- Behandlung
Die Zeit vor der Diagnose
3 Minuten
Wie schön wäre eine Welt ohne Typ-1-Diabetes? Diabetes-Journal-Lesende stimmen sicher sofort zu. Die Erkrankung sehr früh zu entdecken, hätte schon enorme Vorteile – und in der klinischen Forschung wird intensiv daran gearbeitet, sie hinauszuzögern oder gar zu verhindern.
Es bleibt bislang eine der kritischsten Phasen für Menschen mit Typ-1-Diabetes: die Zeit vor der Diagnose. Die gängigen Symptome wie häufiger Harndrang, starker Durst oder Gewichtsverlust sind nicht leicht zuzuordnen und werden daher oft nicht sofort erkannt oder fälschlicherweise als harmlos eingeschätzt.
Immer wieder erleiden auch junge Patientinnen und Patienten deshalb lebensgefährliche Stoffwechselentgleisungen: „Ketoazidosen“. Diese schwere Komplikation entsteht, wenn die Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse bereits weit vorangeschritten ist und ein starker Insulinmangel besteht. Die betroffenen Kinder können sogar in ein diabetisches Koma fallen. Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 erfolgt so in der Notaufnahme, das Leben der Familien ändert sich schlagartig auf dramatische Weise.
Diagnose im Frühstadium
Doch eine solche „Schockdiagnose“ muss heute nicht mehr sein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München haben in der bayernweit angelegten Bevölkerungsstudie „Fr1da“ weltweit erstmalig einen Früherkennungstest für Typ-1-Diabetes bei allen Kindern im Alter von 2 bis 5 Jahren eingesetzt und die Auswirkungen untersucht. Mit dem Screening auf „Insel-Autoantikörper“ ist es möglich, Typ-1-Diabetes bereits im Frühstadium zu diagnostizieren. Denn Insel-Autoantikörper sind Zeichen für eine Entzündung der insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse.
Die Diagnose eines Frühstadiums von Typ-1-Diabetes – vor dem Auftreten der ersten Krankheitssymptome – kann deshalb die Rate an schweren Stoffwechselentgleisungen deutlich reduzieren. Das ist besonders wichtig, da die diabetische Ketoazidose neben akuten Konsequenzen auch langfristige negative Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf hat.
Ergebnisse der Fr1da-Studie in Bayern
An der Studie beteiligten sich 682 Kinderarztpraxen in ganz Bayern, indem sie den Fr1da-Bluttest als für die Familien freiwillige Zusatzleistung in ihre routinemäßigen Früherkennungsuntersuchungen aufnahmen. Die Untersuchung von insgesamt 90 632 Kindern ergab bei 280 von ihnen (0,31 Prozent) ein Frühstadium der Autoimmunerkrankung. Von diesen 280 Kindern entwickelte bis Oktober 2019 bereits ein Viertel einen klinischen Typ-1-Diabetes, doch nur bei zwei von ihnen kam es zu einer diabetischen Ketoazidose.
Die Studienleiterin Prof. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München, sieht darin einen Wegweiser für die Diabetesvorsorge: „Aktuell erleiden noch mehr als 20 Prozent der nicht getesteten Kinder in Deutschland eine Stoffwechselentgleisung, in den USA sind es sogar über 40 Prozent. Rechtzeitige Früherkennungsuntersuchungen tragen offensichtlich dazu bei, dass wir Kinder vor diesem lebensbedrohlichen Zustand schützen können. Deshalb finde ich es angemessen, dass wir auch darüber sprechen, derartige Screenings in den Leistungskatalog der Regelvorsorge aufzunehmen.“
Früherkennungstest: wenige Tropfen Blut reichen schon
Der Früherkennungstest wird mithilfe weniger Tropfen Blut aus dem Finger, die dann auf Insel-Autoantikörper untersucht werden, durchgeführt. Werden mindestens zwei dieser Antikörper nachgewiesen, ist das ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen angreift – die Ursache für Typ-1-Diabetes.
Die Kinder, die Antikörper im Blut aufwiesen, wurden von der Fr1da-Forschungsgruppe in einem neuartigen Ansatz in drei Stadien unterteilt: In Stadium 1 ist der Blutzucker noch im Normbereich (Normoglykämie), in Stadium 2 ist der Glukosestoffwechsel bereits gestört, und in Stadium 3 ist der klinische Typ-1-Diabetes bereits eingetreten. Diese Einstufung soll laut den Forschern eine individuelle Verlaufskontrolle und damit eine bestmögliche Behandlung der Kinder ermöglichen.
„Wir arbeiten an einer Welt ohne Typ-1-Diabetes“
Doch Ziegler und ihrem Team geht es um mehr als darum, Typ-1-Diabetes frühzeitig zu erkennen. „Wir arbeiten an einer Welt ohne Typ-1-Diabetes“, erklärt die Wissenschaftlerin und Ärztin, die sich seit Jahrzehnten mit der Autoimmunerkrankung beschäftigt. „Deshalb bieten wir betroffenen Familien die Möglichkeit, mit ihrem Kind an einer Studie teilzunehmen, die darauf abzielt, das klinische Stadium der Erkrankung hinauszuzögern oder im besten Fall sogar zu verhindern.“ Dazu erhalten die jungen Probandinnen und Probanden in einer „Doppelblind-Studie“ täglich Insulinpulver oder ein Placebo mit der Nahrung.
Die Idee dahinter: Ähnlich wie bei einer Hyposensibilisierung bei Allergien soll das Immunsystem trainiert werden, eine Immuntoleranz aufzubauen. Konkret bedeutet das, dass die Entwicklung schützender Immunzellen angeregt werden soll, um die Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen zu verhindern. Vorangehende Studien zeigten bereits Anzeichen dieses Effekts und machen somit Hoffnung auf einen Erfolg der Therapie.
Früherkennung für alle?
In einem nächsten Schritt werden die Forscherinnen und Forscher eine Kosten-Nutzen-Analyse des Screenings durchführen. Sie könnte die Aufnahme der Früherkennungsuntersuchung in die Regelvorsorge und den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen weiter unterstützen. „Die flächendeckende frühzeitige Diagnose würde uns den Weg hin zu einer Welt ohne Typ-1-Diabetes deutlich erleichtern“, betont Ziegler.
Gegenwärtig ist der kostenfreie Test in Bayern für alle Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren zugänglich und deutschlandweit für alle nahen Verwandten von Menschen mit Typ-1-Diabetes bis zum Alter von 21 Jahren. In Niedersachsen gibt es zudem durch die Studie „Fr1dolin“ die Möglichkeit der Früherkennung für alle Kinder zwischen 2 und 6 Jahren.
von Mona Walter
Referentin Kommunikation GPPAD
Institut für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München und
Forschergruppe Diabetes, Klinikum rechts der Isar, TU München
Ingolstädter Landstraße 1, 85764 Neuherberg
E-Mail: mona.walter@helmholtz-muenchen.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (7) Seite 42-43
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stephanie-haack postete ein Update vor 1 Tag, 9 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 1 Tag, 11 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 1 Tag, 9 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 4 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
