- Leben mit Diabetes
Musical-Darsteller Daniel Nothnagel im Interview: Mit Diabetes auf der Bühne zu Hause
14 Minuten

Tanz-Training, Showtime, Adrenalin, Unterzucker, nächste Szene: Für Musical-Darsteller Daniel Nothnagel gehört das Diabetes-Management zum Bühnen-Alltag wie Kostüm und Choreografie – und das Publikum darf gern sehen, dass er Typ-1-Diabetes hat.
Im Interview: Daniel Nothnagel
Den Sensor trägt er am Oberarm, die Insulinpumpe in der Mikrofon-Tasche, den Traubenzucker in der Lederjacke: Daniel Nothnagel hat sein Diabetes-Management routiniert in den Bühnen-Alltag integriert. Der 26-jährige Musical-Darsteller lebt seit seinem fünften Lebensjahr mit Typ-1-Diabetes und hat sich bei seiner Berufswahl nicht von seiner Erkrankung beeinflussen lassen.

Kein Plan, aber ein System
Daniel studierte Musical, arbeitete am Theater und war zuletzt in „Billy Elliot“ in Zürich auf der Bühne zu sehen. Sein Alltag ist schwer vorhersehbar: mal vier Stunden Tanz-Training, mal kaum Bewegung, dazu Proben, Vorsprechen, Aufführungen voller Aufregung und Adrenalin. Mit exakt festgelegten Plänen für sein Diabetes-Management tut er sich deshalb schwer. Daniel behält seine Glukosewerte von Situation zu Situation im Blick. „Irgendwann hat zum Glück auch mein Diabetes-Team akzeptiert, dass meine Tage einfach extrem unterschiedlich verlaufen.“
Sichtbarkeit als Botschaft
Bei „Billy Elliot“ entschied er sich bewusst dagegen, seinen Sensor mit hautfarbenem Tape zu verdecken. Stattdessen trug er schwarzes Tape und ein Tank-Top auf der Bühne. „Wenn da irgendeine Person mit Diabetes im Publikum sitzt, vielleicht ein Kind, und den Sensor sieht – dann weiß es, dass man auch mit Diabetes Musical-Darsteller werden kann.“ Seine Botschaft an alle, die gerade ihre Diagnose erhalten haben, ist klar: Mit Diabetes ist alles möglich, wenn man die nötige Arbeit reinsteckt. „Das ist nicht nur so dahingesagt – ich lebe ja genau das.“
Diabetes-Anker (DA): Du hast deinen Typ-1-Diabetes im Alter von fünf Jahren bekommen. Kannst du dich noch an den Tag deiner Diagnose erinnern oder weißt du nur vom Hörensagen darüber Bescheid?
Daniel Nothnagel: Ich erinnere mich, dass ich damals mit meiner Familie von unserem Heimat-Ort Pfaffenhofen mit dem Auto nach München gefahren bin. Mir war schwindelig, ich fühlte mich auch total schläfrig und habe nicht verstanden, warum es mir so schlecht geht. Als ich eine Weile später die Diagnose Diabetes erhalten habe, waren meine Eltern sehr gefasst. Ich selbst habe mir nicht viele Gedanken gemacht. „Jetzt bekomme ich wohl ein Antibiotikum“, dachte ich. Ich wusste ja noch nicht, was es bedeutet, mit Diabetes zu leben.
DA: Wann ist dir zum ersten Mal aufgefallen, dass du eine Erkrankung hast, die dich ein bisschen von anderen Kindern unterscheidet?
Daniel Nothnagel: Ich erinnere mich an eine Situation im Kindergarten. Wir hatten dort die Regel, dass Kinder, die schon mit dem Essen fertig waren, aufstehen und sich auf die Treppe setzen durften. Ich musste immer eine vorgegebene Menge BE (Broteinheiten, Anm. d. Red.) essen und hatte von zu Hause ein Brötchen mitbekommen. Alle anderen Kinder saßen schon auf der Treppe, und ich habe verzweifelt versucht, dieses Brötchen in mich hineinzustopfen, obwohl ich es kaum runterbekommen habe. Das war nicht schön.
DA: Damals hattest du vermutlich noch eine ganz andere Therapieform als heute…
Daniel Nothnagel: Ja, ich habe das Insulin damals noch ganz klassisch gespritzt, also noch ohne Insulinpen.
DA: Wie ist deine Familie damit zurechtgekommen, dass auf einmal der Diabetes in vielen Punkten den Takt vorgibt?
Daniel Nothnagel: Das war ein ziemlicher Einschnitt, gerade auch für meine Schwester, weil unsere Eltern mich nun viel mehr im Blick haben mussten als sie. Sie mussten natürlich viele Schulungen machen und den Umgang mit Diabetes lernen. Meine Eltern haben sich das nicht anmerken lassen, aber sie waren sehr verunsichert. Sie haben aber trotzdem viel Wert darauf gelegt, dass ich ein möglichst normales Leben führen kann, sind auch nicht immer überallhin mitgekommen. „Du weißt ja, wie sich Unterzucker anfühlt, also pass auf und hab immer Traubenzucker dabei“, haben sie mir gesagt. Ansonsten haben sie mir aber nie vermittelt, dass ich wegen meines Diabetes irgendwelche Einschränkungen habe. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
DA: Heutzutage haben viele Kinder mit Typ-1-Diabetes eine Schulbegleitung an ihrer Seite oder es kommt eine Pflegekraft in die Schule, um ihnen Insulin zu verabreichen…
Daniel Nothnagel (schaut erstaunt): Echt, ist das so? Also wenn es noch sehr kleine Kinder sind, geht es wohl kaum anders. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für die Kinder auch nicht immer schön ist, ständig so eine Begleitperson um sich herum zu haben. Meine Eltern haben damals viel mit den Lehrenden gesprochen und ihnen erklärt, worum es geht. Gleichzeitig haben sie schon früh von mir erwartet, dass ich mich selbst darum kümmere, Leute anzusprechen und ihnen mitzuteilen, dass ich Diabetes habe und was im Notfall zu tun ist.
DA: Wann hattest du zum ersten Mal Kontakt mit anderen Kindern mit Diabetes?
Daniel Nothnagel: Als Kind wurde ich ein paarmal zu Schulungen in die Klinik geschickt, zweimal war ich auch bei einem Camp in Tschechien. Wir waren häufig in Tschechien, weil meine Mutter von dort stammt. Ich habe mich natürlich mit den anderen Kindern ausgetauscht, aber von mir aus hatte ich eigentlich lange kein großes Bedürfnis, andere Menschen mit Diabetes kennenzulernen.
DA: Hat sich das mittlerweile geändert?
Daniel Nothnagel: In letzter Zeit habe ich durch Instagram angefangen, mich doch ein bisschen mehr für die Community zu interessieren. Sie ist wahnsinnig wichtig für die Sichtbarkeit – und natürlich, um Neues aus der Diabetes-Welt zu erfahren – welche smarten neuen Produkte es gibt und wie andere Leute bestimmte Probleme lösen. Man bespricht ja nicht alles mit der Ärztin oder dem Arzt.
DA: Welche Therapieform nutzt du denn derzeit?
Daniel Nothnagel: Ich trage einen Glukose-Sensor und eine Insulinpumpe, allerdings ein etwas älteres Modell. Die beiden kommunizieren nicht miteinander. Eigentlich hätte ich schon eine neue Insulinpumpe bekommen sollen, weil der Versorgungszeitraum längst abgelaufen ist. Aber ich habe zuletzt in der Schweiz gearbeitet – und da laufen in der Krankenversicherung viele Dinge ein bisschen anders als in Deutschland. Deshalb musste ich den Wechsel auf eine neue Pumpe erst einmal hintenanstellen.
„Das Verständnis für mich und meine Situation war zwar definitiv da, aber trotzdem wäre es cooler gewesen, wenn man mir ein bisschen mehr vertraut hätte.“
DA: Arbeit ist ein gutes Stichwort: Du hast einen eher ungewöhnlichen Job. Wie und wann hast du entdeckt, dass du gerne Musical-Darsteller werden möchtest?
Daniel Nothnagel: Als Kind fand ich Musicals zwar interessant, hätte mir aber nie vorstellen können, selbst einmal in einem aufzutreten. Später während meiner Schulzeit, da war ich 16, fand an meiner Schule im Praxis-Seminar Musik ein Vorsingen und Vorsprechen für eine Großproduktion anlässlich der Landesgartenschau statt. Zusammen mit mehreren anderen Schulen sollte das Musical „Der kleine Horrorladen“ aufgeführt werden, ein Riesending. Weil mein Vater damals Gesangsunterricht nahm, fragte ich ihn nach Tipps für das Vorsingen – mir war damals gar nicht bewusst, was für eine krasse Wissenschaft das ist und was man da alles lernen kann. Jedenfalls habe ich die Rolle des Seymour bekommen, also mehr oder weniger die Hauptrolle.
Während der Proben kam dann eine Schauspiel-Coachin auf mich zu und fragte mich, ob ich Interesse hätte, Musical zu studieren. Mir war damals gar nicht klar, dass man Musical als Fach studieren kann, ich fand die Idee aber gleich total cool. Es ist toll, auf der Bühne zu sein, Geschichten zu erzählen und verschiedene Figuren darzustellen. Das alles hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dachte, das muss immer irgendwie Teil meines Lebens sein.
DA: Hattest du an irgendeinem Punkt Zweifel, ob so ein Musical-Studium mit Diabetes überhaupt möglich ist?
Daniel Nothnagel: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, das hat wirklich viel mit meiner Erziehung zu tun. Da wurde so viel Wert darauf gelegt, dass ich alles alleine machen kann – nie hat irgendwer zu mir gesagt, dass dies oder jenes nicht geht wegen des Diabetes. Die einzigen Fragen bei jeglichen Aktionen waren immer, ob ich weiß, was ich alles mitnehmen muss oder ob ich alles dabeihabe, was ich brauche. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass der Diabetes irgendwie ein Problem wäre. Also habe ich mir auch gar keine Gedanken darüber gemacht, als es um das Musical-Studium ging.
DA: Du hast dann vier Jahre an der Hochschule Osnabrück Musical studiert. Wie ging es dir während des Studiums mit deinem Diabetes?
Daniel Nothnagel: Es war ein sehr tolles Studium, aber eben auch sehr intensiv. Und sehr, sehr vielseitig – mit Gesang, Tanz und auch vielen schauspielerischen Anteilen. Manchmal hatte ich an einem Tag viereinhalb Stunden Tanz-Unterricht, aber am nächsten Tag gar keinen Tanz. Bei den Proben bewegt man sich je nach Choreografie oder Rolle mal mehr oder eben weniger, das ist oft einfach sehr, sehr spontan. Dadurch war es auch sehr intensiv, was das Diabetes-Management angeht.
Ich kam damit aber eigentlich immer halbwegs klar. Schwieriger war es, meinem Diabetologen in Osnabrück zu erklären, dass mein Tagesablauf einfach schwer vorherzusehen ist und ich mir deshalb auch nicht verschiedene Basalraten für unterschiedliche Arten von Tagen zurechtlegen kann. Ich habe zwar versucht, seine Empfehlungen umzusetzen, richtig gut hat es allerdings nicht geklappt. Irgendwann hat das Diabetes-Team dann akzeptiert, dass ich einer von den wenigen bin, bei denen die Tage viel zu unterschiedlich verlaufen für die übliche Herangehensweise. Das Verständnis für mich und meine Situation war zwar definitiv da, aber trotzdem wäre es cooler gewesen, wenn man mir ein bisschen mehr vertraut hätte.
DA: Eigentlich würde man ja denken, dass du als Patient in die Praxis kommst, damit man dir erklärt, wie du mit deinem Diabetes umgehen kannst. Aber bei dir scheint es eher umgekehrt gewesen zu sein…
Daniel Nothnagel (lacht): Ja, vor allem, was das Studium oder meine Jobs anging. Das war allerdings auch eine ziemliche Herausforderung. Ich hatte schon im Studium die Möglichkeit, an verschiedenen Theatern zu arbeiten. Da verläuft der Alltag nochmal ganz anders als im Studium. Im Staats-Theater zum Beispiel wird von 10 bis 14 Uhr und noch einmal von 18 bis 22 Uhr geprobt, dazwischen dann Pause. Das musste ich dem Diabetologen halt erklären. Im Laufe der Sessions sind wir dann irgendwann dahin gekommen, dass es eigentlich unmöglich ist, für meinen Alltag einen richtigen Plan zu entwickeln. Genau das hatte ich ja von Anfang an gesagt. Da hätte ich mir gewünscht, dass man mir ein bisschen mehr zutraut.
DA: In welchen Rollen hat man dich bislang auf der Bühne sehen können? Während des Studiums und auch danach?
Daniel Nothnagel: Während des Studiums habe ich am Theater Osnabrück zwei Stücke gemacht, einmal im „Weißen Rössl“. Da war ich Ensemble-Mitglied und habe einen Reiseführer gespielt. Dann habe ich am Theater Osnabrück „Titanic“ gespielt. Da hatte ich auch eine kleine Rolle, durfte aber für eine größere Rolle auch einmal einspringen. Am Staats-Theater Kassel habe ich außerdem bei „Peter Pan“ den Mr. Smee gespielt, das ist dieser Gehilfe von Captain Hook. Das war im Studium schon eine recht große Rolle. Meine aktuellste Produktion, die ist jetzt auch schon abgespielt, ist „Billy Elliot“ gewesen, in Zürich in der Maag-Halle. Da habe ich den Korrepititor (spezialisierter Pianist, der Sänger, Instrumentalisten, Tänzer usw. beim Einstudierung und Proben von Musikstücken begleitet und coacht und dabei das Orchester ersetzt; Anm. d. Red.) Mr. Braithwaite gespielt.
„Genau das wollte ich damit auch gerne erreichen: Dass andere Leute vielleicht bemerken, hey, der hat Diabetes und arbeitet als Musical-Darsteller, sowas geht also!“
DA: Für so eine Produktion muss man natürlich viel trainieren. Man hat Proben. Dann gibt es die Auditions, bei denen die Darsteller*innen für die nächste Produktion ausgewählt werden. Man muss sich wahrscheinlich auch unabhängig von den Proben selber fit halten. Dann gibt es die Aufführungen. Wie stellst du dich mit deinem Diabetes-Management darauf ein?
Daniel Nothnagel: Ich habe tatsächlich eine einzige Basalrate, die ich durchgängig nutze. Das hat sich für mich als am sinnvollsten herausgestellt. Meine Versuche mit mehreren Basalraten, zu denen mir mein Arzt geraten hatte, sind halt immer nach hinten losgegangen. Bei Auditions weiß man nicht, was einen genau erwartet und wie anstrengend die Choreografie wird, die man vortanzen muss. Man weiß natürlich, was für ein Stück das ist und kann abschätzen, was da ungefähr auf einen zukommt. Auch bei den Szenen-Proben für eine Produktion weiß man nie so genau, was passiert. Da muss man einfach immer gucken.
Wenn eine Show anläuft, wird es ein bisschen einfacher. Am Anfang einer Produktion ist man vor der Show natürlich noch sehr aufgeregt, dann kommt Adrenalin ins Spiel, bei mir geht der Zucker dann erst einmal hoch. Aber das kenne ich und habe ein Auge drauf. Bei Billy Elliot hatte ich eine körperlich sehr anstrengende Rolle. Allerdings gewöhnt sich der Körper auch ziemlich schnell an diese Belastungen, das war schon im Studium so. Ich versuche, den Zucker im Blick zu behalten – und zur Not muss ich halt Traubenzucker nehmen.
DA: Gibt es ein paar vorhersehbare Muster, wie deine Glukosewerte sich in verschiedenen Situationen verhalten? Beim Training sinkt der Glukosewert ja vermutlich eher, weil keine Aufregung und damit auch kein Adrenalin im Spiel ist…
Daniel Nothnagel: Es kommt ein bisschen darauf an, was man trainiert. Wenn es in Richtung Ausdauersport geht, geht der Glukosewert natürlich recht schnell runter. Aber Ballett beispielsweise ist eine andere Art von Ausdauersport, weil es zuallererst die Muskulatur beansprucht. Da geht es ja eher statisch und nur sehr punktuell dynamisch zu – das macht gar nicht so viel mit meinem Zucker. Bei Jazz-Dance wiederum sinkt der Zucker schneller, weil man da mehr mit dem ganzen Körper macht als bei der Arbeit an der Stange. Es wäre sicherlich noch einmal ganz anders, wenn ich professioneller Ballett-Tänzer wäre. Generell muss man aber auch viele zusätzliche Workouts einplanen, vor allem für die Phasen, in denen man gerade kein Engagement hat und sich fit halten muss.
DA: In so einer Phase bist du ja seit dem Ende der Spielzeit von Billy Elliot gerade – wie sieht also dein Sport-Programm aus, mit dem du dich fit hältst?
Daniel Nothnagel: Ich mache viel High-Intensity-Intervalltraining, auch ein bisschen Krafttraining. Seit einer Weile gehe ich gern Bouldern, das aber vor allem, weil es mir Spaß macht. Außerdem gehe ich relativ häufig Laufen, so zwei- bis dreimal pro Woche. Ich versuche einfach, alle Muskel-Gruppen anzusprechen – Core Stability ist natürlich auch wichtig für das Tanzen. Aber ich mache es beim Sport auch immer ein bisschen davon abhängig, worauf ich Lust habe.
DA: Hast du einen Lieblings-Zuckerwert, bei dem du dich perfekt fit fühlst, um eine Show zu starten oder ein Training zu beginnen?
Daniel Nothnagel (lacht): Das ist ja eine lustige Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht! Aber ich würde mal sagen 141 mg/dl, das ist nicht zu tief und nicht zu hoch – damit ist man erstmal in alle Richtungen safe!
DA: Wo trägst du eigentlich im Alltag und bei Shows deine Diabetes-Technik am Körper? Eher versteckt oder offen sichtbar?
Daniel Nothnagel: Meine Pumpe ist auf der Bühne meist mit dabei, ich koppele sie in der Regel nicht ab. Den Katheter trage ich am liebsten am oberen Po, die Pumpe selbst normalerweise in der Hosentasche. Auf der Bühne tragen wir am Hosenbund Taschen, in denen das Mikrofon verstaut wird. Ich bitte dann die Requisite, mir einfach noch ein zweites Täschchen für meine Pumpe zu geben. Das klappt sehr gut, da fällt sie nicht raus, auch wenn ich mich bewege oder springe. Den Sensor trage ich am Oberarm und fixiere ihn mit Tape, damit er besser hält, auch wenn ich schwitze. Bei früheren Rollen hatte ich immer langärmelige Sachen an, sodass er gar nicht auffiel.
Aber bei Billy Elliot musste ich in einer Szene auch mal mit einem Tank-Top auf die Bühne. Ich habe dann darüber nachgedacht, ob ich lieber ein hautfarbenes Tape zum Fixieren nutzen sollte, damit der Sensor nicht auffällt. Normalerweise nehme ich dafür nämlich schwarzes Tape. Ich habe mich aber aktiv dagegen entschieden, denn ich dachte mir: Es wäre doch cool, wenn da irgendeine Person mit Diabetes im Publikum sitzt, vielleicht ein Kind, und den Sensor sieht und deshalb weiß, dass ich auch Diabetes habe. Tatsächlich hat mich eine Freundin darauf angesprochen und fand es schön, dass ich auf diese Weise ein bisschen für Sichtbarkeit sorge. Genau das wollte ich damit auch gerne erreichen: Dass andere Leute vielleicht bemerken, hey, der hat Diabetes und arbeitet als Musical-Darsteller, sowas geht also!
„Mit Diabetes ist alles möglich, wenn man die nötige Arbeit reinsteckt. “
DA: Wie gelingt es dir, deine Glukosewerte während einer Show im Blick zu behalten? Du kannst ja schlecht mitten bei der Aufführung dein Smartphone rausholen und auf der App deinen Zucker checken?
Daniel Nothnagel: Meist kann ich mich sehr gut auf mein Gefühl verlassen. Das stimmt fast immer, würde ich sagen. Natürlich liege ich auch mal falsch, deshalb ist es gut, dass ich zwischendurch die Werte checke. Bei einer Show ist man eigentlich selten so lange auf einer Bühne, dass man den Zucker nicht im Blick behalten könnte. Die einzelnen Szenen sind nicht so lang, spätestens nach 15 Minuten ist man mal off und kann nachschauen. So war es zumindest bei den Rollen, die ich bisher übernommen habe. Es gibt natürlich auch andere Rollen, wenn ich die bekäme – toi, toi, toi – dann müsste ich mir halt nochmal Gedanken machen.
DA: Hast du bei Auftritten für den Notfall im Kostüm Traubenzucker in der Tasche – oder irgendwo auf der Bühne versteckt, wo du schnell mal zugreifen kannst?
Daniel Nothnagel: Als ich bei Billy Elliot den Mr. Braithwaite gespielt habe, hatte ich in etlichen Szenen eine Lederjacke mit vielen Taschen an. Die Taschen waren für die Rolle nicht relevant, da konnte ich einfach ein bisschen Traubenzucker drin verstauen. Mir hilft es oft schon zu wissen, dass ich für den Notfall etwas dabei habe.
DA: Gab es irgendwann schon einmal eine brenzlige Situation auf der Bühne?
Daniel Nothnagel: Als ich in Osnabrück bei Titanic mitgespielt habe, gab es einmal eine solche Situation. Da habe ich im zweiten Akt auf einmal gemerkt, dass es mir zuckermäßig nicht besonders gut geht. Ich konnte nicht so recht unterscheiden, ob der Zucker schon sehr niedrig ist oder ob er gerade sehr schnell fällt. Dummerweise musste ich in meiner Rolle gerade für ungefähr zehn Minuten auf der Bühne stehen und konnte nicht weg. Danach hatte ich einen Quick Change – so nennt man das, wenn man sich nach einer Szene hinter der Bühne sehr schnell für die nächste Szene umziehen und gleich wieder raus muss. Da bleibt keine Zeit, nach den Glukosewerten zu gucken. Ich habe also nur schnell Zucker gegessen. Der braucht natürlich eine Weile, bis er wirkt.
Als ich wieder raus musste, war ich also noch im Unterzucker. Dazu kam noch, dass ich in der nächsten Szene direkt neben dem Orchestergraben spielen musste. Der ist ziemlich tief und auch sehr nah am Publikum. Da stand ich also, als der Glukosewert gerade ganz tief war. Wäre ich in den Orchestergraben gefallen, im schlimmsten Fall mitten auf die Pauke, dann hätte es auch für andere Menschen gefährlich werden können. Zum Glück war ich mir in dem Moment sicher, dass ich das hinbekomme. Sonst hätte ich Bescheid geben müssen, dass ich die nächste Szene nicht spielen kann. Es ist am Ende nichts passiert – aber so eine Situation muss ich nicht unbedingt nochmal erleben!
DA: Das setzt voraus, dass die Menschen in deinem beruflichen Umfeld über deinen Diabetes Bescheid wissen. Wann informierst du andere darüber?
Daniel Nothnagel: Der Produktionsfirma, mit der ich den Arbeitsvertrag mache, teile ich das eigentlich nicht mit. Ich finde, die müssen das auch gar nicht wissen. Es wäre nicht schlimm, wenn man dort von meinem Diabetes wüsste, aber es gibt keinen Grund, es der Firma mitzuteilen. Aber ich sage natürlich den Leuten Bescheid, die immer mit mir auf der Bühne sind. Und auch dem Stage-Management und den Menschen, die hinter der Bühne, als Regie-Assistenz oder als Abendspielleitung dabei sind.
Beim ersten Treffen sitzt man mit dem ganzen Cast zusammen, stellt sich vor und spricht darüber, worum es in dem Stück geht und was die Ziele sind. Da spreche ich dann an, dass ich Diabetes habe. Ich erkläre, wo ich Traubenzucker oder andere Hypo-Helfer habe und wie das mit dem Glukagon-Nasenspray funktioniert. Ich sage meinen Kolleg*innen aber auch: „Wenn ihr euch unwohl fühlt und nicht wisst, was ihr machen sollt, dann ist einfach der Krankenwagen die beste Option.“ Dann wissen alle Bescheid, und alles ist gut.
DA: Du hast vorhin ja schon kurz angesprochen, dass du aufgrund deines aktuellen Versicherungsstatus noch nicht zu einer neueren Insulinpumpe wechseln konntest. Im Musical-Business zieht man ja häufiger mal von Stadt zu Stadt, von Land zu Land – was bedeutet das für deine Krankenversicherung und damit für deine Diabetes-Versorgung?
Daniel Nothnagel: Also in den meisten Fällen ist man als Musical-Darsteller tatsächlich fest angestellt, mit einem befristeten Arbeitsvertrag. Das war bei meinem Engagement für Billy Elliot auch so. Freiberufliche Engagements haben sich bisher für mich nicht ergeben. Wenn man angestellt arbeitet, ist man darüber ja auch krankenversichert.
DA: Aber in jedem Land ist die Krankenversicherung ein bisschen anders geregelt. Da sind bestimmte Produkte noch nicht zugelassen, es gibt andere Zuzahlungs-Grenzen etc…
Daniel Nothnagel: Also was die Schweiz angeht, funktioniert das Versicherungssystem tatsächlich ganz anders als in Deutschland. Es gibt nur private Krankenversicherungen, die außerdem noch einmal anders arbeiten als die privaten Krankenversicherungen in Deutschland. Zum Beispiel gibt es einen recht hohen Selbstbehalt – man muss also immer einen gewissen Anteil der Behandlungskosten selbst bezahlen, bevor man die Rechnung überhaupt bei der Versicherung einreichen kann. Ich fand das ziemlich kompliziert, weil ich aus Deutschland ganz andere Verhältnisse gewohnt war.
Ungewohnt fand ich auch, dass in der Schweiz der Glukosewert nicht in mg/dl, sondern in mmol/l gemessen wird. Das kannte ich zum Glück schon aus den tschechischen Diabetes-Camps während meiner Kindheit. Was ich allerdings nicht wusste: Wenn ich meine CGM-Sensoren in der Schweiz bestelle und die Werte mit der deutschen App auslese, dann gerät alles durcheinander. Ich konnte meinen ersten in der Schweiz bestellten Sensor zwar problemlos mit der deutschen Version der App starten. Allerdings hat die App ständig Unterzuckerungen angezeigt, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, unterzuckert zu sein. Ich habe dann trotzdem Zucker gegessen, um den Wert hochzubekommen. So ging das zwei, drei Tage – aber irgendwann wurde es zu viel, weil es sich eher nach einem viel zu hohen Glukosewert anfühlte. Als ich dann den Blutzucker gemessen habe, zeigte das Messgerät tatsächlich einen sehr, sehr hohen Wert um die 500 mg/dl an.
Mit diesem Wert ging es mir zum Glück noch nicht so schlecht, dass ich ins Krankenhaus musste. Abends habe ich schon wieder gespielt. Zum Show-Beginn war ich wieder auf einem völlig normalen Zucker-Level. Es ging mir wieder so gut, dass ich das Gefühl hatte, problemlos eine Show spielen zu können. So habe ich also gelernt, dass man in der Schweiz die Schweizer Version der App braucht und im Smartphone auch die Schweiz als Standort eintragen muss. Dann zeigt die App die richtigen Werte an. Darauf muss man erstmal kommen – so etwas erklärt einem ja auch niemand.
DA: Gibt es einen Rat, den du jungen Menschen mitgeben möchtest, die gerade erst ihre Diagnose Typ-1-Diabetes erhalten haben – auch was Berufswahl, Lebensweg und Lebensgestaltung angeht?
Daniel Nothnagel: Mit Diabetes ist alles möglich, wenn man die nötige Arbeit reinsteckt. Das ist nicht nur so dahingesagt – ich lebe ja genau das. Wenn man sich sich mit dem Diabetes auseinandersetzt und letztlich auch damit arrangiert, dann findet man Lösungen für alle Probleme. Jeder Mensch hat Dinge, um die er sich in seinem Leben kümmern muss – wir müssen uns halt zusätzlich um unseren Diabetes kümmern. Und das ist auch okay.
DA: Zum Abschluss eine letzte Frage: Wo kann man dich als nächstes auf der Bühne sehen?
Daniel Nothnagel: Ab Januar 2027 kommt ein ziemlich cooles neues Projekt auf mich zu. Genaues darf ich aktuell leider noch nicht verraten. Aber wer sich für Musicals interessiert und in den sozialen Medien unterwegs ist, wird es demnächst sicherlich mitbekommen. Oder man folgt mir einfach unter @dani_nothnagel auf Instagram, dort werde ich das Geheimnis bald lüften!
Interview: Antje Thiel
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lena-schmidt postete ein Update vor 3 Wochen
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thomas55 postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Monat, 2 Wochen
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 1 Monat, 2 Wochen
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße




