Der verzweifelte Arzt

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Der verzweifelte Arzt

Verweigert ein Diabetespatient seine Mitarbeit bei der Therapie, kann das den behandelnden Arzt schon mal an den Rande der Verzweiflung bringen. Dr. Hans Langer beschreibt in der Kolumne Zum guten Schluss einen besonders schwierigen Fall.

“Wir kriegen jeden gut eingestellt”, pflegt mein Chef immer zu sagen, und ich habe das Gefühl, dass er daran sogar wirklich glaubt. Aber wie Chefärzte eben so sind, freuen sie sich doch in erster Linie, wenn wir Kollegen ihnen bei den Visiten gut eingestellte Patienten vorstellen.

Manche Patienten lassen mich wirklich verzweifeln

Doch so einfach ist das leider nicht – manche meiner Patienten lassen mich wirklich verzweifeln. Da ist zum Beispiel Herr Zehntner, der, wie wir so schön sagen, das Vollbild des Metabolischen Syndroms darstellt – hoher Blutdruck, hohe Blutfette, 60 Kilogramm Übergewicht und ein HbA1c-Wert von 8,4 Prozent. Behandelt wird er mit insgesamt 16 genauestens aufeinander abgestimmten Tabletten, aber dennoch ist das Therapieergebnis mäßig. Es ist nämlich so, dass das Entscheidende fehlt – und zwar die Mitarbeit von Herrn Zehntner.

Und was verstehen wir Ärzte unter der Mitarbeit des Patienten? Zum einen natürlich ein wenig Disziplin im Umgang mit dem Essen und natürlich dem Naschen. Dies ist jedoch für Herrn Zehntner ein schwerer Einschnitt in die Lebensqualität, und er möchte auf keinen Fall seine Gewohnheiten ändern. Und zum anderen darf sich Herr Zehntner natürlich gern auch etwas bewegen – mit Schwimmen, Nordic Walking, Ergometerfahren, was wir in der Klinik eben so empfehlen.

Tausend Ausreden

Aber Herr Zehntner kennt tausend Gründe, warum es gestern nicht klappte, heute nicht klappt und morgen wieder nicht klappen wird, obwohl er sich doch so fest vorgenommen hat, sich aufzuraffen. Und so wundert es nicht, dass, ähnlich wie die Aktien im Wirtschaftsaufschwung, auch das Gewicht von ihm nur eine Richtung kennt, nämlich nach oben.

Aber was soll ich noch tun? Ich habe es im Guten versucht, ich habe mit Folgeschäden gedroht, ich habe die Psychologen eingeschaltet und letzten Endes als maximale Drohgebärde sogar seine Ehefrau. “Ich muss nicht unbedingt 100 werden”, lässt mich Herr Zehntner bei unserem letzten Treffen wieder einmal wissen, als ich ihm die gesundheitlichen Risiken seines Lebensstils verdeutliche. Er lächelt selbstzufrieden und ich bin verzweifelt.

Momente, auf die ich gut verzichten könnte

Und das sind dann diese Momente in meinem ärztlichen Leben, auf die ich gut und gern verzichten könnte. Ich bin froh, dass bald Dienstschluss ist. Und so lasse ich meinen Chef in dem Glauben, dass man jeden Patienten gut einstellen kann, und gehe nach Hause zu Gabi, in der Hoffnung, dass wenigstens sie mich versteht, wenn mich manche meiner Patienten verzweifeln lassen.


von Dr. Hans Langer

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2013; 62 (1) Seite 74

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