- Behandlung
Vier von fünf Amputationen sind vermeidbar
4 Minuten
70 Prozent aller Amputationen betreffen Menschen mit Diabetes. Eine Kampagne aus Kanada findet jetzt Unterstützung in Deutschland. Laut Prof. Tschöpe vom Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) ist zur Rettung von Gliedmaßen die frühzeitige Vorsorge in zertifizierten Wundheilungszentren unerlässlich.
Erst war es nur ein Kribbeln, dann schmerzten die Füße regelmäßig, wenn Werner Sohns als begeisterter Wanderer unterwegs war. Erst vor wenigen Jahren erhielt der heute 73-jährige ehemalige kaufmännische Angestellte beim Hausarzt die Diagnose eines Typ-2-Diabetes. „Wahrscheinlich zu spät“, sagt er. Denn nach allem, was Werner Sohns im letzten Jahr durchmachen musste, hat ihn der Diabetes womöglich schon Jahre zuvor unerkannt begleitet.
Großteil der jährlich über 40.000 Amputationen wäre vermeidbar
„Während die Rate von Amputationen in spezialisierten Zentren bei unter 5 Prozent liegt, kann sie andernorts 20 bis 30 Prozent betragen“, sagt Prof. Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe, Direktor des Diabeteszentrum am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen. „Bei entsprechender Achtsamkeit und frühzeitiger, fachgerechter Behandlung insbesondere von Fußwunden und Gefäßproblemen ließe sich ein Großteil von jährlich über 40.000 Amputationen in Deutschland vermeiden.“
In Kanada geht man von 80 Prozent vermeidbarer Amputationen aus. „Save the 4 – Rette vier von fünf Gliedmaßen vor der Amputation“, so lautet deshalb eine Social Media Kampagne, die im vergangenen Jahr in Kanada gestartet ist und auch vom Bundesverband klinischer Diabeteseinrichtungen in Deutschland (BVKD) e.V. und seinen Mitgliedern wie dem HDZ NRW unterstützt wird.
Bei Werner Sohns war es erst eine kleine Verletzung am rechten Fuß, die nicht heilen wollte, dann aber massiv die Durchblutung im gesamten Fuß gefährdete. Im Heimatkrankenhaus wurde ihm schließlich ein Zeh amputiert. Doch auch diesmal heilte die Wunde nicht. Als man ihm daraufhin den rechten Vorderfuß entfernen wollte, wollte er eine zweite Meinung einholen und nahm dafür eine Stunde Fahrtzeit nach Bad Oeynhausen in Kauf.
© Marcel Mompour – HDZ NRW | Im Wundheilungszentrum des HDZ NRW: Oberärztin Dr. Tania-Cristina Costea versorgt den Fuß von Werner Sohns.
Heute ist er froh darüber, denn durch die Wundbehandlung im Diabeteszentrum wurde nicht nur der rechte Fuß erhalten, sondern auch der Ursache für seine Beschwerden auf den Grund gegangen: Es war die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), die ihm in Begleitung seiner Diabeteserkrankung so große Probleme bereitete und die ihm jetzt auch im linken Bein große Schmerzen bereitete.
Nervenstörung und das Diabetische Fußsyndrom als Hauptursachen
„Eine PAVK oder – sogar noch häufiger – das sogenannte diabetische Fußsyndrom (DFS) sind heute die Hauptursachen für Amputationen“, sagt Oberärztin Dr. Tania-Cristina Costea, die das zertifizierte Wundheilungszentrum am HDZ NRW leitet. „Im schlimmsten Fall können auch Beinamputationen drohen, die nicht nur die Lebensqualität und -erwartung einschränken, sondern auch hohe Behandlungskosten mit sich bringen.“
Um individuelle Fragestellungen zu erörtern, trifft sich zwei Mal wöchentlich ein interdisziplinäres Expertenteam des HDZ NRW und der Mühlenkreiskliniken Bad Oeynhausen. Werner Sohns klagte zudem über Ruheschmerzen im linken Bein, die immer schlimmer wurden. Die Untersuchung bestätigte eine kritische Durchblutungsstörung mit wenig Chancen auf Verbesserung. Die Amputation des linken Unterschenkels stand im Raum.
Die Diabetologen, Angiologen und Gefäßchirurgen empfahlen Werner Sohns einen gefäßchirurgischen Eingriff, der im Januar dieses Jahres im Krankenhaus Bad Oeynhausen durchgeführt wurde. Letztlich entschied man sich bei Werner Sohns für einen Venenbypass, und dieses Vorgehen hat ihn vermutlich vor einer Amputation des linken Unterschenkels bewahrt. „Ich bin gewiss kein Einzelfall“, sagt er. „Als Betroffener muss man die Risiken einfach besser kennen und geringste Beschwerden ernst nehmen.“
Versorgung von Menschen mit Diabetes und PAVK strukturell verbessern
Prof. Tschöpe spricht angesichts der schweren Folgen und Begleiterkrankungen des Diabetes mellitus von einer schleichenden Bedrohung, von der allein in Deutschland schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Deshalb seien breit angelegte, öffentliche Kampagnen so wichtig, die aufklären und auf die Bedeutung ausgewiesener Spezialeinrichtungen für Wundheilungstherapie und Gliedmaßenerhalt hinweisen.
„Auch aus gesundheitspolitisch und ökonomischer Sicht ist es unerlässlich, die Versorgung von Menschen mit Diabetes und PAVK strukturell zu verbessern. Für den einzelnen Betroffenen geht dabei entscheidend um den Erhalt seiner persönlichen Lebensqualität“, so Prof. Tschöpe abschließend.
© Marcel Mompour – HDZ NRW | Das interdisziplinäre Expertenteam im zertifizierten Wundheilungszentrum am Herz- und Diabeteszentrum NRW.
Im Diabeteszentrum des HDZ NRW unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe werden jährlich rund 2.000 Menschen mit allen Typen des Diabetes mellitus und seinen Folgeerkrankungen behandelt. Zum Leistungsspektrum gehört auch die Diagnostik und Therapie endokrinologischer und gastroenterologischer Erkrankungen.
Ein besonderer Schwerpunkt ist die kardiovaskuläre Risikoabschätzung und Behandlung von Herz- und Gefäßerkrankungen im integrierten Versorgungskonzept. Zudem ist das Diabeteszentrum auf die Behandlung von Nervenschäden und Durchblutungsstörungen spezialisiert, dazu gehört auch die Wundheilung bei Diabetischem Fußsyndrom.
Quelle: Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW)
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stephanie-haack postete ein Update vor 2 Tagen, 20 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 2 Tagen, 22 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 2 Tagen, 20 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
