Neue Hoffnung durch personalisierte Medizin: Meilenstein für die Prävention des Typ-1-Diabetes

3 Minuten

Neue Hoffnung durch personalisierte Medizin: Meilenstein für die Prävention des Typ-1-Diabetes | Foto: JenkoAtaman - stock.adobe.com
Foto: JenkoAtaman - stock.adobe.com
Neue Hoffnung durch personalisierte Medizin: Meilenstein für die Prävention des Typ-1-Diabetes

Eine wegweisende Studie zeigt erstmals, dass die Wirksamkeit einer vorbeugenden Diabetes-Behandlung von den Genen des Kindes abhängt. Die Erkenntnisse liefern laut der beteiligten Forschenden einen Meilenstein für die personalisierte Prävention des Typ-1-Diabetes.

Typ-1-Diabetes ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Bisher galt die Autoimmunkrankheit, bei der das körpereigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift, als nicht vermeidbar. Doch neue Forschungsergebnisse der POInT-Studie, die kürzlich im renommierten Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurden, geben Anlass zur Hoffnung. Eine orale Insulinbehandlung könnte den Ausbruch der Krankheit verzögern – allerdings nur bei bestimmten Kindern.

Die von der Global Platform for the Prevention of Autoimmune Diabetes (GPPAD) koordinierte Studie untersuchte über mehrere Jahre hinweg 1.050 Kinder mit erhöhtem genetischem Risiko. Sie wurde infünf europäischen Ländern durchgeführt. Das Besondere: Die Forscher verabreichten den Kindern bereits im Säuglingsalter täglich Insulinpulver, um das Immunsystem an das körpereigene Hormon zu gewöhnen und so eine Autoimmunreaktion zu verhindern.

Genetische Ausstattung entscheidet über Therapieerfolg

Obwohl das ursprüngliche Studienziel – eine generelle Reduktion der krankheitstypischen Autoantikörper – nicht erreicht wurde, brachten die Analysen überraschende Erkenntnisse zutage. „Die POInT-Studie könnte die Art und Weise verändern, wie wir antigenbasierte Therapien bei Typ-1-Diabetes einsetzen. Auch wenn die orale Insulintherapie die Bildung von Inselautoantikörpern nicht wie erhofft verhindert hat, deuten die Daten darauf hin, dass sie den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen könnte”, erläutert Studienleiterin Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich.

Der entscheidende Durchbruch lag in der Erkenntnis, dass die Wirksamkeit der Behandlung stark von der individuellen genetischen Ausstattung der Kinder abhängt. „Zum einen zeigte sich bei den Kindern, die oral Insulin erhalten hatten, eine Verzögerung des Übergangs zur klinischen Erkrankung – das ist bereits eine ermutigende Nachricht. Zum anderen fiel auf, dass der Behandlungseffekt stark von der genetischen Ausstattung der Kinder abhängt. Besonders bei Kindern mit Risikovarianten des Insulin-Gens für Typ-1-Diabetes scheint eine Verzögerung des Erkrankungsbeginns möglich zu sein. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für gezielte, personalisierte Präventionsstrategien”, erklärt Prof. Ziegler.

Ergebnisse liefern „Anlass zu vorsichtigem Optimismus“

Die genetischen Unterschiede zeigten sich besonders deutlich in den Behandlungseffekten. Prof. Dr. Ezio Bonifacio vom Zentrum für Regenerative Therapien der TU Dresden präzisiert: „Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden hatte Varianten, die das Risiko für Typ-1-Diabetes erhöhen. Bei diesen Kindern schützte die orale Insulinbehandlung vor der Entwicklung von Diabetes. Im Gegensatz dazu nahm bei Kindern ohne Risikovariante die Zahl der Inselautoantikörper unter der oralen Insulinbehandlung sogar zu.”

Diese scheinbar paradoxen Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer personalisierten Herangehensweise. „Auch wenn der genaue Mechanismus noch unklar ist, geben die Resultate Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Mit der gezielten Auswahl der zu behandelnden Kinder könnte es in Zukunft möglich sein, den Krankheitsverlauf entscheidend zu beeinflussen”, ergänzt Prof. Bonifacio.

POInT-Studie: Wegweisende Forschung mit Langzeitperspektive

Die Studie basiert auf einem beeindruckenden logistischen Aufwand: Um die 1.050 Hochrisiko-Kinder zu identifizieren, screeneten die Forscher fast 242.000 Säuglinge unter vier Monaten in Belgien, Deutschland, Polen, Schweden und Großbritannien. Mittels eines genetischen Risikoscores konnten etwa ein Prozent der Kinder als Hochrisikogruppe identifiziert werden – in Deutschland läuft dieses Programm unter dem Namen Freder1k.

Die POInT-Studie wird nun mit einer erweiterten Nachbeobachtung bis zum zwölften Lebensjahr der Teilnehmenden fortgesetzt. Bis zum sechsten Lebensjahr entwickelten bereits etwa zehn Prozent der Kinder die charakteristischen Autoantikörper, die bei der Mehrheit später in einen klinischen Typ-1-Diabetes übergehen. „Da POInT jahrzehntelange Pionierarbeit zum Verständnis und zur Prävention von Typ-1-Diabetes zusammenführt, stellt die Studie einen wichtigen wissenschaftlichen Meilenstein dar. Gleichzeitig folgt sie meiner persönlichen Mission: eine Welt ohne Typ-1-Diabetes”, betont Prof. Ziegler.

Wissenschaftliche Grundlage der oralen Immunintervention

Typ-1-Diabetes entsteht durch eine Autoimmunreaktion gegen insulinproduzierende Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Dieser Prozess beginnt häufig im frühen Kindesalter. Er ist durch spezifische Autoantikörper charakterisiert, wobei Insulin selbst oft im Zentrum der Immunreaktion steht.

Die Studienrationale basierte auf der Hypothese, dass eine orale Gabe hoher Insulindosen zur Entwicklung einer Immuntoleranz beitragen könnte, analog zu etablierten Ansätzen in der Allergieprävention. Zwischen dem vierten und siebten Lebensmonat erhielten die POInT-Teilnehmenden bis zum dritten Lebensjahr entweder täglich orale Insulinmengen (initial 7,5 mg, innerhalb von vier Monaten auf 67,5 mg gesteigert) oder Placebo. Die Nachbeobachtung erstreckte sich bis zum Alter von sechs Jahren und sechs Monaten.

POInT ist die erste randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studie, die den Einfluss oraler Insulingabe auf die Entwicklung von Inselautoimmunität und Typ-1-Diabetes bei Kindern mit erhöhtem Risiko untersucht. Die langfristige Zielsetzung liegt in der Identifikation pharmakogenetischer Zusammenhänge, die eine personalisierte Prävention ermöglichen könnten.


von Gregor Hess

Avatar von gregor-hess

mit Materialien des Helmholtz Zentrum München – Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Studien: Lösen Viren Typ-1-Diabetes aus?
Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmun-Erkrankung. Wann, warum und wie genau die Autoimmun-Reaktion ausgelöst wird, die später im Leben zu Typ-1-Diabetes führt, ist bis heute nicht ausreichend geklärt. Große Langzeit-Studien liefern jedoch Hinweise darauf, dass Virus-Infektionen im frühen Kindesalter diese Autoimmun-Reaktion begünstigen können. Auch das Corona-Virus SARS-CoV-2 spielt dabei eine Rolle.

4 Minuten

Kinderwunsch: Warum ich aufgrund meines Typ-1-Diabetes (vermutlich) keine Kinder haben möchte
Olivia berichtet in diesem Beitrag über Ihre Gedanken zum Thema Kinderwunsch. Einige ihrer Freunde und Bekannten bekommen derzeit Kinder und auch sie hat sich die Frage gestellt: Möchte ich überhaupt Kinder bekommen? Und wenn nicht, warum denn nicht? Zu welchem Schluss sie gekommen ist und was ihre Typ-1-Diabetes-Erkrankung damit zu tun hat, erfahrt Ihr hier.
Kinderwunsch: Warum ich aufgrund meines Typ-1-Diabetes (vermutlich) keine Kinder haben möchte

5 Minuten

Community-Beitrag
Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 5 Tagen, 5 Stunden

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 2 von 3 )
    66.67%
    ( 0 von 3 )
    0%
    ( 1 von 3 )
    33.33%
  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/