- Aus der Community
Neun Tage, vier Länder, ein Ziel: Mit Diabetes über die Alpen
6 Minuten

Die Dialetics xAlps zeigen, dass Diabetes kein Hindernis für große Träume sein muss. Unsere Community-Autorin Conny war in diesem Sommer bei der Tour über die Alpen mit dabei und berichtet hier von ihren Erwartungen, ihrer Verbreitung und ihren Erlebnissen.
„Schaffst du das überhaupt mit Diabetes?“ Diese Frage begleitet viele Menschen mit Diabetes ein Leben lang. Die xAlps ist eine geführt Alpenüberquerung der Online-Plattform Dialetics und Ivo Rettig, der Gründer, möchte genau diese Vorurteile aufbrechen. Denn die neuntägige Alpenüberquerung ist weit mehr als ein sportliches Abenteuer: Sie ist ein Zeichen dafür, was möglich ist, wenn Menschen mit Diabetes sich gegenseitig unterstützen, Erfahrungen teilen und gemeinsam über sich hinauswachsen.
Auch 2026 machten sich wieder zehn Menschen mit Diabetes gemeinsam auf den Weg. Ich durfte eine davon sein. Ich habe seit 22 Jahren Typ-1-Diabetes. Vom ersten Schritt in Oberstdorf im Allgäu bis zur Ankunft in Südtirol warteten beeindruckende Landschaften, schweißtreibende Anstiege, unvergessliche Begegnungen – und natürlich jede Menge Diabetes-Management auf mich und davon möchte ich Euch erzählen.
Was sind die Dialetics xAlps?
Die Dialetics xAlps sind eine mehrtägige Alpenüberquerung speziell für Menschen mit Diabetes. Gemeinsam mit einem erfahrenen Team bestehend aus dem Organisator (er lebt selbst mit Typ-1-Diabetes), einer Ärztin (auch sie hat selbst Typ-1-Diabetes) und einem Bergführer erleben die Teilnehmenden eine anspruchsvolle neuntägige Wanderung durch die Alpen von Deutschland nach Italien und erhalten gleichzeitig wertvolle Einblicke in das Diabetes-Management unter körperlicher Belastung. Der Austausch innerhalb des Teams, gegenseitige Unterstützung und die gemeinsame Erfahrung stehen dabei ebenso im Mittelpunkt wie das Naturerlebnis.
Die Vorbereitung
Im Februar habe ich die Zusage erhalten. Aber bis ich mich überhaupt beworben habe, verging einige Zeit. Nicht weil die Bewerbung so komplex war, sondern weil ich mit der Entscheidung gerungen habe. Ich war mir einfach nicht sicher, ob ich das schaffen kann. Als Vorbereitung war ich viel in den umliegenden Bergen unterwegs, bin viel gejoggt und habe mich sogar im Fitnessstudio angemeldet, um meinen Rücken und die Arme mehr zu trainieren.
Probewanderungen mit Blutzuckertagebuch, Hypo-Snacks und passender Kleidung wurden meistens am Wochenende getestet. Natürlich habe ich auch Probewanderungen mit meinem 10 Kilogramm schweren Rucksack gemacht. Nach 4 Monaten Vorbereitung war die Aufregung riesengroß. Ich habe mehrmals meinen Rucksack gepackt, denn dieser sollte maximal zwischen 10–12 Kilogramm schwer sein. Anfangs hatte ich 13 Kilogramm, dann wurde nochmal umgepackt und aussortiert.
Tag 0 – Ankommen und Aufbruch
Am 2. Juli ging’s dann endlich los. Mein Rucksack war gepackt – 10,5 Kilogramm schwer. Die erste Etappe beginnt nicht erst mit dem ersten Höhenmeter. Sie beginnt mit Vorfreude, Nervosität und vielen offenen Fragen. Reichen die Insulin- und Hypo-Snack- Vorräte? Sind genügend Sensoren eingepackt? Funktioniert die Technik auch in den Bergen? Und wie wird sich der Blutzucker bei stundenlangen Wanderungen verhalten?
Bereits beim Kennenlernen wird deutlich: Alle Teilnehmenden bringen ihre eigene Diabetes-Geschichte mit. Manche leben erst wenige Jahre mit Diabetes, andere bereits seit Jahrzehnten. Einige tragen eine Insulinpumpe und haben Typ-1-Diabetes, andere nehmen Tabletten und haben Typ-2-Diabetes. Doch schon nach den ersten Gesprächen verbindet alle ein gemeinsames Gefühl: Niemand muss hier etwas erklären oder rechtfertigen. Wir sind schon jetzt ein Team.
Tag 1 – wenn die Berge den Takt vorgeben
Heute geht’s nun wirklich los und ich will ganz ehrlich sein, die ersten 30 Minuten habe ich alles hinterfragt:
- Warum ist mein Rucksack so schwer?
- Wie soll ich das neun Tage lang durchhalten?
- Schaffe ich es überhaupt zur Hütte?
- Warum mache ich überhaupt eine Alpenüberquerung?
Aber dann haben wir gequatscht, uns ausgetauscht, die Aussicht genossen und mit jedem Höhenmeter hat sich auch unser aller Diabetes-Management verändert. Aber auch der Energieverbrauch steigt, die Insulinempfindlichkeit verändert sich und plötzlich werden regelmäßige Blutzuckerkontrollen wichtiger denn je.
Während manche ihre Basalrate reduzieren, benötigen andere zusätzliche Kohlenhydrate oder passen ihre Mahlzeiten spontan an. Es gibt keine allgemeingültige Lösung – und genau das macht den Austausch innerhalb der Gruppe so wertvoll.
Zwischen steilen Anstiegen und beeindruckenden Panoramen entstehen Gespräche über Sensoren, Pumpen, Hypos und persönliche Erfahrungen. Und ihr glaubt es nicht, aber ich habe die erste Etappe geschafft und die Hütte erreicht.
Tag 2 bis 5 – Herausforderungen gehören dazu
Nicht jeder Tag verläuft nach Plan. Vielleicht fordert eine besonders anspruchsvolle Etappe uns heraus. Oder der Diabetes überrascht mit unerwarteten Blutzuckerwerten. Und solche Momente gab es auf der xAlps des Öfteren. Aber gerade solche Momente zeigen, worum es bei den Dialetics xAlps wirklich geht: Nicht darum, perfekt zu funktionieren. Sondern gemeinsam Lösungen zu finden.
Ein kurzer Stopp: Hypo-Pause – ein Müsliriegel, eine Anpassung im Diabetes-Management oder einfach ein aufmunterndes Gespräch reichen oft aus, damit es weitergehen kann. Und Tag für Tag werden aus Fremden schon Freunde. Wir sind schon sehr früh keine Gruppe mehr – sondern ein Team.
Mit jedem Tag wächst nicht nur meine körperliche Fitness, sondern auch das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Die Alpen werden dabei fast zur Nebensache. Viel wichtiger ist mir das Gefühl, gemeinsam etwas zu schaffen, das vorher – für mich – unmöglich erschien.
Ein Tag in den Bergen – wie läuft das eigentlich ab?
Um 6 Uhr klingelt der Wecker – das Schlaflager erwacht. Um 7 Uhr geht’s dann gemeinsam zum Frühstück. Die Nächte werden besprochen, wie hat jeder und jede geschlafen, welche Tour steht heute an, wie ist das Wetter und was ziehe ich an? Rucksack fertig gepackt, Wanderschuhe geschnürt, Wanderstöcke in der Hand und um 8 Uhr gehen wir los.
Es gibt immer wieder Hypo-Pausen, Pausen zum Fotos machen oder um sich umzuziehen. Ralf (unser Bergführer) erklärte uns auch die dort heimische Flora und Fauna, was wirklich sehr interessant ist. Meistens kommen wir am Nachmittag dann am Etappenziel an und beziehen zuerst das Schlaflager. Dann gibt´s um 18 Uhr meistens das gemeinsame Abendessen und um 22 Uhr herrscht Hüttenruhe.
Tag 6 – Diabetes fährt immer mit
Typ-1-Diabetes macht keine Pause. Auch auf den schönsten Panoramawegen müssen Sensorwerte kontrolliert, Insulin abgegeben und Mahlzeiten geplant werden. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie sehr moderne Diabetes-Technologien Menschen dabei unterstützen können, aktiv zu leben.
Insulinpumpen, CGM-Systeme und AID-Systeme erleichtern den Alltag erheblich – ersetzen aber nicht die Aufmerksamkeit und Erfahrung der Menschen, die sie nutzen. Gerade bei mehrstündigen Wanderungen wird deutlich, wie individuell Diabetes-Management ist.
Tag 7 – Grenzen verschieben
Viele Teilnehmende erreichen an diesem Tag persönliche Meilensteine:
- Vielleicht den höchsten Punkt der Tour.
- Vielleicht den Moment, an dem sie merken: „Ich kann viel mehr, als ich jemals gedacht hätte.“
Diese Erkenntnis bleibt oft weit über die Alpen hinaus bestehen.
Tag 8 – der schönste und gleichzeitig anstrengendste Tag der Dialetics xAlps
Langsam rückt das Ziel näher. Was mich aber am meisten fordert ist nicht der Berg selbst. Eine Alpenüberquerung ist keine reine körperliche Anstrengung, auch mental passiert so viel.
Am achten Tag kam vieles zusammen. Ich habe meine Periode bekommen, meine Blutzuckerwerte fuhren Achterbahn und ich hatte Periodenschmerzen. Diese Mischung hat sich nach einem Blutzuckercheck in der Gruppe und meinem höheren Wert entladen. Ich hatte das Gefühl, meinen Diabetes nicht im Griff zu haben, kurz wurde mir alles zu viel.
Mitten in der schönsten Bergwelt habe ich geweint – nicht aus Trauer, sondern aufgrund der hohen mentalen Belastung, die ich verspürt habe.
Ich durfte offen meine Gefühle zeigen. Anfangs war mir das sehr unangenehm. Aber ich konnte offen darüber sprechen und die Gruppe hat mich sofort aufgefangen. Ivo hat meinen Rucksack getragen, Ralf das Tempo an mich angepasst und dann sind wir langsam weitergelaufen. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, aber diese Seite gehört eben auch dazu.
Dann kommen wir an der letzten Hütte an. Wir können es kaum fassen und sind alle hoch emotional an diesem letzten gemeinsamen Abend, welchen wir an einer Feuerschale ausklingen lassen.
Tag 9 – Ankommen in Mals
Mit jedem Schritt wird klar, dass nicht nur eine Alpenüberquerung endet, sondern auch eine ganz besondere gemeinsame Zeit. Es sind Freundschaften entstanden, die weit über die Alpenüberquerung hinaus bestehen bleiben. Der Diabetes ist nicht einfacher geworden, aber es tut so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist.
Im Ziel mischen sich Stolz, Erleichterung und Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber dem Team rund um Ivo, Patricia, Ralf und Mike. Gegenüber den Organisatorinnen und Organisatoren. Gegenüber den Partnern und Sponsoren, die ein solches Projekt möglich machen.
Ich bin aber auch mir selbst gegenüber dankbar, dass ich mich getraut habe. Mich beworben habe, dabei war, neun Tage über die Alpen gegangen bin und mich dabei selbst noch besser kennengelernt habe.
Mehr als eine Alpenüberquerung
Die Dialetics xAlps zeigen eindrucksvoll, dass Diabetes eine hohe Aufmerksamkeit verlangt, aber kein Grund sein muss, auf große Abenteuer zu verzichten.
Natürlich braucht eine Alpenüberquerung Vorbereitung. Es müssen Insulin, Sensoren, Ersatzmaterial und ausreichend Kohlenhydrate eingeplant werden. Wetter, Höhenmeter und körperliche Belastung beeinflussen das Diabetes-Management. Doch genau deshalb sind Projekte wie die Dialetics xAlps so wertvoll: Sie vermitteln Wissen, geben Sicherheit und zeigen, wie viel durch gegenseitigen Austausch möglich wird.
Am Ende bleiben nicht nur Fotos von beeindruckenden Berglandschaften:
- Es bleiben Erfahrungen.
- Neue Freundschaften.
- Mehr Vertrauen in den eigenen Körper.
- Und die Gewissheit, dass Diabetes vieles verändert – aber Träume nicht unmöglich macht.
Mehr zum Thema: Hier findet ihr einen Bericht von der letztjährigen xAlps-Tour.
von Conny Doll
Cornelia Doll hat Typ-1-Diabetes. Sie lebt und arbeitet in München. Aktuell nutzt Sie den Loop mit der YpsoPump und dem FreeStyle Libre 3. Connys absolutes Laster ist Kaffee. Conny reist gerne um die Welt und sieht sich neue Orte an. Immer dabei ist natürlich ihr Diabetes-Equipment. Auf Ihrem „Zuckerschock Blog“ könnt ihr mit ihr und ihrem Diabetes Typ 1 um die Welt reisen. Conny möchte mehr über Diabetes Typ 1 aufklären und Tabus brechen. Ihr Motto ist von der wunderbaren Pippi Langstrumpf: „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech, wild und wunderbar!“ Und genau dieses Motto möchte Conny in die Welt tragen und alle Newbies in der Diabetes-Welt mitnehmen frech, wild und wunderbar zu sein.
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thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 2 Wochen, 1 Tag
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]









