nichts Neues. Hier sind Patientenschulungen seit Langem integraler und bewährter Bestandteil der Behandlung. In anderen Ländern hingegen sind Schulungsprogramme für Menschen mit chronischer Erkrankung zum Teil noch weit weniger etabliert. Zentrale Themen des Leitfadens sind die praktische Ausgestaltung und Bereitstellung von Schulungsprogrammen, aber auch theoretische Erkenntnisse rund um die Patientenaufklärung und gelungene Kommunikation. Von deutscher Seite war Professor Dr. Karin Lange, bis 2023 Leiterin der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), an der Ausarbeitung des WHO-Leitfadens beteiligt.

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Sie konnte nicht nur ihre Expertise in der Entwicklung von Diabetes-Schulungsprogrammen, sondern auch ihre Erfahrungen mit der Hannoverschen integrierten berufsorientierten und adaptiven Lehre („HannibaL“), dem 2005 eingeführten Modellstudiengang Medizin an der MHH, einbringen. Ein wesentlicher Aspekt der medizinischen Ausbildung in HannibaL sind der frühe Kontakt mit Patientinnen und Patienten und entsprechende Kommunikationstrainings in Kleingruppen. „Bei HannibaL können Studierende mit Schauspielern Situationen üben, damit sie nicht nur aus dem Buch lernen, sondern praktisch trainieren – unter anderem, wie man Patienten Kompetenzen für das Selbstmanagement vermittelt“, so Prof. Lange.

In anderen Ländern geht es weniger bürokratisch zu

Der WHO-Leitfaden enthält viele Fallbeispiele, die von den Autorinnen und Autoren aus ihren jeweiligen Ländern zusammengetragen wurden und die konkrete Herausforderungen samt praktischen Lösungsansätzen illustrieren. Und obwohl Prof. Lange das hiesige Schulungssystem im Rahmen der Disease-Management-Programme (DMP) grundsätzlich positiv bewertet, stellte sie im Austausch mit ihren internationalen Kolleginnen und Kollegen auch fest: „Kleinere Länder wie Schweden oder Slowenien sind nicht so bürokratisch wie wir hier. Dort hat man einen besseren Blick für die Realität. Die machen einfach und müssen ihre Zeit nicht mit unendlich vielen Anträgen vergeuden, fünfmal ausdrucken, an eine Behörde schicken und dann zwei Jahre warten, bis endlich einmal etwas passiert.“

Was sagt der G-BA?

Über die Aufnahme von Schulungsprogrammen in die DMP wacht der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der entsprechende Unterausschuss wird von Karin Maag geleitet. Angesprochen auf die langen Zertifizierungs- und Zulassungsprozesse gibt sie zu: „Wir sehen, dass vielleicht die eine oder andere Stelle überregulierend tätig geworden ist.“ Doch mit Blick auf die jüngst erfolgte Zulassung von Videoschulungen und auch einzelnen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die zulasten der GKV verordnet werden können, hält sie Menschen mit Diabetes in puncto Schulungen für prinzipiell gut versorgt. Handlungsbedarf sieht Maag eher an anderer Stelle: „Es gibt mehr chronische Erkrankungen als DMP, da können wir uns schon noch ein bisschen strecken.“

Denn der Weg bis zur Zertifizierung und Zulassung eines Schulungsprogramms durch das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) ist lang. So erhielt z. B. erst Ende Februar 2024 und damit rund zehn Jahre nach der ersten konzeptionellen Idee das Pumpen-Schulungsprogramm INPUT die Zertifizierung für den Einsatz im Rahmen der Diabetes-DMP. Das CGM-Schulungsprogramm SPECTRUM hingegen erfülle bereits seit fünf Jahren die formalen Anforderungen des BAS – doch eine Zulassung und damit auch Finanzierung durch die GKV sei weiterhin nicht in Sicht, kritisiert Prof. Lange. Von dem WHO-Leitfaden erhofft sie sich daher einen Impuls auch in Richtung der Krankenkassen, die Kosten für evaluierte Schulungsprogramme zu übernehmen.



von Antje Thiel

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  • hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche

    Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

    • @ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.

    • @schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 3 Wochen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • crismo antwortete vor 1 Woche

      @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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