Kampagne „K1DS ARE HEROES“: Typ-1-Diabetes bei Kindern früher erkennen und behandeln

3 Minuten

© Thorsten Ferdinand
Kampagne „K1DS ARE HEROES“: Typ-1-Diabetes bei Kindern früher erkennen und behandeln

Mehr als 2.000 Plakate und 750 Info-Screens machen in den kommenden Wochen auf die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen aufmerksam: Typ-1-Diabetes. Die crossmediale Kampagne „K1DS ARE HEROES“ wurde von der Globalen Plattform für die Prävention des Autoimmunen Diabetes (GPPAD) und dem Helmholtz Munich Institut für Diabetesforschung (IDF) initiiert. Am Montag ist sie in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Die schwere Erkrankung ihrer Tochter Sarah-Léonie traf Maren Sturny aus Planegg bei München völlig unvorbereitet. Als das damals 6-jährige Mädchen im Jahr 2019 ins Krankenhaus gebracht wurde, bestand akute Lebensgefahr. Sarah-Léonie war nach starkem Erbrechen dehydriert und kaum noch ansprechbar. Ihr Blutzuckerwert lag bei mehr als 900 mg/dl (50 mmol/l), wie Maren Sturny in der Klinik erfuhr. Das Kind landete mit einer Ketoazidose auf der Intensivstation. Sie musste mehrere Tage künstlich ernährt werden, um den Stoffwechsel zu stabilisieren. Nur wenige Stunden später hätte man medizinisch nichts mehr für ihre Tochter tun können, musste die geschockte Mutter erfahren.

Dass Sarah-Léonies Typ-1-Diabetes so spät erkannt und behandelt wurde, führt Maren Sturny auch auf ihre eigene Ahnungslosigkeit zurück. „Bis 2019 war Typ-1-Diabetes nach meiner Überzeugung vor allem eine erbliche Erkrankung, die mich und meine Familie niemals treffen könnte“, berichtete die dreifache Mutter anlässlich des Starts der Kampagne K1DS ARE HEROES in Berlin. Vor Sarah-Léonies Diagnose hatte sie sich nach eigenem Bekunden keine Gedanken über Symptome von Typ-1-Diabetes und die Möglichkeiten einer Früherkennung gemacht. Dass die Erkrankung jeden treffen kann, war Maren Sturny nicht bewusst.

Symptome sind vielen Menschen nicht bekannt

Derart traumatische Erlebnisse bei Auftreten der Erkrankung sind leider kein Einzelfall. Etwa jedes vierte Kind mit Diabetes erleidet vor der Diagnose eine schwere Stoffwechselentgleisung mit Ketoazidose. Die oftmals erst späten Arztbesuche infolge der Corona-Pandemie haben diesen Trend zuletzt noch verschärft, so Prof. Dr. Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der TU Dresden. Es gibt also gute Gründe, die Öffentlichkeit besser über Typ-1-Diabetes bei Kindern zu informieren. Mit der K1DS ARE HEROES-Kampagne möchten Forschende und Mediziner in den kommenden Wochen über die Möglichkeiten zur Früherkennung und Prävention aufklären.

Aktuell erkranken vier von 1.000 Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Typ-1-Diabetes. Und etwa zehn von 1.000 Kindern in Deutschland haben ein erhöhtes genetisches Risiko hierfür. Auch bei jungen Erwachsenen kann die Erkrankung auftreten. Betroffene haben meist keine Verwandten, die ebenfalls daran erkrankt sind, und die Symptome sind vielen Menschen nicht bekannt.

Darum wird die Diagnose häufig erst gestellt, wenn die Erkrankten bereits in einem kritischen Zustand sind. Auch in Deutschland ist die Anzahl schwerer diabetischer Ketoazidosen bei der Diagnosestellung insbesondere in der ersten Pandemie-Welle signifikant angestiegen, berichtete Berner. „Die Krankheit beginnt für die meisten Familien plötzlich, und die Diagnose kommt aus dem Nichts heraus“, so der Mediziner.

Es gibt bereits Tests zur Früherkennung

Bei der Pressekonferenz zum Kampagnenstart wurde deutlich, dass die Diagnose häufig nicht unter solch dramatischen Umständen gestellt werden müsste. Durch die Teilnahme an Früherkennungsprogrammen wie der Fr1da-Studie kann die Erkrankung erkannt werden, bevor überhaupt schwerwiegende Symptome entstehen. So können Eltern im Falle eines Krankheitsausbruchs entsprechend reagieren und die betroffenen Kinder frühzeitig medizinisch versorgt werden. Die Kampagne soll auch Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher sensibilisieren, da ihnen entsprechende Symptome bei Kindern ebenfalls auffallen können.

Mit der kürzlichen Zulassung von Teplizumab in den USA ist nun das erste Medikament verfügbar, das den Ausbruch von Typ-1-Diabetes um durchschnittlich drei Jahre verzögern kann, berichtete Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung (IDF) von Helmholtz Munich, Professorin für Diabetes und Gestationsdiabetes an der Technischen Universität München (TUM) und Leiterin der Forschungsplattform GPPAD.

„Teplizumab schenkt den Kindern und ihren Familien kostbare Zeit, in der sie einen unbeschwerten Alltag ohne Blutzuckermanagement haben können. Wir hoffen sehr, dass mit der Zulassung von Teplizumab in Europa auch bald zu rechnen ist“, so Ziegler. Damit das Medikament bei allen Kindern mit erhöhtem Erkrankungsrisiko eingesetzt werden kann, müsste allerdings auch der Früherkennungstest der Fr1da-Studie flächendeckend in die Regelversorgung aufgenommen werden, ergänzte die Expertin. Derzeit haben Eltern nur in wenigen Bundesländern die Möglichkeit, ihre Kinder entsprechend testen zu lassen.

Welt ohne Typ-1-Diabetes ist das Ziel

Der Vizepräsident für den Forschungsbereich Gesundheit der Helmholtz Gemeinschaft und Helmholtz Munich CEO, Prof. Dr. med. Dr. h.c. Matthias Tschöp, plädierte in diesem Zusammenhang für eine schnellere Überführung der Forschungsergebnisse in die Anwendung für die Menschen. „Aktuell spürt man in Deutschland eine Aufbruchstimmung, den Transfer zu beschleunigen“, sagte Tschöp. “Wir müssen weg von der reinen Reparaturmedizin”, ergänzte er. „Mit unserer Arbeit und dem internationalen Netzwerk, für das Helmholtz Health und GPPAD stehen, haben wir die Grundlagen geschaffen für einen Weg hin zu einer Welt ohne Typ-1-Diabetes.“

Moderiert wurde die Pressekonferenz von der Musikproduzentin und Moderatorin Shirin Valentine. Sie hat selbst Typ-1-Diabetes und setzt sich öffentlich für ein Bewusstsein für die Erkrankung ein. „Den Typ-1-Diabetes zu managen und allem voran erst einmal zu verstehen, ist eine Mammutaufgabe“, sagte sie, während sie die modernen Methoden zur Früherkennung lobte. „Ich hätte mich gefreut, wenn es damals zu meiner Diagnose schon so etwas gegeben hätte. Darum möchte ich Menschen mit einer frischen Diagnose Mut zusprechen und ihnen aufzeigen, dass es heute zwar eine tückische Krankheit ist, man aber damit auch sehr gut leben kann.“


von Thorsten Ferdinand

Thorsten Ferdinand arbeitete von 2022 bis 2024 als Redakteur beim Diabetes-Journal (heute Diabetes-Anker). Er hat langjährige Erfahrung als Journalist und lebt selbst mit Typ-1-Diabetes.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (4) Seite 10-11

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Neue Hoffnung durch personalisierte Medizin: Meilenstein für die Prävention des Typ-1-Diabetes
Eine wegweisende Studie zeigt erstmals, dass die Wirksamkeit einer vorbeugenden Diabetes-Behandlung von den Genen des Kindes abhängt. Die Erkenntnisse liefern laut der beteiligten Forschenden einen Meilenstein für die personalisierte Prävention des Typ-1-Diabetes.
Neue Hoffnung durch personalisierte Medizin: Meilenstein für die Prävention des Typ-1-Diabetes | Foto: JenkoAtaman - stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetes-Anker-Podcast: Typ-1-Diabetes früher erkennen und sogar aufhalten – ist das möglich, Frau Prof. Ziegler?
Wie lässt sich Typ-1-Diabetes erkennen, schon bevor Symptome auftreten? Und was wird in der AVAnT1a-Studie untersucht – und mit welchem Ziel? Darüber sprechen wir im Diabetes-Anker-Podcast mit Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler.
Diabetes-Anker-Podcast: Typ-1-Diabetes früher erkennen und sogar aufhalten – ist das möglich, Frau Prof. Ziegler?

3 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 1 Monat

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%