Prof. Ziegler im Interview: Therapie zur Typ-1-Diabetes-Vorbeugung soll noch besser werden

5 Minuten

© Fotolia
Prof. Ziegler im Interview: Therapie zur Typ-1-Diabetes-Vorbeugung soll noch besser werden

Mit der Zulassung von Teplizumab zur Vorbeugung von Typ-1-Diabetes in den USA hat eine neue Ära in der Therapie der Autoimmunerkrankung begonnen. An der Forschung waren auch Teams des Helmholtz Zentrums München unter der Leitung von Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler beteiligt. Die Expertin hofft nun auf eine baldige Zulassung des Medikaments in Europa. Im Interview wirft sie außerdem einen Blick in die Zukunft der vorbeugenden Behandlung.

Im Interview: Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler

Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler ist renommierte Expertin für Diabetesforschung und langjährige Direktorin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt darauf, zu identifizieren, welche Prozesse im Körper bei der Entstehung von Typ-1-Diabetes eine Rolle spielen und welche Frühzeichen es dafür gibt, um daraus maßgeschneiderte, individuell passende Präventionsansätze zu entwickeln. Dazu leitet Prof. Ziegler mehrere Studien.

Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler (Foto: zVg)

Diabetes-Journal (DJ): Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Ziegler, immer mehr Menschen in Deutschland erkranken an Diabetes. Auch Typ 1 bei Kindern ist weiter auf dem Vormarsch. Können Sie für unsere Leser zunächst kurz zusammenfassen, warum dies so ist?

Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler: Ganz genau wissen wir es nicht. Es wird vermutet, dass zwei Faktoren eine Rolle spielen. Das sind zum einen veränderte Umweltbedingungen. Da bakterielle Infektionen mit Antibiotika gut behandelt werden können, nehmen Virusinfektion tendenziell zu. Zum anderen gibt es inzwischen auch immer mehr Daten, die nahelegen, dass Übergewicht auch ein Risikofaktor für Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes ist. Die genauen Zusammenhänge sind allerdings noch nicht geklärt. Das gilt auch für die Zunahme der Typ-1-Neuerkrankungen in der Pandemie. Da die Fallzahlen schon im ersten Lockdown deutlich zunahmen, geht man in der Forschung eher davon aus, dass dies durch Lifestyle-Faktoren ausgelöst wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Kinder ja noch gar nicht mit SARS-CoV-2 infiziert.

DJ: Ziel Ihrer Forschung ist es, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern. Dazu müssen zunächst die Kinder mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko gefunden werden. Wie läuft dies in der Praxis ab und wie zuverlässig sind die Indikatoren?

Prof. Ziegler: Die Tests sind aus meiner Sicht sehr zuverlässig, aber sie gehören in die Hände von Spezialisten. Das Vorgehen ähnelt den klassischen Neugeborenen-Screenings. Wir wiederholen den Test bei einem positiven Ergebnis stets mit einer zweiten Blutprobe. Nur, wenn das Ergebnis dann ebenfalls positiv ist, stellen wir die Diagnose eines Diabetes-Frühstadiums. Es werden also immer zwei verschiedene Tests und zwei verschiedene Blutproben verwendet. Diese Strategie wird auch in den klassischen Neugeborenen-Screenings verfolgt, bevor die Diagnose einer Stoffwechselerkrankung gestellt wird.

DJ: Wie wahrscheinlich ist es im Falle eines positiven Tests, dass der Betroffene im Laufe des Lebens einen Typ-1-Diabetes entwickelt?

Prof. Ziegler: Die Wahrscheinlichkeit beträgt fast 100 Prozent in den kommenden 20 Jahren. Wir haben außerdem schon einen Score entwickelt, mit dem wir vorhersagen können, wie schnell es gehen wird. Damit können wir Kinder herausfiltern, die ziemlich sicher innerhalb von zwei Jahren insulinpflichtig werden. Man kann weitere Abstufungen vornehmen und vorhersagen, bei welchen Kindern es innerhalb von fünf Jahren passieren wird und bei welchen es voraussichtlich länger dauert. Je nachdem, wie das Ergebnis ausfällt, geben wir Empfehlungen ab, wie häufig Kontrolluntersuchungen stattfinden sollten.

DJ: Wann genau beginnt die Therapie mit Teplizumab, die unlängst in den USA zugelassen wurde?

Prof. Ziegler: Die neue Therapie mit Teplizumab würde im Stadium 2 der Erkrankung beginnen, wenn neben den Antikörpern auch schon die Blutzuckerwerte tendenziell ansteigen. Es handelt sich in diesem Stadium noch nicht um einen manifesten Diabetes, aber die Blutzuckerwerte sind schon nicht mehr normal. In diesem Stadium kann die Therapie die Insulinpflichtigkeit mindestens zwei Jahre verzögern. Der Antikörpertest muss nach dem positiven Ergebnis übrigens nicht mehr wiederholt werden. Es reicht dann aus, den Blutzucker regelmäßig zu kontrollieren. Die Intervalle hängen von den Vorhersagewerten ab. Bei einem hohen Risiko empfehlen wir alle drei bis sechs Monate eine Blutzuckerkontrolle. Wenn wir ein niedriges Risiko sehen, empfehlen wir diese etwa alle zwei Jahre.

DJ: Einige Menschen bezweifeln den Nutzen der Therapie, da diese das Entstehen der Krankheit bisher nur zwei bis drei Jahre verzögert. Wie stehen Sie dazu?

Prof. Ziegler: Für uns ist das der Beginn einer neuen Therapie-Ära, aber natürlich noch nicht das Ende. Es wurde nun zum ersten Mal ein Medikament zugelassen, das an den Wurzeln der Erkrankung, also am Immunsystem, angreift. Es ist außerdem das erste Medikament, das für ein Frühstadium zugelassen wurde – also für einen präventiven Ansatz. Aber natürlich braucht es noch Verbesserungen, wahrscheinlich auch Kombinationstherapien oder weitere Behandlungsschemata, um diesen Zeitraum auf vielleicht 10 oder 20 Jahre zu verlängern. Vielleicht gelingt es im Einzelfall damit sogar, den Diabetes für immer zu verhindern. Ich bin recht optimistisch, dass die Behandlung in Europa ebenfalls bald zugelassen wird.

Amerikanische Arzneimittelbehörde lässt Wirkstoff zu

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA (U.S. Food and Drug Administration) hat den Wirkstoff Teplizumab zur Vorbeugung oder Verhinderung eines Typ-1-Diabetes zugelassen. Das Medikament kann Kindern ab 8 Jahren und Erwachsenen nun intravenös gegeben werden, um die Entwicklung der Autoimmunerkrankung deutlich zu verzögern. Voraussetzung ist ein erhöhtes Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken.

DJ: Wie schaut es mit möglichen Nebenwirkungen aus? Stehen diese schon beim aktuellen Nutzen des Medikaments in einem günstigen Verhältnis?

Prof. Ziegler: Es wurden bisher schon über 800 Patienten damit behandelt und über mehr als 1500 Patientenjahre beobachtet. Dabei wurden keine langfristigen Nebenwirkungen beobachtet. Es gibt kurzfristige Nebenwirkungen. Manchmal merken Patienten, dass es zu Hautausschlägen oder zu Kopfschmerzen kommt. Im Blutbild lässt sich mitunter feststellen, dass die weißen Blutkörperchen für einen Zeitraum von etwa drei Wochen absinken. Aber das ist ein vorübergehendes Phänomen. Nach etwa fünf Tagen steigen die Blutkörperchen schon langsam wieder an.

In dieser Zeit könnte es sein, dass man eine gewisse Abwehrschwäche hat, wobei diesbezüglich bisher keine Probleme aufgetaucht sind. In der Zeit der Therapie sollte man aber dennoch eine gewisse Vorsicht walten lassen und zum Beispiel keine Lebendstoffimpfungen erhalten. Das gesamte Profil der Nebenwirkungen zeigt aufgrund der bisherigen Daten aber, dass es ein sehr sicheres Medikament ist. Wir erwarten deshalb, dass das Mindesttherapiealter der Patienten von bislang 8 Jahren demnächst noch weiter heruntergesetzt wird.

DJ: Welche Schritte stehen als nächstes in Ihrer Forschungsarbeit an?

Prof. Ziegler: Wir wollen zum einen das Indikationsspektrum erweitern und plädieren sehr dafür, die Behandlung in das frühere Stadium 1b der Erkrankung zu verlagern, weil wir sehen, dass einige Kinder sehr schnell eine Insulinpflichtigkeit erreichen. Dies könnte durch eine frühere Gabe verzögert oder verhindert werden. Wir wollen die Behandlung zudem gerne auf das Stadium 3a erweitern – also auf Kinder, die schon einen manifesten Diabetes haben, aber die noch nicht insulinpflichtig sind. Auch solche Kinder sehen wir durch die Screenings nun immer häufiger.

Wir brauchen nicht zuletzt jetzt Studien, in denen die Teplizumab-Therapie mit anderen Therapeutika kombiniert wird, um den Effekt des Medikaments zu verstärken und die Manifestation der Erkrankung länger hinauszuzögern. Zu solchen Erhaltungstherapien werden die ersten Studien bald anlaufen.

DJ: Wagen Sie doch bitte mal einen Blick in die Zukunft: Wird es irgendwann möglich sein, Neuerkrankungen an Typ-1-Diabetes gänzlich zu verhindern?

Prof. Ziegler: Ich bin natürlich weiter zuversichtlich, dass dies gelingt. Ansonsten würde ich die ganze Arbeit gar nicht machen. Es gibt bereits weitere vielversprechende Forschungsansätze. Ich glaube, wir werden irgendwann Therapien haben, die das Immunsystem überlisten und den Diabetes bei vielen Menschen verhindern können. Man muss jetzt nach vorne schauen. Ein erster Durchbruch ist ganz eindeutig erreicht, weil eine erste Immuntherapie – zumindest in den USA – zugelassen wurde.

Aus diesen ersten Behandlungen werden viele neue Erfahrungen generiert. Auch bei der Zellersatztherapie zur Behandlung von bereits erkrankten Typ-1-Diabetikern wurden Durchbrüche erreicht. Das braucht alles Zeit. Wir waren zunächst vielleicht etwas zu ungeduldig und haben gedacht, in 5 bis 10 Jahren haben wir das geschafft. So schnell geht es leider nicht, aber auch bei der Behandlung von bereits erkrankten Diabetikern bin ich zuversichtlich, dass die Wissenschaft die letzten Probleme noch knacken wird, damit Menschen, die schon lange Diabetes haben, durch Zellersatztherapien geholfen werden kann.

DJ: Wir bedanken uns für das Gespräch!


Interview: Thorsten Ferdinand

Thorsten Ferdinand arbeitete von 2022 bis 2024 als Redakteur beim Diabetes-Journal (heute Diabetes-Anker). Er hat langjährige Erfahrung als Journalist und lebt selbst mit Typ-1-Diabetes.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

15. Diabetes-Charity-Gala: „Zahlen beschreiben nicht unseren Wert als Mensch!“
Wieder zog es im Oktober viele Menschen nach Berlin: zur Diabetes-Charity-Gala, veranstaltet von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Die Diabetes-Community war gut vertreten, Prominente berichteten aus ihrem Leben. Wissenswertes, Rührendes, Beundernswertes und viele weitere Empfindungen wechselten sich den Abend über ab.
Bei der 15. Diabetes-Charity-Gala in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ tritt Georg Stengel auf. Das Publikum sitzt an Tischen vor der violett und pink beleuchteten Bühne.

6 Minuten

Broschüre gibt Hilfe zum Umgang mit dem Einfluss sozialer Medien auf die Ernährung
Eine neue Broschüre des Fonds Gesundes Österreich zeigt, wie stark soziale Medien die Ernährung von Kindern und Jugendlichen prägen. Sie erklärt versteckte Lebensmittel-Werbung und gibt Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen Tipps für den Umgang mit digitalen Einflüssen im Alltag.
Junge Frau vor türkisem Hintergrund fotografiert mit ihrem Smartphone drei Teller mit Süßigkeiten, Kuchen und Gebäck, die vor ihr auf einem Tisch stehen.

< 1 minute

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 5 Tagen, 16 Stunden

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • florahdo postete ein Update vor 1 Woche

    Hallo zusammen, ich arbeite gerade an einer Seminararbeit zum Thema „Die Behandlung von Typ-1-Diabetes mit CRISPR/Cas“ (eine Methode der Gentechnik). Dazu habe ich eine Umfrage erstellt und suche dafür Menschen mit Typ-1-Diabetes, die einige Fragen beantworten könnten zu ihrer Einstellung gegenüber dem Einsatz dieser Technologie zur Behandlung von Typ-1-Diabetes. Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert etwa 5 Minuten, sie richtet sich ausschließlich an Menschen mit Typ-1-Diabetes. Es würde mir enorm weiterhelfen, wenn sich Teilnehmer finden würden!

    Der Link zur Umfrage lautet: https://forms.cloud.microsoft/r/PN2hqhkuLB

    Vielen Dank für eure Unterstützung! 🙂

  • mr postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?