Unwissen über Diabetes bei Nicht-Betroffenen: Trage ich wirklich Mitschuld?

4 Minuten

Community-Beitrag
Unwissen über Diabetes bei Nicht-Betroffenen: Trage ich wirklich Mitschuld?

Ein Beitrag der Community-Autorin Michelle regte auf den sozialen Medien zu einem intensiven Meinungsaustausch an. Darin teilte sie ihre Ansicht, dass Menschen mit Diabetes mitunter auch eine Mitschuld tragen, dass bei Nicht-Betroffenen viel Unwissen über Diabetes herrscht. Und auch Nathalie hat in den Kommentaren klar Stellung dazu bezogen. In diesem Artikel möchte sie ihre Gedanken mit euch teilen, die aus diesem Diskurs hervorgegangen sind.

Disclaimer: Vorab möchte ich klarstellen, dass ich mit diesem Beitrag niemanden angreifen möchte. Jeder Mensch hat eine eigene Meinung und Sicht der Dinge. Allerdings stieß ich vor kurzem auf ein Statement, welchem ich ganz und gar nicht zustimme und hierzu gerne meine Gedanken teilen möchte. Da mir dieses Thema persönlich nahegeht und ich weiß, dass es für viele Menschen mit Diabetes ebenfalls nicht leicht ist, mit der Erkrankung zu leben und der Stigmatisierung umzugehen.

Der Grund, weshalb ich mich mit dem Thema der Schuldzuweisung in den vergangenen Tagen intensiver auseinandergesetzt habe, ist der Blood-Sugar-Lounge-Beitrag von Michelle. Angeteasert wurde dieser mit dem Zitat: „Ich glaube, wir Menschen mit Diabetes tragen eine Mitschuld an dem Unwissen der anderen.“ Und auch der Text in der Beitragsbeschreibung verdeutlichte, dass laut Michelle Menschen mit Diabetes mit Schuld daran sind, dass sie immer mit Vorurteilen und Halbwissen konfrontiert werden. Diese Aussage ist meiner Meinung nach sehr gefährlich und schlichtweg falsch.

Auszug aus Michelles Beitrag im Juni. | Quelle: Facebook, Blood Sugar Lounge

Das Thema und vor allem auch der Austausch dazu mit anderen Menschen mit Diabetes berührt mich beides sehr. Wieso? Ich selbst erhielt die Diagnose ziemlich spät (mit 23 Jahren, 2018) und war davor einer dieser unwissenden Menschen, gefüllt mit Vorurteilen zur Erkrankung „Diabetes mellitus“. Woher kamen diese Vorurteile? Eins kann ich euch versichern: NICHT von Menschen, die selbst mit dieser Krankheit leben.

Woher kommen Vorurteile wirklich?

Ich denke, dass die Antwort auf diese Frage relativ klar ist. Immer wieder müssen wir Kommentare wie „Davon bekommt man ja Diabetes!“ lesen, bekommen nur das Bild vom dicken, alten Menschen mit Typ-2-Diabetes vermittelt und hören Aussagen wie „Du bist viel zu jung, um Diabetes zu bekommen“. Ich erinnere mich auch an ein Posting der Bundesregierung zum Weltdiabetestag im Jahr 2019. Dort wurde ausschließlich von der „Volkskrankheit Diabetes“ gesprochen und in keinem Satz erwähnt, dass es zig verschiedene Typen gibt, die meist nur mit demselben Organ und Hormon zu tun haben.

Leider sind solche Artikel, Postings, Berichte oft auch in der Perspektive eines Vorwurfes geschrieben. Anstatt präventiv zu formulieren, wird direkt mit Stigma, Vorurteilen und „mit dem Finger auf jemanden zeigen“ gearbeitet. Dass eine Erkrankung wie der Diabetes mellitus so immer mehr als negativ beurteilt und das Krankheitsbild je nachdem auch mit Fehlinformationen verbunden wird, wundert mich nicht mehr.

Also, kann ich dann mit dieser Ausgangssituation erwarten, dass mein Umfeld perfekt und richtig aufgeklärt ist? Nein. Sind daran die Menschen, die mit der Krankheit leben, schuld? Nein. Denn genau diese Menschen sind meist diejenigen, die unermüdlich über das Krankheitsbild aufklären.

Posting der Bundesregierung zum 14.11.2019 Quelle: Bundesregierung, 2019 | Quelle: Facebook/Bundesregierung, 2019

Was bedeutet „Schuld“?

Ich persönlich empfinde das Wort „Schuld“ als sehr starkes, schweres Wort. Habe ich Schuld an etwas, so bedeutet es für mich, dass ich irgendetwas verbockt habe – Fehlverhalten, Regelbruch, Konsequenzen.

Aber mal die Subjektivität beiseite. Was bedeutet „Schuld“ eigentlich? In der Ethik wird der Begriff (unter anderem) als Verstoß gegen eine geltende Norm, Recht oder eine Regel definiert. Durch diesen Verstoß macht man sich selbst somit schuldig.

Nun frage ich mich: Kam mit der Diagnose eine Regel, die besagt, dass ich mein Umfeld aufklären muss? Ich denke, das kann man vorerst verneinen. Allerdings finde ich es sehr wichtig, dass mein näheres Umfeld, also Mitbewohner*innen, Familienmitglieder, Partner*innen usw., wissen, was im Notfall zu tun ist. Ich finde, dafür muss zunächst auch gar keine umfängliche Aufklärung über die Krankheit im Allgemeinen stattfinden. Die kurze Schulung zum Notfallmedikament und der Hinweis, dass man mir in einer Unterzuckerung doch bitte kein Insulin spritzen soll, genügen hier.

Nathalies Diabetes Tasche – immer dabei: Notfallmedikamente. | Foto: Nathalie Bauer

Kleiner Tipp: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Gegenüber meist hellhörig werden, sobald sie das Wort „Notfallmedikament“ hören. Auch wenn davor vielleicht über den Diabetes gespaßt wurde oder der ein oder andere unpassende Kommentar kam. Sobald man die Gefahr und die Dringlichkeit des sofortigen Handelns bei einer schweren Unterzuckerung betont, vergeht den meisten direkt der Spaß und sie hören zu.

Im zweiten Teil dieser Beitragsreihe möchte ich gerne näher darauf eingehen, wer denn aus meiner Sicht nun wirklich „Schuld“ an Vorurteilen und Fehl- bzw. Halbwissen hat. Ich möchte aber auch berichten, wie ich als Mensch mit Diabetes damit umgehe und vielleicht auch etwas daran ändern kann. Ebenso, was Außenstehende, also Menschen ohne Diabetes, tun oder daraus lernen können.


von Nathalie B.

Mit 23 Jahren wurde Nathalie mit Typ-1-Diabetes diagnostiziert, doch sie ließ sich dadurch nicht von ihrem Traum abhalten, im Ausland zu leben. Trotz der Herausforderungen lebte, arbeitete und studierte sie überwiegend fern ihrer Heimat. Ihr Ziel ist es, anderen zu zeigen, dass eine Diagnose nicht das Ende ihrer Träume bedeuten muss. Ihre Leidenschaft für gutes Essen, besonders in der Weihnachtszeit, hat sie zu einer Expertin im Umgang mit Insulin-Boli gemacht und ihr geholfen, einen ausgeglichenen Umgang mit Diabetes zu finden.

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  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Monat

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • ole-t1 antwortete vor 4 Wochen

      Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße