- Begleit-Erkrankungen
Gesunder Lebensstil und Medikamente: Übergewicht effektiv behandeln
5 Minuten
Wer mit Übergewicht lebt, hat meist schon die Erfahrung gemacht, dass Abnehmen schwierig ist. Ein gesunder Lebensstil ist dafür die Grundlage – moderne Medikamente helfen zusätzlich, um die chronische Erkrankung immer effektiver zu behandeln.
Adipositas, also starkes Übergewicht, ist eine chronische Erkrankung, von der immer mehr Menschen betroffen sind. In Deutschland gilt etwa jeder vierte Erwachsene als adipös: 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen. D
abei handelt es sich nicht nur um ein kosmetisches Problem, sondern um eine ernsthafte Stoffwechsel-Erkrankung, die das Risiko für zahlreiche Folgekrankheiten deutlich erhöht. Dazu gehören unter anderem Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, die nicht alkoholische Fettleber und die Schlaf-Apnoe, also Atem-Aussetzer im Schlaf.
Die Diagnose wird häufig anhand des Body-Mass-Index (BMI) gestellt (Einteilung siehe Tabelle 1). Heute wird Adipositas als chronische Erkrankung verstanden, ähnlich wie Diabetes oder Bluthochdruck, weshalb viele Betroffene eine langfristige medizinische Betreuung benötigen.
Einteilung der Adipositas nach Body-Mass-Index
| Klassifikation der Adipositas nach WHO | Body-Mass-Index (BMI; kg/m2) |
| Normalgewicht | 18,5 – 24,9 |
| Prä-Adipositas (Übergewicht) | 25,0 – 29,9 |
| Adipositas Grad I | 30,0 – 34,9 |
| Adipositas Grad II | 35,0 – 39,9 |
| Adipositas Grad III | ab 40,0 |
Grundlagen der Therapie
Die Grundlage jeder Adipositas-Behandlung ist eine Veränderung des Lebensstils, insbesondere der Ernährung, der körperlichen Aktivität und des Essverhaltens. Bei der Ernährung wird in der Regel eine moderate Kalorien-Reduktion empfohlen. Wichtig sind dabei ballaststoffreiche Lebensmittel, eine ausreichende Eiweiß-Zufuhr, regelmäßige Mahlzeiten und möglichst wenige stark verarbeitete Produkte. Extremdiäten führen dagegen häufig zum Jo-Jo-Effekt, bei dem das Gewicht nach einer Diät schnell wieder ansteigt.
Das Fallbeispiel: Erfolgreiche Gewichtsabnahme
Hubert K., 54 Jahre, 164 cm und 100 kg (BMI 37 kg/m2), hat starkes Übergewicht (Adipositas), einen Typ-2-Diabetes und einen Bluthochdruck. Immer wieder versuchte er, mit den verschiedensten Diäten abzunehmen. Aber nie konnte er sein reduziertes Gewicht längerfristig halten.
Schließlich veranlasste der Hausarzt einen Aufenthalt in einer Reha-Klinik speziell zur Behandlung der Adipositas mit einem strukturierten Abnehm-Programm. Dort standen Themen wie Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und ein Verhaltenstraining auf dem Programm. Zusätzlich wurde eine Therapie mit dem Wirkstoff Tirzepatid (Handelsname: Mounjaro) begonnen.
Nach einem Jahr hat er bereits mehr als 20 kg abgenommen, die Blutzuckerwerte sind deutlich niedriger und er konnte weitere Diabetes-Medikamente reduzieren. Er hat es geschafft – nun muss er dranbleiben.
Auch regelmäßige Bewegung spielt eine zentrale Rolle. Sie unterstützt die Gewichts-Abnahme und verbessert die Herz-Kreislauf-Gesundheit und Stoffwechsel-Vorgänge. Empfohlen werden mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, idealerweise eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. Ergänzend kann eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein. Psychologische Programme helfen dabei, Auslöser für übermäßiges Essen sowie Stress-Situationen besser zu erkennen und zu verändern. Studien zeigen, dass strukturierte Programme deutlich erfolgreicher sind als Diäten ohne professionelle Begleitung.
Eine wichtige Rolle im Körper spielen Inkretine, also Darm-Hormone, die nach dem Essen im Darm freigesetzt werden. Diese Hormone beeinflussen den Appetit, die Höhe des Blutzuckers und die Verdauung. Sie sorgen unter anderem dafür, dass im Gehirn ein stärkeres Gefühl der Sättigung entsteht, weniger Hunger auftritt, sich der Magen langsamer entleert und mehr Insulin freigesetzt wird. Diese natürlichen Mechanismen nutzt die moderne medikamentöse Therapie der Adipositas.
Moderne medikamentöse Therapien
In den letzten Jahren wurden mehrere neue Medikamente entwickelt, die gezielt in das Inkretin-System eingreifen:
Exenatid
Der Wirkstoff Exenatid war der erste. Das Medikament ist noch heute erhältlich.
Liraglutid und Semaglutid
Sie gehören heute zu den wichtigsten Wirkstoffen, die als GLP-1-Rezeptor-Agonisten wirken. Agonisten ahmen am Rezeptor die Wirkung des eigentlichen Hormons nach, in diesem Fall die Wirkung des Sättigungshormons Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1). Liraglutid (z. B. Victoza) wird täglich injiziert und führt im Durchschnitt zu einer Gewichts-Reduktion von etwa 8 bis 10 Prozent des Körpergewichts. Semaglutid wird einmal wöchentlich gespritzt (z. B. Ozempic, Wegovy) oder als Tablette eingenommen (Rybelsus) und kann durchschnittlich zu einem Gewichts-Verlust von etwa 10 bis 15 Prozent des Ausgangsgewichts führen.
Tirzepatid
Dieser „duale“, also zweifach wirksame, Inkretin-Agonist (z. B. Mounjaro) aktiviert sowohl GLP-1- als auch GIP-Rezeptoren im Dünndarm. GIP steht für Glukose-abhängiges insulinotropes Peptid. Ebenfalls einmal pro Woche angewendet, kann Tirzepatid in Studien eine Gewichts-Reduktion von etwa 15 bis 22 Prozent bewirken.
Retatrutid
Dieser bisher nicht in Deutschland verfügbare Triple-Agonist regt drei Rezeptoren gleichzeitig an: für GLP-1, GIP und Glukagon. In frühen Untersuchungen wurden mit Retatrutid Gewichts-Verluste bis zu 24 Prozent beobachtet. Die tatsächliche Gewichts-Reduktion kann jedoch individuell unterschiedlich ausfallen. Auch Kombinationstherapien, beispielsweise mit Cagrilintid, könnten künftig eine wichtige Rolle in der Behandlung spielen.
Cagrilintid
Dieser Wirkstoff ist in der Entwicklung und ist ein Amylin-Analogon, also ein Nachahmer des Hormons Amylin aus der Bauchspeicheldrüse, das die Sättigung fördert und den Blutzucker reguliert.
Weiterführende Informationen der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG):
➤ Patientenleitlinie zur Diagnose und Behandlung der Adipositas
Ursprünglich wurden die GLP-1-Rezeptor-Agonisten zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt. Inzwischen spielen sie jedoch auch eine wichtige Rolle in der Therapie der Adipositas. Ein neuer therapeutischer Ansatz besteht darin, mehrere Hormon-Systeme gleichzeitig zu aktivieren, wie mit Tirzepatid. Damit werden Gewichts-Reduktionen erreicht, die früher häufig nur durch eine Operation erzielt werden konnten. Ein öfter unter diesen Therapien beobachteter gleichzeitiger Muskel-Verlust kann zum Problem werden. Durch leichtes Krafttraining und eiweißreiche Ernährung kann dieser zum Teil aufgefangen werden.
Der einzige in Deutschland noch zugelassene Nicht-Inkretin-Wirkstoff für die Behandlung der Adipositas und gleichzeitig vorliegenden Begleiterkrankungen ist Orlistat. Dieser Wirkstoff hemmt das Enzym Lipase in Darm und Bauchspeicheldrüse. Er kann ab einem BMI von 28 kg/m2 eingesetzt werden.
Operative Möglichkeiten
Wenn Medikamente und Lebensstil-Änderungen nicht ausreichen, kann bei schwerer Adipositas eine bariatrische (Gewichts-reduzierende) Operation in Betracht gezogen werden. Zu den häufigsten Verfahren gehören Magenverkleinerungen wie der Schlauchmagen und der Magenbypass. Neben der reduzierten Nahrungsaufnahme verändern diese Eingriffe auch hormonelle Stoffwechsel-Prozesse im Körper. Viele Patientinnen und Patienten verlieren dadurch etwa 25 bis 35 Prozent ihres Körpergewichts. Zudem sinken häufig die Blutzuckerwerte bei einem bestehenden Typ-2-Diabetes deutlich, sogar langfristig normale Werte ohne Therapie sind möglich. Ein weiteres Verfahren ist der Magenballon, der das Fassungsvermögen im Magen reduziert und so schneller zur Sättigung führt.
Die wichtigste Botschaft für Betroffene lautet daher: Adipositas ist behandelbar – und die therapeutischen Möglichkeiten werden zunehmend besser. Vorbeugen ist jedoch immer noch der effektivste Weg, um Übergewicht und damit auch seine potenziell schwerwiegenden Folgen zu verhindern.
Chronische Erkrankung Adipositas
- Adipositas ist eine chronische Stoffwechsel-Erkrankung.
- Mit dem Body-Mass-Index (BMI) wird Adipositas in mehrere Schweregrade eingeteilt.
- Es bestehen medikamentöse und operative Therapie-Möglichkeiten.
- Immer empfehlenswert und Grundlage jeder Therapie sind Ernährungs-Anpassungen und Lebensstil-Änderungen.
Was hat das Gewicht mit dem Gehirn zu tun?
Neuere Forschungen erlauben die Aussage, dass sehr starkes Übergewicht im Gehirn beginnt. Neurologische, biologische und hormonelle Veränderungen spielen die entscheidende Rolle beim Entstehen. So zeigen Studien, dass bereits eine kurzfristige höhere Kalorien-Aufnahme die Insulin-Empfindlichkeit im Gehirn verschlechtert und so zu einer Insulin-Resistenz im Gehirn führt – bei Stoffwechselgesunden und bei Adipösen. Insulin zügelt üblicherweise im Gehirn den Appetit. Wenn die Esskontrolle nicht mehr funktioniert, führt dies langfristig zu Übergewicht.
Durch regelmäßigen Sport lässt sich möglicherweise die Insulin-Empfindlichkeit wieder normalisieren. Darauf deuten aktuelle Studien hin. Neuere Medikamente wie die beschriebenen scheinen dies ebenfalls zu fördern. Die genauen Effekte von bestimmten Signalwegen im Gehirn, die durch äußere Ereignisse verändert oder verbessert werden könnten, werden aktuell weltweit weiter erforscht.
Zusammenfassung
Die Therapie der Adipositas hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es ist bestätigt, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die behandelbar ist. Die Lebensstil-Änderung mit regelmäßiger Bewegung und ausgewogener Ernährung bleibt die Grundlage jeder Therapie bei Adipositas.
Die therapeutischen Möglichkeiten werden immer besser. So ermöglichen moderne Inkretin-Rezeptor-Agonisten große Gewichts-Abnahmen ohne Operationen. Neue Wirkstoffe könnten die Therapie weiter verbessern. Als letztes Mittel bleibt bei schwerer Adipositas die bariatrische Chirurgie als sehr effektive Option.
Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) ist Internist sowie Facharzt für Diabetologie, Angiologie und Sozialmedizin und hat jahrzehntelange praktische Erfahrung in der Behandlung und Schulung von Menschen mit Diabetes in Praxis und Klinik. Er schreibt in der Diabetes-Anker-Rubrik „Medizin verstehen“ (vormals Diabetes-Kurs) über die Diabetes-Therapie und alles, was sonst noch mit dem Diabetes zusammenhängt.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (5) Seite 36-39
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stephanie-haack postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 1 Woche, 6 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 3 Wochen, 2 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
